{"id":818,"date":"2014-08-26T12:26:13","date_gmt":"2014-08-26T10:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=818"},"modified":"2015-08-26T10:44:45","modified_gmt":"2015-08-26T08:44:45","slug":"der-vereiniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/der-vereiniger\/","title":{"rendered":"Der Vereiniger."},"content":{"rendered":"<p><b>Als Klaus Wowereit 2001 den Coup wagte und den \u201eewigen\u201c Regierenden Eberhard Diepgen vom Thron stie\u00df, war Berlin immer noch eine mental geteilte Stadt. \u00c4hnlich wie auf Bundesebene mit Helmut Kohl, suchten auch die Berlinerinnen und Berliner beider Stadteile nach dem gro\u00dfen Umbruch 1989 Sicherheit im Bestehenden. Und der Status Quo hie\u00df Diepgen \u2013 verl\u00e4sslich, konservativ, bieder und v\u00f6llig frei von jeder Vision. Das sollte sich dramatisch \u00e4ndern.<\/b><\/p>\n<p>Mit dem Fall der Mauer trafen nicht nur Ost und West in einer Stadt aufeinander, sondern auch innerhalb dieser beiden Teile sehr unterschiedliche Klientel. West-Berlin hatte sich in den vierzig Jahren der Teilung zu einem eigent\u00fcmlichen Biotop entwickelt. Die gro\u00dfen Firmenzentralen wie etwa Siemens waren aus der nicht unbegr\u00fcndeten Sorge vor einer Abtretung der Stadt an die Sowjets l\u00e4ngst abgewandert. Produktionsst\u00e4tten wurden aufgrund der logistisch unbefriedigenden Lage geschlossen, viele Industriearbeitspl\u00e4tze abgebaut. Mit dem Bau der Mauer 1961 wurden allerdings auch zehntausenden Arbeitern aus dem Osten der Zugang zu ihrem Arbeitsplatz im Westteil verwehrt. Um die Maschinen am Laufen zu halten, schloss noch im selben Jahr die Regierung Adenauer ein \u201eGastarbeiterabkommen\u201c mit der T\u00fcrkei. Zehntausende T\u00fcrken str\u00f6mten darauf in die belagerte Stadt und fanden in den nun ungeliebten Mauerrandgebieten Kreuzberg und Wedding g\u00fcnstigen Wohnraum.<\/p>\n<p>Durch den besonderen Status West-Berlins waren junge M\u00e4nner von der 1956 eingef\u00fchrten Wehrpflicht in Westdeutschland befreit, was die Stadt besonders ab Mitte der 60er Jahre f\u00fcr ein alternatives Publikum sehr attraktiv machte. Es bildeten sich also bereits damals zahlreiche Biotope, die bis in die heutige Zeit die W\u00e4hlerschaft pr\u00e4gen. West-Berlin war zudem nicht besonders attraktiv f\u00fcr alle, die in Wirtschaft, Politik, Medien oder \u00fcberhaupt Karriere machen wollten. Die f\u00f6derale Struktur Westdeutschlands sorgte daf\u00fcr, dass die Politik in Bonn gemacht wurde, Industriekonzerne sich Schwerpunkte im Ruhrgebiet und sp\u00e4ter in S\u00fcddeutschland suchten, Banken und Finanzdienstleister sich in Frankfurt rund um die Bundesbank konzentrierten und die Medien in M\u00fcnchen, aber vor allem in Hamburg ihre Heimat fanden. Kurzum: Wer Karriere machen wollte, musste raus aus West-Berlin, wer eine Alternative zum etablierten Leben suchte, musste rein. Wer nichts davon wollte, lebte nicht schlecht von Berlin-Zulagen und weiteren Annehmlichkeiten, die die Bonner Republik aus schlechtem Gewissen auf ihre Insel im Osten schickte.<\/p>\n<p>Ganz anders der Ostteil. Wer in der DDR Karriere machen wollte, musste nach Ost-Berlin. Die klassisch zentralistische Struktur konzentrierte alles in der Hauptstadt und beim Fall der Mauer lebte nahezu die gesamte Nomenklatura der untergehenden Republik hier. Nat\u00fcrlich wohnten auch viele Oppositionelle und einfache Arbeitnehmer hier. Aber die Elite der DDR und ihre hunderttausende kleinen und gro\u00dfen Helfershelfer fand man nirgendwo sonst so geballt vor wie in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik.<\/p>\n<p>War das erste Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer noch von einem gro\u00dfen Verharrungswillen auf allen Seiten gepr\u00e4gt, passend repr\u00e4sentiert durch die Person des Regierenden B\u00fcrgermeisters Eberhard Diepgen, so zeichnete sich in den Jahren der \u00c4ra Wowereit ein weiterer Umbruch der Berliner Sozialstruktur ab. Berlin ist eine Stadt im Wandel. Seit der Wende haben 1,6 Millionen Menschen Berlin verlassen \u2013 aber \u00fcber 1,6 Millionen sind dort hin gezogen. Das entspricht in etwa einem kompletten Bev\u00f6lkerungsaustausch in Hamburg und betrifft 40 Prozent der Einwohner Berlins.<\/p>\n<p>Mit der Jahrtausendwende und personifiziert durch Klaus Wowereit, begann mit zehnj\u00e4hriger Versp\u00e4tung eine Sogwirkung einzusetzen, wie man sie eigentlich schon unmittelbar nach dem Mauerfall erwartet hatte. Die boomende Kreativwirtschaft aus Mode, Film, Kunst, Werbung, Neuen Medien und Verlagen f\u00fchlte sich ganz besonders von dem neuen B\u00fcrgermeister angesprochen, der auch erfolgreich um diese Klientel warb &#8211; oft gegen Widerstand und H\u00e4me. Der offen schwule, fr\u00f6hliche Wowereit stand f\u00fcr ein anderes Deutschland und war der ideale Repr\u00e4sentant einer spannenden Stadt voller Gegens\u00e4tze. Aber auch die gut bezahlten Ministerialbeamten der Hauptstadt, die Gesundheitswirtschaft, Umwelttechnologiefirmen und sogar neue Industrie sorgen f\u00fcr einen aufstrebenden finanziellen Mittelstand. Wer heute in Deutschland Karriere machen will, kann wieder nach Berlin kommen und tut es auch. Entsprechend boomt inzwischen mit Verz\u00f6gerung auch der Immobilienmarkt, ehemalige Randbezirke wie Kreuzberg oder Prenzlauerberg geh\u00f6ren zu den teuersten Pflastern der Stadt. Das bringt neue Probleme mit sich, aber unter dem Strich wesentlich angenehmere als zuvor. Der Stadt in ihrer Gesamtheit geht es jedenfalls so gut wie noch nie in ihrer langen, aber auch von viel Armut gepr\u00e4gten Geschichte.<\/p>\n<p>Berlin hat nun &#8211; \u00e4hnlich wie einst der ber\u00fchmte Schmelztiegel New York &#8211; seine unterschiedlichen Biotope miteinander vermischt, was vermutlich auch zur weltweit gestiegenen Attraktivit\u00e4t beigetragen hat. In Kreuzberg finden sich nach wie vor die Hochburgen der Alternativen, wenn auch mit besserem Wein als fr\u00fcher, aber auch die t\u00fcrkischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerungsgruppe ist dort nach wie vor sehr stark vertreten. In der Mitte wohnen immer weniger ehemalige Ostberliner, daf\u00fcr der Mittelstand aus ganz Europa. Im alten Westen sitzen die alten Westler und lassen es sich m\u00fcrrisch gut gehen. Die ehemalige DDR-Nomenklatura hadert wiederum mit ihrem Schicksal auf bequemem Rentenniveau und w\u00e4hlt bis zu ihrem nicht mehr allzu fernen Tode die Nachfolgepartei der SED, egal wie diese gerade hei\u00dft &#8211; aber in jedem Fall mit Gregor Gysi. Die Stadt ist vielleicht nicht mehr ganz so sexy wie vor zehn Jahren &#8211; aber vor allem nicht mehr so arm. Und mal ehrlich &#8211; sie ist immer noch verdammt sexy im Vergleich zum Rest.<\/p>\n<p>Drei Mal durfte ich Klaus Wowereit im Wahlkampf begleiten. Erstmals 2001 unter dem Motto \u201eBerlin bewegen\u201c, 2006 mit \u201eKonsequent Berlin\u201c und zuletzt 2011 mit &#8222;Berlin verstehen&#8220;, als er unter schwierigsten Bedingungen doch noch den klaren Sieg errang. Und genau das macht ihn auch aus. Er versteht seine Stadt \u2013 und zwar die ganze Stadt und nicht nur Teile davon. Egal wo er auftaucht \u2013 ob in Marzahn, Lichtenberg, Wilmersdorf oder K\u00f6penick \u2013 er ist nirgendwo ein Fremdk\u00f6rper und \u00fcberall sofort von einer freundlichen Menschenmeer umringt.<\/p>\n<p>Es ist wahnsinnig viel passiert seit 2001 mit und in Berlin und auch in unseren gemeinsamen Wahlk\u00e4mpfen. Der neue \u201eRegierende\u201c war erst wenige Wochen im Amt, als mitten im Wahlkampf die Anschl\u00e4ge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in \u00a0Washington, D.C. statt fanden. Niemand wusste damals, ob nicht in wenigen Stunden auch London, Paris oder eben Berlin zum Ziel der Terroristen w\u00fcrden. Wowereit hat diese gro\u00dfe Anspannung gemeistert und sofort den richtigen Ton getroffen.<\/p>\n<p>Heute, 13 Jahre sp\u00e4ter, ist Berlin eine boomende Metropole. Sie hat vielleicht noch keinen neuen Flughafen, daf\u00fcr noch zwei offene und in Tempelhof einen zum Spielen f\u00fcr die Kinder. Das wird das Erbe des Klaus Wowereit nicht beeinflussen. Er war und ist einer der gro\u00dfen Berliner Regierenden B\u00fcrgermeister und seine gr\u00f6\u00dfte Leistung ist, dass er diese Stadt vereint und aus eigener Kraft zu neuer Bl\u00fcte gef\u00fchrt hat. Da kannste nicht meckern.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-822\" alt=\"Bildschirmfoto 2014-08-26 um 14.58.09\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09-300x193.jpg\" width=\"300\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09-300x193.jpg 300w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09-150x96.jpg 150w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09-624x401.jpg 624w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Bildschirmfoto-2014-08-26-um-14.58.09.jpg 1980w\" sizes=\"(max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a> Berlin bewegen, 2001<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-282\" alt=\"berlin2011_motiv4\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4-300x212.jpg\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4-300x212.jpg 300w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4-150x106.jpg 150w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4-624x441.jpg 624w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/berlin2011_motiv4.jpg 708w\" sizes=\"(max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a> Berlin verstehen, 2011<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Klaus Wowereit 2001 den Coup wagte und den \u201eewigen\u201c Regierenden Eberhard Diepgen vom Thron stie\u00df, war Berlin immer noch eine mental geteilte Stadt. \u00c4hnlich wie auf Bundesebene mit Helmut Kohl, suchten auch die Berlinerinnen und Berliner beider Stadteile nach dem gro\u00dfen Umbruch 1989 Sicherheit im Bestehenden. 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