Bringt endlich Elektroautos aufs Land!

Ein Bekannter von mir vertreibt Ferienimmobilien rund um die Mecklenburgische und Feldberger Seenlandschaft und fährt täglich weite Strecken mit seinem Hyundai Vollstromer. Auch ich fahre seit gut vier Jahren einen Vollstromer. Auf dem Land wäre der Umstieg allerdings für viele noch wesentlich leichter als in der Stadt. Dafür braucht es aber nicht nur neue Autos, sondern auch ein neues Marketing.

Eigentlich bin ich ein treuer deutscher Autokäufer. Mein erstes eigenes Auto war ein VW Käfer, es folgten Passat, Audi, Chrysler (ok, aber sie gehörten damals noch zu Daimler-Chrysler) und dann Mercedes. Nach dem zweiten CLS „Blue-Whatever-Diesel“ war mir das aber fad, und nachdem ich bei einem Bekannten in einem Elektroauto mitfahren durfte, wollte ich kein anderes mehr.

Vier Jahre später will ich immer noch kein anderes. Vielleicht irgendwann mal ein Wasserstoff-Fahrzeug. Aber ein Auto, das mit fossilen Brennstoffen fährt, ist für mich raus. Weil sich ein e-Auto einfach so geil fährt. Und leise ist. Und absolut nichts braucht – außer Strom. Mein Tesla hat eine einzige Öffnung, in die man etwas einfüllen kann: Wischwasser. Inspektion gibt es nicht, weil nicht nötig – wenn was sein sollte, hängt sich der Kundendienst per W-Lan rein, und bisher hat ein Neustart wie beim i-Phone (beide Knöpfe am Lenkrad gleichzeitig drücken und halten) ggf. verbunden mit einem Software-Update alles gelöst. Der TÜV-Mann meinte: „Was soll ich hier checken – hier ist ja nichts.“

Unterwegs laden war bisher nie ein Problem, da Tesla entlang des europäischen Autobahnnetzes etwa alle 150 km eigene Schnelladestationen errichtet hat – von Oslo bis Porto. Haben der Staat und Tank & Rast jahrelang nicht hinbekommen, etwas so irre kompliziertes wie Steckdosen zu bauen. Ist die Karre recht leer, dauert das Laden gute 25 Minuten. Die App informiert mich beim Kaffeetrinken oder den theoretisch möglichen Dehnübungen, wann genug geladen wurde, um das nächste Ziel zu erreichen.

Ich lebe in Berlin und habe mir für etwa 500 EUR eine Starkstromsteckdose an meinen Tiefgaragenplatz dübeln lassen. Wenn der Wagen fast leer sein sollte, lädt er in etwa 5 Stunden komplett auf. Abends nach der Arbeit dranhängen, morgens vollgestromt wieder losfahren. Zugegeben eine sehr privilegierte Variante für einen Stadtmenschen – denn wer hat schon einen TG-Stellplatz und dann noch eine Eigentümergemeinschaft, die einer Ladestation zustimmt?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, weshalb ich es problematisch finde, dass Mercedes und Audi ihre ersten elektrischen Fahrversuche mit SUVs absolvieren und BMW mit dem i3 nur ein sehr kleines Stadtauto am Start hat. Denn die Ladeinfrastruktur wird gerade in den Metropolen zu Engpässen führen müssen. Mal ganz abgesehen von der immer noch extrem umständlichen Systemanmeldung bei den unterschiedlichsten Anbietern – warum funktionieren die Dinger nicht einfach mit einer stinknormalen EC- oder Kreditkarte? – gibt es einfach zu wenige davon.

Die Vorstellung, an einem kalten Wintertag im Schneeregen im Kiez erst eine verfügbare Ladestation zu suchen, dann den Wagen dranzuhängen und nach der Ladezeit wieder umparken zu müssen weil sonst ein Strafzettel droht – das ist nicht so irre verlockend. So wird es aber zumindest in den Jahren des Übergangs sein.

Als Kind vom Lande frage ich mich daher, weshalb Elektroautos wie der kommende VW id, oder bereits erhältliche wie der Hyundai IONIQ nicht konsequenter als Zweitwagen für den ländlichen Raum vermarktet werden. Und konzipiert. Auf dem Land brauche ich keinen wendigen Stadtflitzer, sondern ein „vernünftiges“ Auto in Golfgröße mit Platz für vier und ein erlegtes Reh. Selbst wenn Vati dort nicht auf seine Dieselkutsche verzichten will – spätestens als Zweit- oder Drittwagen macht ein E-Auto sehr großen Sinn. Ich weiß, das sind Rollenklischees – aber ich weiß auch, dass sie noch stimmen. Zumindest dort, wo ich herkomme.

Das spricht für e-Autos auf dem Land:

Zunächst einmal die Infrastruktur. In ländlichen Gegenden leben wesentlich mehr Menschen in Einfamilienhäusern oder in Häusern mit 3-4 Wohnungen. Jedes dieser Häuser kann problemlos eine simple, handelsübliche Starkstromsteckdose anbringen.

Die täglich gefahrenen Strecken erreichen nicht annähernd die 300 – 500 km Reichweite, die bei neuen Elektroautos üblich sind. Und die klassischen Fahrten zur Arbeit, zum Einkaufen, in die nächste größere Stadt, zum Arzt oder zum Besuch bei Freunden sind locker mit dieser Reichweite zu erledigen, ohne dass jemand Schweißperlen auf der Stirn bekommt.

Viele dieser Regionen sind übrigens keineswegs „abgehängt“. Im Gegenteil. Überall in Deutschland gibt es sehr wohlhabende Landkreise, für deren Bewohner es auch heute schon kein Problem darstellt, neben dem obligatorischen SUV auch noch einen nagelneuen Golf mit allem Schnickschnack zu ordern.

Viele Jugendliche sehnen auf dem Land ihren Führerschein herbei, damit sie sich endlich unabhängig fortbewegen können. Einfamilienhäuser mit vier Bewohnern und vier Autos sind keine Seltenheit – ob man das nun gut findet oder nicht. Und junge Menschen sind innovationsfreudig und technologiebegeistert. Warum sollten sie noch lernen, wie man Motorenöl nachfüllt oder stinkenden Diesel mit Handschuhen tankt? Das ist überflüssiges Wissen im 21. Jahrhundert.

Die Voraussetzungen dafür, der Elektromobilität gerade auf dem Land zum Massendurchbruch zu verhelfen, sind also hervorragend. Das gilt natürlich auch für Sharing-Angebote, aber wie so oft gibt es die natürlich dort, wo viele Menschen auf engem Raum leben – also nicht im ländlichen Raum.

Vier Jahre nach dem Tesla (und sieben Jahre nach dessen Markteinführung), war ich wieder bereit, auf einen deutschen Hersteller umzusteigen. Mein bescheidener Beitrag zum Umweltschutz sollte dabei aus einem Downsizing bestehen, denn der Tesla ist mir eigentlich zu groß. Aber es gibt kein überzeugendes deutsches Angebot. In keiner Größe. Das ist schlimm. Es wird jetzt wohl wieder ein Tesla, diesmal das kleinere „Model 3“. Gäbe es von Mercedes die A-Klasse oder ähnliches in elektrisch, wäre meine Kohle im Land geblieben. So geht sie nach Palo Alto. Dann vielleicht in 3-4 Jahren wieder, meine lieben Schlafmützen in Stuttgart, München, Ingolstadt, Wolfsburg… Waren schon mal weiter vorne, Autos Made in Germany.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf richelstauss.de

 

 

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Tausche deutsch gegen elektrisch.

Oder: Warum das die einzige Sprache ist, die von unserer Automobilindustrie verstanden wird.

Sydney Pollack zeichnet in seinem wunderbar schwermütigen Film „The Electric Horseman“ das surreale Bild eines abgehalfterten Rodeoreiters (Robert Redford) auf die Leinwand, der als traurige Werbefigur mit bunten Glühbirnen besetzt trostlos blinkend seine Runden dreht. Mühsame Runden drehen muss im Deutschland des Jahres 2016 auch, wer die Bundesregierung bei ihrem selbsterklärten Ziel unterstützen will, bis 2020 eine satte Million Elektrofahrzeuge auf deutsche Straßen zu bringen. Ein Erfahrungsbericht.

Ja gut, ich habe eine Schwäche, die andere nicht immer teilen. Ich teile nicht gerne. Also vor allem mein Auto nicht. Und ich mag auch gerne große Autos, in denen ich am liebsten alleine sitze. Das ist in höchstem Masse egoistisch, egozentrisch, egomanisch, ichbezogen und auch teuer. Dessen bin ich mir bewusst und trage mir einmal im Jahr ein schlechtes Gewissen im Kalender ein. Die anderen 364 Tage verdrängt sich mein Defizit von selbst. In den vergangenen zehn Jahren wurde meine Egozentrik hinreichend mit einem Mercedes CLS bedient. Ein wahrhaft wunderschönes und margenträchtiges deutsches Spitzenprodukt. Ich schätze beim Blick über die Schulter die Weite und die Leere im Fond, die unberührte Schönheit der hinteren Mittelkonsole, das noch neuduftende Ledergestühl, über das ich in einem unbeobachteten Augenblick – und von diesen gibt es viele – liebevoll streichle. Aber gut, man geht wenigstens ein bisschen mit der Zeit. Bei der Neubestellung vor 4 Jahren war es daher immerhin schon ein „Blue-Something-Diesel-Eco-Whatever“, der nur noch die Hälfte von der Vorgängersau verbrauchte. Immerhin ist es kein SUV.

Nun war es also wieder an der Zeit für etwas Neues und man schaute sich um. Der CLS ist immer noch super, aber der dritte in Folge muss nicht sein. Da bin ich untreu und auch zu vielem fähig. Schnell verlässt mein Blick die Grenzen von MB, wandert am Flughafen in Frankfurt kurz zum ausgestellten BMW i8, um festzustellen, dass dieser satte 37 km elektrisch fahren kann. Siebenunddreißig Kilometer hätte Redford auf seinem abgehalfterten Gaul und etwas Heu auch noch geschafft.

Irgendwie angefixt von diesem Elektrokram weitete sich meine Suche aus und landete dann zwangsläufig bei Tesla. Dem Hobby von PayPal-Gründer Elon Musk, der neben seiner Autofabrik auch noch an wiederverwertbaren Weltraumraketen bastelt. Der Tesla schafft ordentliche Reichweiten von je nach Witterung 300-450 km und reicht damit für meinen Radius völlig aus. Mehr als 400 km am Stück bin ich die vergangenen Jahre kaum noch gefahren. Da nehme ich den Zug oder fliege. Müsste ich aber nicht, denn Tesla hat auf eigene Kosten entlang aller Autobahnstrecken alle 200 km Super-Schnellladegeräte aufgestellt, an denen ich in Rekordzeit (maximal 30 Minuten) kostenlos Strom tanken kann.

Hallo?! Ja, genau! Tesla hat nicht darauf gewartet, dass an deutschen Tankstellen vielleicht der Besitzer auf die Idee kommen könnte, mit Bezahlstrom und 30 Minuten Aufenthalt der Kunden Geld zu machen. Oder dass vielleicht der Staat für Infrastruktur sorgt. Die Freaks haben einfach von Oslo bis Lissabon und kreuz und quer dazwischen alle 200 km kostenlose Supercharger für ihre Kunden aufgestellt. Immer nach dem Motto: Probleme? Welche Probleme? Auf meinen ersten Langstreckenfahrten hat das super funktioniert. Das Navi sagte mir in Schwerin: „Von hier bis zur Haustür in Berlin reicht das nicht mehr. Aber in 120 km steht auf der Strecke ein Supercharger, da führe ich dich hin und in 15 Minuten hast Du soviel Saft, dass es bis nach Mitte dicke reicht“. Großartig!

Die Karre sieht auch noch sehr geil aus. Nicht so scharf wie der CLS, aber eben auch nicht wie diese ersten Hybriden von Toyota, die aussahen wie ein aufgebockter toter Fisch.

Da ich ja ein sehr politischer Mensch bin, wurde ich jetzt langsam ein bisschen zornig. Warum muss erst ein dahergelaufener Internetmilliardär kommen, um den Deutschen zu zeigen, wie man ein Elektroauto baut? Und wie konnte das passieren, nachdem wir hier schon das Hybridauto sauber verpennt hatten? Wie kann es eigentlich sein, dass im Vorzeigeland der Automobilindustrie und Worldwide Supervorreiter der Energiewende ein Auto mit 37 km elektrischer Reichweite überhaupt noch präsentiert wird? Verstecken sollte man es und die „Ingenieure“ zum Schämen in die Ecke stellen.

Sobald ich das Thema Elektroantrieb oder gar Tesla bei einem Händler – von BMW über Porsche zu Mercedes – anspreche: immer die gleichen Antworten. Interessante Spielerei. Reichweite. Exot. Reichweite. Braucht man nicht wirklich. Reichweite. Der Deutsche geht auf Nummer Sicher. Reichweite. Die Menschen haben Benzin im Blut und brauchen einen röhrenden Motor. Reichweite…..Da kann ich nur sagen: wie peinlich ist das denn? Da baut ein Nobody ein Auto mit 250 km/h Spitze, von 0 auf 100 in 3,3 Sekunden, Allrad mit allem drum und dran, einer lebenslangen kostenlosen SIM und begegnet den Reichweite-Bedenkenträgern mit privat finanzierten Ladestationen. Ich kann da nur sagen: Hut ab! Und wenn die Chinesen weiter in ihrem eigenen Dreck ersticken, finden sie ein Elektroauto vielleicht auch noch viel spannender als Made in Germany Luxusautos.

Und für alle „Benzin-im-Blut“ Nostalgiker. Seit ich den Tesla fahre und an der Tankstelle nur noch an der Waschanlage auftauche, werde ich nicht von Ökofreaks oder Professoren belagert und mit Fragen bombardiert, sondern von Taxifahrern, Brummifahrern, Motorradfahrern und vielen anderen, die vor Begeisterung jauchzen, wenn ich die „Motorhaube“ öffne und man was sieht? Eben. Keinen Motor. „Das ist die Zukunft“ höre ich dann immer wieder und zwar völlig ohne Nostalgie. Jeder von denen würde seinem Motor sofort einen Tritt in den Arsch versetzen, wenn die Elektroautos nicht so teuer wären. In sehr naher Zukunft kann das dazu führen, dass wir ganz schön weit hinten landen auf den Innovationsplätzen und Wertschöpfungsketten dieser Welt. Mal ganz abgesehen davon, dass es nicht nur dem Luxussegment an den Kragen gehen wird, sondern vor allem auch den täglich genutzten Kleinwagen, mit denen sowieso kaum jemand weiter als 50 km am Tag fährt.

Am Ende fiel die Entscheidung also leicht und ich habe sie nach jetzt 6 Wochen nicht im Geringsten bereut. Klar, man muss sich etwas umgewöhnen und ich genieße den Luxus, dass mein Wagen in einer Tiefgarage parkt, in die ich einen Starkstromanschluss legen konnte. Aber in Garagen stehen 60% aller Autos und vor allem die teuren. Ein weiterer Antrieb war aber auch, dass man in den deutschen Konzernzentralen vermutlich erst dann den Schuss hört, wenn noch mehr Käufer im Luxussegment abwandern. Denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu wechseln, wenn mir Mercedes, BMW oder Audi ein wirklich gutes Produkt angeboten hätten.

Im Jahr 2002 brachte mein heutiger Gatte, der damals noch in New York lebte, mir einen nagelneuen iPod mit, der gerade auf den Markt gekommen war. Den schaute ich mir kurz an und sagte: „Daniel, das Ding braucht kein Mensch.“ An meinem sicheren Gespür für Megatrends hat sich bis heute nichts geändert und daher sage ich der deutschen Automobilindustrie: 37 km elektrisch? Reicht dicke! Macht euch nur nicht kirre. Nutzt eure Kreativität lieber, um die Software für eure alten Stinker zu pimpen. Elektroautos braucht kein Mensch. IHR PENNER!

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I say goodbye and I say hello, hello, hello!

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