{"id":2781,"date":"2021-10-07T09:41:36","date_gmt":"2021-10-07T07:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2781"},"modified":"2021-10-07T12:07:48","modified_gmt":"2021-10-07T10:07:48","slug":"aus-fehlern-gelernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/aus-fehlern-gelernt\/","title":{"rendered":"Aus Fehlern gelernt."},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Warum die Wahlkampagnen von Union, SPD und Gr\u00fcnen 2021 so unterschiedlich verliefen. Eine Analyse aus Sicht der 2017 vom SPD Parteivorstand einberufenen Expertenkommission zur Aufarbeitung der Fehler in den Wahlkampagnen 2013\/2017.<\/strong><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>von Jana Faus, Horand Knaup, Michael R\u00fcter, Yvonne Schroth, Frank Stauss<\/p>\n<p>Die Bundestagswahl 2021 fand in einem Umfeld statt, das es so noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat: Es gab keine*n Amtsinhaber*in, an der*m sich die Menschen im positiven wie im negativen Sinne h\u00e4tten abarbeiten k\u00f6nnen. Entsprechend gab es auch keine Daten dar\u00fcber, wem die Menschen nun ihr Vertrauen schenken w\u00fcrden. Umso wichtiger war es daher, die drei Kandidat*innen selbst glaubw\u00fcrdig, \u00fcberzeugend, konzentriert und kompetent auftreten zu lassen. Daf\u00fcr ben\u00f6tigen sie \u00fcblicherweise ein Kampagnenumfeld, in dem sie sich voll entfalten k\u00f6nnen \u2013 aber das ihnen zugleich auch Sicherheit bietet.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen vor der Wahl wurde auch den letzten W\u00e4hler*innen klar, dass sie sich neu orientieren mussten. Merkel w\u00fcrde gehen. Jemand Neues w\u00fcrde ins Kanzleramt ziehen. Baerbock, Scholz und Laschet wurden nun ganz genau beobachtet und getestet. Nur Scholz hat diesen Test bestanden und zog in der Endphase seine Partei mit nach oben. Am Ende fuhr die SPD, auch profitierend von den Fehlern der anderen, ein Ergebnis weit \u00fcber den Erwartungen ein, CDU\/CSU und Gr\u00fcne blieben weit darunter.<\/p>\n<p>In Folge der Bundestagswahl 2017 hatte der damalige SPD Parteivorsitzende Martin Schulz eine Studie in Auftrag gegeben, die Lehren aus den vergangenen Niederlagen der SPD ziehen und die Partei besser auf zuk\u00fcnftige Wahlk\u00e4mpfe vorbereiten sollte. Die Expert*innen setzten sich aus den Bereichen Wahlforschung, Journalismus\/Medien und Wahlkampfmanagement zusammen. Sie hatten freie Hand und der SPD Parteivorstand stellte die Analyse &#8222;Aus Fehlern lernen\u201c in einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Schritt der breiten \u00d6ffentlichkeit als Download zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Betrachtet man die Kernpunkte der Analyse, wird deutlich, weshalb die Wahlk\u00e4mpfe der SPD, CDU\/CSU und der Gr\u00fcnen \u00fcber die entscheidenden Jahre 2020\/2021 so unterschiedlich verliefen.<\/p>\n<p>Als wichtigste Kriterien f\u00fcr die Niederlagen der SPD 2017 aber auch 2013 identifizierten die Autor*innen folgende Kriterien:<\/p>\n<ol>\n<li>Zeitlicher Vorlauf\/Organisatorischer Aufbau<\/li>\n<\/ol>\n<p>Kampagnen in der heutigen Medienwelt brauchen ein eingespieltes Team, das Zeit hat, sich aufeinander einzuspielen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und eine klare Strategie zu entwickeln. Hinzu kommen klare Verantwortlichkeiten, kurze Abstimmungsprozesse und verl\u00e4ssliche Strukturen f\u00fcr das Krisenmanagement (das in jeder Kampagne gebraucht wird).<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Policyentwicklung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine Bundestagswahlkampagne braucht eine klare Fokussierung auf Inhalte. Sonst geht ihr mit Sicherheit auf der Strecke die Luft aus. Diese Inhalte und die dazugeh\u00f6rigen Botschaften m\u00fcssen entwickelt, finanziell durchgerechnet und auf Plausibilit\u00e4t bez\u00fcglich der sp\u00e4teren Umsetzung gepr\u00fcft werden. Auch das ben\u00f6tigt Zeit. Vor allem aber ist es wichtig, die unterschiedlichen Str\u00f6mungen der Partei in den Policyprozess zu integrieren. In der hei\u00dfen Phase des Wahlkampfes darf es nicht zu inhaltlichen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei kommen. Die Themen werden dann auch auf ihre Vermittelbarkeit gepr\u00fcft und f\u00fcr unterschiedliche Kan\u00e4le (social Media, Print etc.) aufbereitet.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Geschlossene F\u00fchrung.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir leben in unruhigen, f\u00fcr viele stressintensiven Zeiten. In diesen Zeiten darf eine Partei nicht irritieren. Im Gegenteil, sie muss Leuchtturm sein, an dem die Menschen sich orientieren k\u00f6nnen. Konflikte zwischen den Spitzenpoliter*innen einer Partei verst\u00f6ren die Menschen.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Kampagnenentwicklung und Sprache.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Eine erfolgreiche Kampagne basiert auf einer klaren Strategie, einer klaren Umsetzung und einer klaren Sprache. F\u00fcr diese Kampagnenentwicklung braucht es Zeit. Partei, Programm und Person m\u00fcssen eine Einheit bilden. Die Images der Person und der Kampagne m\u00fcssen harmonieren, sonst erzeugt das wieder Irritationen. Hier hilft auch die strategische Wahlforschung \u2013 f\u00fcr die es wiederum Zeit braucht.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li>Spitzenkandidatur<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein Spitzenkandidat mit guten bis sehr guten Werten in der pers\u00f6nlichen Beurteilung darf nicht abseits der Kampagne laufen. Kampagnen m\u00fcssen zwingend mit dem*r Kandidat*in harmonieren und mit ihm*r gemeinsam entwickelt werden. Nur dann ist die Kampagne glaubw\u00fcrdig. In Zeiten der medialen \u00dcberreizung werden Spitzenkandidat*innen noch wichtiger, als sie es ohnehin schon waren. Menschen orientieren sich an Menschen. Politker*innen sind Transmissionsriemen zwischen einer immer komplizierteren politischen Welt und den W\u00e4hler*innen, die gleichzeitig der Politik immer weniger Aufmerksamkeit schenken.<\/p>\n<p>Betrachten wir nun der Verlauf der Kampagnen der Parteien, die in der Bundestagswahl 2021 einen Kanzlerkandidaten oder eine Kanzlerkandidatin nominierten, so zeigt sich sehr deutlich, warum insbesondere die SPD eine erfolgreiche Kampagne bestritten hat.<\/p>\n<p>SPD:<\/p>\n<p>Nach der Niederlage des Teams Geywitz\/Scholz gegen Esken\/Walter-Borjans Ende November 2019 begann die Parteif\u00fchrung z\u00fcgig mit dem innerparteilichen \u201eHeilungsprozess\u201c. Angesichts der \u00fcber ein Jahrzehnt anhaltenden und zum Teil existentiellen Krise der Bundespartei kamen offenbar alle Beteiligten zu der Einsicht, dass sie nur gemeinsam eine Chance h\u00e4tten, die SPD zu retten. Bereits im Fr\u00fchjahr 2020 verdichteten sich die Ger\u00fcchte, dass am Ende Olaf Scholz die Kandidatur \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Faktisch nominiert wurde er dann im August 2020 \u2013 mehr als ein Jahr vor der Bundestagswahl. Generalsekret\u00e4r Lars Klingbeil (den keiner der Parteifl\u00fcgel in seinem Amt in Frage stellte) konnte sowohl Teamaufstellung, Agenturauswahl, Kampagnenentwicklung als auch die Organisation der Policy-Entwicklung vorantreiben. Und er tat es auch. Im August 2020 wussten alle Beteiligten, dass sie &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur dann eine Chance im September 2021 haben w\u00fcrden, wenn sie den handwerklichen Teil der Kampagne perfekt vorbereiteten. Und das taten sie.<\/p>\n<p>Ma\u00dfgebliche Elemente der in der Analyse aufgef\u00fchrten und erfolgreich umgesetzten Empfehlungen waren:<\/p>\n<p>\u2014 Die fr\u00fche Nominierung des Kandidaten. Er war weithin bekannt und medial quasi ausdefiniert, als die Konkurrenz ihre Kanzlerkandidat*innen benannten.<\/p>\n<p>\u2014 Die ebenso ungew\u00f6hnliche wie anhaltende Geschlossenheit der Partei &#8211; trotz monatelang schlechter Umfragezahlen.<\/p>\n<p>\u2014 Die Fokussierung auf wenige, aber zentrale Anliegen. Mit Mindestlohn, B\u00fcrgergeld und Wohnungsbau r\u00fcckte Olaf Scholz sozialdemokratische Kernthemen in den Mittelpunkt seiner Kampagne.<\/p>\n<p>\u2014 Erfolgreiches Regierungshandeln: Ob der Arbeitsminister, die Familien-, die Umweltministerin oder der Finanzminister selbst &#8211; sie lieferten ungleich bessere Arbeitsnachweise und konkret und im Alltag erfahrbare Verbesserungen ab als die Kolleg*innen von der CDU\/CSU.<\/p>\n<p>CDU\/CSU:<\/p>\n<p>Nach der Wahl in Hessen vom Oktober 2018, bei der die dortige CDU 11,3 Prozentpunkte im Vergleich zu 2013 verloren hatte, kam Angela Merkel den Angriffen aus den eigenen Reihen zuvor. Sie verk\u00fcndete nur 24 Stunden sp\u00e4ter ihren Verzicht auf den Parteivorsitz und k\u00fcndigte ihren R\u00fcckzug aus der Politik mit der Bundestagswahl 2021 an. Nun wurde auch sichtbar, dass die Kanzlerin die lange Zeit an der Parteispitze nicht genutzt hatte, geeignete Nachfolger*innen aufzubauen. Eine F\u00fchrungsreserve f\u00fcr die Parteif\u00fchrung war (und ist) nicht erkennbar.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Parteivorsitz kandidierten Jens Spahn, Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer, die am 7. Dezember 2018 erst im zweiten Wahlgang gew\u00e4hlt wurde. Zerm\u00fcrbt von anhaltender innerparteilicher Kritik k\u00fcndigte Kramp-Karrenbauer bereits am im Februar 2020 ihren R\u00fccktritt an. Kurz darauf kam es zum coronabedingten Lockdown in Deutschland und die Parteivorsitzende musste fast ein weiteres Jahr als machtlose \u00dcbergangsverwalterin im Amt ausharren. Erst am 16. Januar 2021 wurde Armin Laschet \u2013 wieder im zweiten Wahlgang \u2013 zum neuen Parteivorsitzenden gew\u00e4hlt. Angetreten waren neben ihm Norbert R\u00f6ttgen und nat\u00fcrlich, wie immer, Friedrich Merz. Die CDU hatte die Menschen \u00fcber zwei Jahre lang mit Kampfabstimmungen irritiert \u2013 die nat\u00fcrlich auch innerparteilich Spuren hinterlassen hatten.<\/p>\n<p>Nun z\u00f6gerte Laschet aber, gleich auch nach der Kanzlerkandidatur zu greifen, um nicht mit den drohenden Niederlagen der CDU im M\u00e4rz 2021 in Rheinland-Pfalz und Baden-W\u00fcrttemberg identifiziert zu werden. Dieses erneute Machtvakuum nutzte Markus S\u00f6der, um seinen Hut in den Ring zu werfen. Nach erneuten harten Auseinandersetzungen hatte die Union erst am 20. April 2021 auch einen Kanzlerkandidaten \u2013 und der war besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Dies hatte nat\u00fcrlich Auswirkungen auf die technische F\u00fchrung des Wahlkampfes. Generalsekret\u00e4r Paul Ziemiak \u2013 der mit Kramp-Karrenbauer im Dezember 2018 sein Amt angetreten hatte \u2013 musste sich im Januar 2021 zun\u00e4chst mit einem neuen Parteivorsitzenden arrangieren und hatte erst vier Monate sp\u00e4ter einen Kanzlerkandidaten. Das ist sehr sp\u00e4t \u2013 eigentlich zu sp\u00e4t. Zu diesem Zeitpunkt warten die Kandidatinnen und Kandidaten vor Ort schon seit Wochen auf \u00fcberzeugende Argumente und ihre Werbemittel. Die Kampagne musste jetzt in Windeseile aus dem Boden gestampft werden, beziehungsweise \u2013 und das ist der wahrscheinlichere Fall \u2013 die Kampagne war schon vorbereitet und musste nun auf Armin Laschet zugeschnitten werden.<\/p>\n<p>Wichtiger aber ist: In dieser kurzen Zeit baut man kein Team auf, das sich blind vertraut. F\u00fcr die Au\u00dfenkommunikation wurde die ehemalige BILD- Chefredakteurin Tanit Koch engagiert \u2013 es fehlte aber die Zeit, sie auch zu integrieren. Viele Beobachter*innen nahmen wahr, dass in der Kampagne Verantwortlichkeiten nicht klar zugeordnet waren, der Kandidat h\u00e4ufig schlecht oder gar nicht vorbereitet zu Terminen erschien. Die handwerklichen Fehler h\u00e4uften sich. So entstand kein Vertrauen in den Kandidaten und die Kampagne. Im Konrad-Adenauer-Haus fand \u00fcber die letzten Jahre zudem ein Generationswechsel statt, sodass im Haus selbst keine Erfahrung mehr vorhanden ist. F\u00fcr Policyentwicklung blieb ebenfalls keine Zeit. Alle Pannen aufzuz\u00e4hlen w\u00fcrde hier den Raum sprengen \u2013 aber die verungl\u00fcckten Bilder des Kandidaten setzten sich in den K\u00f6pfen fest.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnen nutzten zwar den relativ langen Zeitraum vor der Verk\u00fcndung der Spitzenkandidatin, um sich organisatorisch und auch inhaltlich solide aufzustellen. Das neue F\u00fchrungsteam Annalena Baerbock und Robert Habeck hatte die Vorlaufzeit in der Parteif\u00fchrung gut genutzt, um mit einigen gr\u00fcnen Widerspr\u00fcchlichkeiten aufzur\u00e4umen. Sie beendeten die Jahrzehnte dauernde L\u00e4hmung durch Str\u00f6mungsauseinandersetzungen zwischen Fundis und Realos. Die Bundesgesch\u00e4ftsstelle wurde professionalisiert, Str\u00f6mungsscharm\u00fctzel r\u00fcckten in den Hintergrund. Das neue Duo konzentrierte sich auf die Policyentwicklung. Sie\u00a0 erweiterten ihr Portfolio in der Sozialpolitik und besonders der Co-Vorsitzende Habeck beackerte zunehmend auch die Felder Finanz- und Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p>Umso erstaunlicher ist es daher, dass die einsame Entscheidung um die Kanzler*innenkandidatur die scheinbar professionelle Maschinerie aus dem Takt brachte.\u00a0 Baerbock und Habeck hatten intern offenbar zu wenig \u00fcber die eigentliche Entscheidung kommuniziert und diese tats\u00e4chlich erst unmittelbar vor der Verk\u00fcndung von Baerbock gef\u00e4llt. Unabh\u00e4ngig davon hatte es die Kampagnenleitung zudem verpasst, beide Kandidierenden \u00fcber diesen langen Zeitraum hinweg auf Herz und Nieren zu pr\u00fcfen. In den notwendigen Prozess auch der innerparteilichen Heilung (viele Anh\u00e4nger*innen h\u00e4tten lieber Habeck gesehen) platzten dann die bekannten Vorw\u00fcrfe gegen die Spitzenkandidatin und besch\u00e4digten sie nachhaltig. Selbst die Flutwelle \u2013 die eigentlich einen Boom f\u00fcr die Gr\u00fcnen h\u00e4tte ausl\u00f6sen m\u00fcssen \u2013 brachte keine Wende in der Kampagne. Etwa ab Juli spielte die Partei nur noch auf Platz.<\/p>\n<p>Wahlkampf ist ein Handwerk. Eine perfekte Kampagne f\u00fchrt nicht automatisch zum Sieg \u2013 daf\u00fcr gibt es zu viele \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde, die auf das Ergebnis Einfluss nehmen. Aber eine handwerklich schlechte Kampagne kann den sicher geglaubten Erfolg kosten.<\/p>\n<p>Die SPD \u2013 die gesamte SPD \u2013 hat aus ihren Fehlern gelernt. Das kann man am Ende dieses Wahljahres definitiv sagen. Allen anderen empfehlen wir: \u201eAus Fehlern lernen\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum die Wahlkampagnen von Union, SPD und Gr\u00fcnen 2021 so unterschiedlich verliefen. 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