Auch Du, Julia Brutus-Klöckner

Oder: Die Iden des März in Rheinland-Pfalz.

Vor drei Monaten lag die CDU in Rheinland-Pfalz 11 Prozentpunkte vor der SPD. Jetzt sind es noch zwei. Ähnlich wie in Baden-Württemberg droht der CDU auf den letzten Metern ein Debakel – was vor allem an der Spitzenkandidatin Julia Klöckner liegt. Und nicht an der Bundeskanzlerin.

Wie schafft man es, in nur drei Monaten einen zweistelligen Vorsprung zu verspielen? Nun, wie man das eben immer tut: Mit Hektik, überambitionierten Plänen, Panikschüben, offenen Widersprüchen, permanenten Kurskorrekturen und vor allem mit einem Wahlkampf gegen die eigene Partei. Es ist eigentlich immer das gleiche Schema – unabhängig von der Partei und der Person sind die Wahlkampf-Geschichtsbücher voll davon. Und dennoch werden diese Fehler immer wieder begangen.

Nun also Julia Klöckner in Rheinland-Pfalz. Satte 41% für die CDU und nur 30% für die SPD prognostizierte die Forschungsgruppe Wahlen am 6.11.2015, also vor gerade einmal drei Monaten. Das politische Berlin hakte die Wahl ab und die Journalisten orakelten über Katastrophenszenarien für die SPD. Der Hinweis darauf, dass alle uns vorliegenden Daten zur Direktwahlfrage, den Kompetenzzuordnungen und Sympathiewerten eindeutig zugunsten von Malu Dreyer ausfallen und sich das auch in der Sonntagsfrage niederschlagen würde, wurde milde belächelt.

Jetzt sehen wir in Rheinland-Pfalz aber ebenso in Baden-Württemberg, dass die Nähe zum Wahltag entscheidend ist in einem Jahr, in dem bundespolitische und internationale Themen die Agenda bestimmen. Erst in den letzten drei bis vier Wochen vor der Wahl wird die Aufmerksamkeit der Wählerinnen und Wähler langsam auf die bevorstehende Abstimmung im eigenen Bundesland gelenkt. Dies ist natürlich auch eine Folge der veränderten Mediennutzung, in der die Landespolitik einen immer geringeren Stellenwert einnimmt. In diesen Tagen beginnt nun aber die Debatte im Freundes- und Bekanntenkreis und in eher ländlich geprägten Bundesländern funktioniert diese Interaktion auch noch einigermaßen.

Kurzum: In Baden-Württemberg stellen sich immer mehr Wähler die Frage: Kretschmann oder Wolf? Offenbar fällt die Antwort immer deutlich zugunsten des amtierenden Ministerpräsidenten aus. Und in Rheinland-Pfalz lautet die Frage: Dreyer oder Klöckner?
Und auch hier zeigen alle uns vorliegenden Daten: Die noch Unentschiedenen präferieren eindeutig Malu Dreyer, während die CDU ausmobilisiert ist. Der CDU droht also, auf den letzten Metern die Puste auszugehen, während die SPD noch genug Potential besitzt, um am Wahlabend an der CDU vorbei zu ziehen.

Diese Zahlen kennt natürlich auch Frau Klöckner und so hämmerte sie über das Wochenende in einer Panikkoalition mit Herrn Wolf einen neuen kruden Plan zusammen. Ihr erster Plan, „A2“ genannt, war ja bereits gute zehn Tage alt und damit aus Sicht von Frau Klöckner offenbar völlig veraltet. Jetzt also kommt „A3“ und der einzige Unterscheid zu „A2“ ist, dass „A3“ der CDU-Parteivorsitzenden Angela Merkel noch heftiger in den Rücken fällt als „A2“.

Julia Klöckners neuer Plan ist nichts anderes als ein frisch gewetztes Messer im Rücken der Kanzlerin. Und nichts anderes bezweckt Frau Klöckner. In ihrem Panikwahlkampf gegen die AfD opfert Frau Klöckner nicht nur die Kanzlerin, sondern gleich die gesamte moderate CDU.

Von der Herdprämie über neue Gebühren für Kitas bis hin zu ihrer jetzt offenen Ablehnung der gleichberechtigten Homoehe, bedient Frau Klöckner die gesamte Klaviatur der CDU vor Merkel. Und vor dem 21. Jahrhundert. Vor allem aber widerspricht sie sich immer wieder selbst. Als es noch erfolgversprechend war, im Fahrwasser von Angela Merkel und Ursula von der Leyen die moderne CDU-Frau zu geben, war Frau Klöckner immer vorne mit dabei. Jetzt meint sie, dass das nicht mehr schick ist und wirft eben alles über Bord. Für harmoniegewohnte Unionswähler ist dieser offene Kampf gegen die eigene Kanzlerin natürlich höchst irritierend und demobilisierend. Gleichzeitig verprellt Klöckner die mühsam hinzugewonnenen moderaten CDU-Wähler.

Bei der Bundestagswahl 2013 kam die Merkel-CDU in Rheinland-Pfalz auf 43,3% der Stimmen. In der aktuellen Insa-Umfrage vom 22.2.2016 erreicht sie noch 35%. Julia Klöckner liegt aktuell satte 8,3% unter dem Bundestags-Wahlergebnis von Angela Merkel. Das hat natürlich auch mit dem Verlust der Moderaten zu tun. Für diese wird jetzt immer offensichtlicher, wie eine CDU nach Merkel aussehen wird: konservativ und reaktionär.

Der Effekt ist selbsterklärend: Alle, die sich erst jetzt langsam für die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz interessieren, sehen nicht mehr die moderate Frau Klöckner, sondern eine stramm konservative, hektische Kandidatin, die versucht, gegen die eigene Kanzlerin zu punkten. Das mögen die Menschen nicht. Und die in Rheinland-Pfalz schon dreimal nicht.

Die SPD kam bei der Bundestagswahl 2013 in Rheinland-Pfalz auf 27,5%, heute steht sie bei 33%, also bei einem Plus von 5,5%. Die Aufgabe der Mitte durch die Klöckner-CDU eröffnet den Sozialdemokraten jetzt zusätzliches Potential. Das Momentum liegt bei Malu Dreyer, die beständig Kurs hält und den Menschen offenbar ihres Vertrauens würdiger erscheint, als die Herausforderin.

Julia Klöckner hat sich auf diesen Wahlkampf vorbereitet wie auf nichts anderes in ihrem Leben. Sie hat sich äußerlich und inhaltlich neu erfunden und versucht, jeden Trick zu lernen. Auch als jetzt ein Koblenzer CDU-Parteifreund die Ministerpräsidentin deutlich unter der Gürtellinie angriff, konnte Frau Klöckner sich nicht einfach entschuldigen. Sie musste gleich darauf verweisen, dass es so etwas immer wieder auch in anderen Parteien gebe. Ein klassischer „Spin“. Nur eben so billig und durchschaubar wie ein „Spin“ eben ist, wenn er plump und bauernschlau daherkommt. Wir Wahlkämpfer nennen es „überprogrammiert“, wenn sich ein Kandidat so randvoll gepumpt hat mit taktischen Manövern, Soundbites und Westentaschentricks, dass er am Ende implodiert.

Jetzt geht der Wahlkampf auf die Zielgerade und in den beiden Nachbarländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sieht es ganz danach aus, als ob die Staatskanzleien von Winfried Kretschmann und Malu Dreyer verteidigt würden.

Einmal mehr zeigt sich, dass man sich im Rampenlicht auf Dauer nicht verstellen kann. Charakter kann man nicht programmieren.

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Tausche deutsch gegen elektrisch.

Oder: Warum das die einzige Sprache ist, die von unserer Automobilindustrie verstanden wird.

Sydney Pollack zeichnet in seinem wunderbar schwermütigen Film „The Electric Horseman“ das surreale Bild eines abgehalfterten Rodeoreiters (Robert Redford) auf die Leinwand, der als traurige Werbefigur mit bunten Glühbirnen besetzt trostlos blinkend seine Runden dreht. Mühsame Runden drehen muss im Deutschland des Jahres 2016 auch, wer die Bundesregierung bei ihrem selbsterklärten Ziel unterstützen will, bis 2020 eine satte Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen. Ein Erfahrungsbericht.

Ja gut, ich habe eine Schwäche, die andere nicht immer teilen. Ich teile nicht gerne. Also vor allem mein Auto nicht. Und ich mag auch gerne große Autos, in denen ich am liebsten alleine sitze. Das ist in höchstem Masse egoistisch, egozentrisch, egomanisch, ichbezogen und auch teuer. Dessen bin ich mir bewusst und trage mir einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen im Kalender ein. Die anderen 364 Tage verdrängt sich mein Defizit von selbst. In den vergangenen zehn Jahren wurde meine Egozentrik hinreichend mit einem Mercedes CLS bedient. Ein wahrhaft wunderschönes und margenträchtiges deutsches Spitzenprodukt. Ich schätze beim Blick über die Schulter die Weite und die Leere im Fond, die unberührte Schönheit der hinteren Mittelkonsole, das noch neuduftende Ledergestühl, über das ich in einem unbeobachteten Augenblick – und von diesen gibt es viele – liebevoll streichle. Aber gut, man geht wenigstens ein bisschen mit der Zeit. Bei der Neubestellung vor 4 Jahren war es daher immerhin schon ein „Blue-Something-Diesel-Eco-Whatever“, der nur noch die Hälfte von der Vorgängersau verbrauchte. Immerhin ist es kein SUV.

Nun war es also wieder an der Zeit für etwas Neues und man schaute sich um. Der CLS ist immer noch super, aber der dritte in Folge muss nicht sein. Da bin ich untreu und auch zu vielem fähig. Schnell verlässt mein Blick die Grenzen von MB, wandert am Flughafen in Frankfurt kurz zum ausgestellten BMW i8, um festzustellen, dass dieser satte 37 km elektrisch fahren kann. Siebenunddreißig Kilometer hätte Redford auf seinem abgehalfterten Gaul und etwas Heu auch noch geschafft.

Irgendwie angefixt von diesem Elektrokram weitete sich meine Suche aus und landete dann zwangsläufig bei Tesla. Dem Hobby von PayPal-Gründer Elon Musk, der neben seiner Autofabrik auch noch an wiederverwertbaren Weltraumraketen bastelt. Der Tesla schafft ordentliche Reichweiten von je nach Witterung 300-450 km und reicht damit für meinen Radius völlig aus. Mehr als 400 km am Stück bin ich die vergangenen Jahre kaum noch gefahren. Da nehme ich den Zug oder fliege. Müsste ich aber nicht, denn Tesla hat auf eigene Kosten entlang aller Autobahnstrecken alle 200 km Super-Schnellladegeräte aufgestellt, an denen ich in Rekordzeit (maximal 30 Minuten) kostenlos Strom tanken kann.

Hallo?! Ja, genau! Tesla hat nicht darauf gewartet, dass an deutschen Tankstellen vielleicht der Besitzer auf die Idee kommen könnte, mit Bezahlstrom und 30 Minuten Aufenthalt der Kunden Geld zu machen. Oder dass vielleicht der Staat für Infrastruktur sorgt. Die Freaks haben einfach von Oslo bis Lissabon und kreuz und quer dazwischen alle 200 km kostenlose Supercharger für ihre Kunden aufgestellt. Immer nach dem Motto: Probleme? Welche Probleme? Auf meinen ersten Langstreckenfahrten hat das super funktioniert. Das Navi sagte mir in Schwerin: „Von hier bis zur Haustür in Berlin reicht das nicht mehr. Aber in 120 km steht auf der Strecke ein Supercharger, da führe ich dich hin und in 15 Minuten hast Du soviel Saft, dass es bis nach Mitte dicke reicht“. Großartig!

Die Karre sieht auch noch sehr geil aus. Nicht so scharf wie der CLS, aber eben auch nicht wie diese ersten Hybriden von Toyota, die aussahen wie ein aufgebockter toter Fisch.

Da ich ja ein sehr politischer Mensch bin, wurde ich jetzt langsam ein bisschen zornig. Warum muss erst ein dahergelaufener Internetmilliardär kommen, um den Deutschen zu zeigen, wie man ein Elektroauto baut? Und wie konnte das passieren, nachdem wir hier schon das Hybridauto sauber verpennt hatten? Wie kann es eigentlich sein, dass im Vorzeigeland der Automobilindustrie und Worldwide Supervorreiter der Energiewende ein Auto mit 37 km elektrischer Reichweite überhaupt noch präsentiert wird? Verstecken sollte man es und die „Ingenieure“ zum Schämen in die Ecke stellen.

Sobald ich das Thema Elektroantrieb oder gar Tesla bei einem Händler – von BMW über Porsche zu Mercedes – anspreche: immer die gleichen Antworten. Interessante Spielerei. Reichweite. Exot. Reichweite. Braucht man nicht wirklich. Reichweite. Der Deutsche geht auf Nummer Sicher. Reichweite. Die Menschen haben Benzin im Blut und brauchen einen röhrenden Motor. Reichweite…..Da kann ich nur sagen: wie peinlich ist das denn? Da baut ein Nobody ein Auto mit 250 km/h Spitze, von 0 auf 100 in 3,3 Sekunden, Allrad mit allem drum und dran, einer lebenslangen kostenlosen SIM und begegnet den Reichweite-Bedenkenträgern mit privat finanzierten Ladestationen. Ich kann da nur sagen: Hut ab! Und wenn die Chinesen weiter in ihrem eigenen Dreck ersticken, finden sie ein Elektroauto vielleicht auch noch viel spannender als Made in Germany Luxusautos.

Und für alle „Benzin-im-Blut“ Nostalgiker. Seit ich den Tesla fahre und an der Tankstelle nur noch an der Waschanlage auftauche, werde ich nicht von Ökofreaks oder Professoren belagert und mit Fragen bombardiert, sondern von Taxifahrern, Brummifahrern, Motorradfahrern und vielen anderen, die vor Begeisterung jauchzen, wenn ich die „Motorhaube“ öffne und man was sieht? Eben. Keinen Motor. „Das ist die Zukunft“ höre ich dann immer wieder und zwar völlig ohne Nostalgie. Jeder von denen würde seinem Motor sofort einen Tritt in den Arsch versetzen, wenn die Elektroautos nicht so teuer wären. In sehr naher Zukunft kann das dazu führen, dass wir ganz schön weit hinten landen auf den Innovationsplätzen und Wertschöpfungsketten dieser Welt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nur dem Luxussegment an den Kragen gehen wird, sondern vor allem auch den täglich genutzten Kleinwagen, mit denen sowieso kaum jemand weiter als 50 km am Tag fährt.

Am Ende fiel die Entscheidung also leicht und ich habe sie nach jetzt 6 Wochen nicht im Geringsten bereut. Klar, man muss sich etwas umgewöhnen und ich genieße den Luxus, dass mein Wagen in einer Tiefgarage parkt, in die ich einen Starkstromanschluss legen konnte. Aber in Garagen stehen 60% aller Autos und vor allem die teuren. Ein weiterer Antrieb war aber auch, dass man in den deutschen Konzernzentralen vermutlich erst dann den Schuss hört, wenn noch mehr Käufer im Luxussegment abwandern. Denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu wechseln, wenn mir Mercedes, BMW oder Audi ein wirklich gutes Produkt angeboten hätten.

Im Jahr 2002 brachte mein heutiger Gatte, der damals noch in New York lebte, mir einen nagelneuen iPod mit, der gerade auf den Markt gekommen war. Den schaute ich mir kurz an und sagte: „Daniel, das Ding braucht kein Mensch.“ An meinem sicheren Gespür für Megatrends hat sich bis heute nichts geändert und daher sage ich der deutschen Automobilindustrie: 37 km elektrisch? Reicht dicke! Macht euch nur nicht kirre. Nutzt eure Kreativität lieber, um die Software für eure alten Stinker zu pimpen. Elektroautos braucht kein Mensch. IHR PENNER!

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I say goodbye and I say hello, hello, hello!

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Der TV-Debatten-Superhype.

Wer darf rein, wer muss raus? Wer reißt oder überspringt die willkürlich-variable Elefantenrundenteilnahmehürde? Was soll das alles, wen interessiert das und was sagt der tote Thunfisch dazu?

TV-Debatten in deutschen Landtagswahlkämpfen entfalten auf die meist sehr wenigen Zuschauer ungefähr die Wirkung einer lauwarmen Tasse Baldriantee. In nunmehr über 20 Landtagswahlkämpfen habe ich noch nie eine messbare Wirkung auf die Umfragen und späteren Ergebnisse feststellen können. Der Grund dafür ist sehr einfach. Solche Debatten schalten nur Menschen an, die politisch sehr interessiert sind und bereits eine Entscheidung getroffen haben, die sie nun bestätigt haben wollen. Oder solche, die aus dem Haus gehen und das flackernde Fernsehlicht zur Abschreckung von Einbrechern benötigen. Sonst niemand.

Am ermüdendsten sind natürlich die TV-Debatten mit 4 oder 5 oder noch mehr Gästen und nochmal 2 Moderatoren obendrauf, in denen absolut nichts debattiert, geschweige denn vertieft wird, sondern alle nur ihre Sprüchlein aufsagen. Von den peinlichst auf Proporz gepolten Moderatoren werden noch 2-3 „überraschend“ kritische Fragen eingeworfen, die selbst ein toter Thunfisch hätte voraussagen können.

Am ehesten kommt noch bei den „Duellen“ von zwei Spitzenleuten etwas rum – aber selbst dort habe ich nach dem größten anzunehmenden Unfall – nämlich dem Totalaussetzer eines Herausforderers – absolut keine Bewegung in den Umfragen vor und nach der Sendung wahrnehmen können.

Auch auf Bundesebene muss man den Effekt der Debatten kritisch sehen. So gewann etwa Frank Walter Steinmeier nach Zuschauerbefragungen das Duell gegen Angela Merkel 2009, nur um dann mit 23% am Wahltag nach Hause zu gehen. Etwas anders lag der Fall bei Schröder gegen Merkel 2005. Aber dieses Duell gewann Schröder auch im deutlich zweistelligen Bereich – je nach Institut mit 16% – 33% Vorsprung. Schröder galt damals als totgesagt und Merkel schon als sichere Siegerin, die Menschen waren durch die vorgezogenen Neuwahlen hochpolitisiert und nutzten die Debatte tatsächlich, um einen letzten kritischen Blick auf die Herausforderin zu werfen.

Das ist über zehn Jahre her und wie gesagt – alle Debatten auf Landesebene hatten bisher den Erregungswert des Kuhfladenweitwurfes von Unteroberkirchtal. Die Wirkungsabstinenz von TV-Debatten steht im krassen Widerspruch zur Erregung der Sendeanstalten, Parteien und Journalisten vor einer solchen Debatte. Wie man gerade wieder in Süddeutschland beobachten kann.

Doch zunächst zu den Regeln: In den „Elefantenrunden“ vor der Wahl (nicht zu verwechseln mit den „Duellen“), sitzen üblicherweise die Vertreter der in dem jeweiligen Landtag vertretenen Parteien. Oder der im Bundestag vertretenen Parteien. Am meisten Sinn macht es natürlich, die im Landtag vertretenen Parteien zu nehmen, denn es wird ja auch ein Landtag gewählt.

Dies bedeutet ausdrücklich nicht, dass weitere Parteien in dem Sender nicht auch vorkommen dürfen. Wir haben ja auch im Augenblick keinen Mangel an politischem Personal von AfD oder FDP oder auch der Linken im Fernsehen. Diese Parteien sind alle nicht im Landtag von Rheinland-Pfalz vertreten. AfD und FDP auch nicht im Bundestag.

Der Intendant des SWR möchte nun ein neues* System einführen, das nach Umfragen entscheidet, wer in die Sendung darf. Aber nach welcher Umfrage? Infratest? Forschungsgruppe? Forsa? Emnid? INSA? Oder darf sich jede Partei ein Institut ihres Vertrauens aussuchen? Und dann zieht man den Mittelwert? Wo liegt denn die vom Sender festgelegte Elefantenrundenteilnahmehürde? Bei 5%? Und wann ist der Stichtag? Was passiert, wenn die FDP beim Stand von 5% eingeladen wird, am Sendetag aber nur noch bei 4,5 steht? Haben dann andere Parteien das Recht, sich einzuklagen? Und wie sieht es dann zum Beispiel mit den Piraten in anderen Parlamenten aus? Die liegen in den Umfragen bei 0,0 und damit deutlich unter der Elefantenrundenteilnahmehürde. Dürfen die dann nicht mehr hin, obwohl sie drin sind? Hallo? Klopf-Klopf? Sendeanstalt? Hat da jemand drüber nachgedacht?

Hatte ich 2013 nur überhört, dass die FDP darauf bestanden hätte, die AfD in die Elefantenrunde vor der letzten Bundestagswahl einzuladen, da ja mindestens die Chance bestand, dass diese in den Bundestag einziehen würde? Die Argumentation „Ich komme nur, wenn XY kommt“,  oder „Ich komme nur, wenn XY nicht kommt“, oder „Ich würde gerne kommen, aber ich habe keine Lust“ (Werner Butter) gehört zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen, der hingehen darf und wegbleiben kann, wie er/sie es will, ist aber eigentlich gar nicht nötig. Denn der Ball liegt eindeutig beim Sender, der es ordentlich verbockt hat und einfach klarstellen sollte:

AfD und FDP sind nicht eingeladen, weil sie sich für dieses Format nicht qualifiziert haben. Aber wenn sie am 13. März in den Landtag kommen, sind sie bei der nächsten Wahl dafür qualifiziert. Es gibt eben Dinge, die muss man sich erarbeiten – in diesem Fall, durch eine echte Wahl mit echten Stimmen und nicht durch mehr oder minder präzise Umfragen.

Aber wurscht. Das Kind ist jetzt in den Brunnen gefallen. Im echten Leben wird diese Sendung niemand vermissen und die Leute sind auch ohne TV-Debatte in der Lage, sich ein Urteil zu bilden. Und tun es bisher ja auch schon, denn zugeschaut hat ja schon lange niemand mehr.

Allen Fans von dramatischen TV-Debatten empfehle ich die entsprechende Folge in „The West-Wing“, in der die Gattin von Präsident Bartlet diesem kurz vor Sendebeginn die Krawatte abschneidet. Während der Präsident versucht, sich in den letzten Sekunden vor dem Duell einen neuen Binder anzulegen, sagt sie sinngemäß zu den entsetzen Beratern: „Das hat er gebraucht. Jetzt ist er auf Betriebstemperatur.“ Das ist Drama. Ach, Amerika.

*Hinweis: Der SWR hatte zwar 2011 die Grünen zur TV Debatte eingeladen, obwohl sie nicht im Landtag vertreten waren. Allerdings saßen diese im Bundestag, was als Legitimation betrachtet wurde.

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Das Nervenflattern der Julia Klöckner.

Wenige Wochen vor der Wahl in Rheinland-Pfalz baut Ministerpräsidentin Malu Dreyer ihren Vorsprung in der Direktwahl auf 20% aus. Ihre Herausforderin verliert zusehends an Boden – und die Nerven.

„Einfach mal die Klappe halten“, damit zitiert die Presse hitzige Streitgespräche aus der Bundesvorstandssitzung der CDU vom 19. Januar. Gesagt haben soll das Julia Klöckner. Ein weiterer Spruch: „Man kann auch mal ein Mikrofon stehen lassen und vorbei gehen.“ Das ist interessant, denn gerade dafür ist Frau Klöckner ja nicht bekannt.

Aber schauen wir zunächst einmal auf die Fakten der jüngsten Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag des SWR  „Wahlrennen in Rheinland-Pfalz völlig offen“ vom 14.1. (Erhebungszeitraum 6.-11.1.2016,  Fallzahl 1001). Es stimmt: Die CDU liegt immer noch 6% vor der SPD. Allerdings betrug dieser Abstand im September noch satte 10%. Und mit 37% rutscht die CDU auf den tiefsten Wert seit Juli 2012.

Aufschlußreich ist, dass trotz Omnipräsenz der Herausforderin in den Medien, die Ministerpräsidentin nicht nur in der Direktwahlfrage davonzieht, sondern auch in den Kompetenzzuweisungen. Malu Dreyer überholt die Herausforderin auf dem CDU-Stammkompetenzfeld Wirtschaftspolitik ebenso wie im Kompetenzfeld „Bewältigung der Flüchtlingskrise“. Bei Wirtschaftskompetenz legt Dreyer satte 9% zu, Klöckner verliert 3.

Profil Kompetenz

Ganz besonders stark ist auch die Dynamik, die ich so deutlich selten erlebt habe. Malu Dreyer legt in der Direktwahlfrage satte 10% zu – und überspringt damit klar die für eine Wiederwahl wichtige 50%-Hürde.

Direktwahl MP

In der Frage der „Bewältigung der Flüchtlingskrise“ legt die SPD auch in der Parteienfrage 9% zu. Woran liegt das in einem ansonsten für die SPD schwierigen Umfeld?

Zwei Erklärungsansätze:

  1. In Rheinland-Pfalz ist die Grundstimmung wesentlich besser als in anderen Bundesländern. Hier sagt noch eine Mehrheit, man blicke mit Zuversicht in die Zukunft. Auch wissen wir aus vergleichbaren Studien, dass Toleranz und Weltoffenheit wesentlich ausgeprägter sind als etwa im Nachbarland Baden-Württemberg.
  2. Die Unterbringung der Flüchtlinge verläuft in Rheinland-Pfalz nahezu reibungslos. Jeder Flüchtling wird registriert, der Einsatz der freiwilligen Helfer ist beeindruckend – aber auch der Staat beweist Handlungskompetenz. Mit einem starken Innenminister Roger Lewentz – bis vor kurzem noch Chef der Innenministerkonferenz – hat die SPD außerdem das Heft des Handelns in der Hand.
  3. Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat sich – ebenso wie der Innenminister – zu keiner Zeit an einem Überbietungswettlauf in welche Richtung auch immer beteiligt. Sie hat früh viele Organisationen einschließlich der Kirchen eingebunden und so für eine breites Bündnis der Vernunft im Land gesorgt. Kurz: Deeskalation statt Eskalation.
  4. Im Gegensatz zu ihrer Herausforderin hat die Ministerpräsidentin jeglichen Populismus vermieden und weder verklärt noch Öl ins Feuer gegossen.

Dann werfen wir einen Blick auf Frau Klöckner.

Noch vor wenigen Monaten ließ sie sich von der Bild mit einem „Refugees-Welcome“ Schild ablichten. Das taten viele, aber nur wenige vollzogen danach eine solche Kehrtwende wie Frau Klöckner. Ausserdem unterstützte sie den Vorstoß für ein Einwanderungsgesetzt von CDU Generalsekretär Tauber.

Kloeckner Pro-Einwanderung

Dann drehte sich die Stimmung und mit ihr drehte sich Frau Klöckner. Tagesaktuell (19.1.16) ist sie gegen ein Einwanderungsgesetz. Glaube ich.

Kloeckner Contra Einwanderung

Bisher war sie damit nicht unerfolgreich. „Klöckner kann sich zu einem Standpunkt bekennen und dann das Gegenteil vertreten“ beobachtete bereits DER SPIEGEL (12.12.15). Dieses Kurs irritiert am 13.12.15 auch die FAZ: „Die Irritation rührt daher, dass sie angesichts der Flüchtlingskrise nicht mehr darauf dringt, kühl und stringent deutsches Recht einzuhalten.“

Während Frau Klöckner also irritiert und damit eher dem panischen Horst Seehofer als der Bundeskanzlerin folgt, setzt die Amtsinhaberin auf Geradlinigkeit, Substanz und geräuschloses Handeln.

Aus Kreisen der Hauptstadtpresse ist überliefert, dass Julia Klöckner zum Jahresende bereits eine Tour durch die Redaktionen absolvierte, in denen sie die Landtagswahl am 13. März als gelaufen erklärte. Nun. Als gelaufen haben schon manche ihre Wahl gesehen. Jürgen Rüttgers in NRW 2010, Heide Simonis in Schleswig-Holstein 2005 und noch viele, viele mehr.

Ein wichtiger Indikator für eine mögliche „Wechselstimmung“ ist natürlich das Vertrauen in die Landesregierung. Auch hier ein klarer Trend: Die Rot/Grüne Landesregierung steigert die Zustimmung um insgesamt 6% auf 61% – den Höchstwert seit Amtsübernahme.

Zufriedenheit

Die Wahl in Rheinland Pfalz ist, wie der SWR titelte, „Völlig offen.“
So sehe ich das auch. Auch durchaus realistisch. Die SPD steht nicht da, wo sie stehen sollte. Aber alle Indikatoren, die wir auch aus eigenen Forschungsergebnissen zur Verfügung haben, zeigen: Die Unentschlossenen, die sich entscheiden, entscheiden sich im Augenblick zu über zwei Dritteln für Malu Dreyer.

Das Bild, das die Union zur Zeit abgibt ist höchst irritierend für deren Anhänger und der Streit zwischen Seehofer und Merkel so eskaliert, dass er demobilisierend auf die eigene Wählerschaft wirkt. Daraus lässt sich auch das Absinken der CDU in Rheinland-Pfalz ableiten. Die Union war dort „ausmobilisiert“, die SPD hingegen hatte und hat ein Defizit. Alle Signale zeigen, dass die CDU jetzt deutlich nachlässt und die SPD die Chance hat, im unmittelbaren Duell und auf den letzten Metern zu mobilisieren. Auch durch die entscheidende Frage, wem die Menschen am Ende Vertrauen entgegenbringen wollen.

Das ist nun der dritte Wahlkampf in Rheinland-Pfalz, den ich begleiten und aus nächster Nähe erleben darf – und es ist mit Abstand der spannendste. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Herausforderin eine veritable Gegnerin ist, die mit allen Wassern des modernen Politmarketings gewaschen ist und vor keinem Mikro, keiner Kamera oder Tweet zurückscheut. Allerdings zeigt die aktuelle Entwicklung auch: Je mehr die Menschen von Julia Klöckner sehen, desto eher entscheiden sie sich für Malu Dreyer.

Diese Wahl wird am 13. März entschieden und keinen Tag früher.
Diese lapidare Feststellung war selten so zutreffend wie in diesem Wahlkampf.
Nicht eine lange Führung, sondern das Timing am Wahltag entscheidet. Und im Augenblick läuft die Zeit gegen Julia Klöckners CDU.

Es steht zu erwarten, dass Frau Klöckner angesichts dieser für sie möglicherweise karrierebeendenen Entwicklung ganz tief in die „Roland-Koch-Gedenkpopulismus-Kiste“ greift. Denn auch wenn sie sich selbst gerne als Verteidigerin der Kanzlerin sieht, sind ihre Absetzbewegungen unübersehbar.  Man kann sich jedenfalls vorstellen, dass in der CDU Rheinland-Pfalz die vielen geplanten Auftritte einer immer unpopuläreren Kanzlerin kritisch gesehen werden. Für beide – Merkel und Klöckner – geht es am 13. März um sehr viel – wenn nicht ums Ganze. Mal sehen, wer zuerst den Seehofer macht. Wem das am Ende helfen wird, wird man sehen. Rheinland-Pfalz mit Sicherheit nicht.

Ach ja: Hier noch ein Bild aus der BILD (Foto: Thomas Frey)

Kloeckner-Welcome

Früher war eben alles besser (Sommer 2015).
Julia Klöckner #refugeeswelcome

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Willkommen im Anti-Kalifat Deutschland.

Es ist so großartig, dass sich endlich Konservative von rechts bis ultrarechts für die Rechte von Frauen und Minderheiten einsetzen. Nutzen wir den Schwung für satte Mehrheiten in den Parlamenten.

Frauen, die ihren Männern schutzlos ausgeliefert sind. Die ohne Zustimmung keine Arbeit annehmen dürfen und denen der Mann ohne ihre Einwilligung beim Arbeitgeber kündigen kann. Schläge, Prügel, nicht nur ungeahndet, sondern die Regel. So etwas wie eine „Vergewaltigung in der Ehe“ gibt es offiziell nicht und sie ist daher auch nicht strafbar. Der Staat duldet keine verheirateten Lehrerinnen, da diese ihre Arbeit und den Dienst am Ehemann nicht gleichzeitig verrichten können. Verfügungsgewalt über das Konto hat nur der Ehemann – und wenn die Frau etwas erbt, gehört es dem Mann. Ein Führerschein darf ohne Erlaubnis des Mannes nicht gemacht werden. Eine Altherren-Macho-Union aus Konservativen und fundamentalistischen Religionsführern blockiert alle Reformansätze. Und Fußball spielen ist für Frauen sowieso offiziell verboten. Willkommen im Kalifat Bundesrepublik Deutschland.

Vor nicht allzu langer Zeit war dies trauriger Alltag in unserem Land. Ich kann beruhigen. Das Fußballverbot wurde bereits 1970 aufgehoben. Den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe gibt es allerdings erst seit 1997. Ab dem Jahre 1957, also vor weniger als sechzig Jahren, durfte die verheiratete Frau endlich auch ein eigenes Konto eröffnen und es fiel auch das „Lehrerinnenzölibat“. Nach diesem Erlass verlor eine Lehrerin mit der Heirat nicht nur ihre Arbeit, sondern auch gleich den Rentenanspruch. 1958 durfte die verheiratete Frau dann auch ohne Einwilligung des Gatten den Führerschein machen.

Alle diese Reformen wurden – natürlich gegen heftigen Widerstand der Konservativen – über lange Jahre politisch und rechtlich erstritten. Der Widerstand gegen die volle Gleichberechtigung hält auch weiter an – ebenso wie die deutsche Machokultur landauf, landab über Jahre hinweg sexuelle Belästigung mit einem schmierigen „Komm, Schatzi, das sind doch Komplimente!“ vom Tisch wischte und Gesetzesvorlagen blockierte. Und zwar ziemlich genau bis zum 1.1.2016.

Jetzt überschlagen sich alle mit Gesetzesinitiativen und Aktionismus, was man grundsätzlich nur begrüßen kann. Hauptsache, es passiert endlich was. Es darf aber nicht dazu führen, blind zu sein gegenüber dem Anlass. Grabscher im Büro, das Zusenden sexistischen Materials oder Links an die Kollegin, Vergewaltigung auf bier- und weinseligen Volksfesten, Spießrutenlauf von Frauen im Karneval und nach Großveranstaltungen – das alles war nicht so wichtig, so lange die Frauen vom richtigen Volksstamm sexuell bedrängt wurden. Es war kein Thema für die CSU oder den ganzen rechten Flügel der Union. Ein Thema für Faschos war es sowieso nicht. Da hat die Frau ja ihren Platz.

Es tut Deutschland gut, dass es weiter ist als sehr viele Länder und Gesellschaften auf diesem Planeten. Da darf man auch stolz drauf sein. Ein bisschen demütig kann man aber auch werden, wenn man bedenkt, dass gerade einmal fünfzig, sechzig Jahre zwischen uns und dem üblen Muff der frühen Bundesrepublik liegen. Früher war eben einfach vieles so richtig scheiße. Umso dringlicher ist es heute, allen, die zu uns kommen, klar zu machen, dass das die Regeln sind, die heute bei uns gelten. Und auch allen Staatsbürgern klar zu machen, dass wir noch lange nicht am Ende sind. Bezüglich der Gleichberechtigung der Frau bleibt noch jede Menge zu tun. Schön, dass man dafür jetzt mit breiten Mehrheiten rechnen kann.

Hoffentlich finden sich diese Mehrheiten jetzt auch für die Rechte Schwuler, Lesben, Transgender und Bisexueller. Hoffentlich werden Gender-Studies nun wieder aus der Schusslinie Erzkonservativer genommen. Hoffentlich blockiert man die Rechte von Menschen mit Behinderung nicht weiter und setzt die Anti-Diskriminierungsgesetze vollständig um. Hoffentlich wird der Weg in eine inklusive Gesellschaft mit großen Schritten fortgesetzt. Hoffentlich bringt man jetzt endlich die Frauenquote nicht nur auf Vorstandsebene und setzt die Entgeltgleichheit – also gleicher Lohn für gleiche Arbeit – mit großer parlamentarischer Mehrheit und wirksamen Instrumenten um.

Unsere Antwort auf das Gestern kann ja nur ein mutiger Schritt ins Morgen sein.

Auf geht`s, ihr Konservativen dieses Landes. Zeigt den Feinden der Demokratie, der Menschlichkeit und des modernen, weltoffenen Deutschlands, wo der Hammer hängt: Macht aus diesem Deutschland das fortschrittlichste, offenste, gleichberechtigtste und vorurteilsfreiste Land der Erde. Werden wir das hell leuchtende Anti-Kalifat Deutschland. Das ist doch die einzige Sprache, die diese Macho-Fundamentalisten verstehen! Ich zähl auf Sie! Breite Mehrheiten bis zur 2/3 Mehrheit im Bundestag sind mit CDU/CSU für die oben genannten Fortschritte möglich! So kann aus diesem Jahr 2016 vielleicht doch noch was werden.

 

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Die Stadt und die Macht.

Als ich an einem trüben Sonntagmorgen vor einigen Jahren im Abspann der großartigen US-Serie „The West Wing“ den Namen meiner ehemalige Chefin in der Clinton/Gore Kampagne, Nanda Chitre, entdeckte, wäre mir beinahe der dritte Gin-Tonic entglitten. Umso neugieriger war ich, als mich 2014 eine Anfrage des Produzententeams von „Die Stadt und die Macht“ (ARD, 12., 13. und 14. Januar, jeweils 20:15) erreichte: Ob ich mir vorstellen könne, Einblicke aus meiner Wahlkampferfahrung in die Entwicklung der Serie einzubringen.

Klar konnte und wollte ich das. Meine Beratungstätigkeit konzentrierte sich auf einen von mehreren Handlungssträngen, nämlich die Arbeit der Wahlkampfzentrale unter der Leitung von Georg Lassnitz, großartig gespielt von Martin Brambach, sowie auf das Zusammenspiel von Wahlkampfleiter und Spitzenkandidatin (nicht minder großartig: Anna Loos als Susanne Kröhmer). Meine Beratung bezog sich also auf die Kampagne und die damit verbundenen Dramen. Mit weiteren Drehbuchzutaten wie Liebe, Verwandtschaft, Sex, Korruption oder gar echter Politik etc. habe ich nichts zu tun. Von all dem verstehe ich nichts.

In „Die Stadt und die Macht“ kandidiert die recht unerfahrene Susanne Kröhmer – auch für sie selbst überraschend – für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Eine Krise in ihrer Partei und zwei bis drei unbedachte Bemerkungen, katapultieren sie quasi von 0 auf 100 in 3 Sekunden in die Spitzenposition. Dort angekommen merkt sie rasch, dass sie ohne Hilfe nicht viel weiter kommt und holt sich zur Unterstützung eben jenen erfahrenen wie auch politisch geschmeidigen Wahlkampfleiter: Georg Lassnitz.

Natürlich hat man als Kampagnero so seine Bedenken, wie echt das am Ende in der Serie rüberkommt. Und jeder von uns kennt „Club-Dance-Szenen“ aus Tatorten, in denen Menschen wie Zombies zu Musik von Zombies tanzen und jeder Zuschauer weiß, dass niemand aus dieser Szene in den letzten 20 Jahren einen angesagten Club von innen gesehen hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als ich am Set von „Die Stadt und die Macht“ die Wahlkampfzentrale von Susanne Kröhmer besuchte, die überquellenden Schreibtische betrachtete, das wuselige junge Team hektisch telefonierte und durch die Gänge rannte, wollte ich sofort damit beginnen, die Kampagne zu übernehmen. So echt und liebevoll war das alles eingerichtet. Leider war die Leitung des Telefons, in das ich erste Direktiven schrie, tot und  Susanne Kröhmer hatte auch schon Georg Lassnitz gebucht, dem ich das Feld überlassen musste. Er hat es gut gemacht. So viel sei verraten. Und es wird ihm in dieser Serie weiß Gott nicht leicht gemacht, eine stringente Kampagne auf die Spur zu bringen.

Im Laufe meiner nun gut 25 Jahre andauernden Wahlkampfkarriere habe ich schon sehr viele kleine und große Katastrophen erlebt. Von 9/11 und der damit verbundenen Terrorangst mitten im Berliner Wahlkampf 2001 bis hin zu abgetauchten und unauffindbaren Spitzenkandidaten, Totalaussetzern in TV-Debatten oder Beziehungsdramen kurz vor dem Schlusspurt. Mit der tickenden Uhr des Wahlkampfes im Rücken, erleben Lassnitz und Kröhmer so ziemlich alles auf einmal und noch sehr viel mehr. Da ist jede Menge Drama und Action im Spiel, aber es handelt sich ja auch nicht um einen Dokumentarfilm, sondern um Fiktion.

Wer schon einmal einen Blick in die Serie werfen will, dem sei die Homepage auf der ARD empfohlen. Dort finden sich einige Interviews mit den Hauptdarstellern und Regisseur Friedemann Fromm, der uns ja schon das wunderbare „Weissensee“ beschert hat. Sehenswert auch das Making-Of, in dem es ein nettes Doppelinterview mit Martin Brambach und mir zu sehen gibt (etwa ab 8:21).

Georg Lassnitz, alias Martin Brambach, so viel ist sicher, könnte aber morgen bei uns anfangen. Vielleicht in einem anderen Jacket? O.K. mein Hemd überdenke ich dann auch nochmal…

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Am DSUDM-Set mit Martin Brambach und Anna Loos

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Kampa-Set DSUDM 2015

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Kampa der SPD zur Bundestagswahl 2005

Fans von „Höllenritt Wahlkampf“ werden auch das eine oder andere Zitat und vielleicht auch die eine oder andere Szene in DSUDM wiederfinden. Mit dem eigentlichen Wahlkampf geht es in der zweiten Folge (12.1.; 21:00) los – und zwar mit einem ziemlich fulminanten Opener. Soviel sei schon mal angeteast.

Mein Dank gilt der Producerin Sibylle Stellbrink, die immer wieder erfolgreich Sinn in meine Anmerkungen brachte, sowie den Produzenten Michael Lehmann und Katrin Goetter für die Möglichkeit an diesem Projekt mitzuwirken. Das war spannend. Und jetzt zurück in die echten Dramen des Lebens…

 

 

 

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The future is a promise – not a threat.

Kurze Zeit vor den Anschlägen in Paris nahm ich an einer Konferenz des Policy Networks – eines internationalen sozialdemokratischen Think Tanks unter Leitung von Peter Mandelson – teil. In einer sehr spannenden Runde – darunter auch Premier Manuel Valls – debattierten wir über die Zukunft progressiver Parteien in Europa – natürlich auch unter dem Eindruck der aktuellen Flüchtlingsentwicklung. Aber tatsächlich fand eine Verunsicherung der Menschen bereits weit vor dieser Entwicklung statt. Davon – und wie die aus meiner Sicht einzige Antwort einer progressiven Bewegung ausfallen kann – handelt mein Beitrag. Weitere Informationen findet man auf der Seite von The Policy Network.

The future is a promise, not a threat – if progressives get the message right

Frank Stauss

At a time of widespread anxiety it is the responsibility of progressive leaders to promote a message of hope over fear.

People around the world are anxious about the future, and it does not matter whether their economy is in a current recession or performing quite well. Even the Germans – where in 2015 about 75 per cent of people according to recent polls consider their personal financial situation as ‘good’ or ‘very good’ – are anxious about the future. In their rather pessimistic disposition, they obviously do not see themselves as a nation that got out of the European crisis sooner than any other. The Germans see themselves as the ones closer than any other to the next crisis. Remember, currently about 2.9 million Germans are unemployed (6.9 per cent). During the climax of the crisis in 2005, the number totaled 4.8 million (12 per cent). Bringing unemployment down by 2 million took enormous efforts, tough cuts in the social system and a decade’s worth of work. Not exactly a quick fix.

But the state of the German mind might give us a head start of what to expect in other nations after an extremely long and deep period of crisis: confidence in the future will not be the same.

Anxiety about the future actually seems to be an overall state of mind no matter how good or bad the present is. In Germany this is confirmed by virtually all our focus groups, no matter the region in which people live, how old they are or whether they belong to the upper, middle, or working class. No one feels safe.

And why should they? They sense that the way we live, work, travel, communicate and participate is currently in the middle of a transition, if not a revolution. They may not be able to give us a detailed analysis of what the future holds for them but even well-paid workers at a Mercedes-Benz plant openly discuss whether their products will stand the test of the next two decades. This would have previously been an unthinkable thought in 1960, 1990 or even 2010.

The distance from anxiety to hope is a long way. The distance from anxiety to fear is markedly shorter.

But progressives can never be defenders of the past or preservers of the status quo. It is not how we operate. Standing still and defending old habits is the specialty of conservatives; they will always be better at that, and we will always feel bad trying.

Most of all, progressives will never be the party of fear. It is the territory of rightwing or leftwing populism and hate. Fear will never be a formula for success for progressives.

A time of progress must be a time for progressives. Change is inevitable – and who should be better prepared for change than us?

The time we live in is a chance of massive proportion for progressives to dominate the political, economic and social debate for decades. Are we ready to see and seize this chance? And are we willing and prepared to learn from past mistakes to frame the future debate according to our core values?

Framing a debate the ‘progressive way’ demands confidence in our beliefs, and our beliefs are almost never the beliefs of our opponents. We must not adopt conservatism and conservative solutions; we must frame the debate our way.

We embrace and are willing to design and define a future with more equality, more prosperity, more transparency, better health, better education, and more chances. We are the ones who always stood and fought for a modern economy, a modern society, modern families and a future that will always be better than the past or the present. So who should be better in shaping a good future but us?

To achieve this we cannot ignore risks and wrong turns. We must not follow every path opening before us; some of these paths will not lead to progress, but to a major backlash. Not everything that is new is also good. What is good has to be approved by our standards. Will it bring mankind ahead or will it just lead to lower wages, self-exploitation, longer working hours and less privacy? If the latter is the case, it is not a path we follow.

It is our job to distinguish between good and bad. We have to lead.
Voters are demanding a clear direction, because they will not notice any other.

When people are anxious or even afraid, they start looking for leadership. To provide this leadership, our signals have to be strong and clear.

With the rise of the internet and almost unlimited access to information for almost every person within the EU, campaigners once envisioned a new type of voter: the fully informed citizen, caring about society as well for their personal wellbeing, of the nation, the European Union and the world, getting up on election day, entering the polling station, and making a rational decision. What we observe is quite the opposite. The multichannel information opportunities are opportunities for disinformation, non-information and confusion.

We observe a massive information tune-out, with more and more people leaving the ground we once considered common knowledge. The gap between the highly informed elites and the vast majority of the people is widening – not closing. While more and more people are channeling the information they are willing to receive, knowledge about politics, economics and culture is losing the battle v entertainment, sports and special interests.

In times of a daily paper and only several TV and radio stations, a media consumer still achieved what I call ‘collateral knowledge’. Once you opened the paper with the sports section, you later moved on to local news, politics, economics and maybe even the feuilleton, simply because you paid for it and wanted your money’s worth of the paper; that is history.

In our recent campaigns, with limited resources (data access, money, people) compared to some massive US campaigns, we turned away from micro-targeting to ‘the big idea’, or, as George Bush Sr once called it: “the vision thing”. We did however send a strong emotional message: a message of hope v fear. A message, that the future will be better, not worse – if we take the right direction now.

When in 1875 the founders of the SPD came together in the city of Gotha, their aim was to make the lives of millions of workers and their families better. They cared not only for better conditions at the workplace but also for better education, better housing, better medical treatment and more. They founded their movement at a time when there was neither a democracy nor much hope to gain as much influence as needed to make their programme come true. At the heart of this movement was hope. Hope that things could be turned to the better, no matter how strong the opponents or how unlikely the chance for success.

Today almost no one in Germany has to be afraid of hunger and even the poorest are provided with good housing conditions. Education is accessible to everybody and, even if there are remaining issues of inequality by heritage, it is possible for every child to climb up the ladder with the help of free kindergarten to free preschool, free college and free universities.

Some even consider ‘the work done’, with the social democrats being victims of their own success. That could not be further from the truth. This is because in a dramatically changing world, almost nothing is more out of sync with what needs to be done but conservatism.

A world in motion is a world for progressives.

So what are the challenges of our times, besides the obvious like mass migration or ongoing wars in many regions of the world – even in Europe?

The challenges of our times are mostly all connected to the digital revolution. The digital revolution will change the way we live much more fundamentally than any of the previous revolutions. What has been labeled ‘Industry 4.0’ and ‘Work 4.0’ will inevitably lead to ‘Life 4.0’, and people are beginning to notice.

They are beginning to notice that we are not just talking about the comfort of a mobile phone, easy access to information and permanent working hours in a global economy. They are beginning to notice that every aspect of their life will somehow be changed with or through the digital revolution and global connectivity.

People experience the falling behind of regions without state of the art access to the digital world. They see mass migration to Europe based on information provided thorough the web and migrants staying in touch with their loved ones or getting the latest border information through their ever present smart phone.

Highly trained employees witness the falling behind of their premium companies when it comes to connectivity and digital progress. The cashier in the supermarket wonders about whether they will be needed five years from now – not 50. If companies like Nokia rise to global dominance and almost disappear within a decade, what is to say that will not nations rise and fall faster than ever before in history?

There are clearly so many questions, yet there are so few answers. Questions about how we work, questions of privacy v transparency, of family lives, of community, property, the distribution of wealth and knowledge, in some nations of diversity, demographic change and the necessity of migration.

One path into a better future certainly is the wrong one; the path backward.

Trying to find solutions for the future in the past never worked.

It is the job of progressives to define the future and to finally frame a debate ahead of the challenges. We can no longer abuse ourselves as the repair-unit of Europe.

But to be ahead of the challenges, we have to stay awake, be alert, stay curious and we have to permanently question our programmes. Are we still ahead of our time? Are we providing answers to current questions, or have we hidden ourselves behind solutions for a world of yesterday? If we want to beat conservatives and accuse them of being too slow for change, too negative about the future, too much defenders of the past, then are we ready to be the opposite?

Are we ready for the biggest battle: hope v fear?

To frame the debate, progressives have to make one thing very clear: what we have achieved so far is not threatened by change, but by ignorance. Ignoring the changes around us takes away the ability to design the future. Neglect means taking the elevator down, not up. People do understand that very well. They are not stupid, but so far nobody is talking to them like they are adults. Most parties treat them like children who need to be protected from the crazy world outside of the kinderzimmer.

Let us begin by taking the voters seriously and by starting a debate on what they already know; ignorance is not the answer.

A narrative for progressives in a changing world:

Change is inevitable. Whether it is a change for the better or for the worse is ours to decide. We believe that the best is yet to come.

And we have proven in the past that the change progressives stood and stand for always was and is a change for the better. Most of all, we were always ahead of our time and not behind.

We have always looked to fight for better education for all children, while conservatives cared more about status, hierarch and inequality. We have always fought for better working conditions, greater distribution of wealth, the furthering of workers’ rights and stronger participation. We have always fought for more transparency, stronger democracy, greater equality and a cleaner environment long before anyone else did. And we have fought for women’s rights, equal pay regardless of whether you are a man or a woman, the rights of minorities, and a more diverse society as the direct source of a stronger sense of community, and a better use of talent.

With all of these fights, causes and progressions, we can say one thing for certain; history is on our side.

We were right, and they were wrong. But the world keeps on turning – and once again it is within our grasps and abilities to design the future.

We must fight for a modern society where no child is abandoned by the state, no matter the circumstances that that child grows up in, whether it be the ‘the classic family’, a patchwork family, raised by a single-parent, by homosexual parents or by heterosexual parents.

We must fight for societies with a fair balance concerning the distribution of wealth, because fair societies have proven to be more stable, stronger economically and to have a better sense of community. They also have proven to be stronger at innovating, and stronger in providing a better quality of life, something which is fundamental to society.

We must fight for a new digital society where 24/7 digitalisation goes hand in hand with the right to free time, privacy, improved working conditions, and where success is measured in living qualities. The future working place must be better than the ones of the past – and we must take care of that.

We must fight for a modern industry with more success through innovation and ecologically sound technology. Old industries fail in the long run, and state of the art production prevails.

We must fight for affordable healthcare, social security, affordable housing in ever-increasingly expensive cities, top quality infrastructure (including mass transportation and unlimited access to digital technologies).

With all of these causes that we must endeavour with, like the causes which we have championed previously and continue to champion, the future will prove us right.

All of this is crucial for a good society; all of this is crucial for a great society.

The road to success is a blunt and promising vision; ‘hope v fear’ is the battleground.

We will define the frame of the future if we are willing and able to take risks and to make decisions. We must decide what is good and what is bad according to our values and we must be ready to endure and fight the battles following our decisions.

Progressive parties – or some of them – behaved like cowards rather than leaders in the past; they lacked inspiration, defended the status quo, were lazy thinkers, adopted neoliberal laissez faire or socialist overprotection, and reduced themselves to micromanagement and daily business.

But who will follow a coward? Who desires for a living compromise? Who is willing to elect a repairman? Who is thrilled by an excel chart? Who will get overly enthusiastic about a natural number two?

No matter which position a progressive party is in right now, whether it be in government, in opposition, or in a governing coalition as the smaller partner, the next campaign has to be about the future and clear about the alternatives we espouse.

Conservatives in some countries adopted rhetoric of change while actually delivering gridlock, old recipes, nationalism or regionalism and fantasies of a world that could be designed as it were a century ago.

Change, as mentioned above, can bring out the best and the worst in politics. To fight the worst, we have to bring out the best in ourselves. Which is a positive look at the future.

The next campaign should not worry about target groups etc in the first place but about the main message: an invitation to all voters and even other parties to join our movement for change. Whoever wants to work on a positive future is our guest, our partner, our possible fellow and coalition companion.

I am sure that the majority of people would rather follow our path of hope instead of the path of fear. Uncertain times are times for leaders and clear leadership. We can take that lead.

To be blunt, we have to take over that lead. Progressive leadership is our heritage and our future.

Frank Stauß is managing partner of the agency BUTTER. Düsseldorf, Berlin. His book ‘Höllenritt Wahlkampf’ (‘Hell Ride Campaigning’) was published in 2013

Conference paper 10/2015; published in 12/2015

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Vor dem Fest

Deutschlands Freiheit wird unter dem Tannenbaum verteidigt. Rüstet euch für das Familienfest eures Lebens und schwingt die Gänsekeule gegen Nazis.

„Driving Home for Christmas“ wird rauf und runter im Radio gespielt werden, während sich wieder Hunderttausende auf die Reise quer durch die Republik machen, um Weihnachten im Kreise ihrer Liebsten zu verbringen. Oder im Kreise ihrer Verwandtschaft. Es werden andere Weihnachten sein, als noch vor ein oder zwei Jahren. Es werden völlig andere Gespräche stattfinden, als vor drei, vier oder fünf Jahren. Es werden Gespräche sein, in denen „Paris“, „Syrien“, „Flüchtlinge“, „Krieg“, „Terror“ und „Dresden“ vorkommen werden. Und nicht selten wird ein Riss durch die Familien gehen.

Es wird die Nichte, die in Berlin studiert und sich für Flüchtlinge engagiert, auf den Onkel treffen, der beim nächsten Mal AfD wählen will. Es werden sich Eltern mit Kindern streiten und diesmal nicht über das, worüber sie sich bisher jedes Mal in die Haare bekommen haben. Deutschlands Kirchen werden wieder gefüllt sein – aber diesmal mit mehr engagierten Christen und auch mit wesentlich mehr Heuchlern, die Lieder anstimmen werden, deren Sinn sich ihnen wohl noch nie erschlossen hat.

Deutschland hat die Wahl. Und Deutschland wird sich entscheiden müssen. Nicht an der Wahlurne, nicht in einem Volksentscheid, sondern ganz privat: In welchem Deutschland wollen wir leben? Wie will ich leben? In welchem Land sollen meine Kinder aufwachsen, in welchem gesellschaftlichen Klima will ich älter werden?

Die Deutschen standen schon häufiger vor einem Scheideweg und sie haben sich nicht unbedingt einen Namen damit gemacht, richtig abzubiegen. Ich bin sehr optimistisch, dass es diesmal anders kommen wird. Deutschland ist weiter als manche Skeptiker und auch manche hasenfüßige Politiker meinen.

Die Zukunft Deutschlands wird unter dem Tannenbaum entschieden. Damit es eine gute Zukunft wird, müssen alle klare Kante zeigen, die das moderne, weltoffene, demokratische, freie, europäische Deutschland schätzen, lieben und immer besser machen wollen. Sie müssen dem Rassismus, den Vorurteilen, der verdrucksten Engstirnigkeit oder gar der Aggression offensiv begegnen. Zu Hause. Gegenüber dem Bruder, der Oma oder auch den eigenen Eltern.

Wer das moderne Deutschland will, der muss aufklären, argumentieren, Ängste nehmen, diskutieren, debattieren und darf sich nicht verkriechen um des lieben Friedens willen.

Zwischen einem weltoffenen Deutschland und einem Deutschland der brennenden Flüchtlingsheime, der Verrohung, Bedrohung und rechter Parolen gibt es keinen Kompromiss. Gibt es keinen Kompromiss. Gibt es keinen Kompromiss. Gibt es keinen Kompromiss.

Wenn besonders die Älteren Sorgen umtreiben, ob das gut gehen kann mit Zuwanderung und Integration, dann ist es an den Jungen, sie aufzuklären. Über die fremdländisch klingenden Namen in ihrem Adress-Account, über das gemeinsame Arbeiten in internationalen Firmen, über das Aufwachsen in kulturell vielfältigen Metropolen, über die globalen Freundschaften in sozialen Medien, über ein Leben, das sie schon längst leben.

Es geht nicht darum, dass man sich etwas vormachen muss, oder dass alles perfekt laufen wird. Aber alles, wirklich alles, wird besser laufen als zwischen 1933 und 45. Das kann man mit gutem Wissen und Gewissen laut und deutlich vertreten.

Es ist nicht mein Deutschland, in dem Lokalpolitiker verhetzt, bedroht oder gar abgestochen werden. Es ist nicht mein Land, in dem Feuerwehren in brennende Flüchtlingsheime gerufen werden. Es ist nicht mein Land, in dem Menschen, die Kleider oder Lebensmittel spenden, von einem wütenden Mob angebrüllt werden. Das kann nicht das Land sein, indem wir leben wollen. Aber wenn es das nicht ist, dann dürfen wir nicht still sein.

Ja, auch ich habe ein mulmiges Gefühl am Flughafen, im Hauptbahnhof oder in der U-Bahn. Und ich bin fast täglich an einem dieser Orte. Aber ich käme niemals auf die Idee, die Flüchtlinge, die vor dem Terror fliehen, dafür verantwortlich zu machen. So schrecklich es sein mag, aber die Anschläge von Paris haben mich den Flüchtlingen näher gebracht. Etwa zwei Wochen vor den Anschlägen saß ich in den Cafés rund um das Zentrum der späteren Anschläge. Die Anschläge von Paris wiederholen sich jeden Tag. In Syrien. Im Irak. In Afghanistan, wo jeder Gang zum Gemüsehändler der letzte sein kann. Der Terror im Alltag ist, was die Menschen zu uns treibt und den verstehe ich heute noch besser als vor einigen Wochen.

Was ich aber überhaupt nicht kannte, war eine dunkle Bedrohung zu Hause in Deutschland. Kürzlich hatte ich eine Lesung in Magdeburg, kurz nach der Veröffentlichung meines auch auf stern.de und carta.info hunderttausendfach verbreiteten Blogbeitrags „Es ist Zeit.“ Dieser hatte natürlich auch die erwarteten freundlichen Mails zur Folge, aber ich dachte mir nichts dabei. Bis immer mehr Freunde oder Kollegen meinten: „Magdeburg? Pass auf Dich auf!“. Und schon waren sie da, die Bilder von Baseballschläger-bewaffneten Nazis, die in den Straßen Magdeburgs Jagd auf Flüchtlinge machen. Warum dann auch nicht auf Blogger? Es passierte nichts, die Veranstaltung war gut besucht, alles friedlich, alles fein. Nichts ist friedlich, wenn man sich solche Gedanken machen muss.

Der Terror ist in Deutschland angekommen. Der Terror von Deutschen. Gegen Flüchtlinge aber auch gegen alle engagierten Demokraten und alle, die nie wieder zurück wollen in die schrecklich beschränkten, hasserfüllten und intellektuell armseligen Grenzen des dunklen Deutschlands.

Einige meinen, man dürfe nicht immer die „Nazikeule“ schwingen, gegen die Nazis. Ja, gut, dann schwingt halt die Gänsekeule. Oder irgendwas veganes. Es geht um euer Deutschland, eure Zukunft, eure Freiheit – euer Leben, so wie ihr es kennt. Es geht um eine immer noch junge Demokratie, die auf der ganzen Welt bewundert wird. Und die absolut keine Selbstverständlichkeit ist.

Also: Rein mit den Plätzchen, rauf mit den Kilos und raus mit der Sprache.

Fröhliche Weihnachten.

PS: Und wenn ich ihm schon den Titel klaue, dann auch noch mein Lesetipp: Sasa Stanisic: Vor dem Fest. Großartig, verwunschen, brillant. Hat mit dem Artikel gar nichts zu tun. Bis auf die Tatsache, dass auf Amazon tatsächlich kommentiert wurde, er solle gefälligst über Bosnien schreiben und nicht über die Uckermark. Und überhaupt dürfe man ihn nicht mit einem wie Fontane vergleichen, weil er ja kein Deutscher sei. Der arme Fontane. Wer solche Freunde hat…

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Es ist Zeit.

Es ist Zeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen, der sich in zahlreichen Hirnen gerade abspielt und für den es keinen anderen Ausdruck gibt als: Panikattacken.

Es ist Zeit, wieder gerade zu rücken, was aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Es ist Zeit, den verlogenen angeblichen Ängsten vor „Jungen Männern mit Bedürfnissen“ klar entgegen zu treten. Junge Männer, in vielen Fällen Teenager, die von ihren Familien losgeschickt wurden, um für ihre Geschwister das Überleben zu sichern, haben ganz andere Sorgen, als zu pimpern. Auf ihnen liegt die Last, ihre Liebsten in der Heimat zu retten. Die wollen arbeiten und nicht vögeln. Und überhaupt – was habt ihr eigentlich für ein krankes Hirn, dass ihr in jedem jungen Mann einen Vergewaltiger sehen wollt? Wahn – Wunschvorstellung oder was?

Es ist Zeit, den durch und durch abstoßenden Rechtsauslegern klar zu sagen: Dass ausgerechnet ihr euch aufspielt, die Homosexuellen vor den potentiellen Übergriffen der Muslime in Schutz nehmen zu wollen, ist ja wohl der Treppenwitz der Weltgeschichte. Wenn ich die Wahl habe zwischen KZ mit rosa Wimpel oder Rübe ab, dann komme ich als Schwuler aber ganz schön ins Grübeln. Klar gibt es unter Flüchtlingen Intoleranz, Ausgrenzung und auch Hass. Aber als Schwuler wehre ich mich ausdrücklich dagegen, ausgerechnet von „Christlichen-Abendland-Verteidigern“ in Schutz genommen zu werden, nachdem sie mir mit ihrem bigotten Schuldgeschwätz meine halbe Jugend versaut haben, mein Umfeld gegen mich aufwiegeln wollten, nicht wenige Teenager in den Suizid getrieben haben und bis zum heutigen Tag Ausgrenzung predigen. Pfui Teufel!

Es ist Zeit, den Konservativen, die gestern noch die Herdprämie für eine super Idee hielten, die gegen die Frauenquote agitierten und denen man seit Jahrzehnten die Gleichberechtigung der Frau in ihr dumpfes Hirn stopfen muss, zu sagen: Dass ihr euch plötzlich für die Rechte der Frauen interessiert, die ihr über Jahrzehnte hier im Land blockiert habt, das müsste euch eigentlich jeden Morgen den Spiegel im Bad zerspringen lassen. Ja, Menschen, die in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen sind, müssen eine andere Gesellschaftsordnung lernen und anerkennen. Aber tun wir doch bitte nicht so, als seien wir hier schon seit Jahrzehnten die tolerante, weltoffene Gesellschaft schlechthin. Auch für uns war das ein langer Prozess und wie wir wissen, haben nicht alle von uns die nächste Entwicklungsstufe schon erklommen.

Es ist Zeit, denen, die jetzt von „Prügeleien in Flüchtlingsunterkünften“ gar nicht genug bekommen können, zu sagen: In diesem Land brennen mehr Flüchtlingsunterkünfte als es Rangeleien gibt, werden Menschenleben aufs Spiel gesetzt und traumatisierte Flüchtlinge weiter traumatisiert. Das ist die Schande. Das ist das Problem. Zu viele aggressive junge Männer in Zelten nannte man früher Oktoberfest. Aber denen hat man nicht zu Hause die Hütte zerbombt und denen fackelt man auch nicht die Halle ab. Also auch hier einen Gang runter schalten in der Erregungsschlaufe.

Menschen flüchten tausende von Kilometern auf der Suche nach Frieden und Arbeit, um dann von Dorfdeppen angespuckt zu werden, die ihren lahmen Arsch noch nie aus dem eigenen Kaff rausgewuchtet haben. Schon gar nicht für einen Arbeitsplatz.

Es ist Zeit, den jungen Menschen, die in Sachsens Dörfern pöbeln und spucken zu sagen: Was machst Du Depp denn noch hier, wenn Du keine Zukunft hast? Du bespuckst Flüchtlinge, die tausende von Kilometern zu Fuß hinter sich gebracht haben? Aber selbst schaffst Du es nicht einmal von Heidenau nach Ingolstadt oder nach München oder nach Stuttgart oder andere Städte, in denen sie händeringend nach Leuten suchen? Was bist Du denn für ein antriebsloser Vollpfosten! Wie? Bei Mama ist schöner? Aber dann noch auf andere herabsehen wollen. Wie erbärmlich.

Es ist Zeit, denjenigen, die auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch erschrecken, wenn sie einen Ausländer sehen, zu sagen: Wie lange denn noch? Wie lange braucht ihr denn noch, um im 21. Jahrhundert anzukommen? Wenn man eine Tür öffnet, dann ist sie offen. Dann kann man rausgehen, aber es können auch andere reinkommen. Was ist daran so schwer zu kapieren? Ich weigere mich anzuerkennen, dass erwachsene Menschen noch Angst vorm schwarzen Mann haben. Oder vorm Nachtkrabb. Oder vor Shrek unterm Bett? Du lieber Himmel. 25 Jahre – das ist eine ganze Generation. Get the fuck over it.

Es ist Zeit, unseren Politikerinnen und Politikern zu sagen: Fangt jetzt bloß nicht an zu wackeln. Organisiert, investiert, professionalisiert. Entlastet die vielen tausend Helferinnen und Helfer. Vermittelt im Ausland, nehmt Europa in die Pflicht, unterstützt Flüchtlingslager näher an den Herkunftsländern und macht all das, was man euren Job nennt. Improvisiert und schießt von mir aus euren Fetisch, der sich „Schwarze Null“ nennt, auf den Mond. Andere Zeiten erfordern andere Maßnahmen. Aber fangt jetzt bloß nicht an zu wackeln. Ein heulender Seehofer ist schon peinlich genug, mehr Memmen brauchen wir nicht.

Es ist Zeit für eine glasklare Haltung. Kein Wackeln. Kein Zaudern. Kein Zögern. Die Menschen in Deutschland wollen in ihrer überwältigenden Mehrheit, dass die Menschlichkeit gewinnt. Sie empfinden durchaus, dass das eine große Aufgabe ist. Aber sie wollen, dass sie gelingt. Sie wollen stolz sein, auf das andere Deutschland.

Daher, liebe Politiker: Bitte mal wieder einen Gang zurück schrauben mit den persönlichen Panikattacken. Uns hier draußen im Land geht es im Oktober 2015 nicht anders als im Oktober 2014. Wir leben unser Leben, mit dem Unterschied, dass wir jetzt endlich die zu kleinen Kinderklamotten und die alten Winterjacken losgeworden sind und uns auch noch gut dabei fühlen konnten. Ansonsten reden wir hier über Fußball, Fifa, den Tatort und erörtern die Frage, warum jetzt plötzlich wieder alle jungen Leute in Röhrenjeans mit Hochwasser rumlaufen. Das sah doch schon 1980 Scheiße aus. Aber woher sollen sie es wissen, da waren sie ja noch nicht auf der Welt. Business as usual, eben.

Also: Macht bitte weiter eure Jobs und vermittelt uns nicht ständig mit Floskeln wie „größte Herausforderung seit …“ oder „Bis an die Grenze der Belastbarkeit …“ oder sonstigem „Ich – hab’-den-Größten-und-auch-die-größte-Krise“ Machogeschwätz eure eigene Überforderung. Keiner von uns in der Nachkriegsgeneration hat jemals eine wirklich große Herausforderung bestanden und keiner von uns ist je an die Grenzen seiner Belastbarkeit gegangen. Außer vielleicht beim Bungee-Jumping. Wir kommen schon klar, macht euch keine Sorgen.

Nicht wir sind es, die größte Herausforderungen zu meistern haben, sondern diejenigen, die zu uns kommen.

Nicht wir haben ein Problem, weil wir in der Turnhalle kein Zirkeltraining machen können, sondern die, die in der Halle leben müssen.

Nicht wir haben irgendeinen Grund zu jammern, sondern alle, die ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde verloren haben.

Das bitte, liebe Politiker, ist die Antwort, die ihr an euren Stammtischen allen geben solltet, die euch blöd kommen. Und ja, ein fröhliches „Wir schaffen das“ könntet ihr den Stänkerern noch hinterher werfen.

Das würde man dann Rückgrat nennen.

Es ist Zeit.

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Der Grössenplan zur rechten Zeit.

Gegen flatternde Nerven, heulende Ministerpräsidenten und Schaltfehler in den Synapsen des Innenministers hilft nur: der ultimative Grössenplan.

Findet man dieser Tage nicht rasch genug die Fernbedienung, um den heulenden und greinenden Seehofer wegzuzappen, der seine persönliche Überforderung und die seiner Regierung auch noch unentwegt der uninteressierten Öffentlichkeit mitteilen muss, kann einen schon eine Verwirrung der Gefühle ergreifen. Sag doch bitte einer dem Mann, dass Pressekonferenzen keine Therapiesitzungen sind.

Was ist aus den einst so stolzen Bayern geworden, dass sie sich solch ein Weichei an die Spitze wählen? Betteln, bitten, flennen –die große Angela soll es richten – wir hier können es nicht – wir sind zu klein und zu arm! Und wenn es die große Angela nicht richtet, dann bilden wir das neue Bayrisch-Ungarische Mordor Europas mit Stacheldraht, Mauern (und Schießbefehl?) aber ohne Österreicher, denn die mögen wir nicht mehr nicht. Nein.

Wegzappen. Weiterzappen zu: de Maiziere. Oh je. Da fabuliert der Bundesinnenminister der Bundesrepublik Deutschland, dass er gehört habe, dass Flüchtlinge mit dem Taxi! Jawoll. Mit dem Taxi! Und nicht mit dem Fernbus! Kreuz und Quer durch die Republik – und überhaupt – woher haben die das Geld? Ja, lieber de Maiziere, vermutlich von ihrem Konto. Woher man halt Geld nimmt. Denn wo bitte steht geschrieben, dass man arm sein muss, um aus einem Bürgerkrieg zu fliehen? Ich gebe zu – würde ich heute aus Deutschland fliehen müssen, weil mir sonst Folter und Tod drohten – ich würde mein Geld mitnehmen. Doch, das würde ich. Und zwar alles. Es ist ja auch meins. Dem de Maiziere würde ich es jedenfalls nicht geben.

Und dann lese ich noch von einem eher unbedeutenden Berliner CDU-Politiker, dass man diesen Wilden, die da zu uns kommen, unbedingt beibringen müsse, dass die Gleichstellung von Mann und Frau aber so was von unantastbar sei! Jawoll. Gut, das mit den Schwulen, das ist vermutlich wiederum Verhandlungssache, da sind die Taliban aus Sicht der Berliner CDU weiter als wir. Aber Mann und Frau – Gleichberechtigt – das hat in CDU/CSU Jahrzehnte gedauert, bis das fast ganz vielleicht anerkannt war – das lassen die sich von den Flüchtlingen nicht mehr kaputt machen. Die Männer in der Union. Die eben noch für die Herdprämie waren.

Gestern fuhr mich im Taxi ein Bulle von einem Mann. Ein Nacken wie ein Stier, Oberschenkel statt Oberarme und ein Gesicht zum fürchten. Kaum saß ich im Wagen, fing er an zu heulen. Wie das denn alles gehen sollte. Es seien ja so viele „Kanacken“. Als ich ihn bat genau hier, also 5 Meter weiter, anzuhalten und mich aussteigen zu lassen, fing er wiederum zu weinen an, dass das doch so nicht gemeint sei und so weiter und so fort. Es entspann sich dann tatsächlich noch so etwas wie ein Dialog, der gar nicht so hässlich endete, wie ich es ersehnt hatte, um dieser Muskelmemme mal ordentlich die Leviten zu lesen.

Er sprach also davon, dass die doch alle aus einem ganz anderen Kulturkreis kämen, und wie das denn gehen sollte. Ich erwiderte ihm: ungefähr so, wie die letzten 60 Jahre auch. Zumindest in dem Teil der Republik, den man früher als Westen bezeichnete. Und das klappte ja alles in allem ganz gut. Sieht man sich die Belegschaften von Mercedes Benz, BMW oder anderen deutschen Erfolgskonzernen an, hat man ja keinen Mangel an Namen, die nicht unbedingt der vaterländischen Ursuppe entsprungen zu sein scheinen. Kürzlich las ich auch eine Anzeige von Penny, in dem das Unternehmen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dankte. Beim Zählen kam ich ungefähr auf jeden fünften Namen, den man als eindeutig deutsch identifizieren konnte.

So plauderte ich vor mich hin, bis der der Fahrer dann irgendwann erwiderte – „also meine Kollegen sind ja auch alle Türken. Das klappt prima, muss ich sagen.“ Hat er gesagt. Nicht von mir erfunden. Es gibt halt solche und solche – auch unter den deutschen, war dann die Formel, auf die wir uns verständigten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Kostete aber mich 20 Minuten und ihn Trinkgeld.

Was für einen erfrischenden Unterschied zu den heulenden Männern machen doch in diesen Tagen die Frauen in der Politik. Bundeskanzlerin Merkel, die nur noch nervenflatternde Parteifreunde um sich hat, sagt sinngemäß: „Ist jetzt so. Gehen wir jetzt durch. Anpacken.“ Arbeitsministerin Nahles sagt wörtlich in der SZ: „… es ist eine Hochzeit der Politik. Man kann viel gestalten – das gefällt mir, auch wenn es mich in diesen Tagen einige Stunden Schlaf kostet.“

Was haben diese Frauen, was viele Männer nicht haben?

Nun, zunächst einmal keine Angst. Und wenn man keine Angst hat, kann man auch besser arbeiten. Das ist wirklich eine Hilfe. Früher hatte ich Flugangst, bis ich ein Anti-Flugangst-Seminar besuchte. Heute kann ich im Flugzeug super arbeiten statt mich in lähmender Angst an den Sitz zu krallen. Gut, meistens schlafe ich, aber das ist jetzt nicht der Punkt. Warum 80 Millionen Deutsche vor einer Million plus x Flüchtlingen Angst haben sollen, hat mir noch niemand erklären können. Und es wäre doch schön, wenn die Flattermänner das auch immer wieder betonen würden, statt öffentlich zu weinen.

Da alle nach einem Plan rufen, aber keinen haben, beuge ich mich dem Flehen und offeriere hier meinen Größenplan für Deutschland.

  1. Ich empfehle dringend Anti-Flüchtlingsangst-Seminare für Politiker in Leitungsfunktionen. Und für manche flatternde Nerven auch Anti-Umfrageangst-Seminare. Denn allen, die jetzt darauf verweisen, dass „die Stimmung kippt“ sei gesagt: Zwischen „Ich denke, das sind jetzt ein bisschen viele“ und „Ich ziehe nach Sachsen“, gibt es noch jede Menge Variationen. Nicht jeder, der die objektive Feststellung teilt, dass es ziemlich viele Leute sind, die da kommen (finde ich auch, die Kanzlerin auch und die Flüchtlinge finden das übrigens auch), erkrankt deshalb gleich am Mauerbausyndrom oder akuter Hitleritis. Also: bitte entspannen und an Blumenwiesen denken. Danke.
  2. Ich empfehle im zweiten Schritt Kinder-Land-Verschickungen. Liebe Jugend in den Metropolen Deutschlands, es wird Zeit, dass Ihr euch um eure Opas, manchmal auch Papas und Onkels kümmert, die ihr auf eurer berechtigten Suche nach Glück und Arbeit in einem leicht bis stark paranoiden Paralleluniversum landseits zurück gelassen habt. Einige von ihnen drohen nun, in die Radikalisierung abzudriften. Aber es gibt kein besseres Mittel gegen die Radikalisierung, als eine wache, funktionierende Familienstruktur. Deshalb, liebe Enkel, Neffen, Nichten – greift mal wieder zum Telefon oder setzt euch in Bus und Bahn und fahrt mal wieder nach Dresden oder noch kleinere Dörfer und sprecht mit eurer Verwandtschaft. Erzählt ihnen von eurem Leben und euren Erfahrungen in der Schule, auf der Arbeit, und der Uni. Erzählt ihnen davon, dass kein Mensch mehr fragt, welcher Religion der andere angehört und die Trennlinie eher zwischen Flexitariern und Veganern (nein, die sind nicht aus „Raumschiff Enterprise“) verläuft, als zwischen Christen und Muslimen. Erzählt Ihnen, dass euch wahrhaftig im Leben viele Arschlöcher begegnen, diese sich aber nicht durch ihre Staatsbürgerschaft oder Hautfarbe auszeichnen, sondern durch ihr Verhalten. Und erzählt ihnen vor allem, dass sie sich um euch keine Sorgen machen müssen, sondern wenn, dann darüber, dass Opa durch sein Verhalten eure Zukunft verhagelt und es in vielen Dörfern bald nur noch Rollatoren-Rennen als Hauptattraktion geben wird. Es sei denn, sie lassen endlich mal wieder frisches Blut ins Land und ins Dorf.
  3. Ich empfehle drittens: Offensive Planlosigkeit. Viele Menschen, einschließlich zahlreicher Grüner, Linker und nicht so linker fordern jetzt Pläne, Masterpläne und Großmasterpläne. Well. Imagine: There is no plan. Kein kleiner, kein großer. Deswegen implodieren bei Menschen wie de Maiziere ja auch die Synapsen. Error, error, error – puff-bang aus. Die Flüchtlinge, die gerade zu uns kommen, hatten nicht geplant, dass ihr Land in Schutt und Asche versinkt, die Auffanglager der Nachbarländer überfüllt und unterfinanziert sind und eine Reihe europäischer Länder vergessen haben, was europäische Wertegemeinschaft faktisch bedeutet. Wenn es keinen Plan gibt, muss man eben das Beste draus machen. Und den Menschen auch sagen, dass man jetzt eben das Beste draus machen muss. Dann machen sie auch das Beste draus. Das ist der Plan.
  4. Ich empfehle viertens: Glückshormone. Wer hätte gedacht, dass dieses Deutschland einmal das leuchtende Land würde, das es heute ist. Anziehungspunkt für hunderttausende mehrheitlich junge Menschen aus aller Welt. Gott sei Dank, kann ich da nur sagen. Was für eine super Chance gerade auch für Landstriche, die unter Vergreisung und Abwanderung leiden. Vor kurzem sprach ich fernmündlich mit einer Brennholzfachkraft im Brandenburgischen und bat sie, selbstverständlich gegen Aufpreis, das Brennholz vor meiner Datsche während meiner Abwesenheit bitte nicht nur auszukippen, sondern auch hinter dem Haus im Unterstand zu stapeln. „Wir können nur kippen.“ Auf meine vorsichtige Anfrage, ob es denn nicht einen jungen Mann gebe, der sich etwas dazuverdienen wolle, antwortete sie: „Hier gibt’s keine jungen Männer.“ Case closed. Ähnliche Antworten – allerdings geschlechtsneutral – erhielt ich in den vergangenen Monaten auch vom örtlichen Klempner, dem Elektriker, dem Gartenbaubetrieb und natürlich auch in dem Krankenhaus, in das ich einen Freund brachte, nachdem er versucht hatte, mein Brennholz nicht nur zu stapeln sondern auch noch händisch zu verfeinern.

Nein – nicht alle, die zu uns kommen, sind Ärzte, Symphoniker, Spiele-Programmierer oder alles zusammen. Aber Brennholz stapeln und auch Anspruchsvolleres wird schon klappen. Und in dem Alter machen und kriegen die dann auch noch Kinder, was dafür sorgt, dass die Dorfkita nicht schließen muss, die Schule nicht schließen muss, der Bus weiter fährt, Geschäfte Geschäfte machen und so weiter und so fort. Toll.

Ich bin mir auch sicher, dass das mit der Integration besser klappt, jetzt, wo auch weite Teile der Union mit nur drei Jahrzehnten Verspätung kapiert haben, dass das wichtig ist. Und auch der Fortschritt hin zu einem vernünftigen Einwanderungsgesetz wird nicht mehr aufzuhalten sein. Diesbezüglich haben doch die Syrer in einem halben Jahr schon mehr geschafft als die Politik in den letzten 60 Jahren. Chapeau!

Ich hätte noch zahlreiche weitere Anmerkungen und natürlich ist mein Größenplan noch wesentlich umfangreicher als ich es hier zugeben kann. Aber schon jetzt wird, denke ich, für jeden klar: Mit diesem Plan ohne Plan wird Deutschland schon morgen glücklich, weltoffen, friedlich und optimistisch. Wir schaffen das! Du auch. Und Du und Du. Und Du da hinten erst! Jetzt müssen wir nur noch Fußballspielen lernen.

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