In der neuen Folge von „61 Millionen“, dem Wahlkampf-Podcast von Hajo Schumacher und Frank Stauss, dreht sich alles um TV-Duelle, Umfragen in bewegten Zeiten, die sich aber nicht bewegen, Mitleidsstimmen und kleine Psychotricks von Profis. Enjoy.
Schlagwort: Habeck
„Die Chance der SPD ist, dass die Union vor Breitbeinigkeit nicht gerade ins Ziel laufen kann“
Zur K-Frage der SPD aber auch zum Wahlkampf ingesamt gab ich in den letzten Tagen zahlreiche Interviews. Wer Lust hat, kann hier reinlesen/hören/sehen.
Alle Termine/Interviews auf der Seite „Termine“.
26.11.2024 61 Millionen – der wöchentliche Wahl-Podcast mit Hajo Schumacher und dem Schwerpunkt Robert Habeck. Ab Dienstag, 26.11.
25.11.2024 DLF 12:10 Interview zur Entscheidung der SPD.
Zum Interview geht es hier.
25.11.2024 SWR Interview zum Wahlkampf.
Zum Beitrag geht es hier.
22.11.2024 FAZ Interview zur SPD Entscheidung und mehr.
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22.11.2024 RBB Radio Eins 13:20 Uhr
21.11.2024 Süddeutsche Zeitung Interview zur Entscheidung der SPD
20.11.2024 Phoenix-Runde 22:15 Zur K-Frage der SPD.
Zur Sendung geht es hier:
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20.11.2024 WirtschaftsWoche Interview zu den vorgezogenen Neuwahlen und den Auswirkungen auf die Parteien und Kampagnen. Zur WiWo geht es hier.
19.11.2024 61 Millionen: Der Wahl-Podcast mit Hajo Schumacher
zur K-Frage der SPD
13.11.2024 61 Millionen: Der Wahl-Podcast zur Bundestagswahl mit Hajo Schumacher und Frank Stauss und dem Schwerpunkt: Hallo Neuwahlen!
12.11.2024 STERN Interview zur Bundestagswahl.
Zum Beitrag geht es hier
DIE WOKE WÄRMEPUMPE
Wir schreiben das Jahr 2023 und die Entscheidung für eine Heizungstechnologie bestimmt den politischen Gradmesser zwischen Wokeness und AfD-Nähe. Willkommen im gesellschaftlichen Drama des Wärme-Wahnsinns um woke Wärmepumpen, verlotterte Diskurse, verwirrte Wähler.
Wer wissen will, wie sehr der Heizungswahnsinn Deutschland erfasst hat, dem lege ich den Artikel „In einem aufgeheizten Land“ auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung vom 3.6.2023 ans Herzen. Darin begleitet Autor Jan Schmidbauer einen gutwilligen, gestandenen und nervenstarken Heizungsinstallateur auf seinen Beratungsterminen. Aus nachvollziehbaren Gründen empfiehlt er sowohl einem jungen Paar, einer älteren Dame als auch einem Bauern und dessen Sohn den Einbau einer Luft-Wärmepumpe, je nach Gegebenheit ergänzt durch Photovoltaik und weiteren Maßnahmen zur Energiegewinnung oder -einsparung. In allen drei Fällen wäre der Einbau einer Wärmepumpe technisch kein Problem. In jedem Fall führten diese Maßnahmen zu einer deutlichen Wertsteigerung der Immobilie bei gleichzeitiger Senkung der Betriebskosten. Zwei von drei entscheiden sich an diesem Tag dann für eine Gasheizung, der dritte für eine Ölheizung.
Mit ihrer Entscheidung reduzieren sowohl die ältere Dame als auch das junge Paar – bei beiden ist die bestehende Heizung kaputt, sie brauchen also so oder so eine neue – den Wert ihrer Immobilie um geschätzte 50.000 EUR – statt ihn um 50.000 EUR zu steigern. Denn wohl dem, der heute schon ein Haus mit einer modernen Heizung hat. Den Bauern mit der Ölheizung bzw. seinen Sohn werden wir dann in spätestens zehn Jahren auf einer Demo gegen die EU und die explodierenden Heizöl-Kosten wieder treffen.
Eine nicht minder ernüchternde Anekdote des Heizungsmonteurs: Nach dem Einbau einer Luft-Wärmepumpe in einem Neubauobjekt habe sich der Nachbar in den Tagen danach über die Lärmbelästigung beschwert. Zu einem Zeitpunkt, als der Monteur die Heizung noch gar nicht angeschaltet hatte.
Umweltschutz und Klimawandel spielten bei der Entscheidung keine Rolle – auch nicht bei den jungen Eltern. Eher drängt sich der Verdacht auf, dass die Wahl der (Alt-)Technologien ideologiegetrieben waren.
Willkommen im Deutschland des Jahres 2023, in dem eine Luft-Wärmepumpe Zeichen von Wokeness zu sein scheint und man lieber dem Habeck eines auswischt, als sich selbst und seinen Nachkommen etwas Gutes zu tun.
Wie konnte es soweit kommen und wer treibt diesen Irrsinn, der Menschen zu offensichtlichen und kostenintensiven Fehlentscheidungen animiert, eigentlich an?
Das Wärmepumpen-Desaster ist nur ein Aspekt eines verlotterten politischen Diskurses bei gleichzeitigem Click-Bait-Kalkül vieler Medienhäuser im Augenblick höchster Verunsicherung der Öffentlichkeit angesichts multipler Krisen, einer verkrachten Regierung und einer Opposition, die ihre Orientierungslosigkeit mit populistischer Rhetorik zu kaschieren versucht.
Die Mischung macht’s. Und diese Mischung ist toxisch.
Denn sie erfüllt alle Voraussetzungen für eine Abwärtsspirale im gesellschaftlichen Diskurs, die schwer wenn überhaupt wieder umzukehren ist.
Beginnen wir bei Punkt 1: Der verlotterte politische Diskurs
Kein verantwortungsvoll handelnder Akteur kann ein Interesse daran haben, dass Immobilienbesitzer im Jahre 2023, 2024 und erst recht nicht in den folgenden Jahren, neue Heizungen einbauen bzw. alte ersetzen, die maßgeblich oder sogar ausschließlich mit fossilen Brennstoffen betrieben werden.
Selbst wenn man der Meinung ist, dass man dies nur dringend empfehlen und nicht gesetzlich vorschreiben sollte, muss die Empfehlung immer lauten:
„Liebe Leute, baut keine neuen Gas- oder Ölheizungen ein, sondern setzt auf Wärmepumpen, Solar und Photovoltaik – sowie auf alle Alternativen, die bei euch in der Region zur Verfügung stehen. Zu eurem eigenen Nutzen. Ihr schadet euch, dem Wert eurer Immobilie und ganz nebenbei auch noch der Umwelt, wenn ihr das anders macht.“ – Mit freundlichen Grüßen CDU/CSU, FDP, SPD, Grüne, Linke, FW.
Was wir stattdessen zu hören und sehen bekommen sind substanzlose Phantasien von E-Fuels, angeblicher Technologieoffenheit (FDP) und einem „Heizungs-Hammer“ (CDU/BILD). Die CDU sammelt sogar Unterschriften mit der Argumentation „Dieser Heizungs-Hammer trifft die Menschen mit voller Wucht. Viele haben Angst …“ Eine Angst, welche die Partei wider besseren Wissens selbst schürt.
In der CDU-Kampagne findet sich kein einziger Hinweis darauf, dass es grundsätzlich schon sehr sinnvoll wäre, auf erneuerbare Energien umzusteigen.
Es findet sich auch kein Hinweis darauf, dass in dem bisherigen Entwurf nur irreparabel defekte Heizungen in Bestandsbauten und Neubauten betroffen sind. Was bedeutet, dass alle mit einer funktionierenden Heizung sich sowieso um gar nichts kümmern müssen und diese auch erst ersetzen müssen, wenn sie nicht mehr repariert werden kann – also dann, wenn sie sowieso eine neue Heizung brauchen. Wie bisher warten Häuslebesitzer also darauf, dass irgendwann einmal die Heizung den Geist aufgibt. Ob das in 5, 10, 15 oder 20 Jahren ist. Und dann kauft man wie bisher eine neue. Und wählt aus dem dann verfügbaren Angebot.
Stattdessen weisen eigentlich wirtschaftsfreundliche Parteien ihrer eigenen Klientel einen Weg, der wie in dem erwähnten Artikel zu einer offensichtlichen Wertevernichtung führt.
Punkt 2: Der mediale Click-Bait-Hammer
Überschriften, die bei diesem aber auch anderen Themen mit bewusst verzerrten oder ins groteske verkehrten „Informationen“ arbeiten, betreffen nicht nur die BILD. Sie sind allgegenwärtig.
Besonders der Hinweis darauf, dass es hier nicht um ein Verbot bestehender Heizungen geht, wird nicht nur in der Headline sondern gerne auch im Text selbst unterschlagen. Sehr ähnlich wie schon beim angeblichen EU-weiten „Verbrennerverbot“ 2035, bei dem es ausschließlich um die NEUZULASSUNG von Fahrzeugen geht. In mehr als einem Jahrzehnt werden also keine Verbrenner mehr neu zugelassen. Keiner muss seine zuvor erworbene Möhre aufgeben, sondern kann sie fahren, bis sie ihm unter dem Hintern wegrostet.
Aber die Erfahrung zeigt: Wer Aufregung schürt, erhält Aufmerksamkeit.
Dass diese aufregende bis verhetzende Methode vor allem unvollständige oder „Alternative Wahrheiten“ produziert und damit den Diskurs in einer Gesellschaft vergiftet – das ist der Preis, den wir am Ende alle zahlen.
Punkt 3: Multiple Krisen und eine verkrachte Regierung.
Wer diesem Blog folgt weiß, dass die zentrale Aufgabe einer Regierung in Zeiten multipler Krisen darin besteht, Orientierung und Halt zu bieten. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Die Folgen: Vertrauensverluste für ausnahmslos alle demokratischen Akteure und Institutionen auf breiter Ebene.
Das Vertrauen in die politische Führung Deutschlands erodiert und ist gleichzeitig hoch volatil. Politiker:innen werden in bisher nicht gekanntem Ausmaß in der Beliebtheit nach oben katapultiert, nur um wenige Monate später das Schlusslicht zu bilden. Baerbock, Spahn, Habeck, Lauterbach – es ist ein einzige Achterbahnfahrt.
Sehr deutlich wird dies in den seit Jahrzehnten erhobenen Daten der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF. Zum Beispiel bei der Bewertung der Spitzenpolitiker:innen. Über die letzten dreißig Jahre notierten dort selbst mäßig beliebte Politiker:innen fast durchgehend im deutlich positiven Bereich auf einer Skala von +5 bis -5. Ein ordentlicher Mittelwert lag bei etwa 1.0, ein Spitzenwert bei 2.0. Eher schlecht bewertet wurde man mit 0,5.
Angela Merkel notierte zum Ende ihrer Amtszeit im Mai 2021 bei +2,2, Olaf Scholz landete bei +1,0 das Schlusslicht bildete Christian Lindner mit 0,0. Niemand in der Top 10 notierte negativ. Der Bundesregierung attestierten 62% der Befragten, einen „guten Job“ zu machen. (Politbarometer KW 18 2021). Diese ungefähre Bandbreite der Werte hatten über fast drei Jahrzehnte Bestand. Aber nicht mehr in den letzten Monaten.
Im Mai 2023 attestiert nur eine Minderheit von 41% der Bundesregierung eine gute Arbeit. Die Top 10 der Politiker:innen sinkt schon nach dem 3. Platz in den negativen Bereich (1. Pistorius +1,7; 2. Scholz +0,5, 3. Baerbock 0,0.). Die Repräsentant:innen der Opposition profitieren im Gegenzug nicht von dem schlechten Erscheinungsbild der Bundesregierung. Oppositionsführer Merz landet mit -0,3 noch vor Söder (-0,4). Einstmalige Spitzenreiter wie Lauterbach (-0,1) oder Habeck (-0,6) werden nach unten durchgereicht. Deutliches Schlusslicht ist Frau Wagenknecht mit -1,4.
Diese und noch viele weitere Daten bezeugen, dass zwischen 2021 und 2023 ein deutlicher Vertrauensverlust in die handelnden Akteure an der Spitze von Regierung und Opposition stattfand.
Merz, Söder und auch mal wieder Spahn suchen nun ihr Heil einmal mehr am rechten Rand der Rhetorik und bedienen sich dem beliebten AfD-Sprech vom Heizungs-, Gender-, Migrations-Wahnsinn.
Wie schon so oft bewiesen – nicht nur in Deutschland – gewinnen sie damit nichts, stärken aber die AfD.
Die FDP versucht sich weiter an dem in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mehrfach gescheiterten Weg der Opposition in der Koalition, die Grünen irrlichtern, reflektieren und reagieren weiter glücklos kommunikativ und die SPD versucht sich mal wieder darin, es allen und damit niemandem recht zu machen.
Na, herzlichen Glückwunsch uns allen.
Noch erweist sich Deutschland als relativ stabil in Bezug auf einen ausufernden Populismus. Aber die Entwicklung ist keine Gute – die Richtung falsch und die Konsequenzen bedrohlich.
So, ich gehe jetzt wieder in den Keller und streichle unsere Luft-Wärme-Pumpe, die aktuell im Sommerschlaf ruht, aber dennoch etwas Liebe und Zuneigung verdient hat. Sie arbeitet seit 2007 verlässlich in unserer Reihenhaussiedlung und leidet an dem Maß an Mißtrauen, Ausgrenzung und Häme, das ihr zur Zeit entgegenschlägt.
Die Würfel fallen noch.
Die Bundestagswahl 2021 schreibt jetzt schon Geschichte – eine strategische Einordnung von Richel, Stauss.
Es ist kompliziert. Und deshalb der Beitrag auch lang. Für Schnellleser hier das Executive Summary: Es ist kompliziert. Details dann hier:
Das gab es noch nie. Eine Bundestagswahl, bei der die/der Amtsinhaber*in nicht mehr antritt, aber bis zur letzten Stunde noch regiert. Eine Union mit zwei Kanzlerkandidaten – einem offiziellen und einem inoffiziellen. Eine Bundestagswahl, bei der noch nicht von vorneherein feststeht, dass das Kanzleramt entweder an die CDU oder die SPD geht. Und noch eine Pandemie obendrauf. In jedem Fall beobachten wir Geschichtsschreibung live, bevor auch nur ein Mensch gewählt hat. Gut, dann sortieren wir das mal.
Nehmen wir alle Erfahrungswerte zusammen – und diese sind aufgrund der Ausgangslage weniger belastbar denn je – ist der wahrscheinlichste Fall, dass die Union auch nach der Bundestagswahl den Kanzler stellen und die Bundesregierung anführen wird. Dass etwas anderes nach den letzten Umfragezuwächsen über das Jahr 2020 überhaupt denkbar ist, sollte ihr allerdings zu denken geben.
Ihren Tiefpunkt in den Umfragen erreichte die Union – trotz der beliebten Kanzlerin – bisher im März 2020 mit 25-26%. Aktuell notiert sie knapp darüber. Trotz zahlreicher Korruptionsaffären und desolatem Erscheinungsbild.
Gehen wir also von einem belastbaren Tiefpunkt um die 25% aus, liegt dieser immer noch mindestens 10 Prozentpunkte über dem der SPD. Die Grünen hatten ihren Umfrage-Peak rund um die Europawahl 2019 mit 26-27%. Im Coronajahr 20/21 stabilisierten sie sich bei um die 18-20% und klettern aktuell wieder etwas nach oben.
Auf Basis der Potenziale der Parteien ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen dann möglich, wenn die Grünen ihr Hoch beständig ausbauen und an die Grenzen ihres Potenziales stoßen. Also 100% Mobilisierung. Gleichzeitig müsste die Union am unteren Ende ihres Potenziales andocken, was eben bei besagten 25% liegen wird.
Für einen Vorsprung der Union sprechen die längerfristigen Wählerüberzeugungen und das gefestigte Wählerpozential in der älteren Wählerschaft über 60. Diese Wähler*innen sind meist treue Stammwähler, sehr auf Stabilität bedacht und bilden das größte Segment.
Apropos Stabilität: Geht das rasante Impftempo der letzten Tage so weiter, können wir davon ausgehen, dass bereits deutlich vor der Wahl Ende September alle geimpft sind, die es wollen. Also gute 75% der Impfberechtigten. Viele werden auch wieder einigermaßen „normale“ Urlaube verbringen können. Der zum Teil vorhandene Groll gegenüber Teilen der Regierung wird daher nicht mehr vorne auf der Tagesordnung stehen, sondern andere Themen. Welche das sein werden? Nun, mit Sicherheit die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. In vielen Städten werden wir miterleben müssen, dass Geschäfte, Bars und Restaurants zwar wieder öffnen dürfen, nicht wenige es aber nicht mehr können. Das ist ein spürbarer und sehr sichtbarer Niedergang.
Gleichzeitig spricht schon heute einiges dafür, dass die Konjunktur weltweit zu einem Nachhol-Wettlauf ansetzt und zumindest das Rückgrat des Wirtschaftsstandortes Deutschland – die vielen mittelständischen und exportorientierten Betriebe ebenso wie die Industrie – erst einmal boomen werden.
Die Kosten der Pandemie werden allerdings ebenso in den Fokus rücken und damit seriöses und erfahrenes Wirtschaften. Theoretisch spräche das auch für Olaf Scholz und die SPD, faktisch aber nicht. Denn diese Kompetenzen – ob zu Recht oder Unrecht – liegen in den Augen der Wähler*innen bei der Union.
Das Kernthema „Umwelt/Klima“ der Grünen lag im Januar 2020, also noch bevor Corona Deutschland erreicht hatte, felsenfest auf Platz 1 der wichtigsten Themen der Deutschen. Satte 45% der Befragten sahen das so (FGW Politbarometer KW03/2020). Die Themen Wirtschaft und Arbeit schafften es im saturierten und erfolgreichen Deutschland noch nicht einmal unter die Top 10.
Aktuell dominiert selbstredend Corona (85%) – aber immerhin liegt der Klimaschutz noch auf Platz 2 (18%). Allerdings folgt die Wirtschaft diesmal auf Platz 3 (8%). Kernthemen der Sozialdemokratie (Soziale Gerechtigkeit, Gesundheit, Arbeitsmarkt) finden sich mit 3% unter ferner liefen, ähnlich der AfD-Kompetenzschwerpunkt Asyl/Ausländer (4%). (FGW KW12 2021).
Daraus folgt: Die Themenschwerpunkte der Union und der Grünen haben beste Voraussetzungen, sich bei abnehmender Corona-Themendominanz weiter nach vorne zu entwickeln.
Da dies aber für beide Parteien gilt, ist die Chance hoch, dass am Ende die Partei mit dem belastbareren Stammwählerpotenzial die Nase vorne haben wird.
Außerdem haben beide möglichen Spitzenpersonen der Grünen ihre Defizite. Baerbock hat noch keine 5 Minuten irgendwen, irgendwo, irgendwann regiert, was beim Kampf ums Kanzleramt schon ein wenig hinderlich ist und Habeck ist eine lose Kanone an Bord mit erheblichem Word-Fail-Faktor. Da mag man am Ende einem wie auch immer wurstigen Ministerpräsidenten von NRW doch mehr zutrauen.
Schwarz/Grün würde dies dann bedeuten, und zwar mit einer eigenen Mehrheit für dieses Zweierbündnis, das die Mehrheit der Deutschen sowieso bevorzugt. Weil die Deutschen Zweierbündnisse immer bevorzugen, bis sie eben von einem anderen Modell regiert werden und das dann auch ganz gut finden (siehe Rheinland-Pfalz).
Was passiert in einer solchen Gemengelage dann mit den anderen Parteien?
Nun, nichts Gutes.
Kommt es auf Basis der zukünftigen Entwicklung zu einem ernstzunehmenden Wettlauf um Platz 1 zwischen Union und Grünen geht dies erfahrungsgemäß zu Lasten der anderen Parteien. Und zwar in dem Maße, in dem deren Wähler*innen als Zweitpräferenz einen der beiden wettkämpfenden Spitzenreiter nennen.
Bei einem Wettrennen zwischen Union und Grünen, bei dem die Umfragen in den letzten Tagen vor der Wahl voraussagen, dass eine Zweier-Koalition dieser Parteien möglich ist und es jetzt nur noch darum geht, wer von beiden die Nummer 1 ist, werden viele Anhänger der FDP zur Union wechseln und viele Anhänger der SPD zu den Grünen.
Selbst die im Lager der AfD nur noch selten anzutreffenden strammen Konservativen, die noch nicht zu Nazis mutierten, werden im Zweifel zur Union wechseln, um wenigstens die Grünen zu verhindern. Das sind aber nicht mehr so viele. Allerdings zählt im Rennen um Platz 1 jedes halbe Prozent. Und der Abgang der in diesen Kreisen verhassten Kanzlerin macht manchem AfD-Wähler die Wahl der Union wieder möglich.
Deutlicher wird es aber SPD und FDP treffen, denn auf Landesebene haben wir die kommunizierenden Röhren von Union/FDP und SPD/Grünen schon häufiger erleben können.
Die über viele Jahre von der FDP-Führung genährte Aversion gegen die Grünen, könnte ihr am Ende zum Verhängnis werden und ihre Wähler zur Union treiben, um auf jeden Fall eine grüne Kanzlerschaft zu verhindern. Das würde nicht nur die aktuelle Zweistelligkeit der FDP gefährden, sondern könnte im für sie schlimmsten Fall zu einem erneuten Scheitern an der 5% Hürde führen.
Nicht weniger dramatisch stellt sich in diesem Szenario die Zukunft der SPD dar: Schon heute von mageren 15-16% startend, könnte sie der Wettlauf zwischen Union und Grünen die Zweistelligkeit kosten. Das ist natürlich das absolute Horrorszenario für die SPD – aber ein mögliches.
Nun sind es aber noch 5 Monate hin bis zur Wahl. Und deshalb macht es Sinn, auch noch einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen: Das Personal.
Die Kandidat*innen.
Die SPD hat von den in den letzten drei Bundestagswahlkämpfen begangenen Fehlern dieses Mal zumindest einen ausgemerzt. Unter den bereits seit vielen Jahren extrem schwierigen Startbedingungen war es absolut richtig, die Kanzlerkandidatur früh zu klären und sich damit einen Startvorteil gegenüber Union und Grünen zu verschaffen.
Einen Startvorteil verschafft man sich allerdings, um dann auch zu starten.
Bisher ist davon in der allgemeinen Öffentlichkeit jedoch noch nicht viel angekommen. Was sich auch in den Umfragen widerspiegelt. Natürlich hat Corona viel Zeit, Energie und Nerven der Regierungspartei und des Kanzlerkandidaten gefressen. Allerdings blieb bisher ein beeindruckender Aufschlag irgendwelcher Art – programmatisch, kommunikativ oder kreativ aus. Schade, eigentlich. Aber wahrscheinlich kommt das noch. Die Zeit, zu der man die Aufmerksamkeit alleine gehabt hätte, ist allerdings vorbei.
Das zweite große Dilemma der jüngsten Wahlkämpfe der SPD war die Frage der Machtoption bei schwierigen Umfragewerten.
Nehmen wir die oben angeführten Themenprioritäten der Deutschen ernst, dann kann es für die SPD nur eine einzige Machtoption geben: Die Ampel.
Und zwar so, wie sie in Rheinland-Pfalz nicht nur funktioniert hat – sondern gerade sogar mit deutlichem Stimmenzuwachs bestätigt wurde. Die Ampelkoalition dort regierte fünf Jahre lang mit nur einem Sitz Mehrheit im Parlament so gut, dass sie jetzt über eine Mehrheit von neun Sitzen verfügt.
Alleine auf Basis der Themen gibt es kein Szenario, in dem Rot-Rot-Grün eine Mehrheit bilden kann. Von den sonstigen Schwierigkeiten ganz abgesehen. Diese Kombination verfügt im Wahljahr 2021 über keinerlei Wachstumspotenzial. Die dominanten Themen sind Corona, Umwelt, Wirtschaft und in keinem davon verfügt die Linke über irgendwelche Kompetenzzuordnungen aus der Wählerschaft, die diesem Bündnis einen Schub bringen könnten.
Anders stellt sich die Lage für die Ampel dar. Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben beide klare Mehrheiten für eine Ampelkoalition gebracht (und die Linke ist in keinen dieser Landtage eingezogen), auch wenn die Grünen in Baden-Württemberg dort lieber mit der gerupften aber immer noch stockkonservativen CDU zusammen gehen wollten. In jedem Fall hatten SPD und FDP sich für diese Ampel stark gemacht.
Für die Bundestagswahl könnte für die Ampel dann ein Momentum entstehen, wenn die Union sich nicht wieder fängt, ihr Kanzlerkandidat versagt und der Wunsch nach einer Zukunft ohne Union in der Bundesregierung sich in der Öffentlichkeit verfestigen kann.
Das ist eine kleine, aber immerhin realistische Chance – und gleichzeitig die einzige Machtoption der SPD. Dies setzt voraus, dass die SPD Spitze überhaupt eine Machtoption für die SPD sucht. Falls ja, muss sie diese Chance offensiv umarmen.
Unter welchen Umständen kann die SPD noch den Kanzler stellen?
Sagen wir es einmal so: Wenn die Chance für die SPD bei vielleicht 10% liegt, dann ist sie dennoch da. Bei einer 10%-igen Gewinnchance würden wir vermutlich alle Lotto spielen.
Faktisch gibt es nur eine einzige Chance: Alle anderen müssen total versagen und die SPD alles richtig machen.
Das sähe dann so aus:
Die Union stichelt sich gegenseitig bis zum Wahltag weiter, Söder und Laschet pflegen ihren Hass ungefiltert und werfen sich gegenseitig Stöcke zwischen die Beine, CDU/CSU werden von weiteren schmutzigen Deals erschüttert, die Ost-CDU versinkt weiter im braunen Sumpf und Baerbock/Habeck reden sich bei den Grünen um Kopf und Kragen.
In diesem Fall – und er ist nicht ausgeschlossen – kann Olaf Scholz das machen, was er am besten kann: Olaf Scholz sein. Seriös, ernsthaft, erfahren, stabilisierend und nach wie vor sehr beliebt aus Sicht der Wählerinnen und Wähler.
Olaf Scholz notiert seit Jahren stabil im oberen Drittel der beliebtesten Politiker Deutschlands. Er hat zwei Landtagswahlen fulminant gewonnen und Regierungserfahrung wie kein zweiter. Er kann Ende September der richtige Mann zur richtigen Zeit sein, auch wenn es jetzt im April das unwahrscheinlichste Szenario ist.
Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass die Zustimmungswerte von Baerbock/Habeck oder gar Söder so nah bei Scholz oder sogar darüber liegen, dass eine massive Zugkraft für die Partei daraus kaum erwachsen kann. Einzig Armin Laschet hat von allen gehandelten Akteuren bisher das Potential, seine Partei eher nach unten zu ziehen.
Aus eigener Kraft, soviel steht fest, kann die SPD nicht mehr Kanzlerpartei (also mindestens zweitstärkste Kraft) werden. Sie braucht dafür die massiven Fehler der anderen.
Außerdem müsste sie die einzige Option, die irgendeine Mobilisierung mit sich bringen kann, nämlich die Ampel, aus ganzem Herzen fördern und fordern. Das kann Olaf Scholz vielleicht, aber ansonsten sind Zweifel berechtigt. Dafür müsste allerdings auch die FDP verstehen, dass dies aller Voraussicht nach ihre einzige Machtoption sein wird.
Gehen wir davon aus, dass es am Wahltag zwei große Lager geben wird:
Die, die Stabilität wünschen
Und die, die etwas Neues wünschen.
Stabilität – sofern sie es nicht noch völlig vergeigt – bedeutet dann Union
Das Neue – sofern sie es nicht noch völlig vergeigen – bedeutet Die Grünen.
Die anderen Parteien sind dann Manövriermasse innerhalb dieser Szenarien.
Die klarste Neuheit: Die Grünen übernehmen die Kanzlerschaft.
Die klarste Stabilität: CDU/CSU behalten das Kanzleramt.
Am Wahrscheinlichsten: Der gute deutsche Kompromiss
Die Union behält das Kanzleramt, und die Grünen werden starker Koalitionspartner.
Die Wild Card: Die Union fliegt aus dem Kanzleramt und die Ampel kommt zum Beispiel mit einer SPD um die 20%, den Grünen um die 20% und der FDP um die 10%. Zieleinlauf dann nach Tagesform.
Soweit erst einmal die Vorschau stand April 2021.
Es bleibt auf jeden Fall spannend.
Die Würfel fallen noch.
Dieser Beitrag erschien erstmals auf richelstauss.de