„Der Merz sähe uns am liebsten im Grab.“

Der „Reformkurs“ der Union bricht ihr das Genick. Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Es gibt einen Schlüsselmoment – bei Minute 3:30, zweite Staffel, vierte Folge der viel diskutierten „Inside-CDU“ Dokumentation des ZDF. Dieser Moment hat aber weder mit den CDU-Protagonisten noch mit Strandkörben zu tun. Er spielt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU erstmals den Einzug in einen Landtag verpasste. Eine Dame schimpft am CDU-Infostand  „Mein Mann und mein Sohn, die arbeiten jeden Tag schwer, die sind Kurierfahrer, die schleppen so ne großen Pakete…sollen die das mit 70 noch? Bis 70 und dann ab in den Sarg rein? Das will der Merz nämlich.“ 

Das kam mir bekannt vor.

Szenenwechsel. Wuppertal Cronenberg, etwa 500 km von Rostock entfernt, wenige Tage zuvor. Meine Schwiegermutter will mit ihrem Rollator eine viel befahrene Kreuzung mit zu kurzer Ampelschaltung überqueren. Ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Mann springt aus dem benachbarten Eiscafé auf, eilt zu ihr und überquert mit meiner Schwiegermutter die Kreuzung. Als die Fußgängerampel auf halber Strecke rot anzeigt, hält er den Verkehr auf „Da müssen wir aufpassen..“, sagte er, „die rasen hier wie die Bekloppten. Aber am Ende freut sich nur der Merz, wenn wir unter die Räder kommen. Das wäre dem am liebsten. Bis zum Umfallen schuften und dann ab ins Grab.“

Es gibt keinen tieferen Tiefpunkt im Ansehen eines Politikers. Wenn die Menschen denken, der Bundeskanzler wünsche Ihnen und ihren Angehörigen den Tod, um die Rentenkasse zu entlasten, dann ist das irreparabel.

Natürlich sind das zwei Stimmen, die keineswegs repräsentativ sind. Aber alle repräsentativen Zahlen die verfügbar sind zeigen, dass es keine unpopulärere Maßnahme unter den Reformvorschlägen gibt, als die Abschaffung der „Rente mit 63“ von der vor allem die Betroffenen längst kapiert haben, dass es sich um eine „Rente mit 65“ handelt. 

Nur wer 45 Beitragsjahre eingezahlt hat und außerdem 65 Jahre alt ist, darf (ab Jahrgang 1964) nicht erst mit 67 sondern mit 65 abschlagsfrei in Rente gehen. Wer also mit 16 angefangen hat, ist nach 45 Jahren 61 Jahre alt… und muss dann noch vier Jahre weiter arbeiten. Er oder sie (Männer und Frauen nehmen diese Rente aktuell im Verhältnis 55%:45% in Anspruch) haben dann 49 lange Jahre eingezahlt.

Bereits im August 2026 registrierte die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF Politbarometer eine Ablehnung von 75% in der Gesamtbevölkerung. Nur 20% fanden die Abschaffung richtig. Die Ablehnung lag über alle Parteien mit Ausnahme der FDP (55%) über 60%. Union: 67%, SPD 74%, Linke 88%, AfD 82%, Grüne 64%. Die Maßnahme wird von 67% der Unions-Anhänger abgelehnt. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Union nur noch auf knapp 20% Zustimmung überhaupt kommt.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist der Sargnagel für CDU/CSU und wird ihren Niedergang weiter beschleunigen. Da war Mecklenburg-Vorpommern nur der Anfang.

Was auffällt: Die Menschen wissen offenbar aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel besser, wer die Rente für besonders langjährig Versicherte in Anspruch nimmt, als Bundesregierung oder Rentenkommission. Das liegt zum einen daran, dass es gar keine verlässliche Statistik gibt (siehe unten) und zum anderen, dass weder die Mitglieder der Rentenkommission noch die der Bundesregierung irgendeinen Bezug zu diesen Menschen haben. Wer auf über 45 Beitragsjahre kommt, hat so gut wie nie studiert und daher auch keinen akademischen Beruf oder ein entsprechendes Einkommen.

Nach den Statistiken der Deutschen Rentenversicherung kommen diejenigen, die aktuell diese Rente in Anspruch nehmen auf etwa 1.700 EUR Rente. Das ist keineswegs überdurchschnittlich hoch, wie häufig behauptet. Diese Rente liegt sogar unter dem Schnitt der langjährig Versicherten. 

Dafür darf man natürlich nicht den gesamten Durchschnitt nehmen (denn da sind auch Menschen dabei, die nur wenige Jahre eingezahlt haben, dann aufgehört haben oder in die Selbständigkeit gewechselt sind etc.), sondern den Schnitt der mindesten 35 Jahre Beschäftigten. 

Nach 35 Beitragsjahren liegt die durchschnittliche Bruttorente bei 1.758 EUR. Die „45er“ zahlen also noch mindestens weitere zehn Jahre ein – ohne dass sich ihre Rente erhöhen würde. Was auf Einkommen im unteren mittleren Bereich schließen lässt. Nur zum Vergleich: Die durchschnittliche Bruttopension für Beamte nach 35 Jahren liegt gut doppelt so hoch bei 3.416 EUR.

Zusätzlich kursiert die unbelegte Legende, die auch von seriösen Medien wie Süddeutscher Zeitung, SPIEGEL und auch anderen wie Politico gerne wiederholt wird, dass besonders höher Verdienende aus Bürojobs und nicht der beliebte Dachdecker von der Rente nach 45 Beitragsjahren profitieren würden. Problem: Es gibt keinen Beleg für diese Legende. 

Es gibt es keinen Beleg für die Legende, dass diese Rente überwiegend von besserverdienenden Männern in Anspruch genommen würde. Im Gegenteil.

Selbst die Bundesregierung antwortete auf eine parlamentarische Anfrage am 15. Juni 2026 so: 

Frage: „Wie verteilen sich die Zugänge zur Altersrente für besonders langjährig Versicherte in den letzten fünf Jahren nach zuletzt ausgeübtem Beruf, Wirtschaftsabschnitt bzw. Branche, Qualifikationsniveau und Stellung im Beruf?“

Bundesregierung: „Differenzierte Daten im Sinne der Fragestellung liegen nicht vor, da die statistisch erfassten Informationen keine verlässlichen Aussagen hierzu ermöglichen.“ (Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 21/6516 21. Wahlperiode 15.06.2026 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke– Drucksache 21/6183 – Zur Rente für besonders langjährig Versicherte.)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bundesregierung, Lobbyverbände und auch zahlreiche Medien argumentierten hart an der Grenze zu Fake-News, um diese Reform durchzudrücken. Was sie völlig außer Acht ließen war, dass die Menschen um die es geht, sehr wohl wissen, wer sich diese Rente verdient hat und warum. Auch wenn sie zum großen Teil nicht in den Genuss einer vorgezogenen Rente kommen werden, zollen sie denjenigen, die es können, ihren Respekt.

Die politischen Folgen: Dramatisch.
Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Bundesregierung, Rentenkommission und zahlreiche Medien schreiben, argumentieren und bilanzieren an der Lebenserfahrung der Menschen vorbei. Mit dramatischen Folgen.

Als erste erkannte Manuela Schwesig die heftigen Auswirkungen der Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren, kurz darauf schlugen drei CDU Ministerpräsidenten Alarm. Alle vier Ministerpräsidenten waren in den Wahlkämpfen unterwegs – zu denen Bundespolitiker von CDU/CSU und SPD weitgehend ausgeladen waren.

Aber warum schlägt die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren solche Wellen? Weil sie die arbeitende Mitte mitten ins Herz trifft. Und zwar mit größtmöglicher Respektlosigkeit.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist das Äquivalent zu Habecks Heizungsgesetz. Zumindest was die politische Fehleinschätzung der Entscheidungsträger angeht. Die Rentenkommission der Bundesregierung ist ein Beratungsgremium. Von niemandem gewählt, durch nichts legitimiert. Es bestand ausschließlich aus Akademikern und drei vergleichsweise jungen Abgeordneten der Regierungskoalition, die jenseits einer klassischen Parteikarriere über wenig bis gar keine Berufserfahrung verfügten. Keiner der Beteiligten wird jemals 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen, die meisten nie.

Das ist dann in Ordnung, wenn die Politik die wissenschaftlichen Empfehlungen aufnimmt und daraus politische Konsequenzen ableitet. Das blieb allerdings aus. Der Kuhhandel aus der Rentenkommission wurde zum unantastbaren „Gesamtkunstwerk“ erklärt.

Und dann kam die Wirklichkeit jenseits des Elfenbeinturms. Die Wut kam nicht wie bei Habecks Heizungsgesetzt schnell und befeuert von BILD, NIUS und co.

Die Wut kommt diesmal ganz leise und schleichend von unten. Ein Schläfer. Ein Aufreger, der ganz langsam durchsickert in der Bevölkerung. Von Mund zu Mund, von Betrieb zu Betrieb und von Haus zu Haus. Und dann wurde gerechnet. Wie lange noch? Was, so lange? Wann soll das denn kommen? Reicht das denn noch? Der Manfred geht nächstes Jahr. Der hat es geschafft.

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns?
Uns wollen doch alle loswerden!

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns? Das entspricht doch nicht der Realität. Die Realität sieht doch so aus, dass wir ab 55 spätestens auf der Abschussliste stehen. Uns will man entweder rausekeln oder wenn wir Glück haben, bekommen wir den goldenen Handschlag. Raus raus raus heisst es doch. Von VW bis SAP von High-Tech bis ganz unten: Raus mit den Alten. Die kosten nur und liefern zu wenig. Die lernen das auch nicht mehr, die Transformation.

Und dann kamen die Jungen, für die das doch eigentlich angeblich gedacht ist. Und dann begann auch da das große Rechnen. Wenn die Alten schon bis 67 arbeiten müssen und es nach 45 Jahren immer noch nicht reicht – was heisst das denn für uns? Und vor allem: „Welche Arbeit gibt es denn überhaupt noch – nach der KI-Revolution? Geschweige denn: Welche Arbeit gibt es denn noch bis ich 67 bin? In 50 Jahren? Kann uns vielleicht mal jemand sagen, wie die Zukunft der Wirtschaft aussehen soll, wenn selbst die angeblichen Top-Wirtschaftsbosse der Autoindustrie offenbar keine Ahnung haben?“

Und dann kam der Sohn zum Vater und sagte: Die wollen, dass ich bis siebzig Pakete schleppe. Und der Vater sagte, die wollen, dass ich direkt nach der Rente krepiere. Und dann ging die Frau zum CDU Infostand. Und dann fiel die CDU unter die 5%-Hürde.

In den Parteizentralen, den Chefredaktionen und den Lobbyverbänden fragen sie sich derweil immer noch, was eigentlich los ist. Vielleicht sollten sie einfach mal mit den Druckern in ihrer Druckerei sprechen, mit dem Reinigungspersonal im Büro, mit den Erziehern in der Kita Kunterbunt, mit dem DHL Boten, dem Zimmermädchen im Hotel, den Fabrikarbeitern ohne dem Chef daneben. Aber sie sprechen nur mit Lobbyisten auf Verbandstagungen und dann lesen sie Umfragen, die sie nicht verstehen oder verstehen wollen.

Die Abschaffung der Rente mit 45 wird einmal an den Universitäten als eines der leider nicht ganz seltenen Fallbeispiele gelehrt werden, in der die Politik alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Vor allem aber als ein Beispiel, als die Politik sich bei einem für die Menschen ganz zentralen Thema selbst entmachtete.

Die FDP ohne Zielgruppe.

Um die Probleme der FDP verstehen zu können, muss man etwas tiefer in ihre Positionierung einsteigen. Und da beginnen schon die Schwierigkeiten.

Tempi passati. Es gab eine Zeit, da hatte die FDP mit Christian Lindner ein Potenzial von über 15%. Und tatsächlich notierte sie ja bei den Wahlen 2017 und 2021 jeweils zweistellig. Der triumphale Wiedereinzug in den Bundestag 2017 nach dem Scheitern an der 5%-Hürde bei der Wahl zuvor war der Frische des Vorsitzenden und auch einer herausragenden Kampagne geschuldet. Eine Regierungsbeteiligung schloss die FDP damals mit größtmöglicher Dramatik aus, weshalb in der Opposition nicht weiter auffiel, dass es mit der Frische der tatsächlichen Politik nicht weit her war.

Damals jedoch stand das Fenster weit offen, eine neue, moderne Wählerschaft dauerhaft zu binden. Die Grünen hatten noch keine neue Doppelspitze und kamen recht altbacken daher.

Aber trotz ihres frischen Images und herausragenden Marketings erfüllten weder die FDP als Partei noch die wichtigsten Akteure dieses moderne Versprechen. Im Gegenteil. Von wenigen lobenswerten gesellschaftlichen Symbolthemen abgesehen, versagte die FDP auf drei zentralen Feldern: der Wirtschafts-, Bildungs- und Umweltpolitik. Heute wirft sie im Todeskampf auch noch gesellschaftlich liberale Grundrechte über Bord, aber das ist auch schon egal.

Die FDP hatte die Chance, die wachsende und zukunftsträchtige Zielgruppe der modernen, urbanen, digitalen, aber auch international ausgerichteten, aufstiegsorientierten Bürger:innen zu erreichen. Diese sehen die Zukunft grundsätzlich eher als Chance denn als Bedrohung, wollen persönlich weiterkommen und vereinen liberale gesellschaftliche Grundüberzeugungen mit leistungsorientiertem Erfolgsstreben. Wir finden sie in allen möglichen Berufsfeldern: in international ausgerichteten Konzernen (auch Industriekonzernen), in Start-ups, in der digitalen Wirtschaft, Kommunikationsagenturen, bei Freelancern/Digitalnomaden, Selbständigen, in der Finanz- und Versicherungswirtschaft, in der Entertainment-, Event-, Hotellerie-, Medienbranche und so weiter und so fort. Sie wären die Lebensversicherung der FDP auf Jahrzehnte mit Potenzialen um die 20%. Allerdings gehört zum Lebensstil dieser Klientel auch ein Mindestmaß an Umweltbewusstsein, gesunder Ernährung, internationaler Zusammenarbeit, Gleichberechtigung, sozialem Frieden und europäischer Orientierung.

Aber außer ihrer Werbeagentur interessiert sich niemand in der FDP für sie. Die FDP hat sich immer weiter ideologisch verzwergt und hält sich heute nur noch mit einem überalterten, erzkonservativen und staats- und europaskeptischen Fundi-Flügel über 3% in den Umfragen.

Das FDP-geführte BMBF mit einer skandalbelasteten Ministerin ist ein Totalausfall. In der Wirtschaftspolitik steht die FDP angesichts massiver Probleme unserer Industrie weiter fest auf der Schuldenbremse und verstört damit auch die sehr große Klientel der dort arbeitenden modernen und aufstrebenden Potenziale. Und das entgegen aller guten Ratschläge führender und auch nicht führender Wirtschaftswissenschaftler. Also aller.

Umweltpolitisch positioniert sich die FDP als Bremsklotz, und ihre neue Migrationsrhetorik sucht noch ihren Platz zwischen Söder und Weidel. Das kann man alles machen. Aber diese Zielgruppe gibt es nicht. Vielleicht finden sich zehn Leute, die diesen kruden Politikmix in sich vereinen können. Aber es ist eine seltene Gabe.

Es gibt keine modernen, innovativen, liberalen, global- und erfolgsorientierten Menschen, die gleichzeitig die umweltfeindliche, europaskeptische, investitions- und zunehmend auch ausländerfeindliche Politik der gegenwärtigen FDP attraktiv fänden.

Gleichzeitig gibt es keine erzkonservativen, neoliberalen Diesel- und Atomnostalgiker, die mit der Legalisierung von Dope, der Selbstbestimmung Transsexueller oder dem Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung zum Zwecke der Verbrechensbekämpfung etwas anfangen können.

Die FDP hat sich auf eine Zielgruppe verengt, DIE ES GAR NICHT GIBT. Falls ich das noch nicht erwähnte. Sie hat sich in eine Ecke manövriert, in der die CDU unter Merz ihr komplett das Wasser auf konservativer Seite abgräbt, und Robert Habeck sich gerade eine Partei bastelt, die exakt das brachliegende moderne Potenzial adressiert.

Der vermutlich anstehende Rechtsruck der FDP ist dann ihr endgültiges Todesurteil – denn dieser Markt ist besetzt, und die FDP hinkt angeschlagen einem Zug hinterher, der längst abgefahren ist – und das auch noch in die falsche Richtung.

Bevor die FDP jetzt Selbstmord aus Angst vor dem Tod begeht, sollte sie sich vielleicht noch einmal auf ihre eigentlichen Stärken besinnen … und auf all the things that could have been. Or maybe still can…

Habecks zweite erste Chance.

Die Bundestagswahl 2025 nähert sich und es werden nach Medienberichten auch bereits personelle Entscheidungen zur Vorbereitung der Habeck-Kampagne getroffen. Das ist doch ein schöner Anlass, um auf die strategischen Optionen für Robert Habeck und die Grünen zu blicken. Die anderen Parteien folgen dann in loser Reihenfolge. Die strategischen Gedanken bilden nicht in jedem Fall dieser Reihe persönliche Präferenzen ab, manchmal aber doch und manchmal auch das krasse Gegenteil. Enjoy.

Das strategische Ziel der Grünen ist so klar wie ein Ziel nur klar sein kann: Robert Habeck muss seine Partei so stark machen, dass auf Bundesebene keine Zweierkoalition ohne die Grünen möglich ist. Dreier-Konstellationen auf Bundesebene haben doch sehr an Charme verloren. Selbst wenn die FDP knapp wieder in den Bundestag käme – was unwahrscheinlich ist – will niemand ohne Not mit ihr arbeiten und ein BSW in einer Dreier-Konstellation kann man sich auch nicht wirklich vorstellen.

Gehen wir also davon aus, dass die FDP nicht mehr in der Regierung vertreten sein wird, weil sie entweder zu schwach ist oder zu verbrannt oder nicht mehr vorhanden oder alles zusammen. Aus aktueller Sicht gäbe es dann nur zwei Optionen für Zweier-Konstellationen und das sind Union/SPD oder Union/Grüne. Der Union und selbstredend auch der SPD wäre die erste Konstellation lieber.

Aber was man sich wünscht und was einem der Wähler am Ende kredenzt, ist manchmal recht verschieden. Zwischen den Wünschen und dem Ergebnis liegt dann eben ein Wahlkampf.

Das vordergründige Problem: Die Grünen sind so out-of-vogue wie schon lange nicht mehr. Augenrollen bei der puren Erwähnung der Partei begegnet einem häufiger und das ist noch eine der angenehmsten Reaktionen. In anderen Regionen der Republik wird man dafür mit Schmorgurken aus nicht biologischem Anbau beworfen.

Ein Blick auf die Umfragen, Themenlagen und Potentiale lässt auf dem Weg bis zur Bundestagswahl 2025 in einem Jahr jedoch auch klare Chancen erkennen. Und diese liegen nicht nur – aber auch – in der Schwäche der anderen. Sie liegen auch in der Stärke Robert Habecks.

Mit aktuell 11-13% in den nationalen Umfragen notieren die Grünen nur wenig unterhalb ihres Wahlergebnisses von 14,8% im Jahr 2021. Sie ist die robusteste der Ampelparteien. Die FDP kam vor drei Jahren noch auf 11,5% und steht heute bei immer noch erstaunlichen 3-5%. Die SPD errang 25,7% und steht bei 15%. Umfragengewinner sind die Union, die von 24,1% auf 31-33 % zulegt, AfD von 10,3% auf 17-18% und BSW auf 8% national.

Auch wenn Heizungstechnologien und Energiewende, Elektromobilität und Radwege zum lustigen Draufschlagen in bestimmten Kreisen einladen, ist eine andere Entwicklung beachtenswert: Die Themenbedeutung von Klima- und Umweltschutz notiert immer noch in fast allen Erhebungen auf Platz 2 oder 3 der Dringlichkeit. Robert Habeck hat sich wieder auf einen der mittleren Plätze in der Politikerbewertung hochgearbeitet und gesellschaftspolitische Themen werden bei einem Kandidaten Merz auf Unionsseite an Relevanz zunehmen. Auch die aktuellen Top-Themen wie Migration und Wirtschaft müssen nicht zwingend in einem Jahr noch die Debatten dominieren.

Hinzu kommt, dass nach dem beliebten Motto „Aktion-Reaktion“ auf den aktuellen Backlash auch eine Gegenbewegung folgen kann. Für mehr Umweltschutz, gegen einen Rechtsruck, der auch die Union unterwandert, für die Verteidigung gesellschaftlicher Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Minderheitenschutz etc., für Fortschritt gegen Rückschritt oder Stillstand. Diese Bewegung braucht einen Anführer.

Merz ist wiederum in seinem Grünen-Bashing gefangen, das er einst losgetreten hat und nun nicht mehr los wird. Weil viele seiner Leute ihn ernst genommen haben und sich nicht mehr einfangen lassen. Von Markus Söder wurde Merz wiederum nie ernst genommen und er überfüllt dessen vermeintlichen Auftrag nur, weil er ihm damit am effektivsten schaden kann. Denn Merz verliert natürlich eine wichtige Option, die er aber am Ende doch noch brauchen wird – wenn die Grünen an der SPD vorbeiziehen. Was bleibt ihm sonst übrig?

Die Union ist also wieder dort, wo sie 2020/21 schon einmal war: So siegessicher und selbstberauscht, dass sie sich wieder lustige Ränkespiele bis in die Zielgerade meint leisten zu können. Das Kandidatenkarussel der Union ist wieder neu eröffnet, Brücken in alle Richtungen werden eingerissen – auch innerparteiliche.

Zurück zu den Grünen, denen alles hilft, was den anderen schadet aber denen auch das weitere Kandidatenumfeld in die Hände spielt: Habeck kann reden und Emotionen in Worte fassen und auslösen. Habeck kann im zunehmenden Kulturkampf der Republik das immer noch relevante progressive Lager hinter sich versammeln, motivieren, vielleicht sogar klimaneutral elektrisieren.

Und viele Merkel-Wähler:innen die 2021 von der Union zur SPD gewechselt waren, sind heute wieder heimatlos. Nicht nur, aber erst recht im Vergleich zu Merz und Scholz hat Habeck definitiv einen „Schlag bei den Frauen“ (sagt meine Mama). Vielleicht kann er sogar noch eine kleine Portion aus den Konkursmassen von FDP und Linken abgreifen.

Ein weiterer Vorteil: Die Grünen sind eine urbane und speckgürtelstarke Partei, weshalb aktuelle Wahlergebnisse der Ost-Wahlen in Bezug auf die BTW wenig Relevanz haben, da im Osten ja kaum jemand wohnt. Von etwa 83,5 Mio. Bundesbürgern leben noch 12,6 Mio. im Osten (ohne Berlin), so dass die deutlich dichter besiedelten Regionen im Westen plus Berlin und die wenigen Städte im Osten viel wichtiger sind. Das ist ein großer Vorteil für die Grünen, die sich im Mittel- und Personaleinsatz konzentrieren können.

Bei einer aus Sicht vieler progressiver Wähler:innen wenig attraktiven Wiederauflage der Großen Koalition – und dann noch unter Merz – können die Grünen und Habeck das von nicht wenigen erwünschte Korrektiv sein. Und das kann entscheidend sein, um am Ende als Nr. 2 durch die Zielgerade zu kommen. 46-48% der Wählerstimmen können für eine Zweier-Konstellation reichen – und es ist gut möglich, dass Union/SPD daran scheitern Union/Grüne aber nicht.

Als Warnung vor der GroKo kann sich Habeck einen aktuell wohl bekannten Schlachtruf ausleihen und mit eigenen Inhalten und Parolen füllen: We are not going back!

Das kann klappen.