Das Europa der Memmen.

Der Europawahlkampf wird eine Veranstaltung der Memmen und Heulsusen, der Verkniffenen und Unfrohen, der Skeptiker und Zweifler sowie von einem Haufen Populisten und noch ein paar Nazis. Na großartig. Das macht ja mal richtig Lust, zur Wahl zu gehen.

Selbst wenn wir die widerlichsten Billig-Populismus-Parolen von AfD (Abzocke und Verschaukeln des deutschen Volkes etc.) und Linkspartei (militaristisch, undemokratisch, neoliberal etc.) beiseite lassen, so bleiben uns noch europa-euphorische Statements der Europa-Befürworter wie: „Europa ist eine gute Idee, aber mit Demokratiedefizit.“ „Europa ist eine gute Idee, aber Deutschland darf nicht der Zahlmeister werden.“ „Europa ist eine gute Idee, aber viel zu bürokratisch“ (im Gegensatz zu Deutschland, haha). „Europa ist eine gute Idee, aber, dass man dort den Krümmungsgrad von Gurken, Bananen, Abflussrohren festlegen will, geht zu weit.“ „Europa ist eine gute Idee, aber die Umweltstandards sind viel zu hoch/zu niedrig.“ „Europa ist eine gute Idee, aber es sind jetzt viel zu Viele dabei“ und so weiter und so fort.

Vielleicht bin ja nur ich es, aber ich würde gerne eine Partei wählen, die europa-skeptische Umfragen nicht zum Anlass nimmt, einen europa-skeptischen Wahlkampf zu führen. Ich würde gerne eine Partei wählen, die ihren Wahlkampf nicht auf kleinkarierte Bauern oder kleinkarierte Plattenbaubewohner ausrichtet. Ich würde gerne eine Partei wählen, die Umfragen nicht als Mahnung, sondern als Herausforderung begreift. Ich würde gerne eine Partei wählen, die den größten demokratischen, friedlichen, wirtschaftlichen und völkerverbindenden Erfolg in der Geschichte dieses Planeten diesen ewig missmutigen Skeptikern in ihre verzagten Hintern schiebt, aus denen ja laut Luther bekanntlich sowieso nie ein fröhlicher Furz kommen wird.

Ich möchte eine Partei wählen, die es feiert, dass Menschen aus 28 Nationen – in Worten Achtundzwanzig – in einem Staatenbund leben, der völlig zu Recht mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Ich möchte eine Partei wählen, die es feiert, dass der größte gemeinsame Markt der Welt gerade dabei ist, seine größte Krise und vielleicht sogar die größte Finanz- und Wirtschaftskrise der modernen Welt zu meistern. Und zwar so zu meistern, dass selbst Länder, die zu den jüngeren Demokratien zählen (Portugal 1974, Spanien 1977, viele Osteuropäer erst nach 1990) und eine hohe Arbeitslosigkeit zu beklagen haben, dies ohne Rückfall in undemokratische Tendenzen schaffen.

Ich möchte eine Partei wählen, die es feiert, dass Deutschland mit dem Euro und der Europäischen Union wirtschaftlich so erfolgreich ist, dass nach jüngsten Umfragen über 75% der Bevölkerung sagen, dass es ihnen persönlich wirtschaftlich „gut“ oder sogar „sehr gut“ gehe.

Ich möchte eine Partei wählen, die dem Dreher im kleinen Maschinenbaubetrieb, dem fröhlichen Taxifahrer in Berlin, der Verwaltungsangestellten bei Siemens, dem Schweißer bei Audi, der Bäuerin in der Uckermark, dem Start-Up in Leipzig und allen anderen vorrechnet, dass sie und ihre Kinder und Kindeskinder von diesem großartigen Europa profitieren.

Ich möchte eine Partei wählen, die dem dumpfen Gemecker über unsere angeblichen Transferzahlungen entgegenhält, dass wir die EU-Länder nicht nur unterstützen, weil wir so wahnsinnig gute Menschen sind, sondern weil wir ihnen unsere teuren Maschinen, unsere Audis, Daimlers, BMWs und VWs, unsere Medizintechnik, unsere Finanzdienstleistungen, unsere SAP-Programme und vieles mehr verkaufen wollen und deshalb ein großes Interesse daran haben, dass sie schnell wieder auf die Beine kommen.

Ich möchte eine Partei wählen, die den Hochnäsigen, die gerne mit dem Finger auf andere Länder zeigen und sich selbst loben, weil wir in Deutschland so mutige Reformen angepackt haben, sagt: Wir Deutschen haben den letzten Kanzler, der mutig für Reformen gesorgt hat, zum Teufel gejagt und abgewählt – so mutig waren wir. Wir haben gejammert, gezetert und geheult und die Reformen, die uns heute nutzen, wurden gegen Volkeswillen durchgesetzt – weil einer die Eier hatte, gegen den Strom zu schwimmen.

Ich möchte eine Partei wählen, die denen, die staatliche Transferleistungen für das Grundübel der Wirtschaft halten, antwortet: Als 2009 in Baden Württemberg und Bayern bei den ganzen Vorzeige-Betrieben die Bänder still standen, weil keiner mehr unsere Produkte kaufen konnte – wie haben wir das denn gemeistert? Richtig: Mit staatlicher Intervention in Form von Kurzarbeitergeld, Abwrackprämie, Konjunkturprogrammen und massiven Investitionen auf Pump. Also, all den Dingen, die wir anderen in der EU vorenthalten wollen und die am Ende niemandem mehr nützen würden als uns.

Ich möchte eine Partei wählen, die dem Vater, der seine Kinder „vor Überfremdung schützen“ will, antwortet: Vielleicht und hoffentlich sind deine Kinder eines Tages gar nicht so vernagelt wie Du Vollpfosten, sondern nutzen ihre Chance, aus Deiner jämmerlich kleinen Vorstellungswelt zu entkommen, ihr Glück zu suchen und als Ärztin in Dublin, als Monteur in Marseille, als Lehrerin in Barcelona oder als IT-Spezialist in Warschau zu arbeiten.

Ich möchte eine Partei wählen, die den Nazis und den verkappten Nazis endlich mit voller Wucht entgegentritt, die Europa feiert, die den Frieden feiert, die den Erfolg feiert, die das Miteinander feiert, die die Freiheit feiert und die vor allem einen Bund feiert, den es so in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat und es deshalb verdient, mit jeder Faser und jeden Tag aufs Neue verteidigt, gestärkt und gepriesen zu werden: Die Europäische Union. Mein wunderbares, einzigartiges, liebenswertes Europa.

PS: Gibt es diese Partei? Dann bitte ich um ihre Bewerbungsunterlagen.

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The Need for Speed 2014

In den Tagen vor der Pressekonferenz von Barack Obama zu den neuen Verhaltensregeln der US-Geheimdienste wurde über die Inhalte nicht spekuliert. Nein, man wusste schon im Vorfeld zu berichten: Nichts Neues. Er sagte dann aber doch einiges Neues und manches sogar sehr konkret. Tenor: Überraschend viel Neues.

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Die neue Familienministerin Manuela Schwesig schlägt vor, dass berufstätige Eltern in Zukunft nicht mehr als 32 Stunden pro Woche arbeiten sollten, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Tenor: Unabgestimmt, unbezahlbar. Schwesig scheitert mit ihrem Vorschlag. Da war der Tag noch nicht einmal zu Ende.

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Die Bunderegierung trifft sich am 22. Januar zur Klausurtagung. Die Vereidigung war am
17. Dezember. Dazwischen lagen (inklusive der Samstage) 25 Arbeitstage. Tenor: Fehlstart. Was machen eigentlich die Unionsminister? Hält das vier Jahre?

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Michael Schumacher liegt seit Wochen im Koma. Focus Online begleitet das mit einem „Live-Ticker.“ Und ein WELT Journalist versteigt sich noch am Tag des Unfalls in peinlichster Hobby-Fern-Psychoanalyse zu der These, dass der Mann den Tod geradezu suchte. Klar, weil er auf einem Mini-Abschnitt zwischen zwei Pisten eine Abkürzung gefahren ist. Demnach kenne ich ziemlich viele Menschen mit Todessehnsucht, einschließlich meiner Wenigkeit.

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Ihr geht mir alle so auf den Sack.

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Was genau wäre jetzt das Problem, eine Pressekonferenz abzuwarten, bis sie gehalten wurde? Und danach zu berichten, zu kommentieren, zu analysieren, zu loben oder zu verdammen, was dort gesagt wurde?

Warum kann man über eine 32-Stunden-Woche für Eltern nicht mal 48 Stunden nachdenken?

Muss man nicht selbst hirntot sein, um bei einem Koma-Patienten einen Live-Ticker einzurichten?

Und das waren nur ganz wenige Beispiele aus dem Jahr 2014, das den ersten Monat noch nicht hinter sich hat.

Noch schlimmer als diejenigen, die solche „News“ verzapfen, sind nur noch die, die sie kommentieren. Denn unten warten die Irren.

Man soll es ja nicht tun, jeder weiß es. Es bringt nichts. Und man sagt es sich auch jedes Mal, wenn man am Ende des Artikels angelangt ist: Jetzt nur nicht weiter nach unten scrollen. Denn dort lauern die Irren. Die Verschwörungstheoretiker, die Loser, die Gelangweilten, Homophoben, die sexuell Frustrierten und die Gescheiterten, die aber über alles nicht nur Bescheid, sondern richtig Bescheid wissen. Sie nennen sich „kampfhuhn52“, „hochimint“, „motzmaus “ oder „chaoskarl“  – und sie werden dich zu ihnen nach unten ziehen, dich zumindest zum Staunen bringen, dass so viel Irrsinn möglich ist – vor allem aber werden sie dir die Zeit stehlen, die man doch nicht hat. Ok. Vielleicht doch einmal kurz….Nein! Denn Du bist nirgends sicher. Du glaubst, bei ZEIT-Online sind sie nicht – HAHAHA – gefangen! Vor lauter Verzweiflung gehst du offline, schaltest das Deutschlandradio ein, landest in einer Call-Inn-Sendung – und da sind sie wieder. Wer hat das Fass aufgemacht, wer die gute alte „Leserbriefredaktion“ abgeschafft? Wer war der Meinung, dass Dialog und Partizipation die Lösung sind? Dort sollst du schmoren, unten bei den Irren, gemeinsam mit dem quicklebendigen Adolf, dem Geheimnis um das wahre Geschlecht Obamas, dem Mastermind hinter 9/11, dem echten Grund für Hitzlspergers Outing und natürlich auch dem Geheimnis von Lakritzbonbons. Sie wissen nicht, was Lakritzbonbons mit Ihnen machen? DAS WISSEN SIE NICHT?!!

Allen ein entspanntes 2014. Vielleicht ab Februar.

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Und nun zu Dir, Presse.

Es kommen ja jetzt die besinnlichen Tage und da hättest Du ja Gelegenheit, über die eigene Besinnungslosigkeit nachzudenken. Was bitte schön soll das denn für ein Jahr des Journalismus gewesen sein? Eines, auf das man stolz sein kann? Es mag ja sein, dass nichts älter ist als die Tageszeitung von gestern oder die SPON Headline von vor 38 Minuten – aber zur Erinnerung doch noch einmal die Volten, die Du im Wahljahr 2012/2013 geschlagen hast.

Zunächst einmal war ja klar, dass Peer Steinbrück der absolut gefährlichste Kandidat der SPD gegen Merkel sei und diese sich warm anziehen müsse. Sigmar Gabriel sei zu unstet und sprunghaft, Steinmeier zu erwartbar und so weiter und so fort. Sechs Wochen später war Steinbrück der Totalausfall, alles was zuvor für ihn sprach (erfolgreich, spontan, blitzgescheit) waren jetzt seine größten Fehler. Wahrscheinlich wäre Gabriel doch der bessere gewesen, weil er ja am Ende die eigenen Leute besser mobilisiere und so weiter. Schon kurz vor der Wahl waren wiederum die Tage von Gabriel gezählt, die Revolution im eigenen Haus unabwendbar und schwarz/gelb so gut wie gesetzt. Merkel könne jetzt noch ein bisschen regieren, aber bei der SPD liefe alles auf Hannelore Kraft hinaus und dann müsse sich die Merkel ganz warm anziehen, denn das wäre nun die stärkste Gegnerin überhaupt.

Doch nach der Wahl solltest Du erst zur eigentlichen Hochform auflaufen. Das Ende der SPD war nahezu unabwendbar, der Mitgliederentscheid die endgültige Bankrotterklärung und natürlich auch gleich der gesamte SPD Vorstand einschließlich aller Stellvertreter nachhaltig beschädigt, sollte das schief gehen. Die Große Koalition sei sowieso das Grab der SPD, gleichzeitig wiederum habe sich die Kraft mit ihren Zweifeln an der Großen Koalition selbst beschädigt. Dass der Mitgliederentscheid wiederum schief gehen würde sei nicht unwahrscheinlich und daran konnte man ja auch arbeiten. Mit unzähligen Mitschnitten und Beiträgen aus den entlegensten SPD Ortsvereinen, in denen – oh Wunder – es auch immer nur die kritischsten Stimmen auf den Bildschirm schafften. Parallel dazu wurden auch gleich die Personalspekulationen immer wilder. Von der Leyen war die Abstiegskandidaten schlechthin, für Andrea Nahles bliebe – aber nur mit Glück und Spucke – maximal das Entwicklungshilfeministerium und vor allem die CSU wäre der große Gewinner und könnte im Gegensatz zur CDU auch richtig verhandeln.

Nach dem Mitgliederentscheid wiederum war Sigmar Gabriel der absolute Superstar, der einzige überhaupt, den Merkel zu fürchten hätte, da er auf Augenhöhe mit ihr stehe und jetzt sei es an der Zeit, dass sie sich warm anziehe. Merkel, mittlerer Weile in drei Pelzmäntel eingewickelt, schlug die tapfere Frau von der Leyen zu ihrer natürlichen Nachfolgerin und wenn diese ihre Bewährungsprobe überstünde – ja dann erwarten wir 2017 den Kampf der Giganten: Superman gegen Catwoman. Der Seehofer, nur nebenbei, habe sich halt völlig verzockt – aber das sei ja erwartbar gewesen.

Dies war nur ein kleines Beispiel Deiner Glanzleistung 2013. Und es mag ja sein, dass Du nur noch nach Klickraten und Quoten bezahlt wirst und deshalb ständig und immer schneller neuen Stuß produzieren musst. Aber dann gib es wenigstens auch mal zu und tu nicht so, als müsse der Rest der Welt diesen Unsinn auch noch ernst nehmen.

Frohe Festtage dann noch.

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