Wir sollten wissen, dass wir Angst haben sollen.

Es gibt ein Interesse an Angst. Von Gauland über Söder zu vielen Medienhäusern, Redaktionen, Polizeigewerkschaften, Beschaffungsanstalten, einer immer weiter boomenden Sicherheitsindustrie bis hin zu Amazon, Google, Facebook und natürlich auch der Waffenlobby, die es nicht nur in den USA gibt. Die freie Presse ist dabei nicht selten Wegbereiterin des Zorns.

Angst ist ein sehr großes Geschäft. Und die Angst vorm „schwarzen Mann“ (Boris Palmer) ein traditionelles. Angst kann Phobien auslösen, das Leben nachhaltig weniger lebenswert machen und nebenbei auch Völker in Verschwörungstheorien fallen lassen, die auch mal in einem Weltkrieg enden können. Das kommt nicht so oft vor, aber hin und wieder schon. Da gab es zum Beispiel die Angst der eingeschlossenen Mittelmacht, die für sich zu wenig Lebensraum sah, sich daraufhin welchen suchte und danach weniger hatte als zuvor. Dazwischen lagen mehr als 55 Millionen Tote.

Das ist das Ergebnis der „German Angst“, wenn sie ganz außer Kontrolle gerät. Es gibt einige Historiker, die die Angstverliebtheit der Deutschen bis auf den 30-jährigen Krieg von 1618 ff zurückführen. Dieser dauerte zwar geschätzte 30 Jahre, hat aber in der Folge zu keiner grundlegenden Verhaltensänderung geführt. Stimmt die These von 1618 ff, so wäre unsere Friedenszeit von 1945 ff ja auch nur bedingt lange.

Aber ich schweife ab. Denn von einem Alexa-Smarthome-Sicherheitssystem bis zum Weltenbrand gibt es ja noch Grauzonen.

Wir sollten wissen, dass wir Angst haben sollen. Wir sollen Angst haben, weil es ein sehr großes Business ist. Für Parteien, für Konzerne, für die Klickraten in Redaktionen, für die Titelseiten von Tageszeitungen, für die Einschaltquoten von Talkshows, für den Verkauf von Sicherheits- und Selbstschutztechniken, für Werbetreibende und viele andere. Wir werden instrumentalisiert und manipuliert, um mehr Angst zu haben, nicht weniger.

In den letzten Tagen kamen neue Kriminalitätsstatistiken auf den Medienmarkt. Nie zuvor wurden sie von den üblichen Verdächtigen aber auch von ARD, ZDF, SPON und weiteren so sehr relativiert wie in diesem Jahr. Weil jede einzelne Statistik eine zum Teil deutliche Abnahme von Straftaten verzeichnete. Und man muss hinzufügen, dass sich auch die Statistiken der Vorjahre im Vergleich zu früher auf niedrigem Niveau bewegten. Als die Statistiken eine steigende Zahl an Straftaten auswiesen, habe ich eine solch deutliche Relativierung durch die Medien nicht vernommen.

Immer wieder wurde in den letzten Tagen von „gefühlter Bedrohung“ gesprochen. So wie Donald Trump „gefühlt hat“, dass mehr Menschen bei seiner Amtseinführung waren als bei Obama. Oder so wie der Wetterbericht sagt, dass es 12 Grad hat, es sich aber anfühlt wie 8. Punkt ist aber: es sind 12 Grad. In den Berichten zu der sinkenden Kriminalität wurden häufig Bilder benutzt, die erklären sollen, warum die gefühlte Kriminalität höher ist als die tatsächliche. Man machte dafür die Bilder verantwortlich, die man in eben diesem Beitrag ÜBER DIE SINKENDE KRIMINALITÄT wiederholte. Ihr treibt mich noch in den Wahnsinn. Wie kann man beim Fernsehen arbeiten und so wenig von Bildern verstehen?

Ich habe auch noch nie einen enttäuschteren Innenminister bei der Verkündung positiver Botschaften gesehen, als Horst Seehofer. Das passt so gar nicht in die CSU-Strategie zur Landtagswahl, aber da war wohl nichts zu machen. Die Zahlen waren einfach zu gut.

Vor einigen Tagen wankte ich schlaftrunken in mein Badezimmer und schaltete wie immer Inforadio auf dem rbb ein. Um 7 Uhr morgens war der Aufmacher, dass in einer Flüchtlingsunterkunft in einem Ort namens Ellwangen Polizeiwagen vorgefahren seien. Nun muss man wissen, dass Inforadio der Nachrichtensender des rbb ist, der vor allem in Berlin gehört wird. In Brandenburg auch, aber dort wohnt niemand. In Berlin ist es keine Nachricht, wenn irgendwo Polizeiwagen vorfahren. Das tun sie den ganzen Tag, weil das Vorfahren überhaupt die Existenzberechtigung von Polizeiwagen ist. Ich wunderte mich also über die Nachricht. Sie beherrschte den ganzen Tag über alle Medien und auch noch am folgenden Tag und am übernächsten die Talkshows. Unterm Strich fuhren also Polizeiwagen vor einem Flüchtlingsheim vor. Die Polizei führte vier Bewohner ab. Alles war friedlich. Im Grunde war es so: Die Polizei kam am ersten Tag und sah, dass es schwierig werden würde. Dann kam sie Tage später wieder mit mehr Leuten und hat dann erledigt, was zu erledigen war. Das versucht sie in der Rigaer Straße seit 1990 ohne Erfolg. Außer einigen wenigen Gourmets interessiert das aber auch keinen. In Berlin gibt es gut 10.000 Straßen und Plätze, da kann man sich nicht von jeder aufmerksamkeitsheischenden Ecke beeindrucken lassen.

Warum also wird ein überschaubarer Einsatz in einem Kaff im Süden zum nationalen Medienereignis? Ganz einfach, weil er Angst macht. Ganz einfach, weil alle davon profitieren. Ein Nicht-Event wird überproportional aufgebauscht. Menschen sollen sich aufregen. Sollen Angst bekommen. Sollen zum Gaffer werden über die Medien. Und so sicher wie das Amen in der Kirche werden die üblichen Tweets abgedrückt, die Bots angeworfen, die Klickraten angefeuert, die Titelseiten umgestellt, die martialischsten Bilder verbreitet und die Talkshows umbesetzt. Später werden sich alle – vom kleinen Newsdesk-Redakteur bis zum großen Chefredakteur damit rechtfertigen, dass es doch „ein berechtigtes Interesse der Bevölkerung an dem Fall gab.“

Ein Interesse, das man selbst erst erzeugt hat. Weil es für Klickraten sorgt. Weil es für Einschaltquoten sorgt. Weil es andere reich macht. Auf Kosten von uns allen. Vor allem auf Kosten unseres friedlichen Zusammenlebens.

Wir sollen Angst vor der U-Bahn haben, auch wenn wir in Tübingen wohnen, wo es keine U-Bahn gibt. Menschen die regelmäßig U-Bahn fahren, haben keine Angst vor der U-Bahn. Sonst würden sie nicht U-Bahn fahren. Denn dort, wo es U-Bahnen gibt, gibt es auch oberirdische Alternativen dazu. Die Landbevölkerung hat Angst vor der U-Bahn und der Städter hat Angst vor einer Kuh. Das ist nun mal so. Was man nicht kennt, macht zunächst mal misstrauisch. Ich halte eine Kuh jedenfalls für gefährlicher. Auch aus Gründen der Laktoseintoleranz. Die hat man auch nur in der Stadt. Aber ich schweife ab.

Wenn ich Medienvertreter über Medien reden höre, habe ich immer den Eindruck, als ob sie über die anderen redeten. Man versucht, die steigende Angst der Deutschen mit der Bilderflut über Einzelfälle zu erklären. Ja, das stimmt. Aber wer sorgt denn für die Bilderflut? Nur Social Media? Wohl kaum. Die einschlägigen Bilder und Videos werden überhaupt erst durch den Absender bekannter On- und Offline-Medienmarken glaubwürdig.

Ihr macht Angst und erklärt sie dann hochmütig zur Überreaktion eurer dummen Zuschauer und Leser. Redet nicht immer über andere. Ihr seid Teil der Zündschnur. Ihr geht jetzt schon im dritten Jahr dem rechten Framing der Angsterzeugung auf den Leim. Wider besseres Wissen. Wider die Fakten. Ihr seid nicht die Hüter der Demokratie, ihr zersetzt sie. Aus Gier. Aus Selbstverliebtheit. Aus Anerkennungssucht. Aus wirtschaftlichem Interesse. Wir kennen die warnenden Beispiele. Aus den USA, aus der Brexit-Debatte, aus Polen, Ungarn von Russland ganz zu schweigen.

Der Umgang mit der Angst ist nur ein Beispiel. Vor der Gleichschaltung steht immer die freiwillige Destruktion der Demokratie. Man versteht sich als Anwalt des kleinen Mannes gegen die demokratisch legitimierten Institutionen und verliert dabei jedes Maß. Am Ende ist der kleine Mann dann ein rechtes Arschloch und keiner hat Schuld.  Die freie Presse ist nicht selten Wegbereiterin des Zorns, der sie als erste verschlingen wird. Es wird Zeit, sich bewusster zu werden, dass nicht nur der vermeintliche kleine Mann, sondern auch die demokratische, friedliebende Gesellschaft einen Anwalt braucht.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+