„Der Merz sähe uns am liebsten im Grab.“

Der „Reformkurs“ der Union bricht ihr das Genick. Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Es gibt einen Schlüsselmoment – bei Minute 3:30, zweite Staffel, vierte Folge der viel diskutierten „Inside-CDU“ Dokumentation des ZDF. Dieser Moment hat aber weder mit den CDU-Protagonisten noch mit Strandkörben zu tun. Er spielt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU erstmals den Einzug in einen Landtag verpasste. Eine Dame schimpft am CDU-Infostand  „Mein Mann und mein Sohn, die arbeiten jeden Tag schwer, die sind Kurierfahrer, die schleppen so ne großen Pakete…sollen die das mit 70 noch? Bis 70 und dann ab in den Sarg rein? Das will der Merz nämlich.“ 

Das kam mir bekannt vor.

Szenenwechsel. Wuppertal Cronenberg, etwa 500 km von Rostock entfernt, wenige Tage zuvor. Meine Schwiegermutter will mit ihrem Rollator eine viel befahrene Kreuzung mit zu kurzer Ampelschaltung überqueren. Ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Mann springt aus dem benachbarten Eiscafé auf, eilt zu ihr und überquert mit meiner Schwiegermutter die Kreuzung. Als die Fußgängerampel auf halber Strecke rot anzeigt, hält er den Verkehr auf „Da müssen wir aufpassen..“, sagte er, „die rasen hier wie die Bekloppten. Aber am Ende freut sich nur der Merz, wenn wir unter die Räder kommen. Das wäre dem am liebsten. Bis zum Umfallen schuften und dann ab ins Grab.“

Es gibt keinen tieferen Tiefpunkt im Ansehen eines Politikers. Wenn die Menschen denken, der Bundeskanzler wünsche Ihnen und ihren Angehörigen den Tod, um die Rentenkasse zu entlasten, dann ist das irreparabel.

Natürlich sind das zwei Stimmen, die keineswegs repräsentativ sind. Aber alle repräsentativen Zahlen die verfügbar sind zeigen, dass es keine unpopulärere Maßnahme unter den Reformvorschlägen gibt, als die Abschaffung der „Rente mit 63“ von der vor allem die Betroffenen längst kapiert haben, dass es sich um eine „Rente mit 65“ handelt. 

Nur wer 45 Beitragsjahre eingezahlt hat und außerdem 65 Jahre alt ist, darf (ab Jahrgang 1964) nicht erst mit 67 sondern mit 65 abschlagsfrei in Rente gehen. Wer also mit 16 angefangen hat, ist nach 45 Jahren 61 Jahre alt… und muss dann noch vier Jahre weiter arbeiten. Er oder sie (Männer und Frauen nehmen diese Rente aktuell im Verhältnis 55%:45% in Anspruch) haben dann 49 lange Jahre eingezahlt.

Bereits im August 2026 registrierte die Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF Politbarometer eine Ablehnung von 75% in der Gesamtbevölkerung. Nur 20% fanden die Abschaffung richtig. Die Ablehnung lag über alle Parteien mit Ausnahme der FDP (55%) über 60%. Union: 67%, SPD 74%, Linke 88%, AfD 82%, Grüne 64%. Die Maßnahme wird von 67% der Unions-Anhänger abgelehnt. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Union nur noch auf knapp 20% Zustimmung überhaupt kommt.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist der Sargnagel für CDU/CSU und wird ihren Niedergang weiter beschleunigen. Da war Mecklenburg-Vorpommern nur der Anfang.

Was auffällt: Die Menschen wissen offenbar aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel besser, wer die Rente für besonders langjährig Versicherte in Anspruch nimmt, als Bundesregierung oder Rentenkommission. Das liegt zum einen daran, dass es gar keine verlässliche Statistik gibt (siehe unten) und zum anderen, dass weder die Mitglieder der Rentenkommission noch die der Bundesregierung irgendeinen Bezug zu diesen Menschen haben. Wer auf über 45 Beitragsjahre kommt, hat so gut wie nie studiert und daher auch keinen akademischen Beruf oder ein entsprechendes Einkommen.

Nach den Statistiken der Deutschen Rentenversicherung kommen diejenigen, die aktuell diese Rente in Anspruch nehmen auf etwa 1.700 EUR Rente. Das ist keineswegs überdurchschnittlich hoch, wie häufig behauptet. Diese Rente liegt sogar unter dem Schnitt der langjährig Versicherten. 

Dafür darf man natürlich nicht den gesamten Durchschnitt nehmen (denn da sind auch Menschen dabei, die nur wenige Jahre eingezahlt haben, dann aufgehört haben oder in die Selbständigkeit gewechselt sind etc.), sondern den Schnitt der mindesten 35 Jahre Beschäftigten. 

Nach 35 Beitragsjahren liegt die durchschnittliche Bruttorente bei 1.758 EUR. Die „45er“ zahlen also noch mindestens weitere zehn Jahre ein – ohne dass sich ihre Rente erhöhen würde. Was auf Einkommen im unteren mittleren Bereich schließen lässt. Nur zum Vergleich: Die durchschnittliche Bruttopension für Beamte nach 35 Jahren liegt gut doppelt so hoch bei 3.416 EUR.

Zusätzlich kursiert die unbelegte Legende, die auch von seriösen Medien wie Süddeutscher Zeitung, SPIEGEL und auch anderen wie Politico gerne wiederholt wird, dass besonders höher Verdienende aus Bürojobs und nicht der beliebte Dachdecker von der Rente nach 45 Beitragsjahren profitieren würden. Problem: Es gibt keinen Beleg für diese Legende. 

Es gibt es keinen Beleg für die Legende, dass diese Rente überwiegend von besserverdienenden Männern in Anspruch genommen würde. Im Gegenteil.

Selbst die Bundesregierung antwortete auf eine parlamentarische Anfrage am 15. Juni 2026 so: 

Frage: „Wie verteilen sich die Zugänge zur Altersrente für besonders langjährig Versicherte in den letzten fünf Jahren nach zuletzt ausgeübtem Beruf, Wirtschaftsabschnitt bzw. Branche, Qualifikationsniveau und Stellung im Beruf?“

Bundesregierung: „Differenzierte Daten im Sinne der Fragestellung liegen nicht vor, da die statistisch erfassten Informationen keine verlässlichen Aussagen hierzu ermöglichen.“ (Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 21/6516 21. Wahlperiode 15.06.2026 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke– Drucksache 21/6183 – Zur Rente für besonders langjährig Versicherte.)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bundesregierung, Lobbyverbände und auch zahlreiche Medien argumentierten hart an der Grenze zu Fake-News, um diese Reform durchzudrücken. Was sie völlig außer Acht ließen war, dass die Menschen um die es geht, sehr wohl wissen, wer sich diese Rente verdient hat und warum. Auch wenn sie zum großen Teil nicht in den Genuss einer vorgezogenen Rente kommen werden, zollen sie denjenigen, die es können, ihren Respekt.

Die politischen Folgen: Dramatisch.
Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen – bei größtmöglicher Respektlosigkeit.

Bundesregierung, Rentenkommission und zahlreiche Medien schreiben, argumentieren und bilanzieren an der Lebenserfahrung der Menschen vorbei. Mit dramatischen Folgen.

Als erste erkannte Manuela Schwesig die heftigen Auswirkungen der Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren, kurz darauf schlugen drei CDU Ministerpräsidenten Alarm. Alle vier Ministerpräsidenten waren in den Wahlkämpfen unterwegs – zu denen Bundespolitiker von CDU/CSU und SPD weitgehend ausgeladen waren.

Aber warum schlägt die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren solche Wellen? Weil sie die arbeitende Mitte mitten ins Herz trifft. Und zwar mit größtmöglicher Respektlosigkeit.

Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist das Äquivalent zu Habecks Heizungsgesetz. Zumindest was die politische Fehleinschätzung der Entscheidungsträger angeht. Die Rentenkommission der Bundesregierung ist ein Beratungsgremium. Von niemandem gewählt, durch nichts legitimiert. Es bestand ausschließlich aus Akademikern und drei vergleichsweise jungen Abgeordneten der Regierungskoalition, die jenseits einer klassischen Parteikarriere über wenig bis gar keine Berufserfahrung verfügten. Keiner der Beteiligten wird jemals 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen, die meisten nie.

Das ist dann in Ordnung, wenn die Politik die wissenschaftlichen Empfehlungen aufnimmt und daraus politische Konsequenzen ableitet. Das blieb allerdings aus. Der Kuhhandel aus der Rentenkommission wurde zum unantastbaren „Gesamtkunstwerk“ erklärt.

Und dann kam die Wirklichkeit jenseits des Elfenbeinturms. Die Wut kam nicht wie bei Habecks Heizungsgesetzt schnell und befeuert von BILD, NIUS und co.

Die Wut kommt diesmal ganz leise und schleichend von unten. Ein Schläfer. Ein Aufreger, der ganz langsam durchsickert in der Bevölkerung. Von Mund zu Mund, von Betrieb zu Betrieb und von Haus zu Haus. Und dann wurde gerechnet. Wie lange noch? Was, so lange? Wann soll das denn kommen? Reicht das denn noch? Der Manfred geht nächstes Jahr. Der hat es geschafft.

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns?
Uns wollen doch alle loswerden!

Und dann fragten sich die Älteren: Wo sind die Stellen für uns? Das entspricht doch nicht der Realität. Die Realität sieht doch so aus, dass wir ab 55 spätestens auf der Abschussliste stehen. Uns will man entweder rausekeln oder wenn wir Glück haben, bekommen wir den goldenen Handschlag. Raus raus raus heisst es doch. Von VW bis SAP von High-Tech bis ganz unten: Raus mit den Alten. Die kosten nur und liefern zu wenig. Die lernen das auch nicht mehr, die Transformation.

Und dann kamen die Jungen, für die das doch eigentlich angeblich gedacht ist. Und dann begann auch da das große Rechnen. Wenn die Alten schon bis 67 arbeiten müssen und es nach 45 Jahren immer noch nicht reicht – was heisst das denn für uns? Und vor allem: „Welche Arbeit gibt es denn überhaupt noch – nach der KI-Revolution? Geschweige denn: Welche Arbeit gibt es denn noch bis ich 67 bin? In 50 Jahren? Kann uns vielleicht mal jemand sagen, wie die Zukunft der Wirtschaft aussehen soll, wenn selbst die angeblichen Top-Wirtschaftsbosse der Autoindustrie offenbar keine Ahnung haben?“

Und dann kam der Sohn zum Vater und sagte: Die wollen, dass ich bis siebzig Pakete schleppe. Und der Vater sagte, die wollen, dass ich direkt nach der Rente krepiere. Und dann ging die Frau zum CDU Infostand. Und dann fiel die CDU unter die 5%-Hürde.

In den Parteizentralen, den Chefredaktionen und den Lobbyverbänden fragen sie sich derweil immer noch, was eigentlich los ist. Vielleicht sollten sie einfach mal mit den Druckern in ihrer Druckerei sprechen, mit dem Reinigungspersonal im Büro, mit den Erziehern in der Kita Kunterbunt, mit dem DHL Boten, dem Zimmermädchen im Hotel, den Fabrikarbeitern ohne dem Chef daneben. Aber sie sprechen nur mit Lobbyisten auf Verbandstagungen und dann lesen sie Umfragen, die sie nicht verstehen oder verstehen wollen.

Die Abschaffung der Rente mit 45 wird einmal an den Universitäten als eines der leider nicht ganz seltenen Fallbeispiele gelehrt werden, in der die Politik alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Vor allem aber als ein Beispiel, als die Politik sich bei einem für die Menschen ganz zentralen Thema selbst entmachtete.

Habecks zweite erste Chance.

Die Bundestagswahl 2025 nähert sich und es werden nach Medienberichten auch bereits personelle Entscheidungen zur Vorbereitung der Habeck-Kampagne getroffen. Das ist doch ein schöner Anlass, um auf die strategischen Optionen für Robert Habeck und die Grünen zu blicken. Die anderen Parteien folgen dann in loser Reihenfolge. Die strategischen Gedanken bilden nicht in jedem Fall dieser Reihe persönliche Präferenzen ab, manchmal aber doch und manchmal auch das krasse Gegenteil. Enjoy.

Das strategische Ziel der Grünen ist so klar wie ein Ziel nur klar sein kann: Robert Habeck muss seine Partei so stark machen, dass auf Bundesebene keine Zweierkoalition ohne die Grünen möglich ist. Dreier-Konstellationen auf Bundesebene haben doch sehr an Charme verloren. Selbst wenn die FDP knapp wieder in den Bundestag käme – was unwahrscheinlich ist – will niemand ohne Not mit ihr arbeiten und ein BSW in einer Dreier-Konstellation kann man sich auch nicht wirklich vorstellen.

Gehen wir also davon aus, dass die FDP nicht mehr in der Regierung vertreten sein wird, weil sie entweder zu schwach ist oder zu verbrannt oder nicht mehr vorhanden oder alles zusammen. Aus aktueller Sicht gäbe es dann nur zwei Optionen für Zweier-Konstellationen und das sind Union/SPD oder Union/Grüne. Der Union und selbstredend auch der SPD wäre die erste Konstellation lieber.

Aber was man sich wünscht und was einem der Wähler am Ende kredenzt, ist manchmal recht verschieden. Zwischen den Wünschen und dem Ergebnis liegt dann eben ein Wahlkampf.

Das vordergründige Problem: Die Grünen sind so out-of-vogue wie schon lange nicht mehr. Augenrollen bei der puren Erwähnung der Partei begegnet einem häufiger und das ist noch eine der angenehmsten Reaktionen. In anderen Regionen der Republik wird man dafür mit Schmorgurken aus nicht biologischem Anbau beworfen.

Ein Blick auf die Umfragen, Themenlagen und Potentiale lässt auf dem Weg bis zur Bundestagswahl 2025 in einem Jahr jedoch auch klare Chancen erkennen. Und diese liegen nicht nur – aber auch – in der Schwäche der anderen. Sie liegen auch in der Stärke Robert Habecks.

Mit aktuell 11-13% in den nationalen Umfragen notieren die Grünen nur wenig unterhalb ihres Wahlergebnisses von 14,8% im Jahr 2021. Sie ist die robusteste der Ampelparteien. Die FDP kam vor drei Jahren noch auf 11,5% und steht heute bei immer noch erstaunlichen 3-5%. Die SPD errang 25,7% und steht bei 15%. Umfragengewinner sind die Union, die von 24,1% auf 31-33 % zulegt, AfD von 10,3% auf 17-18% und BSW auf 8% national.

Auch wenn Heizungstechnologien und Energiewende, Elektromobilität und Radwege zum lustigen Draufschlagen in bestimmten Kreisen einladen, ist eine andere Entwicklung beachtenswert: Die Themenbedeutung von Klima- und Umweltschutz notiert immer noch in fast allen Erhebungen auf Platz 2 oder 3 der Dringlichkeit. Robert Habeck hat sich wieder auf einen der mittleren Plätze in der Politikerbewertung hochgearbeitet und gesellschaftspolitische Themen werden bei einem Kandidaten Merz auf Unionsseite an Relevanz zunehmen. Auch die aktuellen Top-Themen wie Migration und Wirtschaft müssen nicht zwingend in einem Jahr noch die Debatten dominieren.

Hinzu kommt, dass nach dem beliebten Motto „Aktion-Reaktion“ auf den aktuellen Backlash auch eine Gegenbewegung folgen kann. Für mehr Umweltschutz, gegen einen Rechtsruck, der auch die Union unterwandert, für die Verteidigung gesellschaftlicher Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Minderheitenschutz etc., für Fortschritt gegen Rückschritt oder Stillstand. Diese Bewegung braucht einen Anführer.

Merz ist wiederum in seinem Grünen-Bashing gefangen, das er einst losgetreten hat und nun nicht mehr los wird. Weil viele seiner Leute ihn ernst genommen haben und sich nicht mehr einfangen lassen. Von Markus Söder wurde Merz wiederum nie ernst genommen und er überfüllt dessen vermeintlichen Auftrag nur, weil er ihm damit am effektivsten schaden kann. Denn Merz verliert natürlich eine wichtige Option, die er aber am Ende doch noch brauchen wird – wenn die Grünen an der SPD vorbeiziehen. Was bleibt ihm sonst übrig?

Die Union ist also wieder dort, wo sie 2020/21 schon einmal war: So siegessicher und selbstberauscht, dass sie sich wieder lustige Ränkespiele bis in die Zielgerade meint leisten zu können. Das Kandidatenkarussel der Union ist wieder neu eröffnet, Brücken in alle Richtungen werden eingerissen – auch innerparteiliche.

Zurück zu den Grünen, denen alles hilft, was den anderen schadet aber denen auch das weitere Kandidatenumfeld in die Hände spielt: Habeck kann reden und Emotionen in Worte fassen und auslösen. Habeck kann im zunehmenden Kulturkampf der Republik das immer noch relevante progressive Lager hinter sich versammeln, motivieren, vielleicht sogar klimaneutral elektrisieren.

Und viele Merkel-Wähler:innen die 2021 von der Union zur SPD gewechselt waren, sind heute wieder heimatlos. Nicht nur, aber erst recht im Vergleich zu Merz und Scholz hat Habeck definitiv einen „Schlag bei den Frauen“ (sagt meine Mama). Vielleicht kann er sogar noch eine kleine Portion aus den Konkursmassen von FDP und Linken abgreifen.

Ein weiterer Vorteil: Die Grünen sind eine urbane und speckgürtelstarke Partei, weshalb aktuelle Wahlergebnisse der Ost-Wahlen in Bezug auf die BTW wenig Relevanz haben, da im Osten ja kaum jemand wohnt. Von etwa 83,5 Mio. Bundesbürgern leben noch 12,6 Mio. im Osten (ohne Berlin), so dass die deutlich dichter besiedelten Regionen im Westen plus Berlin und die wenigen Städte im Osten viel wichtiger sind. Das ist ein großer Vorteil für die Grünen, die sich im Mittel- und Personaleinsatz konzentrieren können.

Bei einer aus Sicht vieler progressiver Wähler:innen wenig attraktiven Wiederauflage der Großen Koalition – und dann noch unter Merz – können die Grünen und Habeck das von nicht wenigen erwünschte Korrektiv sein. Und das kann entscheidend sein, um am Ende als Nr. 2 durch die Zielgerade zu kommen. 46-48% der Wählerstimmen können für eine Zweier-Konstellation reichen – und es ist gut möglich, dass Union/SPD daran scheitern Union/Grüne aber nicht.

Als Warnung vor der GroKo kann sich Habeck einen aktuell wohl bekannten Schlachtruf ausleihen und mit eigenen Inhalten und Parolen füllen: We are not going back!

Das kann klappen.

Es ist diese Zeit in der Kampagne.

Die Union hat in ihrem erratischen Kampf gegen den drohenden Untergang ihr letztes Pulver verschossen. Aber selbst das Pulver war nass. Wir biegen ein in die letzte Runde des „Mega-Giga-Supersexy-Superwahljahres.“

Die jüngsten Umfragen sind rund um den 17.9. eingetroffen und stabilisieren sich. Sie beinhalten alles, was die Union noch im Köcher hatte: Rot/Rot/Grün, Friedrich Merz, einen CDU-Wahlkämpfer, der im Nebenberuf Staatsanwalt in Osnabrück ist, einen CSU-Parteitag, zwei Trielle, unzählige weitere Formate von Arenen bis Klartexten und Uschi Glas.

Nach der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF vom 17.9. trauen 67% der Befragten Armin Laschet das Amt des Bundeskanzlers nicht zu. Hingegen trauen 67% Olaf Scholz das Amt zu. 67% Nein : 67% Ja. Das ist desaströs für Armin Laschet und zeigt einmal mehr: Das Problem der Union in dieser Kampagne heißt Armin Laschet. Nur Armin Laschet konnte dieses Problem mit überzeugenden Auftritten lösen und es ist ihm nicht gelungen. Lässt man den Soziologen-Sprech einmal weg wird eines klar: Die Menschen in Deutschland können Armin Laschet einfach nicht ausstehen. So einfach ist das manchmal.

Die Laschet-Kampagne hat sich in den letzten Tagen entscheiden müssen, woher sie gegebenenfalls noch die letzten Stimmen zusammenkratzen kann, um doch noch vor der SPD ins Ziel zu kommen. Wenig originell hat sie sich für die FDP entschieden. Logisch ist das insofern, da die FDP nur deshalb zweistellig notiert, weil sie von dem Laschet-Fallout der Union profitiert. Ein Kandidat Söder hätte die FDP kleiner gehalten. Deshalb hat die Laschet-Kampagne Friedrich Merz wieder nach vorne geschoben. Daher spricht Armin Laschet plötzlich über „Entfesselung“ der Märkte und Bürokratieabbau. Das ist FDP-Sprech und heißt für die große Mehrheit der Bevölkerung übersetzt: Abbau von Arbeitnehmerrechten, Sozialstaat und Verbraucherschutz. Und genau hier zeigt sich das Dilemma: Diese Botschaften sind nur für die FDP-Klientel attraktiv und für absolut niemanden sonst. In einigen Umfragen klappt das: Die Union gewinnt 1-2 Punkte auf Kosten der FDP. Die Krux an der Sache: Da die SPD auch weiter stabil bleibt oder sogar dazugewinnt – zum Teil von den Grünen – kann es am Ende nicht einmal mehr für Jamaika reichen – der letzten Option Laschets auf das Kanzleramt.

Friedrich Merz ist seit gut 20 Jahren ein Scheinriese der deutschen Politik und hat dieses Alleinstellungsmerkmal erfolgreich verteidigt. Er ist eine von seiner Partei und Fraktion mehrfach abgelehnte Geheimwaffe für nichts. Und außerdem noch ein Mann ohne jegliche Regierungserfahrung. Heute notiert er in der „Beliebtheitsskala“ der Forschungsgruppe bei -0,3 auf dem vorletzten Platz. Hinter ihm nur noch: Armin Laschet (-0,4). Minus mal Minus ergibt für die Union in diesem Wahlkampf: Minus.

Gleichzeitig sehen wir, dass das Kompetenzthema der SPD „Soziale Gerechtigkeit“ bei der persönlichen Wahlentscheidung auf Platz 1 liegt (FGW). Die SPD legt auch in anderen Kompetenzfeldern zu und das bereits beständig in den vergangenen Wochen korrespondierend mit ihren besseren Umfragewerten und den positiven Werten für Olaf Scholz. Außerdem wird ihre Arbeit in der Bundesregierung mittlerweile deutlich besser bewertet als die der Union – auch das war bisher nicht der Fall gewesen.

Wir erleben die Postrationalisierung einer bereits getroffenen Entscheidung.

Das bedeutet, die Menschen haben sich für Olaf Scholz entschieden (und auch sehr stark gegen Armin Laschet). Dafür müssen sie jetzt aber SPD wählen. Damit das zusammenpasst, rechtfertigen sie diese eher „emotionale“ Entscheidung vor sich selbst – aber auch in ihrem persönlichen Umfeld – durch die rational zur SPD passenden Themen. Die SPD war auch nie so sehr in Misskredit, dass dies nicht möglich ist.

Für die SZ hatte ich vor ein paar Tagen geschrieben: „Die Menschen saufen sich jetzt die SPD schön, damit sie zu ihrer Entscheidung für Olaf Scholz passt.“ Das haben manche als kritisch gegenüber der SPD empfunden. Im Gegenteil! Alles an diesem Vergleich ist doch schön. Vor allem aber: Gegen so etwas ist die andere Seite natürlich völlig machtlos.

Hinzu kommt, dass Scholz tatsächlich diese sozialen Themen (12 EUR Mindestlohn, Rente – aber vor allem auch das Überthema „Respekt“) seit über einem Jahr für sich absteckt. Laschet ist in diesem Bereich völlig blank. In seinem Bestreben, Wähler von der FDP zurückzugewinnen, ist er außerdem gezwungen, deren traditionelle Themen („Entfesselung“, „Entbürokratisierung“) zu fahren. Für Soziales bleibt da gar kein Platz mehr. Und Friedrich Merz hat beim Thema soziale Gerechtigkeit imagemäßig so viel Kredit, wie RWE bei Fridays for Future. Der Nährboden für dieses Thema wurde zusätzlich durch Corona und die damit verbundenen Lohneinbußen oder gar Existenzängste geschaffen. Es ist also da – und die Union hat nichts zu bieten. Außer vielleicht die Mütterrente der CSU, die Laschet aber ablehnt. Hier zeigt sich einmal mehr, wie konfus und kaputt diese Unions-Kampagne ist. Nichts passt zueinander, nichts lässt einen vermuten, dass es jemals eine Strategie gab. Noch nicht einmal eine gescheiterte.

Was kann jetzt noch geschehen: Ich denke, dass der „Justizskandal aus Osnabrück“ oder die „Razzia bei Scholz“ (je nach Sichtweise) ein typischer Kampagnen-Aufreger kurz vor Toresschluss bleiben wird und keinen wirklich interessiert. Wir werden nach der Wahl nie wieder etwas davon hören. Case closed. Hoffentlich wird er besonders den Verantwortlichen in Osnabrück und anderen, die ihr Amt gerne instrumentalisieren wollten, eine Lehre sein: Noch funktionieren in Deutschland die Kontrollmechanismen auch der Medien gegenüber einer unzulässigen Einmischung in einen Wahlkampf. Diese Einmischung kam diesmal nicht von Wikileaks oder Putin-Trollen sondern direkt aus der Staatsanwaltschaft unter Mitwisserschaft der Niedersächsischen CDU-Justizministerin. Manchen in der Union ist scheinbar alles egal.

Gelaufen ist dieses Rennen aber erst am 26.9. Der Vorsprung der SPD vor der Union liegt bei 2-5 Prozentpunkten. Da haben wir schon an manchen Wahlabenden gesehen, dass da noch Überraschungen möglich sind. Dagegen sprechen alle vorliegenden anderen Werte, sowie der fehlende Trend zur Union.

Aber: Ein paar Grünen-Anhänger die den Vorsprung der SPD für zu sicher halten und wieder zu den Grünen zurückgehen, ein paar mehr FDP-Wähler und Unentschlossene, die am Ende doch noch unter Schmerzen Laschet wählen – und schon kann die Union doch noch vorne liegen.

Möglich ist auch, dass die SPD am Wahltag selbst noch einmal zulegt, weil der Trend Genosse ist und vor allem viele Laschet einfach verhindern wollen. Oder aber es bleibt alles in etwa so wie heute: Stabil.

Wenn der Pulverdampf verzogen ist, wird jedenfalls eines bleiben: Der kurioseste Wahlkampf der Nachkriegsgeschichte.

Und eines, was man kaum noch für möglich gehalten hatte: Eine nahezu perfekte SPD-Kampagne. Basierend auf einer klaren Strategie, klaren Verantwortlichkeiten, einem absolut geschlossenen Führungsteam, einem teamfähigen Spitzenkandidaten und einem klaren Plan. Wie auch immer das Ergebnis am Ende aussehen wird: Die SPD wird am oberen Ende ihrer Möglichkeiten landen und die Union unterhalb ihrer schlimmsten Albträume.

Ja, die SPD profitiert von den Fehlern der anderen. Aber sie konnte das nur, weil sie selbst perfekt vorbereitet war. Sie hat aus ihren Fehlern der vergangenen beiden Wahlen gelernt und alle Erwartungen übertroffen.

„Erst kommt das Team, dann folgt der Untergang“ – Das heute-journal Interview

Marietta Slomka führte für das heute journal vom 3.9.2021 ein Interview mit mir zu den jüngsten Zahlen des ZDF Politbarometers aber auch zur Teamvorstellung von Armin Laschet.

Um die Dimension der Probleme von Armin Laschet zu begreifen, kann man auch die Beliebtheitswerte anderer Kandidaten bemühen. Rudolf Scharping hatte um den Wahltag 1994 herum einen Wert von +0,9, Martin Schulz kam 2017 auf +1,1. Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück notierten noch darüber. Armin Laschet liegt am 3.9.2021 bei einem Negativrekord von -0,8.

Seit dem die Forschungsgruppe Wahlen die Werte für die wichtigsten Politiker:innen erhebt, ist Armin Laschet mit -0,8 der historisch am schlechtesten bewertete Kanzlerkandidat. Am nächsten kommt ihm nur Annalena Baerbock mit -0,5. Olfa Scholz notiert aktuell bei +1,7. Das ist ein Spitzenwert – nur noch übertrumpft von der Kanzlerin (2,2) – die aber niemand mehr wählen kann.

Zum Interview geht es hier:

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Oder im Wortlaut hier:

Intro: Frank Stauss ist Kommunikationsberater und macht seit 20 Jahren Wahlkämpfe. Er hat eine der Agenturen, an die sich Politiker wenden, wenn sie strategische Beratung und Wahlkampagnen brauchen. Mehrfach hat Stauss die SPD beraten, unter anderem auch Olaf Scholz.

ZDF: In diesem Bundestagswahlkampf sind sie nicht aktiv im Geschirr, sondern beobachten das sozusagen von der Seitenlinie. Wenn wir uns jetzt die Strategie der Union ansehen, Furcht vor einem Bündnis mit der Linkspartei im Bund zu wecken und damit Wähler zu mobilisieren, kann das für die SPD für Team Scholz sozusagen ein strategisches Problem werden?

Frank Stauss: In den Kampagnen der letzten Jahre hätte ich das klar bejaht, weil es in der Vergangenheit – ob das jetzt die Kampagnen von Steinbrück, von Steinmeier oder von Schulz waren – eine der wenigen Machtoptionen war. Oder zum Teil auch die einzige, die die SPD überhaupt hatte. Jetzt ist es allerdings anders.

Da sie (die SPD) jetzt in allen Umfragen die Nummer eins ist, hat sie natürlich viel mehr Machtoptionen überhaupt.

Also neben dieser Linkskoalition auch noch die Ampel. Dann natürlich, unabhängig davon, ob das jemand will, auch eine Große Koalition unter Führung der SPD. Eine Koalition mit der Union und den Grünen und so weiter und so fort. Und dadurch hat das natürlich nicht den Stellenwert, den das sonst in Kampagnen gehabt hätte.

ZDF: Wobei es ganz interessant ist – das ist auch so eine Zahl aus unserem Politbarometer – dass zwei Drittel der Befragten sagen, sie gehen schon davon aus, wenn die Mehrheitsverhältnisse entsprechend sind, dann macht das Herr Scholz mit der Linken trotz aller Vorbehalte, die es da gibt. Und 60 Prozent finden das überhaupt nicht gut. Also kann das nicht schon auch ehemalige Merkel-Wähler abschrecken? Wie sollte die SPD damit umgehen? Was würden Sie als Wahlkampfberater sagen?

Stauss: Die Kampagne der Union zielt ja genau darauf ab. Auf der anderen Seite hat eben dieses Politbarometer auch erhoben, dass es den meisten Menschen egal ist, ob die SPD jetzt im Vorfeld eine solche Koalition ausschließt. Das ist für mich ein ganz wichtiger Indikator. Denn es bedeutet, dass sie es zwar grundsätzlich nicht wollen, dass sie aber gleichzeitig dieser Frage keine so große Bedeutung zumessen.

Ich glaube, letztendlich ist es ein Nullsummenspiel, weil eben es so viele Optionen gibt. Und am Ende werden sich die Menschen, eben weil es so viel Verwirrung und Orientierungslosigkeit gibt, an den Personen orientieren. Und das ist ja gerade das große Problem von Armin Laschet, dass die Menschen eben Olaf Scholz nicht zutrauen, dass er eine instabile Koalition anführen würde.

ZDF: Stichwort Team Laschet: Drei Wochen vor der Wahl und dann immer noch so im Abwind – was kann man da eigentlich als Wahlkampfmanager überhaupt noch machen oder empfehlen?

Stauss: Ja, also meine Empfehlung ist da immer ganz klar, die Finger von einem Team zu lassen. Für mich gilt die Formel: Kommt das Team, folgt der Untergang. Das hat noch nie funktioniert. Ich erinnere mich an die Kampagne von Frank Walter Steinmeier, der ein Team in der Größenordnung einer Fußballmannschaft inklusive Ersatzkader präsentiert hat. Das hat alles nicht gefruchtet.

Heute muss der Mann sein Leben als Bundespräsident verbringen.

Ich erinnere mich an Rudolf Scharping, der von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine gestützt werden sollte, aber eher gestürzt wurde. Also dieser Teamgedanke funktioniert nicht, und das hat auch eine ganz einfache Erklärung:

Es gibt kein Team im Bundeskanzleramt, es gibt da exakt einen Stuhl. Auf dem sitzt dann am Ende der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin.

Und deswegen orientieren sich die Menschen tatsächlich an den Kandidaten.

ZDF: Aber versucht man nicht doch auch verschiedene Flügel damit abzudecken? Also zum Beispiel, indem man sagt, dass Herr Merz eine Rolle spielen soll, um CDU-Stammwähler, die das gut finden, zu erfreuen?

Stauss: Ja, das ist im Prinzip der Gedanke. Aber meine Erfahrung ist: Er funktioniert nicht, weil die Menschen sagen, man kann eine Kanzlerkandidatur nicht delegieren. Man kann auch eine Kanzlerschaft nicht delegieren. Das, was Herr Laschet gerade präsentiert hat, sind die verschiedenen Flügel seiner Partei. Die interessieren aber wiederum die Wählerinnen und Wähler nicht so richtig.

Herr Merz ist ein Angebot für den wirtschaftsliberalen Flügel, ist auch ein bisschen den Angriff an die FDP, von der die Union gerne wieder ein, zwei Prozentpunkte zurückhaben würde. Aber letztendlich ist meine Erfahrung, dass diese Teams eher Verwirrung stiften, weil Herr Laschet hat vor ein paar Tagen noch ein Klima-Team präsentiert, jetzt ein Kern-Team, das hört ja gar nicht mehr auf.

ZDF: Glauben Sie, dass in den nächsten drei Wochen noch viel passieren kann? Es ist ja ein verrückter Wahlkampf, man hat ja vieles noch vor ein paar Wochen nicht für möglich gehalten.

Stauss: Ja, es ist ein komplett verrückter Wahlkampf. Aber auch mit Werten, die ich meinem Leben noch nie erlebt hatte, dass eben auch ein Kanzlerkandidat der Union so unbeliebt ist. So war keiner zuvor, weder Rudolf Scharping noch Martin Schulz hatten so schlechte Werte. Die Stimmung dreht sich eindeutig in Richtung der SPD und Olaf Scholz. Und deswegen muss die Union was tun, allerdings läuft ihr die Zeit davon.

Das Interview führte ZDF heute journal-Moderatorin Marietta Slomka.