Tausche deutsch gegen elektrisch.

Oder: Warum das die einzige Sprache ist, die von unserer Automobilindustrie verstanden wird.

Sydney Pollack zeichnet in seinem wunderbar schwermütigen Film „The Electric Horseman“ das surreale Bild eines abgehalfterten Rodeoreiters (Robert Redford) auf die Leinwand, der als traurige Werbefigur mit bunten Glühbirnen besetzt trostlos blinkend seine Runden dreht. Mühsame Runden drehen muss im Deutschland des Jahres 2016 auch, wer die Bundesregierung bei ihrem selbsterklärten Ziel unterstützen will, bis 2020 eine satte Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen. Ein Erfahrungsbericht.

Ja gut, ich habe eine Schwäche, die andere nicht immer teilen. Ich teile nicht gerne. Also vor allem mein Auto nicht. Und ich mag auch gerne große Autos, in denen ich am liebsten alleine sitze. Das ist in höchstem Masse egoistisch, egozentrisch, egomanisch, ichbezogen und auch teuer. Dessen bin ich mir bewusst und trage mir einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen im Kalender ein. Die anderen 364 Tage verdrängt sich mein Defizit von selbst. In den vergangenen zehn Jahren wurde meine Egozentrik hinreichend mit einem Mercedes CLS bedient. Ein wahrhaft wunderschönes und margenträchtiges deutsches Spitzenprodukt. Ich schätze beim Blick über die Schulter die Weite und die Leere im Fond, die unberührte Schönheit der hinteren Mittelkonsole, das noch neuduftende Ledergestühl, über das ich in einem unbeobachteten Augenblick – und von diesen gibt es viele – liebevoll streichle. Aber gut, man geht wenigstens ein bisschen mit der Zeit. Bei der Neubestellung vor 4 Jahren war es daher immerhin schon ein „Blue-Something-Diesel-Eco-Whatever“, der nur noch die Hälfte von der Vorgängersau verbrauchte. Immerhin ist es kein SUV.

Nun war es also wieder an der Zeit für etwas Neues und man schaute sich um. Der CLS ist immer noch super, aber der dritte in Folge muss nicht sein. Da bin ich untreu und auch zu vielem fähig. Schnell verlässt mein Blick die Grenzen von MB, wandert am Flughafen in Frankfurt kurz zum ausgestellten BMW i8, um festzustellen, dass dieser satte 37 km elektrisch fahren kann. Siebenunddreißig Kilometer hätte Redford auf seinem abgehalfterten Gaul und etwas Heu auch noch geschafft.

Irgendwie angefixt von diesem Elektrokram weitete sich meine Suche aus und landete dann zwangsläufig bei Tesla. Dem Hobby von PayPal-Gründer Elon Musk, der neben seiner Autofabrik auch noch an wiederverwertbaren Weltraumraketen bastelt. Der Tesla schafft ordentliche Reichweiten von je nach Witterung 300-450 km und reicht damit für meinen Radius völlig aus. Mehr als 400 km am Stück bin ich die vergangenen Jahre kaum noch gefahren. Da nehme ich den Zug oder fliege. Müsste ich aber nicht, denn Tesla hat auf eigene Kosten entlang aller Autobahnstrecken alle 200 km Super-Schnellladegeräte aufgestellt, an denen ich in Rekordzeit (maximal 30 Minuten) kostenlos Strom tanken kann.

Hallo?! Ja, genau! Tesla hat nicht darauf gewartet, dass an deutschen Tankstellen vielleicht der Besitzer auf die Idee kommen könnte, mit Bezahlstrom und 30 Minuten Aufenthalt der Kunden Geld zu machen. Oder dass vielleicht der Staat für Infrastruktur sorgt. Die Freaks haben einfach von Oslo bis Lissabon und kreuz und quer dazwischen alle 200 km kostenlose Supercharger für ihre Kunden aufgestellt. Immer nach dem Motto: Probleme? Welche Probleme? Auf meinen ersten Langstreckenfahrten hat das super funktioniert. Das Navi sagte mir in Schwerin: „Von hier bis zur Haustür in Berlin reicht das nicht mehr. Aber in 120 km steht auf der Strecke ein Supercharger, da führe ich dich hin und in 15 Minuten hast Du soviel Saft, dass es bis nach Mitte dicke reicht“. Großartig!

Die Karre sieht auch noch sehr geil aus. Nicht so scharf wie der CLS, aber eben auch nicht wie diese ersten Hybriden von Toyota, die aussahen wie ein aufgebockter toter Fisch.

Da ich ja ein sehr politischer Mensch bin, wurde ich jetzt langsam ein bisschen zornig. Warum muss erst ein dahergelaufener Internetmilliardär kommen, um den Deutschen zu zeigen, wie man ein Elektroauto baut? Und wie konnte das passieren, nachdem wir hier schon das Hybridauto sauber verpennt hatten? Wie kann es eigentlich sein, dass im Vorzeigeland der Automobilindustrie und Worldwide Supervorreiter der Energiewende ein Auto mit 37 km elektrischer Reichweite überhaupt noch präsentiert wird? Verstecken sollte man es und die „Ingenieure“ zum Schämen in die Ecke stellen.

Sobald ich das Thema Elektroantrieb oder gar Tesla bei einem Händler – von BMW über Porsche zu Mercedes – anspreche: immer die gleichen Antworten. Interessante Spielerei. Reichweite. Exot. Reichweite. Braucht man nicht wirklich. Reichweite. Der Deutsche geht auf Nummer Sicher. Reichweite. Die Menschen haben Benzin im Blut und brauchen einen röhrenden Motor. Reichweite…..Da kann ich nur sagen: wie peinlich ist das denn? Da baut ein Nobody ein Auto mit 250 km/h Spitze, von 0 auf 100 in 3,3 Sekunden, Allrad mit allem drum und dran, einer lebenslangen kostenlosen SIM und begegnet den Reichweite-Bedenkenträgern mit privat finanzierten Ladestationen. Ich kann da nur sagen: Hut ab! Und wenn die Chinesen weiter in ihrem eigenen Dreck ersticken, finden sie ein Elektroauto vielleicht auch noch viel spannender als Made in Germany Luxusautos.

Und für alle „Benzin-im-Blut“ Nostalgiker. Seit ich den Tesla fahre und an der Tankstelle nur noch an der Waschanlage auftauche, werde ich nicht von Ökofreaks oder Professoren belagert und mit Fragen bombardiert, sondern von Taxifahrern, Brummifahrern, Motorradfahrern und vielen anderen, die vor Begeisterung jauchzen, wenn ich die „Motorhaube“ öffne und man was sieht? Eben. Keinen Motor. „Das ist die Zukunft“ höre ich dann immer wieder und zwar völlig ohne Nostalgie. Jeder von denen würde seinem Motor sofort einen Tritt in den Arsch versetzen, wenn die Elektroautos nicht so teuer wären. In sehr naher Zukunft kann das dazu führen, dass wir ganz schön weit hinten landen auf den Innovationsplätzen und Wertschöpfungsketten dieser Welt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nur dem Luxussegment an den Kragen gehen wird, sondern vor allem auch den täglich genutzten Kleinwagen, mit denen sowieso kaum jemand weiter als 50 km am Tag fährt.

Am Ende fiel die Entscheidung also leicht und ich habe sie nach jetzt 6 Wochen nicht im Geringsten bereut. Klar, man muss sich etwas umgewöhnen und ich genieße den Luxus, dass mein Wagen in einer Tiefgarage parkt, in die ich einen Starkstromanschluss legen konnte. Aber in Garagen stehen 60% aller Autos und vor allem die teuren. Ein weiterer Antrieb war aber auch, dass man in den deutschen Konzernzentralen vermutlich erst dann den Schuss hört, wenn noch mehr Käufer im Luxussegment abwandern. Denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu wechseln, wenn mir Mercedes, BMW oder Audi ein wirklich gutes Produkt angeboten hätten.

Im Jahr 2002 brachte mein heutiger Gatte, der damals noch in New York lebte, mir einen nagelneuen iPod mit, der gerade auf den Markt gekommen war. Den schaute ich mir kurz an und sagte: „Daniel, das Ding braucht kein Mensch.“ An meinem sicheren Gespür für Megatrends hat sich bis heute nichts geändert und daher sage ich der deutschen Automobilindustrie: 37 km elektrisch? Reicht dicke! Macht euch nur nicht kirre. Nutzt eure Kreativität lieber, um die Software für eure alten Stinker zu pimpen. Elektroautos braucht kein Mensch. IHR PENNER!

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I say goodbye and I say hello, hello, hello!

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