Guten Morgen, heute ist Wahltag.

Wer gerne einmal einen spannenden Wahltag erleben möchte, dem schenke ich heute einen Text aus meinem Buch „Höllenritt Wahlkampf“. Viele Spaß, Freude, Nostalgie, Melancholie…

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Sonntag, 18. September 2005, Berlin. Wahltag

Guten Morgen, heute ist Wahltag.

Der Höllentag. Ein Tag, an dem man in allem ein Zeichen sieht. Regnet es? Dann bleiben die eigenen Leute bestimmt zu Hause. Scheint die Sonne? Dann gehen die eigenen Leute bestimmt ins Freibad oder an den See und kommen erst gegen 18:09 nach Hause, wo Vati dann die Wahlkarte auf dem Sideboard findet und sagt: „Mensch, Schatz, haben wir vergessen wählen zu gehen … Na ja egal, auf uns wird es nicht ankommen.“

DOCH, DU IDIOT.

Ich telefoniere ein bisschen rum. Ein Freund erzählt mir, dass seine Oma gestern gestorben sei. Ich kann mir gerade noch verkneifen zu fragen, was sie üblicherweise gewählt hat … Der Wahnsinn regiert mich.

Ab etwa 16:00 kann man mit ersten Infos aus den Instituten rechnen. Aber es ist erst 11 Uhr.

Das Gefühl, das mich plagt, kenne ich aus der Schulzeit nach einer Mathearbeit. Ich weiß, dass ich versagt habe, bete irrational für eine vier, erwarte eine fünf und bekomme eine sechs. Es geht immer noch schlechter. Dieses Gefühl, das einen das Atmen vergessen lässt vor dem drohenden Unheil. Der Moment, in dem man einer Frau, die man länger nicht gesehen hat zur Schwangerschaft gratuliert und man in ihren Augen ablesen kann, dass sie gar nicht schwanger ist … dieser Moment, noch bevor sie antwortet – das ist das Gefühl des Wahltages – aber den ganzen verdammten Tag lang. Und ich stehe nicht mal zur Wahl. Ich gehe joggen. Was machen die Leute hier? Waren sie schon wählen, gehen sie noch wählen, haben sie Briefwahl gemacht – wen haben sie gewählt oder wollen sie wählen?

13:00 stehe ich vor dem Hotel Stuttgarter Hof und putze mein Fahrrad. Irgendwas, um mir die Zeit zu vertreiben. Eine schwarze Limousine fährt vorbei – im Fond sitzt Kajo Wasserhövel und telefoniert hoch konzentriert. Irgendwas lese ich in seinem Gesicht und es ist keine Resignation. Wenn es keine Resignation ist, bedeutet es: über 30 Prozent. Aber ich kann mich täuschen – er sieht mich nicht.

14:30 Tegel. Daniel kommt mit der Maschine aus Frankfurt. Kurz zuvor landet der Düsseldorf-Flieger mit Oliver Schumacher, dem ehemaligen Staatsminister von Peer Steinbrück. Das ist erst vier Monate her. Eine Ewigkeit. Ich packe ihn mit ins Auto. Mit Daniels Flieger kommt auch Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen. Er sieht ziemlich ernst aus. Aber in seinem Fall kann das alles bedeuten. Er würde es hassen, wenn die CDU verliert, aber auch, wenn Merkel gewinnt.

Auf dem Weg von Tegel Richtung WBH bekommen Oliver und ich ständig Sms-en. Wir denken jedes Mal, es sei ein erster Trend. Pustekuchen. Es ist jedes Mal jemand, der den ersten Trend von uns haben will.

15:30. Jetzt kommt wirklich was: CDU/CSU unter 40. Unter 40? Niemand hatte die Union unter 40 Prozent Niemand. Forsa, Emnid, Allensbach, Infratest, FGW: Der Korridor ging von 41:43 Prozent.

Kein einziges Institut hatte die Union unter 40.

Die Begründung für das Gerücht: Zur Mittagszeit lag die CSU in Bayern unter 55 Prozent. Und das bedeutet, wenn die traditionell nach dem Kirchgang wählenden gläubigen Katholiken nur für 55 Prozent gut sind, dann landet die CSU bei Schließung der Wahllokale unter 50. Denn die Sozen gehen erst später wählen und die Müslis nach dem zweiter Brunch am späten Nachmittag. Landet die CSU aber unter 40, kommt die Union insgesamt im Bund nicht über 40.

Also CDU/CSU unter 40. Aber wo sind wir? Und reicht es noch für Schwarz/Gelb?

15:40 Am Hotel angekommen werfen wir Daniels Koffer in die Lobby und rufen zwei dort sitzenden Kollegen zu: Union unter 40! Und konsternieren damit eine ältere Reisegruppe aus dem Schwabenland, die a) nicht wissen, worüber wir sprechen, oder b) es wissen, aber nicht wissen, woher wir das jetzt schon wissen wollen, oder c) es nicht glauben wollen, weil „Union unter 40“ in Baden-Württemberg nicht zum Wortschatz gehört. Bei dieser Gelegenheit frage ich mich wie schon seit Wochen, warum Schwaben, die in Berlin Urlaub machen, ausgerechnet im „Stuttgarter Hof“ absteigen. Geht es nicht mal zwei bis drei Tage ohne? Egal. Werde ich heute nicht mehr beantwortet bekommen.

Jetzt schnell ins WBH.

16:00 Aufgekratzte Stimmung in der Kampa. Überall piepsen Handys, ständig fragen Journalistenfreunde an, ob man schon was weiß. Es schwirren ungewichtete Daten durch die Luft, die keinen weiterbringen.

16:25 möglicher Weise keine Mehrheit für Schwarz/Gelb.

16:30. Wir über 30, CDU/CSU um die 38, FDP um die 9, Grüne 8, Linke 8. Das würde für Schwarz/Gelb noch reichen, wenn wir nicht über 32 kommen.

16:35: 38/32/10/8/8. Das wären 48:46 für Schwarz/Gelb.

Ein großartiger Erfolg, aber wenn es so eng ist, wollen wir alle mehr.

16:50. Die 18 Uhr Prognosen trudeln ein. Sehr unterschiedlich – aber eines ist klar: CDU/CSU und die Umfrageinstitute erleben eine Katastrophe und wir erleben die Wiederauferstehung.

ZDF: 37/33/10,5/8/8; ARD: 35,5/34/10,5/8,5/7,5

Bei der ARD trennen uns nur 1,5 Prozent von CDU/CSU.

Das ist eine Sensation. In der Kampa herrscht fiebrige Fassungslosigkeit. Unten bei Willy im Foyer und vor dem Haus trudeln die Gäste ein. Alle fassungslos. Wie ist das möglich – und was bedeutet das? Wer regiert dann eigentlich?

Wir sitzen in unseren verglasten Großraumbüros. Das WBH ist voll verkabelt. Kamerateams und kleine Sendestudios innen, Übertragungswagen an Übertragungswagen außen. Überall wuselige Geschäftigkeit. Die Journalisten kennen die Zahlen ebenso wie wir. Eine Sensation liegt in der Luft. Sie waren hierhergekommen, um betroffene Gesichter in der SPD-Zentrale aufzunehmen – aber diesmal nicht. Diesmal nicht.

17:30. Die Sender gehen nach und nach auf Wahlsendung. Zwischen den Zeilen kann man Andeutungen heraushören, dass es heute nicht so ausgehen wird, wie die meisten Zuschauer es erwarten mussten.

17:40 Überall in der Kampa umarmen sich die Kampagneros. Wir haben eine große Schlacht geschlagen – und wir sind wahnsinnig erleichtert. Auf jedem von uns lastete ein wenig das Schicksal der großen, geschichtsträchtigen SPD. Und wenn wir es so empfanden, was mussten erst Schröder und Müntefering empfunden haben, als sie am 22. Mai die Verantwortung der Neuwahlen auf sich nahmen. Und jetzt hat Schröder fast noch Recht bekommen. Wäre Oskar mit seiner Truppe nicht quergeritten, würde es sogar für ihn reichen. Aber egal – Oskars Bäume wachsen heute auch nicht in den Himmel.

Diese unglaubliche Erleichterung. Und diese Wut. Die Wut auf viele Journalisten, die uns schon Monate vor der Wahl abgeschrieben hatten und nicht einmal mehr den demokratischen Prozess einer Wahl abwarten wollten. Die Wut auf die Forschungsinstitute, die sogar die richtige Stimmung messen konnten, aber ihren eigenen Zahlen nicht geglaubt haben. Die Wut über die Demütigungen der letzten Jahre.

Und der Stolz darüber, dass Springer, Bild aber diesmal auch Stern und Spiegel am Ende doch keine Wahl entscheiden, sondern die Wähler.

Denn nach deren Trommelfeuer hätte die Union die absolute Mehrheit bekommen müssen.

Wir sind stolz. Wahnsinnig stolz auf Schröder, das ultimative Frontschwein. Was hat der Mann ausgehalten, wie hat er gekämpft. Gestern noch 20.000 in Frankfurt und ein 8-9 Prozent-Vorsprung für Merkel. Und heute fast Gleichstand. Was für ein Wahlkämpfer.

17:59 Jetzt stehen wir alle unten im WBH. Schöneborn in der ARD sagt noch was von „Überraschung“, der Rest geht unter in einem Urschrei, den man in ganz Deutschland hören muss. Das Willy-Brandt-Haus bebt. An diesem Ort, an dem heute niemand eine Party erwartet hatte, steigt die geilste Wahlparty der Republik. Wir schreien uns die Seele aus dem Leib. Und schreien und schreien und schreien.

18:05 Die Spekulationen beginnen. Wer mit wem? Und kann sich Merkel bei so einem Ergebnis überhaupt halten? Wird sie von ihrer eigenen Partei fallen gelassen? Ein 23-Prozent-Vorsprung ist in drei Monaten auf jetzt 2-3 Prozent geschmolzen.

18:11 ZDF Erste Hochrechnung. CDU/CSU weiter runter auf 36,6, wir auf 33,2, bei der ARD sieht es noch besser für uns aus.

18:34 Die Institute gleichen sich weiter an. ZDF korrigiert die Union weiter nach unten auf 35,9.

18:40. Union jetzt bei 35,2, wir bei 34.

19:23: Union 35,2 wir 34,1

19:27: Schröder kommt. Der Saal kocht. Und überschlägt sich, als er von einem „klaren Regierungsauftrag“ spricht. Den sieht man nicht auf den ersten Blick und auch nicht auf den zweiten … aber egal jetzt. „Ich bin stolz auf die Menschen in diesem Land“ ist ein weiterer Jubelsatz. Wir sind schon heiser und zunehmend besoffen. Es ist unerträglich heiß unter den Kamerascheinwerfern und die Menschen drängen sich dicht an dicht in das schon viel zu volle Willy-Brandt-Haus und immer mehr kommen hier her – an diesen Ort, der heute der Ort ist, where it all happens …

19:45 Die ersten Gerüchte über Überhangmandate machen die Runde. Kann es sein, dass die SPD sogar mehr Mandate holt als CDU/CSU? Damit wäre sie stärkste Partei. Andere Gerüchte: Fällt Westerwelle um? Gibt es eine Ampel? Kann er damit leben, zum zweiten Mal nach 2002 wieder nicht Außenminister zu werden? Oder springt er lieber?

19:59: RTL: 34,8 : 34,2. 0,6 Prozent. Fuck. Noch 0,6 Prozent. Nullkommasechs.

20:00 Tagesschau. Wir sehen Bilder von jubelnden Massen im WBH – also von uns. Und von betroffenen Gesichtern bei CDU/CSU.

20:13. ZDF: 35,2 : 34,1. Die waren mal mit 37:33 gestartet …

20:15 ARD/ZDF Elefantenrunde. Das Willy-Brandt-Haus bebt immer noch. Überall laufen die Bilder über die Monitore, aber man versteht sein eigenes Wort nicht. Merkel sieht angegriffen aus, Stoiber kann wahrscheinlich damit leben, dass Merkel schlechter abschneidet als er (38,5 Prozent) – und das bei deutlich schlechterer Ausgangslage. Man munkelt von einem Putsch in der Union. Schröder wirkt aufgeputscht und liefert eine Breitseite zuallererst gegen die Moderatoren. Hier im WBH wird jeder Satz von ihm begeistert aufgenommen. Wir sind eh siegestrunken. Irgendwann sagt er: „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel eingeht, in dem sie sagt, sie möchte Kanzlerin werden? Also ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen.“

So schaukelt es noch ein bisschen weiter rauf. Der Rest geht im Gegröle unter.

20:59 ZDF: 35,0 : 34,2 Nullkommaacht

21:09 Bekomme erste sms, ob Schröder besoffen war. Scheint draußen vielleicht anders anzukommen als hier. Egal. Ist morgen eh vergessen.

21:20 SAT 1: CDU: 220 Mandate; SPD 223 Mandate.

Durch Überhangmandate hätte die SPD 3 Sitze mehr und würde damit in einer Großen Koalition den Kanzler stellen.

21:25 Die Gerüchteküche kocht. Stürzt die Union Merkel? Einigt sich Schröder mit Stoiber – er noch zwei Jahre, dann Stoiber? Reicht es doch noch für Schröder? Was ist mit dem Wahlkreis Dresden I? Kann der noch was drehen?

22:30. Die Institute pendeln sich ein. Wir werden nicht mehr an der Union vorbeiziehen. Auch die Mandatsverteilung pendelt sich ein. CDU/CSU werden gemeinsam mit 2-3 Mandaten Vorsprung stärker als die SPD werden. Aber was das für die Regierungsbildung bedeutet, das werden wir heute nicht mehr erfahren.

Heute werden wir eh nicht mehr viel erfahren. Heute wird gesoffen und gefeiert.

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Der erste Wahlkampf für das vergreisende Deutschland.

Mit Lisa Caspari sprach ich eine Woche vor der Wahl für ZEIT ONLINE über die Gründe für den schleppenden Wahlkampf. Um es vorweg zu nehmen: Das Problem sind weniger „Die Alten“, also die über 65ff, es sind eher die jung vergreisten ab 45, die zu einem nicht unerheblichen Anteil jetzt schon so auf Sicherheit bedacht sind, als wären sie bereits 70.

ZEIT ONLINE: Zehn Tage sind es bis zur Bundestagswahl, doch es gibt immer noch kein zündendes Wahlkampfthema. Wieso ist das so?

Frank Stauss: Wir erleben den ersten Wahlkampf für das vergreisende Deutschland. Jeder zweite Wahlberechtigte ist über 52, die Wähler sind so alt wie nie zuvor. Viele Politiker und auch Journalisten und Leitartikler sind ebenfalls in diesem Alter. Dieser Wahlkampf ist auf den Status quo ausgerichtet. Das Land ist regelrecht verstopft von Besitzstandswahrern, digitalen Angsthasen, analogen Nostalgikern und rechten Heulsusen. Und die Politik durchbricht den Kreislauf nicht, sondern gibt dem Affen auch noch Zucker. Wichtige Zukunftsthemen spielen keine Rolle.

ZEIT ONLINE: Wirklich? Die Grünen zum Beispiel fordern das Ende des Verbrennungsmotors im Jahr 2030. Das wurde anfangs belächelt, kam aber genau zur richtigen Zeit.

Stauss: Das ist ja schon Regierungspolitik in einigen unserer Nachbarländer, und was Herr Kretschmann davon hält, ist auch bekannt. Keiner Partei ist es gelungen, eine stimmige Zukunftsvision zu präsentieren. Einen großen Wurf, der über die Aneinanderreihung von Einzelthemen hinausgegangen wäre. Wenn die Parteien alle die gleiche sicherheitsfixierte Politik machen und sich von links bis rechts nichts trauen, dann haben wir eben die viel beschworene Alternativlosigkeit. Aufgabe der Politik wäre es doch, die Gesellschaft aus der gefährlichen Erstarrung herauszuführen: Wir sind inmitten zweier epochaler Umbrüche: der weltweiten Digitalisierung unserer Wirtschaft, unseres Alltags, unseres ganzen Lebens, und in Deutschland kommt der demografische Wandel noch obendrauf. Die Leute sehen doch, dass die großen Innovationen derzeit aus anderen Ländern kommen.

ZEIT ONLINE: Und was wäre hier die Erzählung? Doch ein Sorgenwahlkampf?

Stauss: Nein, im Gegenteil: ein Mutwahlkampf! Die Politik muss einen Weg aufzeigen, wie Deutschland die nächsten 20 bis 30 Jahre gut bestehen kann. Ja, wir sind auf einigen wichtigen Feldern nicht auf der Höhe der Zeit, aber dennoch: Wir haben nach wie vor hervorragend ausgebildete, tolle und innovative Leute. Wir sind ein Land mit weltweit nahezu einzigartigen sozialen Standards und ein Magnet für viele hervorragend ausgebildete Menschen in aller Welt. Wir müssen einiges nachholen und besser machen, aber auch viel offener sein für Ideen, wie unsere Gesellschaft in diesem Umbruch der Arbeitswelt gerechter organisiert werden kann.

ZEIT ONLINE: Und warum passiert das nicht?

Stauss: Weil alle Politiker die gleichen Umfragen lesen und sich denken: „Oh, die Leute haben Angst, dann muss ich ihnen Sicherheit bieten.“

ZEIT ONLINE: Ihr Szenario ist für junge Menschen sehr ernüchternd. Wenn die Abstiegsängste der Älteren die politische Agenda bestimmen, wie soll dann je eine zukunftsgerichtete Politik gemacht werden?

Stauss: Ich bin nun auch schon 52 Jahre alt, ich glaube, auch meine Generation ist zu begeistern für neue Vorschläge. Jetzt braucht es Führung, Optimismus und Mut, um das Beste in uns zu wecken. Die Erfolge von Justin Trudeau in Kanada und Emmanuel Macron in Frankreich haben bei allen Unterschieden gezeigt: Es gibt ein politisches Vakuum, das man mit einer modernen, demokratischen und sozialen Alternative füllen kann, und nicht nur mit einer reaktionären Alternative. Jeremy Corbyn und Bernie Sanders sind die weitaus linkeren Beispiele mit Achtungserfolgen. Wir haben bei der Nominierung von Martin Schulz erlebt, dass die Menschen sich etwas Neues wünschen, dass sie hingucken, wenn es eine Option des Wandels gibt.

ZEIT ONLINE:  Warum hat Schulz die Aufbruchsstimmung nicht halten können?

Stauss: Solch ein politisches Szenario muss über Jahre vorbereitet werden. Als Martin Schulz im Januar nominiert wurde, blieb ihm zu wenig Zeit. Die SPD-Kampagne hatte in diesem Sommer eher das Problem, dass sie zu viele Themen auf einmal vorgebracht hat. Schulz hat wichtige Themen gesetzt, zum Beispiel mit seiner nationalen Bildungsinitiative, bei Europa, mit der Investitionspflicht –  aber die Kontinuität in der Argumentation hat ebenso gefehlt wie eine attraktive Zukunftserzählung. Aber das gilt nicht nur für die SPD.

ZEIT ONLINE: Erklärt sich der Wiederaufstieg der FDP also durch die Jugend Christian Lindners und die Tatsache, dass er bei Themen wie der Digitalisierung einfach glaubwürdiger wirkt?

Stauss: Vielleicht, allerdings macht er sonst klassische FDP-Politik. Da wäre noch mehr gegangen. Alle Parteien gehen auf Nummer sicher. Dass die Kanzlerin das tut, ist nicht verwunderlich, von ihr erwartet man auch nicht mehr viel. Aber selbst die Grünen machen einen sehr traditionellen Kernthemenwahlkampf, die SPD hat mit dem Thema Gerechtigkeit ihr Standardrepertoire abgerufen, die AfD lebt von klassischem Rassismus und Rechtsnationalismus. Und die Linkspartei ist gerade zu stumm in diesem Wahlkampf. Weil auch sie denkt, sie müsse auf Sicherheit spielen und den Ball flach halten. Wenn das so weitergeht, dann wird Deutschland innovationsfeindlich und rückwärtsgewandt.

ZEIT ONLINE: Es ist die Rede von einer neuen großen Koalition nach der Wahl.

Stauss: Da kann man ja gleich ins Grab hüpfen, da ist ja noch mehr los. Das ist die Sehnsucht nach Harmonie. Aber Harmonie gehört in Rosamunde-Pilcher-Romane und nicht in einen demokratischen Wettstreit der Ideen. Für Union und SPD kann ein solcher neuerlicher GroKo-Verdacht sehr gefährlich werden am Wahltag. Die CDU-Wähler werden demobilisiert, weil sie glauben, das Ding ist gelaufen. Und die SPD kann keine Option zum Wechsel anbieten. Das kann dann ausfransen und am Wahlabend noch zu Überraschungen führen.

ZEIT ONLINE: Was soll künftig anders werden?

Stauss: Das ist zwar der erste Wahlkampf für das vergreisende Deutschland – aber es sollte auch der letzte sein. Wir dürfen nicht in Angststarre verfallen und Lösungen im Gestern suchen. Gestern war ja schon.

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Die FDP ist wie ein Glückskeks

Mit Christian Rothenberg von n-tv hatte ich das Vergnügen, ein ausführliches Interview zur Bundestagswahl 2017 zu führen. Das Interview in voller Länge finden Sie hier auf n.tv:

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Hier einige Ausschnitte.

Welche Partei hat die beste Kampagne? Warum läuft es für die SPD so mies? Der erfahrene Politikberater und Werber Frank Stauss analysiert im Interview mit n-tv.de den Bundestagswahlkampf.

n-tv.de: Kommt Ihnen der Wahlkampf gerade ziemlich lahm vor?

Frank Stauss: Ja, aber ich glaube da bin ich nicht der Einzige, dem das so geht. Das liegt auch an den zeitlichen Umständen. Viele Menschen sind im Urlaub, in manchen Bundesländern gehen die Ferien bis zum 10. September. Da sind die Leute einfach nicht politisiert und denken eher dran, wie sie gut entspannen können, als sich von Politik belästigen zu lassen. Ich gehe davon aus, dass der Wahlkampf noch an Fahrt gewinnt.

Welches Thema wäre dazu geeignet, in den letzten Wochen richtig Dynamik reinzubringen?

Aus Sicht aller Herausforderer von Frau Merkel muss das eine Debatte darüber sein, wie gut Deutschland für die Zukunft aufgestellt ist. Wir haben die großen Metathemen wie Terrorismus, Donald Trump und den Brexit. Letztendlich bewegt aber viele Menschen die Frage, wie gut wir für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre aufgestellt sind. Kaum jemand rechnet damit, dass seine Arbeit dann noch genauso aussieht wie heute.

Sie haben mit Ihrer Werbeagentur schon viele Wahlkämpfe begleitet. Welche Partei macht aus Ihrer Sicht die beste Wahlkampagne?

Was Christian Lindner und die FDP machen, ist sicherlich das, vor dem man die meiste Achtung haben muss. Sie hat das Beste aus der außerparlamentarischen Opposition gemacht und sich als Startup-Partei neu erfunden mit einem jungen dynamischen Mann an der Spitze. Die Partei arbeitet intensiv daran, dass niemand auf die Idee kommt, dass die FDP von heute etwas mit der zu tun hat, die vor vier Jahren aus dem Bundestag herausgeflogen ist.

Die Spots und Plakate finden viel Lob. Dennoch wird Lindner und der FDP vorgeworfen, zu viel Wert auf die Verpackung zu legen, statt auf Inhalte. Man weiß nicht so recht, für was die neue FDP eigentlich steht.

(lacht) Ja, aber genau das ist die Idee dahinter. Die FDP ist Projektionsfläche für eigene Wünsche, weil sie alles offen lässt. Wenn man sich das Programm anschaut, unterscheidet es sich im Prinzip nicht sehr von dem vor der Wahl 2013. Die FDP ist wie ein Glückskeks. Die Leute freuen sich erst einmal darüber. Wenn sie ihn aufmachen, stellen sie fest, dass nicht viel drinsteckt. Das ist aber erst einmal egal. In den letzten Landtagswahlkämpfen war die Partei mit dieser Strategie erfolgreich. Die FDP bietet eine moderne Alternative für Leute, die sich gar nicht so sehr dafür interessieren, was das jetzt eigentlich heißt. Beim Umweltschutz ist die FDP eigentlich die totale Retro-Partei, die von dem Thema gar nichts hält. Das kriegen aber viele Menschen gar nicht mit. Die denken: Die FDP ist modern und sieht gut aus, da wirken die anderen Parteien langweilig.

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Wie bewerten Sie den CDU-Wahlkampfslogan „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“?

Die CDU spielt auf Sicherheit, es ist eine extrem klassische bis bräsige Kampagne. Sie will nichts falsch machen oder anecken, spielt auf die Verlässlichkeit durch die Kanzlerin, setzt hin und wieder ein paar Innovationsplacebos mit Youtuber-Interviews oder einem Gamescom-Besuch. Das ist eine klassische Amtsinhaber-Kampagne. Bei dem Claim denk ich immer an Gutes von gestern, da ist keine Zukunftsidee drin.

Die Parteien machen in diesem Wahlkampf keine Koalitionsaussagen mehr. Für die Wähler macht das die Wahlentscheidung schwieriger. Ist es dennoch richtig?

In der Bundesrepublik gibt es ja inzwischen fast alle Konstellationen, die man sich vorstellen kann. In Rheinland-Pfalz regiert eine Ampel, in Schleswig-Holstein Jamaika, in Brandenburg Rot-Rot, in Nordrhein-Westfalen Schwarz-Gelb. Das ist eine neue Unübersichtlichkeit für die Wähler, die sie aber auch selbst herbeigeführt haben. Im nächsten Bundestag wird es einschließlich der CSU sieben Parteien geben. Da gibt es viele denkbare Optionen, ausgeschlossen ist nur die AfD. Da traut sich keiner, vorher Koalitionsaussagen zu treffen. Am Ende könnten die Parteien von ihrer Ausschließeritis nur eingeholt werden, wenn ihnen dann doch nichts anderes übrig bleibt als ein ganz bestimmtes Bündnis.

Sie haben 2016 erklärt, nicht den SPD-Bundestagswahlkampf betreuen zu wollen. Damals sah es noch danach aus, als ob Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat würde. Dennoch wurde im Januar Martin Schulz nominiert. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Wir als Agentur haben die Entscheidung nicht aufgrund der Person Gabriel getroffen, sondern aufgrund der sich immer weiter verzögernden Frage, wann die Kandidatur erklärt wird. Bei einer Herkulesaufgabe wie der, eine seit zwölf Jahren regierende Kanzlerin abzulösen, benötigt es eine hervorragend geplante Kampagne. In der Kampagne der Kanzlerin gibt es Elemente, die seit langem im Voraus geplant sind: wie man Termine und Besuche setzt und inszeniert, wie beispielsweise Merkels Auftritt auf der Gamescom. Sie müssen rechtzeitig klären: Wer ist ihr Kandidat? Wofür steht er? Was kann er? Was bringt er glaubwürdig rüber? Es ist unglaublich schwer, so etwas einfach adhoc in einem Wahljahr zu entscheiden. Darunter hat die Schulz-Kampagne lange gelitten. Eine solche Organisationsstruktur konnte nicht vorhanden sein. Nach den überhasteten Nominierungen von Steinmeier und Steinbrück ist es jetzt zum dritten Mal in Folge nicht professionell abgelaufen. Das darf der SPD nie wieder passieren. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich Martin Schulz für einen hervorragenden Kandidaten halte, der ein guter Kanzler wäre.

Im Februar hätte man meinen können, die SPD hätte es genau richtig gemacht. Die Partei lag in Umfragen plötzlich gleichauf mit der Union.

Ja, das dachte ich auch. So etwas habe ich auch noch nie erlebt, obwohl ich seit 25 Jahren Wahlkämpfe mache. Dass in so kurzer Zeit solche Sehnsüchte in einen Menschen projiziert wurden, war unglaublich. Das hat gezeigt, wie angreifbar die Kanzlerin ist. Aber dann kam zu lange nichts, was dem Problem geschuldet war, dass die Kandidatur von Schulz nicht vorbereitet war.

Wieso kann Martin Schulz bisher nicht gegen die Kanzlerin punkten?

Deutschland geht es relativ gut, auch im Vergleich zu anderen Ländern haben wir einen hohen Wohlstand. Der Aufschwung hält seit Jahren an, die Kassen sind gefüllt. Daher gibt es keinen Handlungsdruck, jemanden abzuwählen. In einer solchen Situation hat es eine Zukunftsdebatte nicht so leicht. Dabei gibt es viele Untersuchungen, die zeigen, dass die Menschen verunsichert darüber sind, wie gut unsere Wirtschaft, Arbeitsplätze und Sozialsysteme in die Zukunft fortschreibbar sind. Der Herausforderer muss dieses schlummernde Thema wecken – nicht um den Menschen Angst zu machen, sondern weil wir nicht einfach davon ausgehen können, das alles gut bleibt. Es braucht jemanden, der die Wirtschaft nicht nur fördert, sondern auch fordert. Jemanden, der nicht nur Richtlinienkompetenz hat, sondern auch davon Gebrauch macht.

Bis 2005 fiel es der SPD nie schwer, bei Bundestagswahlen 35 bis 40 Prozent zu holen. Warum kommt sie heute nicht mehr über 25 Prozent?

Das liegt auch daran, dass eine Angela Merkel eine sehr liberale Bundeskanzlerin ist, die nicht polarisiert. Sie strahlt durch ihre Offenheit etwa in der Flüchtlingsdebatte stark in das Wählerspektrum von Grünen und SPD hinein. Viele Menschen sagen: Mit der CDU habe ich nicht viel am Hut, aber die Merkel ist doch ganz in Ordnung. Die SPD hat ein Potenzial, wieder deutlich über die 30 Prozent zu kommen, wenn die Union stärker auf einen Rechtskurs einschwenkt. Ob das unter Frau Merkel noch passiert, glaube ich weniger, aber da stehen ja schon einige potenzielle Nachfolger bereit, die mit ihrem Kurs überhaupt nicht zufrieden sind.

Was würden Sie Martin Schulz und der SPD für die Wochen vor der Wahl empfehlen?

Das eine große Thema, dass die Rettung bringt, gibt es nicht. Es geht um Konsistenz. Die Leute müssen das Gefühl kriegen: Martin Schulz hat mehr Power, Energie und Ehrgeiz. Dem reicht der Status Quo nicht, er kämpft dafür, dass Deutschland auch in Zukunft erfolgreich ist. Dann kommen die Wähler von alleine. Diese Botschaft muss vertreten werden, nicht einen halben Tag lang, sondern durchgehend bis zum Wahltag.

Mit Frank Stauss sprach Christian Rothenberg

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