{"id":3073,"date":"2026-10-08T21:18:17","date_gmt":"2026-10-08T19:18:17","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-stauss.de\/?p=3073"},"modified":"2026-10-08T22:51:26","modified_gmt":"2026-10-08T20:51:26","slug":"der-merz-saehe-uns-am-liebsten-im-grab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/der-merz-saehe-uns-am-liebsten-im-grab\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Merz s\u00e4he uns am liebsten im Grab.&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der \u201eReformkurs\u201c der Union bricht ihr das Genick.<\/strong> <strong>Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen &#8211; bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Respektlosigkeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen Schl\u00fcsselmoment &#8211; bei Minute 3:30, zweite Staffel, vierte Folge der viel diskutierten \u201eInside-CDU\u201c Dokumentation des ZDF. Dieser Moment hat aber weder mit den CDU-Protagonisten noch mit Strandk\u00f6rben zu tun. Er spielt im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU erstmals den Einzug in einen Landtag verpasste. Eine Dame schimpft am CDU-Infostand&nbsp; \u201eMein Mann und mein Sohn, die arbeiten jeden Tag schwer, die sind Kurierfahrer, die schleppen so ne gro\u00dfen Pakete\u2026sollen die das mit 70 noch? Bis 70 und dann ab in den Sarg rein? Das will der Merz n\u00e4mlich.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das kam mir bekannt vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Szenenwechsel. Wuppertal Cronenberg, etwa 500 km von Rostock entfernt, wenige Tage zuvor. Meine Schwiegermutter will mit ihrem Rollator eine viel befahrene Kreuzung mit zu kurzer Ampelschaltung \u00fcberqueren. Ein ebenfalls nicht mehr ganz junger Mann springt aus dem benachbarten Eiscaf\u00e9 auf, eilt zu ihr und \u00fcberquert mit meiner Schwiegermutter die Kreuzung. Als die Fu\u00dfg\u00e4ngerampel auf halber Strecke rot anzeigt, h\u00e4lt er den Verkehr auf \u201eDa m\u00fcssen wir aufpassen..\u201c, sagte er, \u201edie rasen hier wie die Bekloppten. Aber am Ende freut sich nur der Merz, wenn wir unter die R\u00e4der kommen. Das w\u00e4re dem am liebsten. Bis zum Umfallen schuften und dann ab ins Grab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keinen tieferen Tiefpunkt im Ansehen eines Politikers. Wenn die Menschen denken, der Bundeskanzler w\u00fcnsche Ihnen und ihren Angeh\u00f6rigen den Tod, um die Rentenkasse zu entlasten, dann ist das irreparabel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind das zwei Stimmen, die keineswegs repr\u00e4sentativ sind. Aber alle repr\u00e4sentativen Zahlen die verf\u00fcgbar sind zeigen, dass es keine unpopul\u00e4rere Ma\u00dfnahme unter den Reformvorschl\u00e4gen gibt, als die Abschaffung der \u201eRente mit 63\u201c von der vor allem die Betroffenen l\u00e4ngst kapiert haben, dass es sich um eine \u201eRente mit 65\u201c handelt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wer 45 Beitragsjahre eingezahlt hat und au\u00dferdem 65 Jahre alt ist, darf (ab Jahrgang 1964) nicht erst mit 67 sondern mit 65 abschlagsfrei in Rente gehen. Wer also mit 16 angefangen hat, ist nach 45 Jahren 61 Jahre alt\u2026 und muss dann noch vier Jahre weiter arbeiten. Er oder sie (M\u00e4nner und Frauen nehmen diese Rente aktuell im Verh\u00e4ltnis 55%:45% in Anspruch) haben dann 49 lange Jahre eingezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits im August 2026 registrierte die Forschungsgruppe Wahlen f\u00fcr das ZDF Politbarometer eine Ablehnung von 75% in der Gesamtbev\u00f6lkerung. Nur 20% fanden die Abschaffung richtig. Die Ablehnung lag \u00fcber alle Parteien mit Ausnahme der FDP (55%) \u00fcber 60%. Union: 67%, SPD 74%, Linke 88%, AfD 82%, Gr\u00fcne 64%. Die Ma\u00dfnahme wird von 67% der Unions-Anh\u00e4nger abgelehnt. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Union nur noch auf knapp 20% Zustimmung \u00fcberhaupt kommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist der Sargnagel f\u00fcr CDU\/CSU und wird ihren Niedergang weiter beschleunigen. Da war Mecklenburg-Vorpommern nur der Anfang.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was auff\u00e4llt: Die Menschen wissen offenbar aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sehr viel besser, wer die Rente f\u00fcr besonders langj\u00e4hrig Versicherte in Anspruch nimmt, als Bundesregierung oder Rentenkommission. Das liegt zum einen daran, dass es gar keine verl\u00e4ssliche Statistik gibt (siehe unten) und zum anderen, dass weder die Mitglieder der Rentenkommission noch die der Bundesregierung irgendeinen Bezug zu diesen Menschen haben. Wer auf \u00fcber 45 Beitragsjahre kommt, hat so gut wie nie studiert und daher auch keinen akademischen Beruf oder ein entsprechendes Einkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Statistiken der Deutschen Rentenversicherung kommen diejenigen, die aktuell diese Rente in Anspruch nehmen auf etwa 1.700 EUR Rente. Das ist keineswegs \u00fcberdurchschnittlich hoch, wie h\u00e4ufig behauptet. Diese Rente liegt sogar unter dem Schnitt der langj\u00e4hrig Versicherten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr darf man nat\u00fcrlich nicht den gesamten Durchschnitt nehmen (denn da sind auch Menschen dabei, die nur wenige Jahre eingezahlt haben, dann aufgeh\u00f6rt haben oder in die Selbst\u00e4ndigkeit gewechselt sind etc.), sondern den Schnitt der mindesten 35 Jahre Besch\u00e4ftigten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 35 Beitragsjahren liegt die durchschnittliche Bruttorente bei 1.758 EUR. Die \u201e45er\u201c zahlen also noch mindestens weitere zehn Jahre ein &#8211; ohne dass sich ihre Rente erh\u00f6hen w\u00fcrde. Was auf Einkommen im unteren mittleren Bereich schlie\u00dfen l\u00e4sst. Nur zum Vergleich: Die durchschnittliche Bruttopension f\u00fcr Beamte nach 35 Jahren liegt gut doppelt so hoch bei 3.416 EUR.<\/p>\n\n\n\n<p>Zus\u00e4tzlich kursiert die unbelegte Legende, die auch von seri\u00f6sen Medien wie S\u00fcddeutscher Zeitung, SPIEGEL und auch anderen wie Politico gerne wiederholt wird, dass besonders h\u00f6her Verdienende aus B\u00fcrojobs und nicht der beliebte Dachdecker von der Rente nach 45 Beitragsjahren profitieren w\u00fcrden. Problem: Es gibt keinen Beleg f\u00fcr diese Legende.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt es keinen Beleg f\u00fcr die Legende, dass diese Rente \u00fcberwiegend von besserverdienenden M\u00e4nnern in Anspruch genommen w\u00fcrde. Im Gegenteil.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Selbst die Bundesregierung antwortete auf eine parlamentarische Anfrage am 15. Juni 2026 so:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: <em>\u201eWie verteilen sich die Zug\u00e4nge zur Altersrente f\u00fcr besonders langj\u00e4hrig Versicherte in den letzten f\u00fcnf Jahren nach zuletzt ausge\u00fcbtem Beruf, Wirtschaftsabschnitt bzw. Branche, Qualifikationsniveau und Stellung im Beruf?\u201c<\/em><br><br>Bundesregierung: <em>\u201eDifferenzierte Daten im Sinne der Fragestellung liegen nicht vor, da die statistisch erfassten Informationen keine verl\u00e4sslichen Aussagen hierzu erm\u00f6glichen.\u201c<\/em> (Quelle: Deutscher Bundestag Drucksache 21\/6516 21. Wahlperiode 15.06.2026 Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke\u2013 Drucksache 21\/6183 \u2013 Zur Rente f\u00fcr besonders langj\u00e4hrig Versicherte.)<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Bundesregierung, Lobbyverb\u00e4nde und auch zahlreiche Medien argumentierten hart an der Grenze zu Fake-News, um diese Reform durchzudr\u00fccken. Was sie v\u00f6llig au\u00dfer Acht lie\u00dfen war, dass die Menschen um die es geht, sehr wohl wissen, wer sich diese Rente verdient hat und warum. Auch wenn sie zum gro\u00dfen Teil nicht in den Genuss einer vorgezogenen Rente kommen werden, zollen sie denjenigen, die es k\u00f6nnen, ihren Respekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die politischen Folgen: Dramatisch.<br>Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen &#8211; bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Respektlosigkeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bundesregierung, Rentenkommission und zahlreiche Medien schreiben, argumentieren und bilanzieren an der Lebenserfahrung der Menschen vorbei. Mit dramatischen Folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als erste erkannte Manuela Schwesig die heftigen Auswirkungen der Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren, kurz darauf schlugen drei CDU Ministerpr\u00e4sidenten Alarm. Alle vier Ministerpr\u00e4sidenten waren in den Wahlk\u00e4mpfen unterwegs &#8211; zu denen Bundespolitiker von CDU\/CSU und SPD weitgehend ausgeladen waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber warum schl\u00e4gt die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren solche Wellen? Weil sie die arbeitende Mitte mitten ins Herz trifft. Und zwar mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Respektlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren ist das \u00c4quivalent zu Habecks Heizungsgesetz. <\/strong>Zumindest was die politische Fehleinsch\u00e4tzung der Entscheidungstr\u00e4ger angeht. Die Rentenkommission der Bundesregierung ist ein Beratungsgremium. Von niemandem gew\u00e4hlt, durch nichts legitimiert. Es bestand ausschlie\u00dflich aus Akademikern und drei vergleichsweise jungen Abgeordneten der Regierungskoalition, die jenseits einer klassischen Parteikarriere \u00fcber wenig bis gar keine Berufserfahrung verf\u00fcgten. Keiner der Beteiligten wird jemals 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen, die meisten nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist dann in Ordnung, wenn die Politik die wissenschaftlichen Empfehlungen aufnimmt und daraus politische Konsequenzen ableitet. Das blieb allerdings aus. Der Kuhhandel aus der Rentenkommission wurde zum unantastbaren \u201eGesamtkunstwerk\u201c erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam die Wirklichkeit jenseits des Elfenbeinturms. Die Wut kam nicht wie bei Habecks Heizungsgesetzt schnell und befeuert von BILD, NIUS und co. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Wut kommt diesmal ganz leise und schleichend von unten. Ein Schl\u00e4fer. Ein Aufreger, der ganz langsam durchsickert in der Bev\u00f6lkerung. Von Mund zu Mund, von Betrieb zu Betrieb und von Haus zu Haus. Und dann wurde gerechnet.<\/strong> Wie lange noch? Was, so lange? Wann soll das denn kommen? Reicht das denn noch? Der Manfred geht n\u00e4chstes Jahr. Der hat es geschafft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und dann fragten sich die \u00c4lteren: Wo sind die Stellen f\u00fcr uns?<br>Uns wollen doch alle loswerden!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und dann fragten sich die \u00c4lteren: Wo sind die Stellen f\u00fcr uns? Das entspricht doch nicht der Realit\u00e4t. Die Realit\u00e4t sieht doch so aus, dass wir ab 55 sp\u00e4testens auf der Abschussliste stehen. Uns will man entweder rausekeln oder wenn wir Gl\u00fcck haben, bekommen wir den goldenen Handschlag. Raus raus raus heisst es doch. Von VW bis SAP von High-Tech bis ganz unten: Raus mit den Alten. Die kosten nur und liefern zu wenig. Die lernen das auch nicht mehr, die Transformation.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kamen die Jungen, f\u00fcr die das doch eigentlich angeblich gedacht ist. Und dann begann auch da das gro\u00dfe Rechnen. Wenn die Alten schon bis 67 arbeiten m\u00fcssen und es nach 45 Jahren immer noch nicht reicht &#8211; was heisst das denn f\u00fcr uns? Und vor allem: \u201eWelche Arbeit gibt es denn \u00fcberhaupt noch &#8211; nach der KI-Revolution? Geschweige denn: Welche Arbeit gibt es denn noch bis ich 67 bin? In 50 Jahren? Kann uns vielleicht mal jemand sagen, wie die Zukunft der Wirtschaft aussehen soll, wenn selbst die angeblichen Top-Wirtschaftsbosse der Autoindustrie offenbar keine Ahnung haben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam der Sohn zum Vater und sagte: Die wollen, dass ich bis siebzig Pakete schleppe. Und der Vater sagte, die wollen, dass ich direkt nach der Rente krepiere. Und dann ging die Frau zum CDU Infostand. Und dann fiel die CDU unter die 5%-H\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Parteizentralen, den Chefredaktionen und den Lobbyverb\u00e4nden fragen sie sich derweil immer noch, was eigentlich los ist. Vielleicht sollten sie einfach mal mit den Druckern in ihrer Druckerei sprechen, mit dem Reinigungspersonal im B\u00fcro, mit den Erziehern in der Kita Kunterbunt, mit dem DHL Boten, dem Zimmerm\u00e4dchen im Hotel, den Fabrikarbeitern ohne dem Chef daneben. Aber sie sprechen nur mit Lobbyisten auf Verbandstagungen und dann lesen sie Umfragen, die sie nicht verstehen oder verstehen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Abschaffung der Rente mit 45 wird einmal an den Universit\u00e4ten als eines der leider nicht ganz seltenen Fallbeispiele gelehrt werden, in der die Politik alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Vor allem aber als ein Beispiel, als die Politik sich bei einem f\u00fcr die Menschen ganz zentralen Thema selbst entmachtete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u201eReformkurs\u201c der Union bricht ihr das Genick. Die arbeitende Mitte wird mitten ins Herz getroffen &#8211; bei gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Respektlosigkeit. Es gibt einen Schl\u00fcsselmoment &#8211; bei Minute 3:30, zweite Staffel, vierte Folge der viel diskutierten \u201eInside-CDU\u201c Dokumentation des ZDF. Dieser Moment hat aber weder mit den CDU-Protagonisten noch mit Strandk\u00f6rben zu tun. 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