Menschen.

Eine junge Frau, sie ist wirklich gut an der Uni, wohnt noch zu Hause bei den Eltern, weil sie sich das Studium sonst nicht leisten könnte und sie hat eine große Sorge: Seit Wochen fragt ihr Vater sie immer bestimmender: „Wie wirst Du entscheiden?“ Sie will schon nicht mehr nach Hause, kann sich immer schlechter konzentrieren, weiß nicht, was wird, wenn sie anders entscheidet als ihr Vater das will. Eigentlich weiß sie noch gar nicht, was sie wirklich will. Es schlagen zwei Herzen in Ihrer Brust und jeder, der selbst eines hat, kann das verstehen. Nun. Sie muss sich nicht mehr entscheiden, ob sie die türkische oder deutsche Staatsangehörigkeit annehmen will. Sie muss nicht mehr bis zum 23. Lebensjahr Konflikte aushalten, auch nicht mit ihrem Bruder – der sie als Verräterin beschimpft, weil sie überhaupt darüber nachzudenken wagte. Sie ist jetzt frei.

Nach zehn Stunden Arbeit am Tag nach Hause zu kommen und dennoch am Samstag wieder Schlange zu stehen, um an die übrig gebliebenen Lebensmittel aus den Supermärkten zu kommen, das ist so demütigend. Vor allem wenn man den ganzen Tag über den Gästen etwas zu Essen über die Theke gereicht hat. Von 8,50 die Stunde würde sie auch nicht reich. Aber es wäre immerhin genug, diese Demütigung nicht weiter hinnehmen zu müssen. Es kann stolz machen, wenn man sein eigenes Essen bezahlen kann. Ja, das kann es.

Es hatte eigentlich niemand wirklich gefragt, ob er mit 16 schon in die Lehre gehen wolle. Und er hatte ehrlich gesagt auch an nichts anderes gedacht, als Schreiner zu werden. Nun hat er sich ausgerechnet, dass er nach 45 Jahren Arbeit eigentlich erst 61 Jahre alt ist. Und dann noch Abschläge hinnehmen soll, wenn er zwei Jahre später aufhören will? Während sein Nachbar mit 28 angefangen hat, in seinem Job. Das neidet er ihm nicht. Aber es geht auch körperlich bei ihm nicht mehr so. Mit 63 ohne Abschläge noch ein paar gute Jahre? Das wäre schon gerecht, oder?

Es ist ja schön, dass sie von Unternehmen als „High Potential“ gesehen wird. Aber sie wird noch lange nicht für ihr hohes Potential bezahlt. Im Gegenteil – am Ende des Monats wird es ziemlich eng. Sie ist jung, ledig und daher auch mobil. Man erwartet von ihr, dass sie nicht lange nachdenkt, wenn man ihr eine Stelle in Düsseldorf, München oder Berlin anbietet. Und auch nicht, wenn sie zwei Jahre später wieder wechseln soll. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Sie will dieses Leben, sie will nach oben und ja, sie ist eine Karrierefrau. Irgendwann, hoffentlich. Und dann, wenn sie es geschafft hat, erinnert sie sich hoffentlich daran, wer dafür gesorgt hat, dass sie bei ihren Umzügen den Makler nicht mehr zahlen musste, für dessen Gebühr sie dann locker zwei Monate arbeiten durfte, obwohl der gerade mal drei Telefonate geführt hat. Und sie erinnert sich dann hoffentlich auch daran, dass die Aufsichtsrätin, die sie später einmal in den Vorstand durchboxen wird, deshalb dort saß, weil jemand hart verhandelt hat – im Herbst 2013 in Berlin.

Der Kollege am Band macht den gleichen Job und auch nur ein paar Monate länger als er. Aber er wird nicht nur besser bezahlt, er hat auch einen echten Kündigungsschutz. Vor kurzem hat der von der Bank sogar einen Kredit für eine eigene Wohnung bekommen. Ihm gibt keiner ein Darlehen, nicht mal jetzt, wo die Zinsen so im Keller sind. Er ist Leiharbeiter – nicht kreditwürdig. Und das Wort Würde steckt da nicht ohne Grund drin. Er macht das hier schon seit fast zwei Jahren – mit keiner Aussicht auf eine Übernahme. Oder doch?

Sie haben auf diese Wahl gewartet, wie noch nie in ihrem Leben. Würden Sie danach endlich gemeinsam ihre Pflegekinder offiziell adoptieren dürfen? So wie alle anderen auch? Doch der Wahlabend war eine Katastrophe. Jetzt hoffen sie weiter auf das Bundesverfassungsgericht, das schon über die ganzen letzten Jahre die sogenannte „Homo-Ehe“ immer weiter gleichgestellt hat. Und immerhin haben CDU und CSU auf Druck der SPD bekannt: „Rechtliche Regelungen, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften schlechter stellen, werden wir beseitigen.“ Auf das volle Adoptionsrecht werden sie weiter warten. Aber warten sind sie gewohnt. Ihr Tag wird kommen. So oder so. Persönlich sind sie vielleicht doch ein bisschen enttäuscht – aber sie gönnen allen anderen, dass es ihnen mit der SPD in der Regierung besser gehen wird, als mit der SPD in der Opposition.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+
RSS Blog abonnieren (RSS)