Guten Morgen, heute ist Wahltag.

Wer gerne einmal einen spannenden Wahltag erleben möchte, dem schenke ich heute einen Text aus meinem Buch „Höllenritt Wahlkampf“. Viele Spaß, Freude, Nostalgie, Melancholie…

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Sonntag, 18. September 2005, Berlin. Wahltag

Guten Morgen, heute ist Wahltag.

Der Höllentag. Ein Tag, an dem man in allem ein Zeichen sieht. Regnet es? Dann bleiben die eigenen Leute bestimmt zu Hause. Scheint die Sonne? Dann gehen die eigenen Leute bestimmt ins Freibad oder an den See und kommen erst gegen 18:09 nach Hause, wo Vati dann die Wahlkarte auf dem Sideboard findet und sagt: „Mensch, Schatz, haben wir vergessen wählen zu gehen … Na ja egal, auf uns wird es nicht ankommen.“

DOCH, DU IDIOT.

Ich telefoniere ein bisschen rum. Ein Freund erzählt mir, dass seine Oma gestern gestorben sei. Ich kann mir gerade noch verkneifen zu fragen, was sie üblicherweise gewählt hat … Der Wahnsinn regiert mich.

Ab etwa 16:00 kann man mit ersten Infos aus den Instituten rechnen. Aber es ist erst 11 Uhr.

Das Gefühl, das mich plagt, kenne ich aus der Schulzeit nach einer Mathearbeit. Ich weiß, dass ich versagt habe, bete irrational für eine vier, erwarte eine fünf und bekomme eine sechs. Es geht immer noch schlechter. Dieses Gefühl, das einen das Atmen vergessen lässt vor dem drohenden Unheil. Der Moment, in dem man einer Frau, die man länger nicht gesehen hat zur Schwangerschaft gratuliert und man in ihren Augen ablesen kann, dass sie gar nicht schwanger ist … dieser Moment, noch bevor sie antwortet – das ist das Gefühl des Wahltages – aber den ganzen verdammten Tag lang. Und ich stehe nicht mal zur Wahl. Ich gehe joggen. Was machen die Leute hier? Waren sie schon wählen, gehen sie noch wählen, haben sie Briefwahl gemacht – wen haben sie gewählt oder wollen sie wählen?

13:00 stehe ich vor dem Hotel Stuttgarter Hof und putze mein Fahrrad. Irgendwas, um mir die Zeit zu vertreiben. Eine schwarze Limousine fährt vorbei – im Fond sitzt Kajo Wasserhövel und telefoniert hoch konzentriert. Irgendwas lese ich in seinem Gesicht und es ist keine Resignation. Wenn es keine Resignation ist, bedeutet es: über 30 Prozent. Aber ich kann mich täuschen – er sieht mich nicht.

14:30 Tegel. Daniel kommt mit der Maschine aus Frankfurt. Kurz zuvor landet der Düsseldorf-Flieger mit Oliver Schumacher, dem ehemaligen Staatsminister von Peer Steinbrück. Das ist erst vier Monate her. Eine Ewigkeit. Ich packe ihn mit ins Auto. Mit Daniels Flieger kommt auch Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen. Er sieht ziemlich ernst aus. Aber in seinem Fall kann das alles bedeuten. Er würde es hassen, wenn die CDU verliert, aber auch, wenn Merkel gewinnt.

Auf dem Weg von Tegel Richtung WBH bekommen Oliver und ich ständig Sms-en. Wir denken jedes Mal, es sei ein erster Trend. Pustekuchen. Es ist jedes Mal jemand, der den ersten Trend von uns haben will.

15:30. Jetzt kommt wirklich was: CDU/CSU unter 40. Unter 40? Niemand hatte die Union unter 40 Prozent Niemand. Forsa, Emnid, Allensbach, Infratest, FGW: Der Korridor ging von 41:43 Prozent.

Kein einziges Institut hatte die Union unter 40.

Die Begründung für das Gerücht: Zur Mittagszeit lag die CSU in Bayern unter 55 Prozent. Und das bedeutet, wenn die traditionell nach dem Kirchgang wählenden gläubigen Katholiken nur für 55 Prozent gut sind, dann landet die CSU bei Schließung der Wahllokale unter 50. Denn die Sozen gehen erst später wählen und die Müslis nach dem zweiter Brunch am späten Nachmittag. Landet die CSU aber unter 40, kommt die Union insgesamt im Bund nicht über 40.

Also CDU/CSU unter 40. Aber wo sind wir? Und reicht es noch für Schwarz/Gelb?

15:40 Am Hotel angekommen werfen wir Daniels Koffer in die Lobby und rufen zwei dort sitzenden Kollegen zu: Union unter 40! Und konsternieren damit eine ältere Reisegruppe aus dem Schwabenland, die a) nicht wissen, worüber wir sprechen, oder b) es wissen, aber nicht wissen, woher wir das jetzt schon wissen wollen, oder c) es nicht glauben wollen, weil „Union unter 40“ in Baden-Württemberg nicht zum Wortschatz gehört. Bei dieser Gelegenheit frage ich mich wie schon seit Wochen, warum Schwaben, die in Berlin Urlaub machen, ausgerechnet im „Stuttgarter Hof“ absteigen. Geht es nicht mal zwei bis drei Tage ohne? Egal. Werde ich heute nicht mehr beantwortet bekommen.

Jetzt schnell ins WBH.

16:00 Aufgekratzte Stimmung in der Kampa. Überall piepsen Handys, ständig fragen Journalistenfreunde an, ob man schon was weiß. Es schwirren ungewichtete Daten durch die Luft, die keinen weiterbringen.

16:25 möglicher Weise keine Mehrheit für Schwarz/Gelb.

16:30. Wir über 30, CDU/CSU um die 38, FDP um die 9, Grüne 8, Linke 8. Das würde für Schwarz/Gelb noch reichen, wenn wir nicht über 32 kommen.

16:35: 38/32/10/8/8. Das wären 48:46 für Schwarz/Gelb.

Ein großartiger Erfolg, aber wenn es so eng ist, wollen wir alle mehr.

16:50. Die 18 Uhr Prognosen trudeln ein. Sehr unterschiedlich – aber eines ist klar: CDU/CSU und die Umfrageinstitute erleben eine Katastrophe und wir erleben die Wiederauferstehung.

ZDF: 37/33/10,5/8/8; ARD: 35,5/34/10,5/8,5/7,5

Bei der ARD trennen uns nur 1,5 Prozent von CDU/CSU.

Das ist eine Sensation. In der Kampa herrscht fiebrige Fassungslosigkeit. Unten bei Willy im Foyer und vor dem Haus trudeln die Gäste ein. Alle fassungslos. Wie ist das möglich – und was bedeutet das? Wer regiert dann eigentlich?

Wir sitzen in unseren verglasten Großraumbüros. Das WBH ist voll verkabelt. Kamerateams und kleine Sendestudios innen, Übertragungswagen an Übertragungswagen außen. Überall wuselige Geschäftigkeit. Die Journalisten kennen die Zahlen ebenso wie wir. Eine Sensation liegt in der Luft. Sie waren hierhergekommen, um betroffene Gesichter in der SPD-Zentrale aufzunehmen – aber diesmal nicht. Diesmal nicht.

17:30. Die Sender gehen nach und nach auf Wahlsendung. Zwischen den Zeilen kann man Andeutungen heraushören, dass es heute nicht so ausgehen wird, wie die meisten Zuschauer es erwarten mussten.

17:40 Überall in der Kampa umarmen sich die Kampagneros. Wir haben eine große Schlacht geschlagen – und wir sind wahnsinnig erleichtert. Auf jedem von uns lastete ein wenig das Schicksal der großen, geschichtsträchtigen SPD. Und wenn wir es so empfanden, was mussten erst Schröder und Müntefering empfunden haben, als sie am 22. Mai die Verantwortung der Neuwahlen auf sich nahmen. Und jetzt hat Schröder fast noch Recht bekommen. Wäre Oskar mit seiner Truppe nicht quergeritten, würde es sogar für ihn reichen. Aber egal – Oskars Bäume wachsen heute auch nicht in den Himmel.

Diese unglaubliche Erleichterung. Und diese Wut. Die Wut auf viele Journalisten, die uns schon Monate vor der Wahl abgeschrieben hatten und nicht einmal mehr den demokratischen Prozess einer Wahl abwarten wollten. Die Wut auf die Forschungsinstitute, die sogar die richtige Stimmung messen konnten, aber ihren eigenen Zahlen nicht geglaubt haben. Die Wut über die Demütigungen der letzten Jahre.

Und der Stolz darüber, dass Springer, Bild aber diesmal auch Stern und Spiegel am Ende doch keine Wahl entscheiden, sondern die Wähler.

Denn nach deren Trommelfeuer hätte die Union die absolute Mehrheit bekommen müssen.

Wir sind stolz. Wahnsinnig stolz auf Schröder, das ultimative Frontschwein. Was hat der Mann ausgehalten, wie hat er gekämpft. Gestern noch 20.000 in Frankfurt und ein 8-9 Prozent-Vorsprung für Merkel. Und heute fast Gleichstand. Was für ein Wahlkämpfer.

17:59 Jetzt stehen wir alle unten im WBH. Schöneborn in der ARD sagt noch was von „Überraschung“, der Rest geht unter in einem Urschrei, den man in ganz Deutschland hören muss. Das Willy-Brandt-Haus bebt. An diesem Ort, an dem heute niemand eine Party erwartet hatte, steigt die geilste Wahlparty der Republik. Wir schreien uns die Seele aus dem Leib. Und schreien und schreien und schreien.

18:05 Die Spekulationen beginnen. Wer mit wem? Und kann sich Merkel bei so einem Ergebnis überhaupt halten? Wird sie von ihrer eigenen Partei fallen gelassen? Ein 23-Prozent-Vorsprung ist in drei Monaten auf jetzt 2-3 Prozent geschmolzen.

18:11 ZDF Erste Hochrechnung. CDU/CSU weiter runter auf 36,6, wir auf 33,2, bei der ARD sieht es noch besser für uns aus.

18:34 Die Institute gleichen sich weiter an. ZDF korrigiert die Union weiter nach unten auf 35,9.

18:40. Union jetzt bei 35,2, wir bei 34.

19:23: Union 35,2 wir 34,1

19:27: Schröder kommt. Der Saal kocht. Und überschlägt sich, als er von einem „klaren Regierungsauftrag“ spricht. Den sieht man nicht auf den ersten Blick und auch nicht auf den zweiten … aber egal jetzt. „Ich bin stolz auf die Menschen in diesem Land“ ist ein weiterer Jubelsatz. Wir sind schon heiser und zunehmend besoffen. Es ist unerträglich heiß unter den Kamerascheinwerfern und die Menschen drängen sich dicht an dicht in das schon viel zu volle Willy-Brandt-Haus und immer mehr kommen hier her – an diesen Ort, der heute der Ort ist, where it all happens …

19:45 Die ersten Gerüchte über Überhangmandate machen die Runde. Kann es sein, dass die SPD sogar mehr Mandate holt als CDU/CSU? Damit wäre sie stärkste Partei. Andere Gerüchte: Fällt Westerwelle um? Gibt es eine Ampel? Kann er damit leben, zum zweiten Mal nach 2002 wieder nicht Außenminister zu werden? Oder springt er lieber?

19:59: RTL: 34,8 : 34,2. 0,6 Prozent. Fuck. Noch 0,6 Prozent. Nullkommasechs.

20:00 Tagesschau. Wir sehen Bilder von jubelnden Massen im WBH – also von uns. Und von betroffenen Gesichtern bei CDU/CSU.

20:13. ZDF: 35,2 : 34,1. Die waren mal mit 37:33 gestartet …

20:15 ARD/ZDF Elefantenrunde. Das Willy-Brandt-Haus bebt immer noch. Überall laufen die Bilder über die Monitore, aber man versteht sein eigenes Wort nicht. Merkel sieht angegriffen aus, Stoiber kann wahrscheinlich damit leben, dass Merkel schlechter abschneidet als er (38,5 Prozent) – und das bei deutlich schlechterer Ausgangslage. Man munkelt von einem Putsch in der Union. Schröder wirkt aufgeputscht und liefert eine Breitseite zuallererst gegen die Moderatoren. Hier im WBH wird jeder Satz von ihm begeistert aufgenommen. Wir sind eh siegestrunken. Irgendwann sagt er: „Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel eingeht, in dem sie sagt, sie möchte Kanzlerin werden? Also ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen.“

So schaukelt es noch ein bisschen weiter rauf. Der Rest geht im Gegröle unter.

20:59 ZDF: 35,0 : 34,2 Nullkommaacht

21:09 Bekomme erste sms, ob Schröder besoffen war. Scheint draußen vielleicht anders anzukommen als hier. Egal. Ist morgen eh vergessen.

21:20 SAT 1: CDU: 220 Mandate; SPD 223 Mandate.

Durch Überhangmandate hätte die SPD 3 Sitze mehr und würde damit in einer Großen Koalition den Kanzler stellen.

21:25 Die Gerüchteküche kocht. Stürzt die Union Merkel? Einigt sich Schröder mit Stoiber – er noch zwei Jahre, dann Stoiber? Reicht es doch noch für Schröder? Was ist mit dem Wahlkreis Dresden I? Kann der noch was drehen?

22:30. Die Institute pendeln sich ein. Wir werden nicht mehr an der Union vorbeiziehen. Auch die Mandatsverteilung pendelt sich ein. CDU/CSU werden gemeinsam mit 2-3 Mandaten Vorsprung stärker als die SPD werden. Aber was das für die Regierungsbildung bedeutet, das werden wir heute nicht mehr erfahren.

Heute werden wir eh nicht mehr viel erfahren. Heute wird gesoffen und gefeiert.

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