Warum die demokratische Linke mehr Mut zu emotionaler Kommunikation braucht. Ein Beitrag von Darius Youssofi und Frank Stauss in der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte.
Tschüss … und denkt an das Obst!
Nach über drei wunderbaren und spannenden Jahrzehnten an der Spitze meiner Agenturen, beende ich zum 31. März 2026 meine Werber-Karriere.
Eine Karriere, die mich zu Beginn in die atemberaubende Welt der Sales Promotion für Mondamin Fix Soßenbinder entführte, mir meinen ersten TV-Spot für Frau Antjes Mai-Gouda bescherte und viele schöne Kampagnen unter anderem für Versicherungen (ARAG), Joghurt (Bauer), Butter (Kerrygold), ziemlich viele Getränke (Clausthaler, Radeberger, Bommerlunder, Nordhäuser …) Konzerne (Salzgitter, debitel, Vattenfall), Verbände, Organisationen, NGOs (BUND, Deutscher Tierschutzbund, PKV, Diakonie, DGB) folgen lies.
Und dann waren da noch die Wahlkämpfe, darunter drei Bundestagswahlkämpfe für die SPD, eine Nationalratswahl in Österreich für die ÖVP, sehr, sehr viele Landtagswahlkämpfe für die SPD in zwölf deutschen Bundesländern darunter alleine fünf Landtagswahlen für Hamburg, fünf mal Rheinland-Pfalz, vier mal NRW, vier auch in Berlin sowie Landtagswahlen für die SPÖ in der Steiermark und Kärnten. Nicht zu vergessen der atemberaubende Beginn, mit der ersten und letzten freien Wahl zur Volkskammer in der DDR 1990 und kurz darauf – als doppelter Kulturschock – die Clinton/Gore Kampagne 1992 in den USA. It’s been quite a ride.
Mein Hunger und mein Ehrgeiz waren immer da, aber die Chancen haben mir andere verschafft. Vor allem meine Eltern, die nicht immer ganz nachvollziehen konnten, was das sollte, aber erkannt haben, dass es das einzige war, was ich tun wollte. Und die mich lange unterstützten, bevor die Rechnung aufging. Prof. Gert Weisskirchen, damals MdB im Wahlkreis Rhein-Neckar und Mentor der ersten Stunde, der mich 1989 dem SPD Parteivorstand für die Aufbauarbeit der SPD in der DDR empfahl. Gerhard Hirschfeld, der mir im Verbindungsbüro Ost-Berlin sofort Aufgaben zutraute, die selbst ich mir kaum zugetraut hätte (und das will was heißen). Prof. Dr. Dieter Roth, Direktor der Forschungsgruppe Wahlen und Dozent an der Universität Heidelberg, der mich für ein Fulbright Stipendium in die USA empfahl. Katie McGinty, die mir „Kraut“ 1991 eine Stelle im Büro von Senator Gore in Washington, DC, gab und mich sehr, sehr effizientes Arbeiten lehrte. Joel Odum, der mich 1992 in die Clinton/Gore Kampagne holte und dann natürlich Werner Butter, der mich 1993 bei BUTTER. anstellte und bei dem ich das Werbegeschäft von der Pike auf lernen durfte.
In den folgenden 25 Jahren als Geschäftsführender Gesellschafter von BUTTER. und nochmal acht Jahren als Inhaber meiner Strategieagentur in Berlin, durfte ich über den gesamten Zeitraum meines Berufslebens mit großartigen Menschen zusammenarbeiten. Gemeinsam mit ihnen habe ich alles und mehr erreicht, als ich es mir als junger Mensch aus Wiesloch, der „irgendwie was mit Kampagnen machen“ wollte, je erhofft hatte.
Ein ganz besonderer Dank geht an Rolf Schrickel, der es gewagt hat, mit mir BUTTER. zu übernehmen und auszubauen; an Oliver Lehnen, der wiederum die Fackel bis heute mit seinen tollen Leuten weiter trägt; an mein großartiges Team Stauss, Darius Youssofi, Ben Schneider, Diana Brutjan für ihren Einsatz und ihre Treue und an so viele mehr. Mein Dank geht auch an alle Partner:innen, Kund:innen, Kandidat:innen, die mir die letzten Jahrzehnte über den Weg getraut haben. Und natürlich an meinen Mann Daniel, der mich rund um geglückte oder verunglückte Wahlkämpfe immer emotional aufgefangen hat, indem er Wahltage weiträumig mittels Urlaub umfahren hat. Mit der Begründung, dass ich in diesem Zeitraum angeblich „unerträglich und unausstehlich“ und je nach Verlauf „größenwahnsinnig oder depressiv“ sei – was ich energisch bestreite. Er kann sein Glück noch gar nicht fassen kann, dass ich jetzt 24/7 für ihn da bin.
Bevor das hier anfängt zu triefen: Ja, ich habe mir das gut überlegt und es ist auch schon seit gut einem Jahr mit den Kollegen so besprochen. Ja, alle haben schon neue gute Jobs, der Agentur geht es auch finanziell gut, ich mache einfach zu. Nein ich werde mich nicht langweilen. Ja, ich halte es durchaus aus, nichts zu tun. Nein, ich werde in kein schwarzes Loch fallen. Ja, die Elefantenrunde mit Hajo Schumacher geht weiter und ja – ich werde auch in Zukunft Beratungsmandate im für mich überschaubaren Ausmaß annehmen, einige laufen bereits auch gemeinsam mit Darius und BUTTER. Speaker-Anfragen etc. wie bisher bitte über das Team von Roland Vestring im London Speaker Bureau.
Wer mich in dieser emotional eigentlich gar nicht schwierigen Zeit unterstützen möchte, kann gerne eines unserer Ferienhäuser auf der wunderschönen Kanareninsel La Palma („Villa Tigotan“ und „Casa Jirafa“) oder unser „Haus Kronseeblick“ in der Uckermark mieten. Die Erlöse gehen – das kann ich garantieren – ohne weitere Overheadkosten direkt an mich.
Ich bedanke mich beim großen Schicksal, dass es mir vom ersten Arbeitstag an vergönnt war, einer Arbeit nachzugehen, die ich liebe.
Wenn ich Freitags aus der Agentur verschwand, während natürlich alle anderen noch arbeiteten, verwies ich immer auf die Reste unseres Obstkorbes und bat, diese doch bitte mitzunehmen.
Daraus entstand unsere ritualisierte Verabschiedung, die ich heute gerne mit einem größeren Publikum teile.
Tschüss … und denkt an das Obst!
Vorbild China? Think twice…
Im SPIEGEL schwärmt Unternehmenserbe Jürgen Heraeus (89) im Rahmen des üblichen Deutschlands-Dissings durch die deutsche Wirtschaft selbst: „Die Chinesen lernen schnell und hängen uns ab. Bei uns scheitert schon die Diskussion um die Abschaffung der Feiertage oder den späteren Eintritt ins Rentenalter, obgleich wir sichtbar älter werden.“ Die einzige Lösung sei aus seiner Sicht, eine Minderheitsregierung.“ (SPIEGEL 47/2025).
Mal abgesehen davon, dass der Unternehmenserbe von einer durch die AfD tolerierten Unionsregierung fabuliert und dabei herzlich wenig aus der Firmen/Zwangsarbeitergeschichte seines eigenen Unternehmens gelernt zu haben scheint, hier ein paar Fakten zum Thema China.
Aus dem Bericht des Institutes der Deutschen Wirtschaft 88/2025 vom 27.10.2025 geht hervor: Die offizielle Jugendarbeitslosigkeit in China beträgt aktuell 18,9% oder rund 6 Millionen. Die Dunkelziffer liegt bei zusätzlichen 22 Millionen. Die prekäre Lage sorgt dafür, dass viele junge Menschen – sofern sie überhaupt Arbeit bekommen – im Modus 9-9-6 arbeiten müssen. Von 9:00-21:00 Uhr an 6 Tagen in der Woche. (Link im 1. Kommentar).
Auch interessant: Der demografische Wandel in China ist weitaus dramatischer als in Deutschland. China verliert nach Berechnungen des World-Population-Prospects der UN innerhalb der nächsten 75 Jahre mindestens 500 Millionen Einwohner (von 1,4 Mrd. auf 900 Mio.) oder gar bis zu über 1 Mrd. Einwohner (auf 400 Mio.). Dafür verantwortlich ist die Ein-Kind-Politik der Diktatur aus der Vergangenheit und die gegenwärtig extrem niedrige Geburtenrate aufgrund der Perspektivlosigkeit junger Menschen.
Aber klar: Läuft dort. Nur hier ist alles Mist. Mehr dazu auch im aktuellen Podcast der Elefantenrunde
Die Wirtschaft hat versagt, nicht der Staat.
Nicht der soziale Teil der Sozialen Marktwirtschaft hat in Deutschland versagt, sondern der marktwirtschaftliche.
Die größten Probleme unserer Wirtschaft wurden von unserer Wirtschaft verursacht. Durch Fehlplanung, Missmanagement, Realitätsverweigerung, Innovationslähmung, Kundenbetrug und einseitige Marktabhängigkeiten. Namentlich in der Automobilindustrie und ihren Zulieferbetrieben.
Keines der Probleme dieses bedeutenden Industriezweigs werden durch Sozialreformen und Bürokratieabbau gelöst. Es sind Probleme, die durch schlechtes Wirtschaften entstanden sind und auch nur dort gelöst werden können.
Deshalb ist das komplette politische Framing dieser Bundesregierung falsch – und kann erneut nur falsche Hoffnungen wecken.
Der Ruck, der durch Deutschland gehen muss, muss zu allererst durch die Vorstandsetagen gehen – und dort sollten auch endlich einige gehen. Die Verantwortungsverlagerung auf den Staat ist nur ein Ablenken von hausgemachten Fehlern – und ein ziemlich schäbiges dazu.
Es bleibt die ewige Erkenntnis, dass die Problemlösung bei der Identifikation der richtigen Ursachen beginnt. Aber natürlich ist es leichter, einen anonymen Staat anzuprangern, statt die Nieten in Nadelstreifen – Verzeihung – heute in Sneakern und offenem Hemd.