{"id":774,"date":"2014-05-05T12:46:23","date_gmt":"2014-05-05T10:46:23","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=774"},"modified":"2015-08-26T10:41:50","modified_gmt":"2015-08-26T08:41:50","slug":"ein-volk-im-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/ein-volk-im-gluck\/","title":{"rendered":"Ein Volk im Gl\u00fcck."},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4re es nicht wunderbar, ein Volk zu erleben, das schlicht und ergreifend gl\u00fccklich ist? Kein \u00fcberheblicher Siegestaumel, kein Rausch, auch keine ausgelassene Fr\u00f6hlichkeit \u2013 vor allem aber keine Depression oder gar Aggression. Nein, einfach ein kollektiver Moment der Zufriedenheit gepaart mit einer Prise Demut dar\u00fcber, dass es einem in solch turbulenten Zeiten so gut gehen kann. Gl\u00fcck, eben. Man m\u00f6chte innehalten, das Gl\u00fcck umarmen und festhalten und ahnt doch, dass es eines Tages wieder weiterziehen wird &#8211; doch noch nicht jetzt!<\/p>\n<p>Wir erleben einen der wenigen Momente der Geschichte, in denen alles einfach l\u00e4uft. Und dabei geht es nicht nur um die klassischen Parameter wie etwa die weiter sinkende Zahl der Arbeitslosen oder die positive Entwicklung der L\u00f6hne und Geh\u00e4lter, die schon heute \u00fcber 75% der Bev\u00f6lkerung sagen l\u00e4sst, dass es ihnen \u201egut oder sehr gut\u201c gehe. Nein, auch in der gesellschaftlichen Entwicklung kann man kaum Schritt halten mit den positiven Meldungen: Die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft endlich und unumkehrbar auf dem Weg, ebenso die \u00fcberf\u00e4llige Anerkennung der Leistungen von M\u00fcttern, die v\u00f6llige Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit der Ehe nur noch wenige Millimeter vor dem Ziel, der Umbau der Energieversorgung weltweit beispiellos und innovativ, die L\u00f6hne bald auch durch einen Mindestlohn nach unten begrenzt und die M\u00f6glichkeit f\u00fcr alle, die nach 45 Jahren Arbeit endlich in Rente gehen wollen kurz vor der Umsetzung. Unsere Jugend w\u00e4chst in einem Land auf, das immer weniger Kindern eine immer bessere Zukunft bieten kann \u2013 mit guter Bildung in kleineren Klassen und fast fl\u00e4chendeckenden Kitaangeboten, wie es sie noch nie zuvor gegeben hat. Erg\u00e4nzt durch neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Eltern, sich gemeinsam um den Nachwuchs k\u00fcmmern zu k\u00f6nnen, und dennoch berufst\u00e4tig zu bleiben. Der Finanzminister peilt den ersten Haushalt ohne Neuverschuldung seit Jahrzehnten an, die Wachstumsprognosen sind positiv. Das Mammutprojekt der Inklusion ist auf dem Weg und beseitigt auch noch eine letzte H\u00fcrde der Ausgrenzung von Minderheiten. Obendrauf genie\u00dfen die Deutschen eine beispiellose Rechtssicherheit und auch Rechtsgleichheit, wie man sie gerade an den letzten spektakul\u00e4ren Steuerprozessen verfolgen konnte. Besonders auch die Vergleiche mit Russland, Ungarn oder auch der T\u00fcrkei machen deutlich, wie sehr die Gewaltenteilung bei uns funktioniert.<\/p>\n<p>Noch nie zuvor ging es den Menschen in Deutschland so gut wie heute.<\/p>\n<p>Was sie aber nicht daran hindert, Politiker schlecht zu finden. Aber liegt das tats\u00e4chlich an der Bundesregierung? Was k\u00f6nnte eine Regierung denn eigentlich viel besser machen als diese? M\u00e4chtige au\u00dfenpolitische Krisen wie die um die Ukraine sorgen f\u00fcr Dauerbetrieb im Kanzleramt und im Au\u00dfenministerium &#8211; doch sie f\u00fchren zu keiner L\u00e4hmung. Die Arbeitsministerin und viele ihrer Kolleginnen und Kollegen arbeiten flei\u00dfig und relativ ger\u00e4uschlos den Koalitionsvertrag ab. Und dieser, das darf man nicht vergessen, enth\u00e4lt sehr viele einzelne Ma\u00dfnahmen, die in der Bev\u00f6lkerung gro\u00dfe Zustimmungsraten bis zu 2\/3-Mehrheiten erzielen.<\/p>\n<p>Man fragt sich also, woher die Politik- oder Politikerfeindlichkeit eigentlich r\u00fchrt. Ich habe nur eine Erkl\u00e4rung: aus Zufriedenheit. Es geht uns wahrscheinlich allen zu gut, um zu realisieren, dass dieser Wohlstand eine direkte Folge funktionierender Institutionen \u2013 vom Rechtsstaat \u00fcber den Sozialstaat zur EU bis hin zur gefestigten Parteiendemokratie ist. Wir setzen nicht mehr \u2013 wie in Zeiten der Krise \u2013 auf Rettung von oben, sondern wollen m\u00f6glichst ungest\u00f6rt unser Leben leben. Vom Volk jedenfalls geht keinerlei Wille zu Reform oder Ver\u00e4nderung aus. Kein Reformstau weckt Aktivit\u00e4ten, keine Massendemos oder Shitstorms \u00fcben Druck aus. Und die erw\u00e4hnten Umfragen mit individuellen Zufriedenheitswerten im 75%-Bereich unterstreichen dies.<\/p>\n<p>Aber Politikerschelte ist gleicherma\u00dfen zum wohl gepflegten Hobby vor allem der deutschen Elite geworden. Beim sch\u00f6nen Rotwein rollt man die Augen, beim pers\u00f6nlichen Karriereknick sucht man die Schuldigen und an individuellen Krisen ist auch immer direkt die Regierung schuld. Und so arbeiten die Eliten \u2013 allen voran \u00fcbrigens zumindest k\u00f6rperlich r\u00fcstige Senioren, die ihr Geld bisher dem Staat, staatlichen Institutionen, Verb\u00e4nden oder Tiergeschichten verdankten &#8211; emsig weiter daran, all das, was gut l\u00e4uft, zu ignorieren, all das, was nicht so gut l\u00e4uft, zu \u00fcberdramatisieren und alle jene, die Politik machen, zu verachten. Dies diffundiert nat\u00fcrlich nach unten und birgt die gro\u00dfe Gefahr, dass Demokratieverachtung nicht mehr Widerspruch, sondern Zustimmung ausl\u00f6st. Denn es gibt ja die klare Verantwortung der Eliten, die fast alle Hebel der Macht innehaben, f\u00fcr das zerbrechliche Geschenk der Demokratie in unserem Land zu arbeiten und nicht dagegen. Demokratie und Rechtsstaat sind nicht der Normalzustand auf deutschem Boden, sondern die Ausnahme. Ich rede auch nicht der Kritiklosigkeit das Wort, sondern lediglich der Wahrung von Relationen. Doch es gibt f\u00fcr einige kein Halten mehr, keinen Moment der Besinnung auf das Erreichte und erst recht kein Arbeiten an einer Idee, wie man alles noch besser machen k\u00f6nnte, statt nur zu maulen, zu mosern und mit galligem Humor zu zerst\u00f6ren. Es geht ja am Ende nicht um die Gemeinschaft, sondern um mich und meine schlechte Laune.<\/p>\n<p>Und so bleiben wir ein unschl\u00fcssiges, manchmal ungl\u00fcckliches, in Teilen sogar ungehalten ma\u00dfloses, beneidenswertes Volk im Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich preise dennoch unser Land, diesen Staat und ja \u2013 auch die flei\u00dfigen und emsigen Politikerinnen und Politiker &#8211; und lasse mich gerne weiter fragen, was ich denn zum Fr\u00fchst\u00fcck geraucht habe. So, jetzt muss ich wieder raus auf die Stra\u00dfe, zuf\u00e4llig vorbeikommende Passanten umarmen und ihnen zurufen: Genie\u00dft diesen fl\u00fcchtigen Moment des Gl\u00fccks, ihr werdet ihn bald vermissen. Cheerio!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4re es nicht wunderbar, ein Volk zu erleben, das schlicht und ergreifend gl\u00fccklich ist? Kein \u00fcberheblicher Siegestaumel, kein Rausch, auch keine ausgelassene Fr\u00f6hlichkeit \u2013 vor allem aber keine Depression oder gar Aggression. 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