„Der Merz sähe uns am liebsten im Grab.“

Der „Reformkurs“ der Union bricht ihr das Genick. Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Es gibt einen Schlüsselmoment – bei Minute 3:30, zweite Staffel, vierte Folge der viel diskutierten „Inside-CDU“ Dokumentation des ZDF. Dieser Moment hat aber weder mit den CDU-Protagonisten noch mit Strandkörben zu tun. Er spielt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU erstmals den Einzug in einen Landtag verpasste. Eine Dame schimpft am CDU-Infostand  „Mein Mann und mein Sohn, die arbeiten jeden Tag schwer, die sind Kurierfahrer, die schleppen so ne großen Pakete…sollen die das mit 70 noch? Bis 70 und dann ab in den Sarg rein? Das will der Merz nämlich.“ 

Das kam mir bekannt vor.

Szenenwechsel. Wuppertal Cronenberg, etwa 500 km von Rostock entfernt, wenige Tage zuvor. Meine Schwiegermutter will mit ihrem Rollator eine viel befahrene Kreuzung mit zu kurzer Ampelschaltung überqueren. Ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Mann springt aus dem benachbarten Eiscafé auf, eilt zu ihr und überquert mit meiner Schwiegermutter die Kreuzung. Als die Fußgängerampel auf halber Strecke rot anzeigt, hält er den Verkehr auf „Da müssen wir aufpassen..“, sagte er, „die rasen hier wie die Bekloppten. Aber am Ende freut sich nur der Merz, wenn wir unter die Räder kommen. Das wäre dem am liebsten. Bis zum Umfallen schuften und dann ab ins Grab.“

Es gibt keinen tieferen Tiefpunkt im Ansehen eines Politikers. Wenn die Menschen denken, der Bundeskanzler wünsche Ihnen und ihren Angehörigen den Tod, um die Rentenkasse zu entlasten, dann ist das irreparabel.

Natürlich sind das zwei Stimmen, die keineswegs repräsentativ sind. Aber alle repräsentativen Zahlen die verfügbar sind zeigen, dass es keine unpopulärere Maßnahme unter den Reformvorschlägen gibt, als die Abschaffung der „Rente mit 63“ von der vor allem die Betroffenen längst kapiert haben, dass es sich um eine „Rente mit 65“ handelt. 

Nur wer 45 Beitragsjahre eingezahlt hat und außerdem 65 Jahre alt ist, darf (ab Jahrgang 1964) nicht erst mit 67 sondern mit 65 abschlagsfrei in Rente gehen. Wer also mit 16 angefangen hat, ist nach 45 Jahren 61 Jahre alt… und muss dann noch vier Jahre weiter arbeiten. Er oder sie (Männer und Frauen nehmen diese Rente aktuell im Verhältnis 55%:45% in Anspruch) haben dann 49 lange Jahre eingezahlt.

Bereits im August 2026 registrierte die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF Politbarometer eine Ablehnung von 75% in der Gesamtbevölkerung. Nur 20% fanden die Abschaffung richtig. Die Ablehnung lag über alle Parteien mit Ausnahme der FDP (55%) über 60%. Union: 67%, SPD 74%, Linke 88%, AfD 82%, Grüne 64%. Die Maßnahme wird von 67% der Unions-Anhänger abgelehnt. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Union nur noch auf knapp 20% Zustimmung überhaupt kommt.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist der Sargnagel für CDU/CSU und wird ihren Niedergang weiter beschleunigen. Da war Mecklenburg-Vorpommern nur der Anfang.

Was auffällt: Die Menschen wissen offenbar aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel besser, wer die Rente für besonders langjährig Versicherte in Anspruch nimmt, als Bundesregierung oder Rentenkommission. Das liegt zum einen daran, dass es gar keine verlässliche Statistik gibt (siehe unten) und zum anderen, dass weder die Mitglieder der Rentenkommission noch die der Bundesregierung irgendeinen Bezug zu diesen Menschen haben. Wer auf über 45 Beitragsjahre kommt, hat so gut wie nie studiert und daher auch keinen akademischen Beruf oder ein entsprechendes Einkommen.

Nach den Statistiken der Deutschen Rentenversicherung kommen diejenigen, die aktuell diese Rente in Anspruch nehmen auf etwa 1.700 EUR Rente. Das ist keineswegs überdurchschnittlich hoch, wie häufig behauptet. Diese Rente liegt sogar unter dem Schnitt der langjährig Versicherten. 

Dafür darf man natürlich nicht den gesamten Durchschnitt nehmen (denn da sind auch Menschen dabei, die nur wenige Jahre eingezahlt haben, dann aufgehört haben oder in die Selbständigkeit gewechselt sind etc.), sondern den Schnitt der mindesten 35 Jahre Beschäftigten. 

Nach 35 Beitragsjahren liegt die durchschnittliche Bruttorente bei 1.758 EUR. Die „45er“ zahlen also noch mindestens weitere zehn Jahre ein – ohne dass sich ihre Rente erhöhen würde. Was auf Einkommen im unteren mittleren Bereich schließen lässt. Nur zum Vergleich: Die durchschnittliche Bruttopension für Beamte nach 35 Jahren liegt gut doppelt so hoch bei 3.416 EUR.

Zusätzlich kursiert die unbelegte Legende, die auch von seriösen Medien wie Süddeutscher Zeitung, SPIEGEL und auch anderen wie Politico gerne wiederholt wird, dass besonders höher Verdienende aus Bürojobs und nicht der beliebte Dachdecker von der Rente nach 45 Beitragsjahren profitieren würden. Problem: Es gibt keinen Beleg für diese Legende. 

Es gibt es keinen Beleg für die Legende, dass diese Rente überwiegend von besserverdienenden Männern in Anspruch genommen würde. Im Gegenteil.

Selbst die Bundesregierung antwortete auf eine parlamentarische Anfrage am 15. Juni 2026 so: 

Frage: „Wie verteilen sich die Zugänge zur Altersrente für besonders langjährig Versicherte in den letzten fünf Jahren nach zuletzt ausgeübtem Beruf, Wirtschaftsabschnitt bzw. Branche, Qualifikationsniveau und Stellung im Beruf?“

Bundesregierung: „Differenzierte Daten im Sinne der Fragestellung liegen nicht vor, da die statistisch erfassten Informationen keine verlässlichen Aussagen hierzu ermöglichen.“ (Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 21/6516 21. Wahlperiode 15.06.2026 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke– Drucksache 21/6183 – Zur Rente für besonders langjährig Versicherte.)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bundesregierung, Lobbyverbände und auch zahlreiche Medien argumentierten hart an der Grenze zu Fake-News, um diese Reform durchzudrücken. Was sie völlig außer Acht ließen war, dass die Menschen um die es geht, sehr wohl wissen, wer sich diese Rente verdient hat und warum. Auch wenn sie zum großen Teil nicht in den Genuss einer vorgezogenen Rente kommen werden, zollen sie denjenigen, die es können, ihren Respekt.

Die politischen Folgen: Dramatisch.
Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Bundesregierung, Rentenkommission und zahlreiche Medien schreiben, argumentieren und bilanzieren an der Lebenserfahrung der Menschen vorbei. Mit dramatischen Folgen.

Als erste erkannte Manuela Schwesig die heftigen Auswirkungen der Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren, kurz darauf schlugen drei CDU Ministerpräsidenten Alarm. Alle vier Ministerpräsidenten waren in den Wahlkämpfen unterwegs – zu denen Bundespolitiker von CDU/CSU und SPD weitgehend ausgeladen waren.

Aber warum schlägt die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren solche Wellen? Weil sie die arbeitende Mitte mitten ins Herz trifft. Und zwar mit größtmöglicher Respektlosigkeit.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist das Äquivalent zu Habecks Heizungsgesetz. Zumindest was die politische Fehleinschätzung der Entscheidungsträger angeht. Die Rentenkommission der Bundesregierung ist ein Beratungsgremium. Von niemandem gewählt, durch nichts legitimiert. Es bestand ausschließlich aus Akademikern und drei vergleichsweise jungen Abgeordneten der Regierungskoalition, die jenseits einer klassischen Parteikarriere über wenig bis gar keine Berufserfahrung verfügten. Keiner der Beteiligten wird jemals 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen, die meisten nie.

Das ist dann in Ordnung, wenn die Politik die wissenschaftlichen Empfehlungen aufnimmt und daraus politische Konsequenzen ableitet. Das blieb allerdings aus. Der Kuhhandel aus der Rentenkommission wurde zum unantastbaren „Gesamtkunstwerk“ erklärt.

Und dann kam die Wirklichkeit jenseits des Elfenbeinturms. Die Wut kam nicht wie bei Habecks Heizungsgesetzt schnell und befeuert von BILD, NIUS und co.

Die Wut kommt diesmal ganz leise und schleichend von unten. Ein Schläfer. Ein Aufreger, der ganz langsam durchsickert in der Bevölkerung. Von Mund zu Mund, von Betrieb zu Betrieb und von Haus zu Haus. Und dann wurde gerechnet. Wie lange noch? Was, so lange? Wann soll das denn kommen? Reicht das denn noch? Der Manfred geht nächstes Jahr. Der hat es geschafft.

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns?
Uns wollen doch alle loswerden!

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns? Das entspricht doch nicht der Realität. Die Realität sieht doch so aus, dass wir ab 55 spätestens auf der Abschussliste stehen. Uns will man entweder rausekeln oder wenn wir Glück haben, bekommen wir den goldenen Handschlag. Raus raus raus heisst es doch. Von VW bis SAP von High-Tech bis ganz unten: Raus mit den Alten. Die kosten nur und liefern zu wenig. Die lernen das auch nicht mehr, die Transformation.

Und dann kamen die Jungen, für die das doch eigentlich angeblich gedacht ist. Und dann begann auch da das große Rechnen. Wenn die Alten schon bis 67 arbeiten müssen und es nach 45 Jahren immer noch nicht reicht – was heisst das denn für uns? Und vor allem: „Welche Arbeit gibt es denn überhaupt noch – nach der KI-Revolution? Geschweige denn: Welche Arbeit gibt es denn noch bis ich 67 bin? In 50 Jahren? Kann uns vielleicht mal jemand sagen, wie die Zukunft der Wirtschaft aussehen soll, wenn selbst die angeblichen Top-Wirtschaftsbosse der Autoindustrie offenbar keine Ahnung haben?“

Und dann kam der Sohn zum Vater und sagte: Die wollen, dass ich bis siebzig Pakete schleppe. Und der Vater sagte, die wollen, dass ich direkt nach der Rente krepiere. Und dann ging die Frau zum CDU Infostand. Und dann fiel die CDU unter die 5%-Hürde.

In den Parteizentralen, den Chefredaktionen und den Lobbyverbänden fragen sie sich derweil immer noch, was eigentlich los ist. Vielleicht sollten sie einfach mal mit den Druckern in ihrer Druckerei sprechen, mit dem Reinigungspersonal im Büro, mit den Erziehern in der Kita Kunterbunt, mit dem DHL Boten, dem Zimmermädchen im Hotel, den Fabrikarbeitern ohne dem Chef daneben. Aber sie sprechen nur mit Lobbyisten auf Verbandstagungen und dann lesen sie Umfragen, die sie nicht verstehen oder verstehen wollen.

Die Abschaffung der Rente mit 45 wird einmal an den Universitäten als eines der leider nicht ganz seltenen Fallbeispiele gelehrt werden, in der die Politik alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Vor allem aber als ein Beispiel, als die Politik sich bei einem für die Menschen ganz zentralen Thema selbst entmachtete.

Tschüss … und denkt an das Obst!

Nach über drei wunderbaren und spannenden Jahrzehnten an der Spitze meiner Agenturen, beende ich zum 31. März 2026 meine Werber-Karriere.

Eine Karriere, die mich zu Beginn in die atemberaubende Welt der Sales Promotion für Mondamin Fix Soßenbinder entführte, mir meinen ersten TV-Spot für Frau Antjes Mai-Gouda bescherte und viele schöne Kampagnen unter anderem für Versicherungen (ARAG), Joghurt (Bauer), Butter (Kerrygold), ziemlich viele Getränke (Clausthaler, Radeberger, Bommerlunder, Nordhäuser …) Konzerne (Salzgitter, debitel, Vattenfall), Verbände, Organisationen, NGOs (BUND, Deutscher Tierschutzbund, PKV, Diakonie, DGB) folgen lies.

Und dann waren da noch die Wahlkämpfe, darunter drei Bundestagswahlkämpfe für die SPD, eine Nationalratswahl in Österreich für die ÖVP, sehr, sehr viele Landtagswahlkämpfe für die SPD in zwölf deutschen Bundesländern darunter alleine fünf Landtagswahlen für Hamburg, fünf mal Rheinland-Pfalz, vier mal NRW, vier auch in Berlin sowie Landtagswahlen für die SPÖ in der Steiermark und Kärnten. Nicht zu vergessen der atemberaubende Beginn, mit der ersten und letzten freien Wahl zur Volkskammer in der DDR 1990 und kurz darauf – als doppelter Kulturschock – die Clinton/Gore Kampagne 1992 in den USA. It’s been quite a ride.

Mein Hunger und mein Ehrgeiz waren immer da, aber die Chancen haben mir andere verschafft. Vor allem meine Eltern, die nicht immer ganz nachvollziehen konnten, was das sollte, aber erkannt haben, dass es das einzige war, was ich tun wollte. Und die mich lange unterstützten, bevor die Rechnung aufging. Prof. Gert Weisskirchen, damals MdB im Wahlkreis Rhein-Neckar und Mentor der ersten Stunde, der mich 1989 dem SPD Parteivorstand für die Aufbauarbeit der SPD in der DDR empfahl. Gerhard Hirschfeld, der mir im Verbindungsbüro Ost-Berlin sofort Aufgaben zutraute, die selbst ich mir kaum zugetraut hätte (und das will was heißen). Prof. Dr. Dieter Roth, Direktor der Forschungsgruppe Wahlen und Dozent an der Universität Heidelberg, der mich für ein Fulbright Stipendium in die USA empfahl. Katie McGinty, die mir „Kraut“ 1991 eine Stelle im Büro von Senator Gore in Washington, DC, gab und mich sehr, sehr effizientes Arbeiten lehrte. Joel Odum, der mich 1992 in die Clinton/Gore Kampagne holte und dann natürlich Werner Butter, der mich 1993 bei BUTTER. anstellte und bei dem ich das Werbegeschäft von der Pike auf lernen durfte.

In den folgenden 25 Jahren als Geschäftsführender Gesellschafter von BUTTER. und nochmal acht Jahren als Inhaber meiner Strategieagentur in Berlin, durfte ich über den gesamten Zeitraum meines Berufslebens mit großartigen Menschen zusammenarbeiten. Gemeinsam mit ihnen habe ich alles und mehr erreicht, als ich es mir als junger Mensch aus Wiesloch, der „irgendwie was mit Kampagnen machen“ wollte, je erhofft hatte.

Ein ganz besonderer Dank geht an Rolf Schrickel, der es gewagt hat, mit mir BUTTER. zu übernehmen und auszubauen; an Oliver Lehnen, der wiederum die Fackel bis heute mit seinen tollen Leuten weiter trägt; an mein großartiges Team Stauss, Darius Youssofi, Ben Schneider, Diana Brutjan für ihren Einsatz und ihre Treue und an so viele mehr. Mein Dank geht auch an alle Partner:innen, Kund:innen, Kandidat:innen, die mir die letzten Jahrzehnte über den Weg getraut haben. Und natürlich an meinen Mann Daniel, der mich rund um geglückte oder verunglückte Wahlkämpfe immer emotional aufgefangen hat, indem er Wahltage weiträumig mittels Urlaub umfahren hat. Mit der Begründung, dass ich in diesem Zeitraum angeblich „unerträglich und unausstehlich“ und je nach Verlauf „größenwahnsinnig oder depressiv“ sei – was ich energisch bestreite. Er kann sein Glück noch gar nicht fassen kann, dass ich jetzt 24/7 für ihn da bin. 

Bevor das hier anfängt zu triefen: Ja, ich habe mir das gut überlegt und es ist auch schon seit gut einem Jahr mit den Kollegen so besprochen. Ja, alle haben schon neue gute Jobs, der Agentur geht es auch finanziell gut, ich mache einfach zu. Nein ich werde mich nicht langweilen. Ja, ich halte es durchaus aus, nichts zu tun. Nein, ich werde in kein schwarzes Loch fallen. Ja, die Elefantenrunde mit Hajo Schumacher geht weiter und ja – ich werde auch in Zukunft Beratungsmandate im für mich überschaubaren Ausmaß annehmen, einige laufen bereits auch gemeinsam mit Darius und BUTTER. Speaker-Anfragen etc. wie bisher bitte über das Team von Roland Vestring im London Speaker Bureau.

Wer mich in dieser emotional eigentlich gar nicht schwierigen Zeit unterstützen möchte, kann gerne eines unserer Ferienhäuser auf der wunderschönen Kanareninsel La Palma („Villa Tigotan“ und „Casa Jirafa“) oder unser „Haus Kronseeblick“ in der Uckermark mieten. Die Erlöse gehen – das kann ich garantieren – ohne weitere Overheadkosten direkt an mich. 

Ich bedanke mich beim großen Schicksal, dass es mir vom ersten Arbeitstag an vergönnt war, einer Arbeit nachzugehen, die ich liebe.

Wenn ich Freitags aus der Agentur verschwand, während natürlich alle anderen noch arbeiteten, verwies ich immer auf die Reste unseres Obstkorbes und bat, diese doch bitte mitzunehmen. 

Daraus entstand unsere ritualisierte Verabschiedung, die ich heute gerne mit einem größeren Publikum teile.

Tschüss … und denkt an das Obst!

Die Flüchtlingsbewegung 2015 ist nicht der Trigger des heutigen AfD-Erfolges.

Die Stärke der AfD sei Merkels Entscheidung von 2015, die Grenzen nicht zu schließen, geschuldet, heißt es aktuell in vielen Artikeln und Kommentaren. Das ist falsch.

Ein Blick auf die Fakten: Die AfD scheiterte bei der Bundestagswahl 2013 mit 4,6% knapp an der 5%-Hürde. Sie kletterte aber in Folge zum Beispiel bereits im Oktober 2014 auf 8% in den Umfragen (alle Zahlen: Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF, Quelle: wahlrecht.de).

Mit dem Höhepunkt der Flüchtlingsentwicklung und der entsprechenden Debatte über „staatlichen Kontrollverlust“ (Horst Seehofer), die maßgeblich aus den Reihen der Union selbst befeuert wurde, kletterte die AfD bei der Bundestagswahl 2017 auf 12,6%. 

Und von da an ging es erst einmal bergab. Auf rund 9% im Schnitt des Jahres 2020, auf 10,3% bei der Bundestagswahl 2021. Zwischen den 8% in den Umfragen von 2014 vor der Entwicklung der Jahre 2015/2016 und den 10,3% der Wahl 2021 können wir also keinen wirklich signifikanten Anstieg feststellen. 

Der eigentliche Turning-Point kam im Sommer 2023, als die AfD erstmals die 20% in den Umfragen erreichte. Da war Frau Merkel aber schon längst nicht mehr im Amt und das Jahr 2015 lag 8 Jahre zurück.

Das bedeutet, dass Corona im Zusammenspiel mit den Flüchtlingen aus der Ukraine, der Inflation in Folge des Krieges, den Unsicherheiten in Wirtschaft und internationalen Beziehungen, sowie die massive Ausweitung von Social Media, TikTok und Fake News, wesentlich stärker zum Anstieg der AfD beitrugen. Natürlich auch zu Verantworten von der Orientierungslosigkeit der Ampel-Regierung bei gleichzeitigem Versagen der Unions-Opposition, diesen Missmut aufzufangen und auf sie als Alternative zu kanalisieren.

Ein Blick über den Tellerrand hinaus zeigt: Diese Entwicklung am rechten Rand fand und findet auch in Ländern statt, die deutlich weniger Migrationsbewegungen zu bewältigen hatten.

Die gemeinsamen Nenner der völkischen internationalen Rechten sind vielfältig: Leugnen des Klimawandels, Ablehnung der Geschlechtergerechtigkeit und Rückkehr zur alten Familienordnung, Ablehnung multilateraler Institutionen von EU zu UNO, WHO etc, Herabwürdigung sozial Schwacher, ein Fetisch in Bezug auf fossile Energieträger, völkisch-nationale Ideologien und damit auch Migrations- und Fremdenfeindlichkeit. In Bezug auf Fremdenfeindlichkeit ist Islamophobie nur eine Facette. In den USA werden die katholischen Latinos verfolgt und in der Brexit-Debatte in UK standen die Polen im Fokus.

Migration ist nur eine Zutat im Gebräu der rechten Populismussuppe. Aus meiner Sicht ist es nicht die entscheidende. Dass das Thema permanent von der AfD bespielt werden kann, hat viel mehr mit dem Verhalten der anderen Parteien und vieler Medien zu tun, als mit dieser selbst.

Die Legende von Merkel, den Flüchtlingen und dem Aufstieg der AfD, ist eine bequeme Legende der heute Verantwortlichen in Regierung und demokratischer Opposition – sowie von vielen Meinungsmachern in den Medien.

Die fiebrigen Machtfantasien des Friedrich Merz.

Es wird immer klarer: Die Inspirationsquelle für Friedrich Merz ist Donald Trump.

Es geht um kompromisslose politische Erpressung, verbale Ausfälle, fiebrige Machtfantasien („Ich werde das nächste Innenministerium – egal wer es führt – anweisen…“) Verhetzung von Transferleistungsempfängern und auch um die Befreiung Deutschlands von frei erfundenen Verboten (Gendergebot, Fußballtorschießverbot), etc. Wer Friedrich Merz dieser Tage zuhört erwartet als nächstes die Umbenennung der Nordsee in „Deutsche See.“ Die Masche ist altbekannt und leider in keiner Weise lächerlich. 

Wenn die Wählerinnen und Wähler am 23. Februar eine Mehrheit von CDU/CSU und AfD wählen, dann ist das so. Aber sie sollten zuvor wissen, was ihnen droht.

Die inhaltlichen und zunehmend auch rhetorischen Gemeinsamkeiten von CDU/CSU und AfD gehen weit über die Migrationsfrage hinaus. Es geht um Arbeitnehmerrechte, Arbeitszeiten, Tariftreue, erneuerbare Energien, Umwelt- und Artenschutz, Frauenrechte, Minderheitenschutz, Kultur und Leitkultur.

Merz braucht für seine Machtansprüche keine Koalition mit der AfD. Das Spiel, das er gerade spielt, nämlich die Inkaufnahme einer parlamentarischen Mehrheit mit der AfD ist erst das Vorspiel. Bekommen diese Parteien eine gemeinsame parlamentarische Mehrheit, wird ein impulsiver und offensichtlich schon jetzt machtbesessener Mensch wie Merz diese nutzen.

Jetzt geht es um die Mobilisierung der demokratischen Mitte und auch die Aufklärung derer, die noch nicht mitbekommen haben, worum es gerade geht. 

Es geht Merz mitnichten um die Lösung von Problemen vor einer Wahl, die bereits in drei Wochen stattfindet. Es geht um die präventive Einschüchterung möglicher Koalitionspartner und die Vorbereitung eines Scheiterns von Koalitionsgesprächen nach denen es dann nur noch eine „Alternative“ gibt.

Was ich heute ich in einigen Medien zu dem Vorgang lese, ist an Naivität kaum zu überbieten. Dem billigen Hackentrick auf den Leim zu gehen, dass eine AfD-kritische Passage in einem AfD-getränkten Antrag eine Distanz herstellen soll, macht schon fast sprachlos. 

Ich hoffe inständig, dass die Parteien der tatsächlichen Mitte jetzt aufwachen und endlich den Wahlkampf führen, der dieser Bedrohung angemessen ist.