{"id":2820,"date":"2023-02-01T14:54:28","date_gmt":"2023-02-01T12:54:28","guid":{"rendered":"https:\/\/frank-stauss.de\/?p=2820"},"modified":"2023-02-02T14:34:48","modified_gmt":"2023-02-02T12:34:48","slug":"das-zuhoerproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/das-zuhoerproblem\/","title":{"rendered":"Das Zuh\u00f6rproblem"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Nachdem sich die gr\u00f6\u00dfte Aufregung um Panzerlieferungen wieder gelegt hat, lohnt ein Blick auf die begleitende Debatte. W\u00e4hrend viele Medienvertreter:innen mit seinem Kommunikationsstil hadern, versteht das Volk Olaf Scholz scheinbar recht gut. Im Vergleich zu Biden, Macron oder Sunak liegt der Kanzler bez\u00fcglich der Zustimmungsraten in der Bev\u00f6lkerung vorne. Woher kommt die Entfremdung zwischen Bev\u00f6lkerung und Medien?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Worte, die Olaf Scholz im allgemeinen w\u00e4hlt, sind weder kryptisch, noch banal, noch von&nbsp; \u00fcberbordenden Emotionen gepr\u00e4gt, sondern meist klar, knapp und verst\u00e4ndlich. Auch wenn er gerade nichts sagen kann, ist das nicht schwer zu verstehen. Er sagt dann nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Weite Teile der Bev\u00f6lkerung kommen mit diesem Stil offenbar ganz gut klar, notiert Scholz doch schon seit vielen Jahre in den Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen best\u00e4ndig im oberen Drittel der beliebtesten und wichtigsten Politiker:innen Deutschlands (aktuell auf Rang 3). 55% bescheinigen dem Kanzler zu Ende Januar 2023, einen guten Job zu machen. Angesichts der vielf\u00e4ltigen Krisen unserer Tage ein passabler Wert \u2013 und einer der h\u00f6chsten in vergleichbaren Demokratien. Joe Biden kommt auf 42,3%, Macron auf 36% und Sunak auf 40% Zustimmung (Quellen siehe Grafik).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-300x169.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2825\" width=\"556\" height=\"313\" srcset=\"https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-300x169.png 300w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-150x84.png 150w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-768x432.png 768w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-1536x864.png 1536w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-2048x1152.png 2048w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Uebersicht_Regierungschefs-1200x675.png 1200w\" sizes=\"(max-width: 556px) 85vw, 556px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Nur einer notiert im positiven Bereich.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Woher aber kommen nun diese Unterschiede zwischen dem kritischen, h\u00e4ufig auch in drastischer Sprache ge\u00e4u\u00dferten Missfallen zahlreicher Medien und dem stabilen Eindruck, den der Bundeskanzler bei den meisten Menschen hinterl\u00e4sst?<\/p>\n\n\n\n<p>Schon lange beobachten wir in der Kommunikationsbranche eine sich immer weiter \u00f6ffnende Schere zwischen einer recht \u00fcberschaubaren intensiven Kommunikationselite und breiten Bev\u00f6lkerungsschichten. Der massive Medienwandel, vor allem im vergangenen Jahrzehnt, hat zu einer Kluft bez\u00fcglich der Tiefe von Wissen und auch der Geschwindigkeit im Konsum von allgemeinen, politischen und gesellschaftlichen Informationen zwischen diesen ungleich verteilten Polen gef\u00fchrt, die auch weiter w\u00e4chst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schl\u00fcsselbegriffe, um in breiten Bev\u00f6lkerungsschichten heute zu re\u00fcssieren lauten Stabilit\u00e4t und Berechenbarkeit. Am Ende z\u00e4hlt die lange Linie und nicht die hektische Kurzatmigkeit. Das erkl\u00e4rt auch die zunehmende Entfremdung zwischen Medien und Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p>Medienvertreter:innen k\u00e4mpfen seit Jahren mit abnehmender Bedeutung und nicht selten um das eigene wirtschaftliche \u00dcberleben. Selbst gro\u00dfe Medienh\u00e4user wie Axel Springer stemmen sich mit immer schrilleren T\u00f6nen und zweifelhaften wirtschaftlichen Investitionen (BILD TV) vergeblich dem Verfall ihrer einstigen Macht entgegen. Immer mehr Journalist:innen suchen ihre Rettung im Aufbau eigener Medienmarken, die sich im Zweifel auch ohne das aktuelle Verlagshaus monetarisieren lassen. Daf\u00fcr ben\u00f6tigt werden Follower auf den sozialen Kan\u00e4len, hohe Abrufzahlen, Klickraten und m\u00f6glichst h\u00e4ufige Auftritte in TV-Formaten, reichweitenstarken Podcasts und Newslettern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Reichweite innerhalb einer \u00fcberschaubaren aber wiederum wichtigen und zahlungskr\u00e4ftigen Zielgruppe, erreicht man am einfachsten \u00fcber Lautst\u00e4rke, Polarisierung, Geschwindigkeit und nat\u00fcrlich auch Polemik. Ob das besser oder schlechter ist als \u201efr\u00fcher\u201c ist dabei irrelevant. Politik ist keine nostalgische Veranstaltung sondern findet in den R\u00e4umen statt, die aktuell zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Kampf um Aufmerksamkeit \u2013 nicht der Politik, sondern der Medien \u2013 f\u00fchrt zu kuriosen Wettrennen um exklusive Erstmeldungen. Nicht selten geht es um Minuten oder gar Sekunden. Zuletzt zu verfolgen bei dem bizarren Nachrichtenzyklus rund um den R\u00fccktritt der Verteidigungsministerin und der Ernennung ihres Nachfolgers. Frau Lambrecht war am Montag, den 16.1. zur\u00fcckgetreten, am Dienstag wurde ihr Nachfolger, Herr Pistorius, benannt und am Donnerstag vereidigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss keine Meinungsforschung betreiben um zu wissen, dass von den 84 Millionen Einwohner:innen Deutschlands gute 83,99 Millionen mit diesen zeitlichen Abl\u00e4ufen ganz gut klarkamen. Vorausgesetzt, sie haben den Vorgang in der K\u00fcrze der Zeit \u00fcberhaupt mitbekommen. F\u00fcr zahlreiche Medienvertreter:innen war es andererseits ein absolutes Unding, dass \u201ein Kriegszeiten in Europa der Chefsessel im Verteidigungsministerium unbesetzt\u201c blieb. Was noch nicht einmal der Fall war, den Lambrecht war ja noch im Amt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die un\u00fcberschaubare heutige Medienvielfalt und die mit ihr verbundenen Zerstreuungs- oder Eskapismusoptionen f\u00fchren dazu, dass eine Gleichzeitigkeit des Informationsflusses nicht mehr vorhanden ist. Viele Menschen bekommen immer mehr Informationen entweder gar nicht oder zeitlich stark versetzt mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Durchzudringen wird daher die lange Linie \u2013 also Berechenbarkeit, Verl\u00e4sslichkeit, Unaufgeregtheit und am Ende vor allem ein erfolgreiches Management multipler Krisen \u2013 immer wichtiger. <\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>In hektischen Zeiten gewinnt die Orientierungsfunktion von Politik immer weiter an Bedeutung. Die Menschen wollen wissen, wof\u00fcr eine Person, eine Partei, eine Regierung steht. Nicht in jeder Sekunde \u2013 sondern langfristig.<\/strong> <strong>Heutige Medienmechanismen und seri\u00f6se Politikvermittlung stehen immer mehr im Gegensatz zu einander.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Politik l\u00e4uft Gefahr, sich in der selben Blase zu bewegen wie viele Medienvertreter:innen heute. Das Ergebnis sind hektische, fehlerhafte, unberechenbare und nicht zu Ende gedachte Entscheidungen. Dies f\u00fchrt zu gro\u00dfen Irritationen in der Bev\u00f6lkerung, die in diesen Zeiten vor allem eines nicht will: eine irritierende Regierung \u2013 wie sie etwa Gro\u00dfbritannien \u00fcber die letzten Jahre erlebte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Die Gratwanderung seri\u00f6ser Politik besteht nun darin, Druck auszuhalten, lange Linien zu verfolgen und nicht dem t\u00e4glichen medialen Irrsinn zu erliegen. Die Gefahr besteht, genau mit diesem Verhalten den Zorn der hyperaktiven Medien auf sich zu ziehen, die immer schneller immer neues Futter brauchen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie die vergangenen Wochen zeigten. Bez\u00fcglich der Unterst\u00fctzung der Ukraine haben die zentralen Akteure Biden, Sunak, Scholz und Macron ein abgestimmtes Vorgehen verabredet und halten sich daran. Das f\u00fchrt zu der beispiellosen Unterst\u00fctzung einer Nation, die kein offizieller Verb\u00fcndeter ist \u2013 bei gleichzeitiger gegenseitiger Absicherung. Dass Scholz in der Leopard-Frage best\u00e4ndig daran gearbeitet hat, mit den USA im Gleichschritt zu gehen (und diesen im Zweifel auch einzufordern), hat zu einem engeren Schulterschluss gegen den Aggressor Russland gef\u00fchrt. Exakt dieses Vorgehen hat Scholz immer wieder angek\u00fcndigt und auch begr\u00fcndet. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Das Problem war nicht, dass Scholz nicht sprach \u2013 sondern dass er nicht sagte, was viele Journalist:innen h\u00f6ren wollten. Das ist aber ein gewaltiger Unterschied. <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fcr die Ukraine positive Verhandlungsergebnis war nur m\u00f6glich, weil er sich nicht hat treiben lassen. Genau darin besteht ja F\u00fchrungsst\u00e4rke \u2013 die im \u00fcbrigen von den entscheidenden Partnern in der Welt exakt so wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten Monate bieten ausreichend Anlass, Deutschlands Debattenkultur zu hinterfragen. Der Kanzler agiert dabei kommunikativ sicher nicht fehlerfrei. Aber offensichtlich deutlich n\u00e4her an der Erwartungshaltung der Bev\u00f6lkerung, als die mediale Stimmung es vermuten lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Text sollte als Gastbeitrag in einer Tageszeitung zu dem \u201eKommunikationsproblem des Bundeskanzlers\u201c erscheinen. Als der Autor darauf hinwies, dass dieses Problem nicht so eindeutig und einseitig best\u00fcnde, wurde die Anfrage zur\u00fcckgezogen. QED<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem sich die gr\u00f6\u00dfte Aufregung um Panzerlieferungen wieder gelegt hat, lohnt ein Blick auf die begleitende Debatte. W\u00e4hrend viele Medienvertreter:innen mit seinem Kommunikationsstil hadern, versteht das Volk Olaf Scholz scheinbar recht gut. Im Vergleich zu Biden, Macron oder Sunak liegt der Kanzler bez\u00fcglich der Zustimmungsraten in der Bev\u00f6lkerung vorne. 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