Ein Volk im Glück.

Wäre es nicht wunderbar, ein Volk zu erleben, das schlicht und ergreifend glücklich ist? Kein überheblicher Siegestaumel, kein Rausch, auch keine ausgelassene Fröhlichkeit – vor allem aber keine Depression oder gar Aggression. Nein, einfach ein kollektiver Moment der Zufriedenheit gepaart mit einer Prise Demut darüber, dass es einem in solch turbulenten Zeiten so gut gehen kann. Glück, eben. Man möchte innehalten, das Glück umarmen und festhalten und ahnt doch, dass es eines Tages wieder weiterziehen wird – doch noch nicht jetzt!

Wir erleben einen der wenigen Momente der Geschichte, in denen alles einfach läuft. Und dabei geht es nicht nur um die klassischen Parameter wie etwa die weiter sinkende Zahl der Arbeitslosen oder die positive Entwicklung der Löhne und Gehälter, die schon heute über 75% der Bevölkerung sagen lässt, dass es ihnen „gut oder sehr gut“ gehe. Nein, auch in der gesellschaftlichen Entwicklung kann man kaum Schritt halten mit den positiven Meldungen: Die doppelte Staatsbürgerschaft endlich und unumkehrbar auf dem Weg, ebenso die überfällige Anerkennung der Leistungen von Müttern, die völlige Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit der Ehe nur noch wenige Millimeter vor dem Ziel, der Umbau der Energieversorgung weltweit beispiellos und innovativ, die Löhne bald auch durch einen Mindestlohn nach unten begrenzt und die Möglichkeit für alle, die nach 45 Jahren Arbeit endlich in Rente gehen wollen kurz vor der Umsetzung. Unsere Jugend wächst in einem Land auf, das immer weniger Kindern eine immer bessere Zukunft bieten kann – mit guter Bildung in kleineren Klassen und fast flächendeckenden Kitaangeboten, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Ergänzt durch neue Möglichkeiten für die Eltern, sich gemeinsam um den Nachwuchs kümmern zu können, und dennoch berufstätig zu bleiben. Der Finanzminister peilt den ersten Haushalt ohne Neuverschuldung seit Jahrzehnten an, die Wachstumsprognosen sind positiv. Das Mammutprojekt der Inklusion ist auf dem Weg und beseitigt auch noch eine letzte Hürde der Ausgrenzung von Minderheiten. Obendrauf genießen die Deutschen eine beispiellose Rechtssicherheit und auch Rechtsgleichheit, wie man sie gerade an den letzten spektakulären Steuerprozessen verfolgen konnte. Besonders auch die Vergleiche mit Russland, Ungarn oder auch der Türkei machen deutlich, wie sehr die Gewaltenteilung bei uns funktioniert.

Noch nie zuvor ging es den Menschen in Deutschland so gut wie heute.

Was sie aber nicht daran hindert, Politiker schlecht zu finden. Aber liegt das tatsächlich an der Bundesregierung? Was könnte eine Regierung denn eigentlich viel besser machen als diese? Mächtige außenpolitische Krisen wie die um die Ukraine sorgen für Dauerbetrieb im Kanzleramt und im Außenministerium – doch sie führen zu keiner Lähmung. Die Arbeitsministerin und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen arbeiten fleißig und relativ geräuschlos den Koalitionsvertrag ab. Und dieser, das darf man nicht vergessen, enthält sehr viele einzelne Maßnahmen, die in der Bevölkerung große Zustimmungsraten bis zu 2/3-Mehrheiten erzielen.

Man fragt sich also, woher die Politik- oder Politikerfeindlichkeit eigentlich rührt. Ich habe nur eine Erklärung: aus Zufriedenheit. Es geht uns wahrscheinlich allen zu gut, um zu realisieren, dass dieser Wohlstand eine direkte Folge funktionierender Institutionen – vom Rechtsstaat über den Sozialstaat zur EU bis hin zur gefestigten Parteiendemokratie ist. Wir setzen nicht mehr – wie in Zeiten der Krise – auf Rettung von oben, sondern wollen möglichst ungestört unser Leben leben. Vom Volk jedenfalls geht keinerlei Wille zu Reform oder Veränderung aus. Kein Reformstau weckt Aktivitäten, keine Massendemos oder Shitstorms üben Druck aus. Und die erwähnten Umfragen mit individuellen Zufriedenheitswerten im 75%-Bereich unterstreichen dies.

Aber Politikerschelte ist gleichermaßen zum wohl gepflegten Hobby vor allem der deutschen Elite geworden. Beim schönen Rotwein rollt man die Augen, beim persönlichen Karriereknick sucht man die Schuldigen und an individuellen Krisen ist auch immer direkt die Regierung schuld. Und so arbeiten die Eliten – allen voran übrigens zumindest körperlich rüstige Senioren, die ihr Geld bisher dem Staat, staatlichen Institutionen, Verbänden oder Tiergeschichten verdankten – emsig weiter daran, all das, was gut läuft, zu ignorieren, all das, was nicht so gut läuft, zu überdramatisieren und alle jene, die Politik machen, zu verachten. Dies diffundiert natürlich nach unten und birgt die große Gefahr, dass Demokratieverachtung nicht mehr Widerspruch, sondern Zustimmung auslöst. Denn es gibt ja die klare Verantwortung der Eliten, die fast alle Hebel der Macht innehaben, für das zerbrechliche Geschenk der Demokratie in unserem Land zu arbeiten und nicht dagegen. Demokratie und Rechtsstaat sind nicht der Normalzustand auf deutschem Boden, sondern die Ausnahme. Ich rede auch nicht der Kritiklosigkeit das Wort, sondern lediglich der Wahrung von Relationen. Doch es gibt für einige kein Halten mehr, keinen Moment der Besinnung auf das Erreichte und erst recht kein Arbeiten an einer Idee, wie man alles noch besser machen könnte, statt nur zu maulen, zu mosern und mit galligem Humor zu zerstören. Es geht ja am Ende nicht um die Gemeinschaft, sondern um mich und meine schlechte Laune.

Und so bleiben wir ein unschlüssiges, manchmal unglückliches, in Teilen sogar ungehalten maßloses, beneidenswertes Volk im Glück.

Ich preise dennoch unser Land, diesen Staat und ja – auch die fleißigen und emsigen Politikerinnen und Politiker – und lasse mich gerne weiter fragen, was ich denn zum Frühstück geraucht habe. So, jetzt muss ich wieder raus auf die Straße, zufällig vorbeikommende Passanten umarmen und ihnen zurufen: Genießt diesen flüchtigen Moment des Glücks, ihr werdet ihn bald vermissen. Cheerio!

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