{"id":835,"date":"2014-09-01T10:30:31","date_gmt":"2014-09-01T08:30:31","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=835"},"modified":"2015-08-26T10:45:13","modified_gmt":"2015-08-26T08:45:13","slug":"demokratiegaffer-auf-der-gegenspur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/demokratiegaffer-auf-der-gegenspur\/","title":{"rendered":"Demokratiegaffer auf der Gegenspur."},"content":{"rendered":"<p><strong>In Sachsen hat er wieder zugeschlagen: Der Nichtw\u00e4hler. Aus aktuellem Anlass daher hier das Schlusskapitel aus meinem Buch &#8222;H\u00f6llenritt Wahlkampf&#8220; (dtv, 2013). Kostenlos, denn das hat sie sich redlich verdient, die Mehrheit der Sachsen.<\/strong><\/p>\n<p>Eine der peinlichsten Floskeln von politischen Berichterstattern, Kommentatoren und leider auch von Politikern selbst lautet bei geringer Wahlbeteiligung, dass \u201eW\u00e4hlerbeschimpfungen jetzt nicht weiter helfen.\u201c Diese Meinung teile ich ausdr\u00fccklich nicht. Im Gegenteil. Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass eine geharnischte W\u00e4hlerbeschimpfung zur rechten Zeit dringend geboten ist und eine ordentliche Tracht verbaler Pr\u00fcgel keinem der Zeitgenossen schaden kann, die am Wahltag ihren Hintern nicht ins Wahllokal bewegt bekommen. Wie leicht muss es eine Demokratie ihren B\u00fcrgern eigentlich noch machen, wenigstens alle vier bis f\u00fcnf Jahre ihr demokratisches Recht zur Stimmabgabe wahrzunehmen?<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt dann oft, die Parteien h\u00e4tten es vers\u00e4umt, die W\u00e4hler zu erreichen oder ihnen ein so attraktives Angebot zu unterbreiten, dass sie es f\u00fcr n\u00f6tig empfunden h\u00e4tten, zur Urne zu gehen. Ja, also bitte, geht\u2019s noch? Sind wir hier auf dem Basar? Und seit wann ist es die Aufgabe der Parteien, zu 100 Prozent passende Angebote zu unterbreiten? Ist es nicht die Aufgabe der W\u00e4hler, sich f\u00fcr das beste Angebot zu entscheiden, das es gibt? Wenn mein Rasierer kaputt ist, gehe ich los und kauf mir einen neuen. Wenn zehn im Regal stehen, ist der eine vielleicht zu h\u00e4sslich, der andere nicht vertrauensw\u00fcrdig, der dritte zu teuer. Aber einer von den zehn wird schon irgendwie passen und den nehme ich dann und geh nicht mit leeren H\u00e4nden nach Hause. Denn rasieren muss ich mich ja. Aber w\u00e4hlen muss ich scheinbar nicht. Demokratie scheint vielen weniger wert zu sein, als eine ordentliche Rasur. Wenn Ihnen diese Analogie nicht passt, suchen Sie sich eine neue mit Kaffeemaschinen oder Sp\u00fclmaschinen, aber das Prinzip wird wohl klar.<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es gef\u00fchlt 725 Parteien, davon etwa zehn mit Chancen, sechs bis sieben mit guten Chancen. Wenn sich ein W\u00e4hler zwischen CDU, CSU, SPD, FDP, Linkspartei, Gr\u00fcnen, Piraten und von mir aus auch noch \u00d6DP, Freien W\u00e4hlern und regionalen Unikaten nicht entscheiden kann \u2013 ja wessen Schuld ist es denn dann? Kommunisten, Christen, Web-Nerds, Sozen, Gr\u00fcne, Liberale, Konservative, Progressive \u2013 alle stehen im Regal und man findet nichts Passendes? In diesem Fall sollte man doch besser einen Psychoanalytiker aufsuchen, denn Nichtw\u00e4hlen ist dann vermutlich nicht das einzige Problem, das man mit sich herumtr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Demokratie ist kein Selbstverwirklichungstrip, bei dem ich jemanden w\u00e4hlen soll, der zu 100 Prozent meine Meinung vertritt. Demokratie bedeutet, dass sich Menschen hinter einer gemeinsamen Idee versammeln, f\u00fcr diese Idee Mitstreiter suchen, dann eine Partei daraus machen und sich zu Wahl stellen. Und als inaktiver B\u00fcrger habe ich dann nur noch die Aufgabe, von diesen Parteien diejenige auszusuchen, die meinen W\u00fcnschen zu 50 Prozent und vielleicht ein bisschen mehr entspricht. Die w\u00e4hle ich dann und gehe wieder nach Hause. Was ist daran nicht zu verstehen? Findet sich nun \u00fcberhaupt gar keine Partei, dann habe ich immer noch die M\u00f6glichkeit, selbst eine zu gr\u00fcnden und zu schauen, ob die au\u00dfer mir noch jemand gut findet. Oder ich gehe in eine der zahlreich vorhandenen Parteien und versuche mich dort einzubringen. Nicht zu w\u00e4hlen, gar nichts zu tun und sich am Ende dar\u00fcber auch noch beschweren \u2013 das geht allerdings \u00fcberhaupt nicht. So kann keine Demokratie und so kann auch kein Gemeinwesen funktionieren. Schlimmer noch aber ist die Unterst\u00fctzung dieser Einstellung aus der ver\u00f6ffentlichten Meinung und der Berichterstattung.<\/p>\n<p>Mein Vorschlag zur Erh\u00f6hung der Wahlbeteiligung basiert auf einem alten Trick, der irgendwann in den 70er Jahren bei den Verkehrsdurchsagen eingef\u00fchrt wurde. Bei einem Unfall auf der Autobahn bilden sich h\u00e4ufig Staus auf der gegen\u00fcberliegenden Seite durch vor Neugierde platzende Menschen. Irgendwann ging man dann im sonst so n\u00fcchternen Verkehrsfunk dazu \u00fcber, dies auch deutlich zu \u00e4chten: \u201eAuf der Gegenseite kommt es zu Staus durch Gaffer.\u201c Gro\u00dfartig. Wer will schon ein Gaffer sein? Ob es gen\u00fctzt hat, wei\u00df ich nicht, aber jeder wusste woran er war. Niemand kam auf die Idee, die Gaffer zu entschuldigen oder gar die Verkehrswacht oder irgendjemanden sonst f\u00fcr das Gaffertum verantwortlich zu machen. Schuld waren die Gaffer \u2013 und damit war die Schuld auch da, wo sie hingeh\u00f6rt. Man stelle sich vor die Durchsage h\u00e4tte gelautet: \u201eAuf der gegen\u00fcberliegenden Seite kommt es zu nachvollziehbaren Behinderungen durch Mitb\u00fcrger, die von ihrem Recht Gebrauch machen, sich selbst ein Urteil \u00fcber die Lage zu bilden und nicht blind den Einsatzkr\u00e4ften des Roten Kreuzes zu vertrauen.\u201c Die Presse h\u00e4tte dann die Einsatzkr\u00e4fte interviewt mit der Frage, ob sie denn ihre Rettungseins\u00e4tze nicht transparenter gestalten k\u00f6nnten, damit nicht immer mehr Fahrer auf der gegen\u00fcberliegenden Seite zur Eigeninitiative gezwungen w\u00fcrden und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Warum also nicht auf Nichtw\u00e4hler, die nichts anderes sind als Demokratie-Gaffer die gleiche Taktik anwenden. Benennen wir die Wahlverweigerer so, wie sie es verdient haben. In der Tagesschau hei\u00dft es dann: \u201eDie Wahlbeteiligung sank auf 68,8 Prozent, was Experten auf faule S\u00e4cke, wandelnde Hirntote, verw\u00f6hnte B\u00e4lger und Volldeppen zur\u00fcckf\u00fchren\u201c.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><strong>Aktuelle Empfehlung:<\/strong> Einen tollen Blick hinter die Kulissen des wirklich sehr sch\u00f6nen Wahlkampfes der SPD Sachsen (den wir bei BUTTER. nicht gemacht haben) bietet <a href=\"http:\/\/blog.mathias-richel.de\/2014\/09\/01\/niemand-erwartet-etwas-von-uns-also-versuchen-wir-das-unerwartete\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Mathias Richel<\/span><\/a> auf seinem Blog. Mathias hat mit uns gemeinsam in vielen Wahlk\u00e4mpfen gek\u00e4mpft &#8211; unter anderem auch sehr erfolgreich f\u00fcr Hannelore Kraft. In Sachsen war er gemeinsam mit Felix Nowack unterwegs &#8211; was man auch sieht, denn Felix hat die wunderbare Wowereit Kampagne 2011 bei uns verantwortet und auch in Sachsen einen ganz eigenen visuellen Stil f\u00fcr Martin Dulig geschaffen. Gl\u00fcckwunsch zu einer gelungenen Kampagne, die durchaus noch 3 Prozent mehr verdient gehabt h\u00e4tte. Oder auch 5 oder 10&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Sachsen hat er wieder zugeschlagen: Der Nichtw\u00e4hler. Aus aktuellem Anlass daher hier das Schlusskapitel aus meinem Buch &#8222;H\u00f6llenritt Wahlkampf&#8220; (dtv, 2013). Kostenlos, denn das hat sie sich redlich verdient, die Mehrheit der Sachsen. 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