{"id":753,"date":"2014-03-31T15:50:03","date_gmt":"2014-03-31T13:50:03","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=753"},"modified":"2015-08-26T10:40:04","modified_gmt":"2015-08-26T08:40:04","slug":"munchen-heiter-567-fur-dieter-reiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/munchen-heiter-567-fur-dieter-reiter\/","title":{"rendered":"M\u00fcnchen, heiter, 56,7% f\u00fcr Dieter Reiter."},"content":{"rendered":"<p><b>Die Wahl in M\u00fcnchen zeigt einmal mehr: Ein Wahlkampf muss der stillen Mehrheit gefallen &#8211; nicht den professionellen Beobachtern.<\/b><\/p>\n<p>Dieter Reiter wurde am 30. M\u00e4rz mit gut 57% der abgegebenen Stimmen zum neuen Oberb\u00fcrgermeister der drittgr\u00f6\u00dften Stadt Deutschlands gew\u00e4hlt. Mein Team und ich freuen uns nat\u00fcrlich ein Loch in den Bauch, dass BUTTER. damit das \u201eMetropolen Triple\u201c von Deutschlands gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten geschafft hat und wir die Wahlk\u00e4mpfe von Olaf Scholz in Hamburg, Klaus Wowereit in Berlin und jetzt auch von Dieter Reiter in M\u00fcnchen begleiten durften. Alle drei Wahlk\u00e4mpfe waren keine Spazierg\u00e4nge \u2013 so auch M\u00fcnchen nicht. Alle drei Resultate sind zuallererst die pers\u00f6nlichen Erfolge der Kandidaten, die es vermochten, zur rechten Zeit mit ihrer Pers\u00f6nlichkeit das richtige Angebot an die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler ihrer Heimatst\u00e4dte zu machen. Zu Hamburg und Berlin habe ich ausf\u00fchrlich in meinem Buch geschrieben \u2013 daher jetzt ein paar Worte mehr zu M\u00fcnchen.<\/p>\n<p><b>Ausgangslage: Die Legende von der SPD-Hochburg M\u00fcnchen.<\/b><\/p>\n<p>F\u00fcr Au\u00dfenstehende mag der Fall zun\u00e4chst einmal klar sein: \u201eM\u00fcnchen, das war doch schon immer eine SPD Hochburg\u201c. Tja, kann man so sehen, stimmt aber nur bedingt. M\u00fcnchen ist zwar eine \u201egef\u00fchlte Hochburg\u201c der SPD \u2013 aber falls sie es jemals wirklich war, ist sie es schon ein gutes Jahrzehnt lang nicht mehr.<\/p>\n<p>Bei der Landtagswahl 2008 erreichte die SPD in M\u00fcnchen 27,4 %<br \/>\nBei der Bundestagswahl 2009 kam die SPD in M\u00fcnchen auf 19,3%<br \/>\nBei der Landtagswahl 2013 mit OB Christian Ude als Spitzenkandidat f\u00fcr das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten kam die SPD in M\u00fcnchen auf 34,2 %<br \/>\nBei der Bundestagswahl vier Wochen sp\u00e4ter, im September 2013 auf 23,9%<\/p>\n<p>Es mag ja sein, dass die SPD bei den Kommunalwahlen 2008 vergleichsweise stark abschnitt, aber noch nicht einmal bei dieser dritten erfolgreichen Wahl von Christian Ude im Jahr 2008 mit 66,8% (+5,6%) der Stimmen bei der OB-Direktwahl, konnte die SPD von einem Mitnahmeeffekt profitieren. Im Gegenteil.\u00a0 Die SPD kam auf 39,8%\u00a0 \u2013 ein Minus von 2,2% im Vergleich zu den 41,9% im Jahre 2002. Der Unterschied von Partei und Kandidat betrug 27%.<\/p>\n<p>Die Ausgangslage f\u00fcr einen neuen und auch v\u00f6llig unbekannten Kandidaten in M\u00fcnchen war also alles andere als einfach \u2013 zumal die CSU bei der gerade einmal ein halbes Jahr zur\u00fcckliegenden Landtagswahl im Land die absolute Mehrheit erreichen konnte und auch in M\u00fcnchen mit 36,6% vor der SPD gelandet war. Die M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner wissen also sehr wohl, wie man CSU w\u00e4hlt. Bei der Bundestagswahl 2013 taten sie dies mit 37,8% &#8211; mit fast 14% Vorsprung vor der SPD. Kurzum: Eine Hochburg sieht anders aus.<\/p>\n<p>Erfolg oder Misserfolg einer Kampagne misst sich \u2013 das muss man leider auch immer wieder aufs Neue betonen &#8211; nicht im Vergleich zu Wahlergebnissen von vor 4-5 oder gar 6 Jahren. Erfolg oder Misserfolg einer Kampagne misst sich am Verlauf des Wahlkampfes selbst \u2013 also \u00fcber einen Zeitraum von maximal 12-15 Monaten vor dem Wahltag. F\u00fcr M\u00fcnchen liegen uns in dem betreffenden Zeitraum nur vier einigerma\u00dfen professionell erhobene Umfragen vor. Davon jeweils zwei der CSU (Emnid) und zwei der SPD (mifm). Umfragen von unabh\u00e4ngigen Auftraggebern gab es keine \u2013 ich vermute mal, weil die Medien die Kosten scheuten.<\/p>\n<p>Zur Einordnung der Umfragen und des Wahlergebnisses sei noch auf den Wahlmodus hingewiesen: Im ersten Wahlgang wird in M\u00fcnchen der Stadtrat gew\u00e4hlt und au\u00dferdem in einer Direktwahl der Oberb\u00fcrgermeister. Erreicht keiner der Kandidaten f\u00fcr den Oberb\u00fcrgermeister mehr als 50% findet eine Stichwahl der beiden Erstplatzierten 14 Tage sp\u00e4ter statt. Das bedeutet auch, dass der OB dann nat\u00fcrlich mit dem im ersten Wahlgang gew\u00e4hlten Stadtrat zusammenarbeiten muss \u2013 welche Mehrheiten sich dort auch immer ergeben.<\/p>\n<p>Nach der mifm Umfrage vom April 2013 lag Dieter Reiter bez\u00fcglich seiner Bekanntheit auf Platz 3 hinter Josef Schmid (CSU) und Sabine Nallinger (Gr\u00fcne).<\/p>\n<p>Eine Emnid-Umfrage vom Juni 2013 sah Dieter Reiter bei 28% hinter Schmid mit 30%.<\/p>\n<p>Die M\u00fcnchner \u201etz\u201c schrieb dazu neun Monate vor der Wahl :<em><b> \u201e<\/b><\/em><strong><em>Ganz sicher aber kann Schmid die Sensation schaffen, im ersten Wahlgang die meisten Stimmen zu holen.\u201c <\/em><\/strong>Und SPIEGEL-Online z\u00e4hlte noch im Januar 2014 Josef Schmid zu den hei\u00dfesten Kandidaten f\u00fcr das neue Jahr.<\/p>\n<p>Es kam anders. Aber wie man schon erkennt: Einfach ist was anderes.<strong><\/strong><\/p>\n<p><b>Josef Schmid: CSU Kandidat mit Medienhype.<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p>Josef Schmid und sein Team fuhren eine erfolgreiche Kampagne der \u201eMetropolisierung\u201c ihres Kandidaten. Ob er sich auf Schwulenparaden zeigte oder sich gegen dumpfe CSU-Ausl\u00e4nderparolen wandte &#8211; Schmid hatte richtiger Weise erkannt, dass er mit klassischen CSU-Spr\u00fcchen keine Chance in der \u201eWeltstadt mit Herz\u201c haben w\u00fcrde. Die Distanzierung von CSU Hardlinern und die moderne Inszenierung seiner Kampagne sollten der SPD vor allem eines nehmen: eine mobilisierende Wirkung. Denn gegen so einen Softie-Konservativen l\u00e4sst sich schwerer Stimmung machen als, sagen wir einmal, gegen Peter Gauweiler.<\/p>\n<p>Eine harte Angriffstaktik der SPD h\u00e4tte nicht verfangen k\u00f6nnen, da Schmid schon seit Jahren an diesem neuen Imageprofil arbeitete und daher eine gewissen Glaubw\u00fcrdigkeit erlangt hatte. Eine Polarisierungs- und Angriffstaktik muss jedoch auf fruchtbaren Boden fallen, sonst wirkt sie l\u00e4cherlich oder gar verbissen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte die Reiter-Kampagne um der Polarisierung willen Schmid h\u00e4rter attackiert, w\u00e4ren die Sympathiepunkte von Dieter Reiter ganz schnell ins Negative umgeschlagen. Dieter Reiter war im Vergleich zu Schmid der neue und noch wenig profilierte Kandidat. Eine aggressive Kampagne h\u00e4tte ihn viel mehr besch\u00e4digt als seinen Gegenkandidaten, denn &#8222;you never get a second chance to make a first impression.&#8220; Mal ganz abgesehen davon, dass Reiter ein so fr\u00f6hlicher Mensch ist, dass eine negative Kampagne gegen den Herausforderer gar nicht machbar gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Schmid und sein Team setzten au\u00dferdem auf eine recht jugendlich angelegte Taktik, die den &#8222;Frischen Wind f\u00fcr M\u00fcnchen&#8220; transportieren und neue Schichten ansprechen sollte. Man verfolgte von Anfang an einen jungen, f\u00fcr CSU-Verh\u00e4ltnisse sogar \u201ehippen\u201c und innovativen Wahlkampf. Damit konnte sie eine Scharte bei den Erstw\u00e4hlern gut auswetzen und auch medial wurde die Kampagne positiv rezipiert. \u00c4sthetisch war alles sehr ansprechend und modern gestaltet, wenn man von ein paar Ausrei\u00dfern wie einem peinlichen Rap-Video mit schunkelnden Junge-Union-BWL-Studenten einmal absieht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich verlief auch diese Kampagne nicht linear. Die Schmid-Kampagne litt unter angek\u00fcndigten Mittelk\u00fcrzungen f\u00fcr M\u00fcnchen durch die CSU Landesregierung, einem angek\u00fcndigten Lehrerstellenabbau und dem \u00fcblichen CSU-Macho-Gepoltere, das nicht nach M\u00fcnchen passt. Zusammenfassend sei aber gesagt: Schmid und die CSU machten leider einen ziemlich guten Wahlkampf, was nach seinem Desaster von vor 6 Jahren nicht zu erwarten war. Aber gut. Der Grad der Professionalit\u00e4t steigt \u00fcberall. Vor allem aber gelang es ihm, in einem Land, das seit jeher von der CSU regiert wird, so etwas wie Aufbruchstimmung ausgerechnet durch die CSU zu erzeugen. Unterst\u00fctzt wurde er darin von den regionalen Medien, die vor allem ein offenes Rennen wollten. Das ist eben spannender als alles andere.<\/p>\n<p><strong>Sabine Nallinger.<\/strong><\/p>\n<p>Auch die Kampagne von Sabine Nallinger, der Kandidatin der Gr\u00fcnen, war professionell angelegt und unter dem Strich auch erfolgreich. Ganz zu Beginn hatte man im Gr\u00fcnen Lager wohl noch davon getr\u00e4umt, in die Stichwahl zu kommen. Diese Tr\u00e4ume waren aber sp\u00e4testens nach der f\u00fcr die Gr\u00fcnen schlecht gelaufenen Bundestagswahl 2013 ausgetr\u00e4umt. Mit einer frischen und ebenfalls \u00e4sthetisch ansprechenden Kampagne etablierte sich Frau Nallinger als &#8222;nat\u00fcrliche Nummer 3&#8220;, die im Gegensatz zum Kandidaten der FDP auch eine echte Berechtigung hatte, mit auf den unz\u00e4hligen Podien zu sitzen.<\/p>\n<p>Am Ende gilt aber was besonders in den St\u00e4dten eben gilt: Die W\u00e4hlerschaft von SPD und Gr\u00fcnen sieht sich immer noch viel st\u00e4rker als Verb\u00fcndete an, als die Funktion\u00e4re der Parteien. So war die Formel: &#8222;Je st\u00e4rker die Nallinger, desto schw\u00e4cher der Reiter&#8220; nicht von der Hand zu weisen und stellte die Reiter-Kampagne vor ein weiteres Problem: Sollte es am Ende auch nur f\u00fcr einen kleinen Vorsprung von Josef Schmid im ersten Wahlgang reichen, k\u00f6nnte dies ein Momentum ausl\u00f6sen, das am Ende alles in Rutschen bringen k\u00f6nnte. Das Ziel musste also in jedem Fall hei\u00dfen: Nr 1 im ersten Wahlgang &#8211; und sei es noch so knapp.<\/p>\n<p><b>Dieter Reiter: Das Dilemma des Neuen vs. dem Best\u00e4ndigen.<\/b><\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Christian Ude 1993 (!) trat Dieter Reiter bei seinem ersten Wahlkampf nicht mit einem Amtsbonus an. Ude hatte das Zepter ja schon zuvor \u00fcberreicht bekommen, Reiter musste es sich in einem parteiinternen Vorwahlkampf erk\u00e4mpfen. Er und seine Kampagne mussten daher den Balanceakt hinbekommen, sich einerseits von bestehenden Problemen zu distanzieren \u00a0\u2013 andererseits aber weder Amtsinhaber noch Fraktion zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Die Reiter-Kampagne litt unter dem Symbolthema \u201eMietanstieg\u201c, einigen provokanten Leerst\u00e4nden und offenbaren Verwaltungsm\u00e4ngeln \u00fcber die Jahre. Diese Altlasten &#8211; die eigentlich immer anfallen &#8211; dr\u00fcckten nat\u00fcrlich auf die Zustimmung zur SPD.<\/p>\n<p>Das ist aber das ewige Dilemma einer Regierungspartei:<br \/>\nSie kann nie einen neuen Aufbruch glaubw\u00fcrdig versprechen.<br \/>\nDas einzig Neue an der SPD war ihr Kandidat.<br \/>\nDeshalb musste alles auf ihn gesetzt werden:<br \/>\nAuf seine Bekanntheit.<br \/>\nAuf seine Beliebtheit.<br \/>\nAuf seine Hemds\u00e4rmligkeit.<\/p>\n<p>Dieter Reiter war auch deshalb der st\u00e4rkst m\u00f6gliche Kandidat der SPD, weil er gerade kein Berufspolitiker ist (war), sondern ein frischer, herzlicher, anpackender Mann, der noch was will \u2013 und zwar vor allem f\u00fcr die Stadt und nicht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Dieter Reiter war also der Neue, der mit dem Slogan \u201eDamit M\u00fcnchen M\u00fcnchen bleibt\u201c den Menschen die Sorge vor einem zu radikalen Wechsel nahm. Denn trotz allem medialen Gepoltere: Die M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner wollen in ihrer Mehrheit, dass M\u00fcnchen M\u00fcnchen bleibt. Erfolgreich <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> sozial. Denn die gro\u00dfe Mehrheit f\u00fchlt sich sehr wohl. Journalisten und Oppositionspolitiker werden daf\u00fcr bezahlt, Probleme zu thematisieren. Wahlkampfberater werden daf\u00fcr bezahlt, Wahlen zu gewinnen. Das deckt sich nur selten.<\/p>\n<p>Die Kampagne durfte sich daher nie darum drehen, wer der bessere \u201eReformer\u201c in der Stadt sei. Bei einer solchen Fragestellung kann nur die Opposition gewinnen. Die Wahl sollte sich um Kontinuit\u00e4t und Sicherheit mit einem neuen OB drehen. Und dar\u00fcber wurde am Ende auch abgestimmt. Das bedeutet aber nicht, dass Reiter die Probleme nicht sieht oder nicht anpacken will. Im Gegenteil. Er wird sich diesen Problemen mit ganzer Kraft widmen. Sie durften nur nicht zum zentralen Entscheidungskriterium dieses Wahlgangs werden.<\/p>\n<p>Auf seiner programmatischen Rede k\u00fcndigte Reiter daher noch im November 2013 an, sich aktuellen Problemen wie den st\u00e4dtischen Krankenh\u00e4usern oder auch dem hinterherhinkenden Kita- und Schulausbau anzunehmen. Etwa 100 Tage vor der Wahl legte er im Dezember au\u00dferdem sein 100-Tage Programm vor, das auch deutlich vorhandene Defizite ansprach und L\u00f6sungen beinhaltete. Beides nahm den Angriffen der CSU den Wind aus den Segeln und der Kandidat setzte programmatische Schwerpunkte in sicherer Entfernung zum Wahltag. Kurzum: Die Probleme wurden fr\u00fchzeitig adressiert, um sie am Ende aus dem eigentlichen Wahlkampf herauszuhalten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den oberfl\u00e4chlichen Betrachter f\u00fchrte dieses gegenseitige Abschleifen von Problemfeldern zu einer zunehmenden Verwischung der Kandidatenprofile. Dem oberfl\u00e4chlichen Betrachter sei daher attestiert: Gut beobachtet! Dies war aber von beiden Kampagnen eindeutig so gewollt.<\/p>\n<p><b>Es gab f\u00fcr die SPD oder ihren Kandidaten zu keinem Zeitpunkt eine Option, sich auf Kosten des Amtsinhabers oder der Regierungskoalition zu profilieren. Dies h\u00e4tte den eindeutigen Untergang bedeutet, da ein Streit innerhalb der SPD oder des Rot\/Gr\u00fcnen Lagers die W\u00e4hler so kurz vor einer Wahl in die Arme des Gegenkandidaten oder zur Wahlenthaltung getrieben h\u00e4tte.<\/b><\/p>\n<p>Denn die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der SPD sind nach wie vor sehr leicht zu irritieren und eine SPD, die auf Bundesebene immer noch um die 24-26% notiert, ist alles andere als gesund.<\/p>\n<p>Die doppelte Abr\u00fcstung \u2013 von Schmid in Richtung Reiter und von Reiter in Richtung Schmid \u2013 war f\u00fcr beide die einzige Option in diesem Wahlkampf. Die Frage war nur, ob beide Kampagnen die Nerven behalten w\u00fcrden, dies durchzuziehen.<\/p>\n<p>Sie taten es. Und \u00f6ffneten damit nat\u00fcrlich den Raum f\u00fcr kleinere Parteien, die Gr\u00fcnen und auch zu einer geringeren Wahlbeteiligung. Doch wie man es auch dreht und wendet: f\u00fcr beide Kampagnen gab es keine Alternative zu dieser Taktik, denn am Ende will man eben gewinnen und nicht mit einem allgemein gelobten Experiment scheitern.<\/p>\n<p><strong>Der erste Wahlgang<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Wahlgang, am 16. M\u00e4rz 2013 kam Dieter Reiter in der Direktwahl bereits auf 40,4% der Stimmen Josef Schmid auf 36,7 und Sabine Nallinger auf 14,7%. Die erste Etappe war also genommen.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Zusammensetzung der Fraktionen bot sich folgendes Bild:<br \/>\nIn den beiden Umfragen vor der Kommunalwahl, lag die SPD deutlich hinter der CSU. Bei Emnid vom 7.Februar lag die SPD 8% hinter der CSU, bei mifm gut 6%. Am Wahltag selbst waren es dann 1,8%. Insofern wurde der Vorsprung der CSU im Laufe der Kampagne deutlich reduziert.<\/p>\n<p>Das Ergebnis von 30,8% bei starken Verlusten f\u00fcr die SPD lag im oberen Mittelfeld der SPD Ergebnisse des letzten Jahrzehnts und 6,9% \u00fcber dem Ergebnis der letzten Wahl in M\u00fcnchen, der Bundestagswahl im September 2013. Die CSU wurde bei moderaten Gewinnen mit einem Sitz Vorsprung st\u00e4rkste Fraktion, die Gr\u00fcnen legten ebenfalls deutlich zu\u00a0 \u2013 aber keines der klassischen B\u00fcndnisse (Schwarz\/Gelb oder Rot\/Gr\u00fcn) verf\u00fcgte \u00fcber eine absolute Mehrheit.<\/p>\n<p>H\u00e4tte manches besser laufen k\u00f6nnen f\u00fcr die SPD? Ich glaube ja. Hamilton Jordan, der Wahlkampfleiter von Pr\u00e4sident Jimmy Carter bei dessen gescheiterter Wiederwahl 1980, wurde einmal gefragt, was er h\u00e4tte anders machen k\u00f6nnen. Seine Antwort: &#8222;Ich h\u00e4tte die 60 Millionen f\u00fcr den Wahlkampf genommen und zwei zus\u00e4tzliche Helikopter f\u00fcr die Rettungsaktion der Geiseln aus Teheran gekauft.\u201c F\u00fcr die J\u00fcngeren unter uns: Die Befreiungsaktion war auch deshalb gescheitert, weil mehrere Helikopter auf dem Flug zur US-Botschaft im Iran ausgefallen waren.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzt hei\u00dft das: Ja, das Ergebnis f\u00fcr die SPD in M\u00fcnchen h\u00e4tte besser ausfallen k\u00f6nnen, wenn sie in den Jahren zuvor einige Probleme und Symbolthemen wie Wohnungsleerst\u00e4nde, unsanierte Schultoiletten oder auch angeschlagene Kliniken schneller, unb\u00fcrokratischer und effektiver gel\u00f6st h\u00e4tte, ein paar offensichtlich dr\u00e4ngende Verkehrsprobleme in einigen Stadteilen ernster genommen h\u00e4tte und daf\u00fcr auf die Besch\u00e4ftigung mit esoterischen Themen wie separaten Spielpl\u00e4tzen f\u00fcr M\u00e4dchen verzichtet h\u00e4tte. H\u00e4tte, h\u00e4tte, Fahrradkette. Solche Steilvorlagen f\u00fcr die Opposition darf eine Regierungspartei einfach nicht bieten. Aber im Wahlkampf ist es zu sp\u00e4t daf\u00fcr und die Aufgabe der Kampagne ist es dann, so wenig wie m\u00f6glich dar\u00fcber zu sprechen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis f\u00fcr Dieter Reiter war da wesentlich erfreulicher. F\u00fcr die OB-Wahl galt es ja zun\u00e4chst einmal, die Bekanntheit des Kandidaten zu steigern.<b> <\/b>Dieter Reiter war ein v\u00f6llig unbekannter Kandidat, der f\u00fcr die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler quasi vom Himmel fiel. Hingegen waren seine Gegenkandidaten etablierte Kommunalpolitiker, Josef Schmid trat als Fraktionsvorsitzender der CSU gar zum zweiten Mal an. Der Wahlkampf etablierte Dieter Reiter aus dem Stand als nat\u00fcrliche Nummer 1. Mit einem gelungenen Nominierungsparteitag, einer pointierten Rede und einem klar auf ihn zugeschnittenen Personenwahlkampf. Etwa 6 Wochen vor dem ersten Urnengang zeigten die Umfragen von SPD und CSU Reiter auch erstmals als Favoriten, was zur Mobilisierung der eigenen Leute beitrug und sicher auch Zweifel im Lager der CSU s\u00e4te. Denn schlie\u00dflich steckte den Christsozialen auch die Niederlagenserie der letzten Jahrzehnte in den Knochen. Die Kampagnenleitung entschied daher, die eigene Umfrage zu ver\u00f6ffentlichen, um Momentum zu erzeugen. Das Gegenargument bei solchen Entscheidungen lautet nat\u00fcrlich: &#8222;Wenn wir jetzt seine guten Werte ver\u00f6ffentlichen, werden manche nicht mehr zu Wahl gehen, weil sie denken, die Wahl sei eh schon entschieden.&#8220; Das ist ein gutes Argument &#8211; aber in diesem Fall segelte ganz M\u00fcnchen seit Monaten ohne Umfrage durch den Wahlkampf und nicht wenige dachten, dass Schmid die Nase vorn habe. Deshalb war es wichtig, einmal die Muskeln spielen zu lassen und die CSU im Gegenzug zu zwingen, ihre eigene Umfrage zu ver\u00f6ffentlichen, die Reiter ebenfalls vorne sah.<\/p>\n<p>In einem 12-er Kandidatenfeld kam Reiter dann aus dem Stand im ersten Wahlgang auf \u00fcber 40% und erreichte damit gut 10% mehr Stimmen als seine Partei. Gemessen an dem \u201eZiehfaktor\u201c der Vergangenheit m\u00fcssen wir davon ausgehen, dass er letztendlich die SPD \u00fcber die 30%-Marke mitgezogen hat.<\/p>\n<p>Selbst den Vergleich mit Christian Ude muss Reiter nicht scheuen. Beim letzten M\u00fcnchner Wahlgang \u201eneuer Kandidaten\u201c, als Christian Ude 1993 zum ersten Mal gew\u00e4hlt wurde, errang er im ersten Wahlgang 50,2%. Allerdings aus der Position des Amtsinhabers, der zwei Jahre zuvor das Amt \u00fcbernommen hatte und ohne Gr\u00fcnen Gegenkandidaten. Reiter ohne Gr\u00fcne Gegenkandidatin w\u00e4re wohl auch schon im ersten Wahlgang gew\u00e4hlt worden. Und Ude hatte auch noch einen stark polarisierenden Gegenkandidaten Peter Gauweiler. Ich war nicht dabei \u2013 aber das muss ein gro\u00dfartiges Schlachtfest mit entsprechender Polarisierung und Wahlbeteiligung gewesen sein. Wo war ich da eigentlich? Ah \u2013 ja \u2013 an der Uni und habe Wahlkampf bei Peter Radunski (CDU) studiert. Auch spannend. Christian Ude hat in der Folge dann allerdings so gut regiert, dass die 60%-Marke f\u00fcr ihn keine Herausforderung mehr war &#8211; eher die bei 70%. Das ist dann die neue Herausforderung f\u00fcr Dieter Reiter.<\/p>\n<p><b>Die Stichwahl.<\/b><\/p>\n<p>Bei der Stichwahl kam es letztendlich darauf an, die Stimmen aus dem Rot\/Gr\u00fcnen Lager zu gewinnen und dann die Nerven zu behalten. Josef Schmid versuchte dies recht plump mit einem direkten Job-Angebot des Postens der zweiten B\u00fcrgermeisterin an Sabine Nallinger \u00fcber die Medien. Dieter Reiter verfolgte sein Ziel wie immer wesentlich hemds\u00e4rmliger, ging direkt zu den Gr\u00fcnen, versprach keine Jobs sondern gemeinsame Projekte, akzeptiert die neuen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse und gewann so eine 100%-ige Unterst\u00fctzung durch die Gr\u00fcnen und Sabine Nallinger. Dass die Gr\u00fcnen am Ende sogar noch f\u00fcr Reiter plakatierten, lie\u00df nostalgische Gef\u00fchle an die Zeiten aufkommen, als Rot\/Gr\u00fcn noch in der ganzen Republik harmonierte.<\/p>\n<p>Und dann verlor Schmid die Nerven. Seine Kampagne begann wild um sich zu schlagen, aus dem netten Herr Schmid wurde eine ziemliche Dreckschleuder, die mit w\u00fcsten und weit hergeholten Attacken gegen Dieter Reiter und seine Familie v\u00f6llig aus der Spur geriet. Da konnte auch eine eigens eingeflogene Angela Merkel zwei Tage vor dem Urnengang nichts mehr rei\u00dfen. Warum man der Kanzlerin in Zeiten weltweiter Brandherde mit dieser Mission die Zeit stehlen musste, steht jetzt erst einmal auf dem Inner-Unions-Soll-Konto der CSU.<\/p>\n<p>Die SPD setzte mit Dieter Reiter hingegen weiter voll auf die 50+ Generation, von der man wusste, dass sie mit gro\u00dfer Mehrheit ihn favorisierte und vor allem auch recht sicher zur Wahl gehen w\u00fcrde. Seine flotte Jugendkampagne brachte Josef Schmid ein paar nette Kommentare in den Medien und Dieter Reiter ebenso viele kritische Stimmen zu seinem Slogan \u201eDamit M\u00fcnchen M\u00fcnchen bleibt\u201c . Aber wie schon so oft in der Vergangenheit war dies v\u00f6llig irrelevant f\u00fcr den Wahlausgang. Denn Dieter Reiter, sein engagiertes Team und sein Wahlkampfleiter, der M\u00fcnchner SPD Vorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann, behielten \u00fcber die ganze Strecke die Nerven und zogen ihr Ding durch. Zu einem am Ende in dieser Dimension von niemandem erwarteten Erfolg mit einem Vorsprung von 13,4% in der Stichwahl.<\/p>\n<p>Einmal mehr zeigte sich, was sich schon so oft in den letzten Jahren gezeigt hat: Wie eine Kampagne medial rezipiert wird ist relativ wurscht \u2013 es kommt am Ende darauf an, wie sie auf den Einzelnen und seine individuelle Entscheidung in der Wahlkabine wirkt. Und dort sagte sich am Ende eine gro\u00dfe Mehrheit: \u201eIch will, dass M\u00fcnchen M\u00fcnchen bleibt \u2013 und daf\u00fcr sorgt am besten der Dieter Reiter.\u201c<\/p>\n<p>Dieter Reiter ist ab Mai neuer Oberb\u00fcrgermeister der Stadt M\u00fcnchen. Er ist einer der zupackendsten, humorvollsten und b\u00fcrgern\u00e4hsten Kandidaten, f\u00fcr die ich je arbeiten durfte. Wer mit ihm einmal durch die Stra\u00dfen M\u00fcnchens geht, wird sp\u00fcren: Die Menschen haben am Ende den Richtigen gew\u00e4hlt. Denn er ist einer, der das direkte Gespr\u00e4ch sch\u00e4tzt, mit den Leuten kann, ihnen aber auch nicht nach dem Mund redet und diese erfogsverw\u00f6hnte und doch herzliche Stadt zu weiteren Erfolgen f\u00fchren wird. Er wird sich mit seinem ganz eigenen Stil einreihen in die stolze Tradition sozialdemokratischer M\u00fcnchner Oberb\u00fcrgermeister.<\/p>\n<p>Herzlichen Gl\u00fcckwunsch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wahl in M\u00fcnchen zeigt einmal mehr: Ein Wahlkampf muss der stillen Mehrheit gefallen &#8211; nicht den professionellen Beobachtern. Dieter Reiter wurde am 30. M\u00e4rz mit gut 57% der abgegebenen Stimmen zum neuen Oberb\u00fcrgermeister der drittgr\u00f6\u00dften Stadt Deutschlands gew\u00e4hlt. Mein Team und ich freuen uns nat\u00fcrlich ein Loch in den Bauch, dass BUTTER. damit das &hellip; <a href=\"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/munchen-heiter-567-fur-dieter-reiter\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eM\u00fcnchen, heiter, 56,7% f\u00fcr Dieter Reiter.\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/753"}],"collection":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=753"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1203,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/753\/revisions\/1203"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=753"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=753"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}