{"id":2874,"date":"2024-08-28T16:35:33","date_gmt":"2024-08-28T14:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-stauss.de\/?p=2874"},"modified":"2024-08-28T16:38:04","modified_gmt":"2024-08-28T14:38:04","slug":"die-ostalgiefalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/die-ostalgiefalle\/","title":{"rendered":"Die Ostalgiefalle."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Eine kleine Reise durch ein mysteri\u00f6ses Land, in dem es bei Softeis und Broiler immer mehr Opfer gibt &#8211; einschlie\u00dflich der Demokratie.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vor wenigen Tagen fuhr ich durch das sch\u00f6ne nord\u00f6stliche Brandenburg und wurde von mehreren handgefertigten Hinweisschildern am Wegesrand auf leckeres \u201eOriginal-DDR-Softeis\u201c und \u201eOriginal-DDR-Kuchen\u201c aufmerksam gemacht. Erst zweihundert, dann einhundert, dann nur noch f\u00fcnfzig Meter, dann rechts. Etwas in Eile musste ich auf diese Leckerbissen leider verzichten, stellte mir aber dennoch vor, wie ich etwa im sch\u00f6nen Westerwald auf Werbetafeln reagieren w\u00fcrde, die \u201eOriginal-Drittes-Reich-Schnittchen\u201c anpriesen. Vermutlich verst\u00f6rt. In diesem gedanklichen Umfeld fiel es schon gar nicht mehr auf, dass ich laut Wahlplakaten in genau diesem Landstrich schon Ende September den sofortigen und vollumf\u00e4nglichen Weltfrieden w\u00e4hlen konnte. Der ja bekanntlich schon immer von deutschem Boden ausging.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hielt also nicht an, um den vermutlich sehr leckeren Kalten Hund zu genie\u00dfen, sondern folgte dem Motto eines weiteren Plakats, das mich zur sofortigen \u201eRemigration\u201c, und zwar nicht irgendwann, sondern \u201ejetzt\u201c, aufforderte. Stets gehorsam steuerte ich mein sowieso unerw\u00fcnschtes Elektromobil umgehend gen Westen und gewann damit Zeit genug, um dar\u00fcber zu sinnieren, was in den letzten 35 Jahren eigentlich so vor sich gegangen war, um in dieser Gegenwart zu landen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 35 Jahren mache ich Wahlk\u00e4mpfe, und einer meiner ersten bezahlten Jobs in diesem entspannten Metier f\u00fchrte mich im Januar 1990 nach Ostberlin, die Hauptstadt der DDR. Die erste (und auch letzte) freie Wahl zur Volkskammer der DDR im M\u00e4rz 1990 stand bevor, und man hatte in der DDR sicher viele Dinge f\u00fcrs Leben lernen k\u00f6nnen, aber Wahlk\u00e4mpfe mit echter Konkurrenz und tats\u00e4chlich z\u00e4hlenden Stimmzetteln in versiegelten Urnen geh\u00f6rten nicht dazu. Jetzt, wo sich diese Wahl bald zum 35. Mal j\u00e4hrt, ist vielleicht kein schlechter Zeitpunkt, um ein paar Gedanken zum Stand der Demokratie loszuwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist offensichtlich, dass nicht unerhebliche Teile der verbliebenen Bev\u00f6lkerung des Ostens (12,6 Mio. ohne Berlin) in einer gef\u00e4hrlichen Nostalgiefalle feststecken, die sie nur immer weiter von dem entfernt, was man unter einer guten Gegenwart, einer guten Zukunft und tendenziell guter Laune versteht. In Verbindung mit der seit vielen Jahrzehnten von der jeweils aktuellen SED-PDS-Links-BSW-AfD-Ostalgiepartei gepflegten permanenten Opferrolle entsteht eine vermeintliche Ohnmachtssituation, die der faktischen Wirklichkeit, der Selbstbest\u00e4tigung durch die Anerkennung der tats\u00e4chlich selbst geschaffenen Erfolge und vor allem jeglicher L\u00f6sungsoption diametral entgegensteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem aus Sicht breiter Bev\u00f6lkerungsschichten Ostdeutschlands \u201eder Westen\u201c an nahezu allem Unheil Schuld tr\u00e4gt \u2013 auch an Putin. Scheinbar f\u00e4llt es vielen Menschen schwer zu glauben, dass sie bzw. ihre Eltern schlicht das Pech hatten, im falschen Sektor Restdeutschlands gelandet zu sein. Schuld am Krieg \u00fcberhaupt hatte ganz Deutschland. Die Ostdeutschen traf nicht mehr und nicht weniger Schuld als die Westdeutschen, die durch Zufall in einem der anderen drei Sektoren gelandet waren. Auf der Strecke hatte Westdeutschland einfach die deutlich clevereren Besatzer, die sich mit dem zerbombten Haufen Schrott und Nazis, den sie da an der Backe hatten, wenigstens langfristig einen Demokratie- und selbstredend auch Handelspartner und Absatzmarkt schaffen wollten. Hat geklappt. So war das halt und ist nachtr\u00e4glich auch nicht zu \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab und gibt im Westen aber nicht nur Gewinner und im Osten nicht nur Verlierer. Kurios, dass man das \u00fcberhaupt erw\u00e4hnen muss. Weder vor noch nach der Wende ist entgegen weitverbreiteter Mythen auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik Geld vom Himmel gefallen. Und auch dort haben sehr viele Menschen ihre eigenen Probleme, leiden viele Landstriche an Landflucht, gibt es auch entv\u00f6lkerte D\u00f6rfer, mangelhafte Infrastruktur, r\u00fcckst\u00e4ndige Digitalisierung, marode Schulen \u2013 und ja \u2013 es gibt sogar Menschen, die nichts erben oder nur Schulden. Was heute in den westlichen L\u00e4ndern steht, ist nicht von selbst \u201eauferstanden aus Ruinen\u201c, sondern das Ergebnis sehr hart arbeitender Menschen. Ebenso wie die massiven Transferleistungen bis zum heutigen Tag, \u00fcber die sich im Westen \u00fcbrigens kaum jemand je beschwert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dennoch lebt der Mythos fort, zu kurz gekommen zu sein. Im Vergleich zu wem? Und unterrepr\u00e4sentiert auf allen m\u00f6glichen Ebenen. Im Vergleich zu wem? Im Vergleich zu \u201eden Westdeutschen\u201c im Allgemeinen? Alleine diese Rechenart ist ja schon entlarvend. Wer z\u00e4hlt denn in den alten Bundesl\u00e4ndern die Vorstandsvorsitzenden aus Schleswig-Holstein? Sind die Rheinland-Pf\u00e4lzer gem\u00e4\u00df ihres Bev\u00f6lkerungsanteils ausreichend in universit\u00e4ren F\u00fchrungspositionen vertreten? Wie stark sind die Deutschen mit Migrationshintergrund in F\u00fchrungspositionen repr\u00e4sentiert? Diese gut 12 Millionen Mitb\u00fcrger sind ja zahlenm\u00e4\u00dfig fast ebenso viele wie die in ostdeutschen L\u00e4ndern lebenden. Die Bundesrepublik hatte schon einen ostdeutschen Bundespr\u00e4sidenten und sechzehn Jahre lang eine ostdeutsche Bundeskanzlerin, die aber beide nicht z\u00e4hlen, weil sie sich \u2013 zu Recht \u2013 nicht als Opfer sehen wollten, sondern als Deutsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nirgendwo auf der Welt einen Anspruch darauf, dass einem das gute Leben dort serviert wird, wo man gerade sitzt und wartet. F\u00fcr junge Menschen gab und gibt es schon immer zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder man schafft sich vor Ort ein gutes Leben mit Ideen und Tatkraft, oder man geht dorthin, wo es eine bessere Zukunft gibt. Junge Leute gehen auch fort, weil sie es wollen. Weil sie in der Stadt leben m\u00f6chten oder in anderen L\u00e4ndern, weil sie bessere Perspektiven f\u00fcr sich und ihre Lieben sehen und nicht sonderlich an ihrer Heimat h\u00e4ngen. Weil es ihnen in der Kleinstadt einfach zu piefig ist, zu konservativ oder zu rechts. Aber im Osten gehen junge Erwachsene angeblich nur fort, weil sie m\u00fcssen. Alles \u2013 selbst der Aufstieg an anderen Orten als dem Geburtsort \u2013 wird in die Opfererz\u00e4hlung \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bisherige Antwort der Regierenden aus Ost und West lief immer nach dem gleichen Schema ab: \u201cWe feel your pain. Ihr habt mehr Respekt verdient. Der Bundespr\u00e4sident kommt jetzt auch mehrfach zur Therapiesitzung vorbei,\u201d etc. Aber f\u00fcr viele Empf\u00e4nger best\u00e4tigte das nur ihre Sicht der Dinge, dass der Westen ihnen alles kaputtgemacht hat \u2013 und es jetzt auch noch zugibt. Vielleicht m\u00fcsste die Antwort eher lauten: \u201cGet over it and get a life.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr gelitten wurde, desto mehr Geld kam, und die Formel des Tages lautet: Je mehr Nazis, desto Chipfabrik. Das r\u00e4tselhafte Ostleiden darf auch nur von geb\u00fcrtigen Ostdeutschen analysiert und ggf. sogar kritisiert werden, da allen anderen Deutschen auch nach \u00fcber drei Jahrzehnten im gleichen Staat keinerlei Meinung erlaubt ist \u2013 vermutlich aus Gr\u00fcnden der Cultural Appropriation. Das war den meisten Westdeutschen bisher auch relativ egal, da sie im Gegensatz zur h\u00e4ufig verbreiteten Legende nicht den ganzen Tag \u00fcber den Osten l\u00e4stern. Der Osten ist den meisten Westdeutschen ebenso egal wie Hessen oder Niedersachsen, wenn sie nicht gerade in Hessen oder Niedersachsen wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt jedoch haben wir einen Punkt erreicht, an dem aus dem Osten eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr f\u00fcr die Demokratie in ganz Deutschland ausgeht. Denn der Osten und sein nahezu von allen \u2013 von ganz links bis ganz rechts und vielen dazwischen \u2013 befeuerter Opfermythos ist der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr den Rechtspopulismus, wie wir ihn auch aus anderen Regionen der kleiner werdenden demokratischen Gemeinschaft kennen. In Kombination mit den nicht gefestigten demokratischen Strukturen und dem mit hoher Wirkkraft vorangegangenen Beschuss der unabh\u00e4ngigen Medien und des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks sorgt der Medienwandel f\u00fcr den Wegfall des Korrektivs einer funktionierenden freien Presse.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange konnte man sich damit tr\u00f6sten, dass doch immerhin 60-70-80% je nach Bundesland am Ende doch \u201edemokratisch\u201c w\u00e4hlen. Aber von Wahl zu Wahl nimmt dieser Anteil ab. Und eine Partei wie das extrem unseri\u00f6s argumentierende und auch finanzierte BSW durchbricht diese Regel eben nicht, sondern best\u00e4tigt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zentrale Frage, die sich heute stellt, ist: Wie stabilisieren wir jetzt eigentlich diejenigen, die sich weder in DDR-Nostalgie, Faschismus noch nationalem Sozialismus wiederfinden? Die in den ostdeutschen Landesteilen ein gutes, normales, zufriedenes und auch gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren und lieber nach Griechenland reisen als zur Wolfsschanze?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine entscheidende Rolle kommt dabei denjenigen zu, die tats\u00e4chlich in der Bundesrepublik Deutschland angekommen sind \u2013 oder gar schon in ihr geboren wurden. Betrachtenswert ist ja, dass die Generation, die 1989\/90 in der Mitte des Lebens stand und auch durch die Umbr\u00fcche der Nachwendezeit am st\u00e4rksten gepr\u00e4gt wurde \u2013 also die damals 35- bis 50-J\u00e4hrigen \u2013 heute 70 bis 85 Jahre z\u00e4hlt und l\u00e4ngst in Rente oder bereits verstorben ist. Wer zur Wendezeit 15 Jahre alt war, ist heute 50 und hat nicht nur den Zusammenbruch, sondern eben auch massiven Aufschwung und viele neue Freiheiten erlebt \u2013 und h\u00e4ufig auch genossen. Und jetzt n\u00e4hern wir uns der Zeit, in der es die DDR bald l\u00e4nger nicht mehr gibt, als es sie gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange der ewige Opfermythos auch noch von Generation zu Generation weitergetragen wird, wird sich nichts zum Besseren wenden. Und solange alle Probleme in den ostdeutschen L\u00e4ndern mit dem Opfermythos erkl\u00e4rt werden, wird das Gift des Neids sich weiter ausbreiten. F\u00fcr viele der immer wieder aufgef\u00fchrten Probleme (Landflucht, geringe Industriedichte, zu wenige Universit\u00e4ten, kaum gr\u00f6\u00dfere St\u00e4dte\/Ballungsgebiete etc.) lassen sich vielf\u00e4ltige Erkl\u00e4rungen finden, die mit dem ostdeutschen Spezifikum wenig oder gar nichts zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber solange alles in die Opfer-Rahmenerz\u00e4hlung gequetscht wird \u2013 und was nicht passt, wird passend gemacht \u2013 kann es keine gute Zukunft geben. Die Befreiung des Ostens aus dem Opfermythos muss aus der Mitte der ostdeutschen Gesellschaft kommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Heilung des Ostens ist nicht delegierbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine kleine Reise durch ein mysteri\u00f6ses Land, in dem es bei Softeis und Broiler immer mehr Opfer gibt &#8211; einschlie\u00dflich der Demokratie. 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