{"id":2394,"date":"2020-02-24T15:49:34","date_gmt":"2020-02-24T13:49:34","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2394"},"modified":"2020-02-25T10:15:40","modified_gmt":"2020-02-25T08:15:40","slug":"hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/hamburg\/","title":{"rendered":"Hamburg."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eWenn alles perfekt l\u00e4uft, kann die SPD auf 35 % in Hamburg kommen und landet deutlich vor den Gr\u00fcnen \u2013 etwa 3-5 Prozentpunkte\u201c, sagte ich Mitte Januar 2020 in einem Hintergrundgespr\u00e4ch zu einer Journalistin. Sie antwortete: \u201eDas w\u00e4re eine Sensation.\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es wurden dann 39,2 % zu den 24,2% der Gr\u00fcnen und damit ein Vorsprung von 15 Prozentpunkten. Ich irre mich in diesem Fall gerne. Die Hamburger SPD hat am 23. Februar 2020 eines ihrer besten Ergebnisse der letzten 25 Jahre eingefahren. Nach Olaf Scholz ist Peter Tschentscher mit dem 39,2 %-Ergebnis der erfolgreichste SPD Kandidat seit \u00fcber 20 Jahren (1997: 36,2 %, 2001: 36,5 %, 2004: 30,5 %, 2008: 34,1 %). Und in den 90er und Nullerjahren stand die SPD im Bund bei Mitte 30, wenn nicht sogar um die 40 % (Wahlergebnisse 1998: 40,9 %; 2002: 38,5 %).<\/p>\n<p>Dass sie die Ausnahmeergebnisse von 2011 und 2015 nicht erreichen konnte, lag daran, dass sich \u2013 GUTEN MORGEN \u2013 die politische Lage in Deutschland seit Mitte 2015 dramatisch ver\u00e4ndert hat. Die 39,2 % der SPD Hamburg sind immerhin 2 Prozentpunkte mehr, als die CSU in Bayern erreichen konnte (37,2 %) und sie sind auch das zweitbeste Ergebnis irgendeiner Partei in s\u00e4mtlichen aktuellen Wahlergebnissen aller 16 Bundesl\u00e4nder. \u00dcbertroffen nur von den 40,7 % der CDU im Saarland 2017.<\/p>\n<p>Seit vielen Jahren betone ich immer wieder, dass es herzlich wenig Sinn macht, einen Wahlkampf und dessen Ergebnis anhand des Ergebnisses von vier oder f\u00fcnf Jahren zuvor zu beurteilen. Was soll das bringen? Jede Wahl ist ein Unikat und findet im Kontext der Gegenwart statt. Und diese Gegenwart im Deutschland des Februars 2020 ist eine v\u00f6llig andere als im Februar 2015. Das beste Ergebnis der CDU im Saarland hat \u00fcbrigens Annegret Kramp-Karrenbauer geholt. Soviel zur Verweildauer von Erfolgen in der Politik.<\/p>\n<p>Wahlkampf ist nichts f\u00fcr Nostalgiker. Seine Analyse auch nicht.<\/p>\n<p>Ein R\u00fcckblick lohnt daher allenfalls nur, um zu best\u00e4tigen, wie klar die Hamburgerinnen und Hamburger ihre Entscheidung nach Hamburger Themen und Pers\u00f6nlichkeiten ausrichten. Da kann die Bundespartei stehen wo sie will \u2013 bei 40 oder 14. Die SPD hat bei 40 % im Bund in Hamburg verloren und bei 14 % im Bund in Hamburg gewonnen. Die ganze SPD tut jedenfalls gut daran, die jetzt gern immer wieder von interessierter Seite hochgezogenen angeblichen Gegens\u00e4tze zwischen Bundespartei und Landespartei zu ignorieren. Die SPD hat in Hamburg gewonnen, weil sie durch und durch sozialdemokratische Politik betrieben hat. F\u00fcr Hamburg. Und da mag man aus konkreten Fragestellungen heraus zu anderen Detailergebnissen kommen als in Berlin, Hannover, Mainz, Potsdam, D\u00fcsseldorf oder Schwerin. Es bleibt aber sozialdemokratische Politik. Basta.<\/p>\n<p>Kommen wir also zum Hamburger Wahlkampf und dem relevanten Zeitraum 2019\/2020.<\/p>\n<h6><strong>Der Weg zum Wahltag.<\/strong><\/h6>\n<p>Der Tiefststand bei Infratest lag bei 28 % am 17.12.19 und bei INSA bei 25 % am 12.11.19. Also zwei bis drei Monate vor dem Wahltag. Das ist nicht sch\u00f6n. Wir hatten aber Grund zur Hoffnung. Denn wie in diesem Blog schon mehrfach berichtet und analysiert, kommt es f\u00fcr die f\u00fchrende Regierungspartei vor Ort vor allem darauf an, wie die Bev\u00f6lkerung die Regierungsarbeit bewertet. Heute wissen wir, wie das etwa 2016 in Rheinland-Pfalz oder 2017 in Niedersachsen der Fall war, dass man dann eine Wahl durchaus noch drehen kann, selbst wenn man drei Monate vor der Wahl noch bis zu 10 Prozentpunkte hinten liegt. Ein Selbstl\u00e4ufer ist es dennoch nicht (siehe Schleswig-Holstein 2017, wo die Regierungsarbeit gut bewertet wurde, die SPD aber dennoch verlor). Man hat eine Chance. Und damit auch die Chance, es zu versemmeln. Wird die Regierungsarbeit aber schlecht bewertet, dann sollte man sich ebenfalls nie auf gute Umfragen verlassen. Denn in den letzten Wochen vor der Wahl fokussieren die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler sich auf ihr Bundesland oder ihre Stadt und wenn sie sich schlecht regiert f\u00fchlen, schmelzen Umfragen wie Eis in der Sonne. Auch hierf\u00fcr gibt es ausreichend Beispiele, die an dieser Stelle aber zu unn\u00f6tigem Schmerz f\u00fchren.<\/p>\n<p>In Hamburg wurde die Regierungsarbeit des Senats sehr gut bewertet. Was man auch daran sieht, dass die Regierungsparteien SPD und Gr\u00fcne zusammen auf gute 63 % der Stimmen kommen. Das kann man heutzutage klar eine Gro\u00dfe Koalition nennen. Nochmal in Worten: Dreiundsechzig Prozent. Im Bund kommt die \u201eGro\u00dfe Koalition\u201c gerade auf 43 %.<\/p>\n<p>Neben der positiven Regierungsarbeit gab es noch ein paar weitere Pluspunkte, die sich jedoch ebenfalls nicht in den Umfragen niederschlugen. Der eine ist ganz klar Peter Tschentscher. Ihm wurde gerne von den Medien (auf die ich sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher zu sprechen komme), das \u201eScholzomat 2.0 \u201c-Label umgeh\u00e4ngt. Gerne garniert mit dem Spruch, Peter Tschentscher sei wie Olaf Scholz, nur ohne dessen Esprit. Ha. Haha. Haha. Wer zuletzt lacht usw.<\/p>\n<p>Nun habe ich \u00fcber die letzten 30 Jahre (Himmel, es werden immer mehr), mit recht vielen Kandidatinnen und Kandidaten zu tun gehabt. Auch mit vielen, die ich vor dem ersten Zusammentreffen \u00fcberhaupt nicht kannte. Wie Peter Tschentscher eben. Was mir ein bisschen schleierhaft bleibt, ist, wie wenige Journalisten nach einer Begegnung mit ihm das beschrieben, was ich erlebte: Einen blitzgescheiten, rundum neugierigen, ehrgeizigen und sehr eigenst\u00e4ndigen Politiker, der f\u00fcr seine Stadt noch eine Menge vorhat. Bei einem unserer ersten Zusammentreffen berichtete er von einer Begegnung mit Rahm Emanuel, dem damaligen B\u00fcrgermeister von Chicago (und ehemaligen Clinton-Berater und Stabschef von Pr\u00e4sident Obama). Es ging darum, dass in Zeiten der wachsenden St\u00e4dte auf der ganzen Welt die Metropolen entscheidend sein werden, ob neue Umwelt-, Mobilit\u00e4ts-, Wirtschafts- und Wohnkonzepte zum Durchbruch gelangen \u2013 und damit auch die Grundvoraussetzungen f\u00fcr ein friedvolles und soziales Miteinander geschaffen werden. Die Metropolen, so Tschentschers Fazit, sind es, die den Weg weisen m\u00fcssen. Und in denen man auf engstem Raum auch am sp\u00fcrbarsten Ver\u00e4nderung herbeif\u00fchren und f\u00fcr die Menschen erfahrbar machen kann. Wenn es hier klappt, klappt es \u00fcberall. Sein Ziel, so Tschentscher zu uns Ende 2018, sei es, Hamburg weiter zu einer dieser f\u00fchrenden Metropolen auf der Welt zu machen, die den Weg weisen.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr musste er jetzt nur noch die Wahl gewinnen. Leider wollten das andere auch. Aber wer will ihnen das verdenken. Peter Tschentscher wurde im Vorfeld der Wahl von vielen Journalisten und der politischen Konkurrenz ebenso untersch\u00e4tzt wie Olaf Scholz vor ihm. Aber warum sollte man andere nicht den gleichen Fehler zweimal machen lassen. Oder dreimal.<\/p>\n<p>Das Dauertief der SPD auf Bundesebene machte nat\u00fcrlich alle Beteiligten nerv\u00f6s. Denn ob und wie es Einfluss haben w\u00fcrde, wei\u00df man eben immer erst hinterher. Die erfolgreiche Wiederwahl von Dietmar Woidke in Brandenburg war der einzige Lichtblick und nat\u00fcrlich auch der \u201eLeuchtturm\u201c \u2013 Funktion der SPD in Brandenburg geschuldet. Sie profitierte auf den letzten Metern vom Anti-AfD-Effekt, der bei den Landtagswahlen im Osten immer der Partei zugute kam, die entlang der letzten Umfragen die gr\u00f6\u00dften Chancen hatte, die AfD auf Platz zwei zu verweisen. So schnellte die SPD in Brandenburg zwischen dem letzten Umfrageergebnis am Donnerstag vor der Wahl (22 %) auf 26,2 % am Wahltag. In Th\u00fcringen und Sachsen profitierten die Amtsinhaber von CDU bzw. der Linken \u00e4hnlich.<\/p>\n<h6><strong>Die Nummer zwei, die Nummer eins werden will.<\/strong><\/h6>\n<p>In Hamburg hie\u00df die Konkurrenz aber nicht AfD, sondern Die Gr\u00fcnen. Die taugten nicht als Schreckgespenst, waren Koalitionspartner, stellten die zweite B\u00fcrgermeisterin und befanden sich im absoluten H\u00f6henrausch mit bundesweiten Umfrageergebnissen, die mehr als doppelt so hoch lagen wie die der SPD (FGW 1.8.19: Gr\u00fcne 26 %; SPD: 12 %). Eine g\u00e4nzlich andere Situation.<\/p>\n<p>Und \u201eDie Gr\u00fcnen\u201c waren h\u00f6chst gef\u00e4hrlich. Es gibt kein besseres Pflaster f\u00fcr sie als das sehr breite liberale Gro\u00dfstadtmilieu in Hamburg und eine ihnen sehr, sehr freundlich gesinnte Medienlandschaft deren Meinungsbildner sich ma\u00dfgeblich aus eben dieser Gr\u00fcnen Kernzielgruppe rekrutieren. Die zu Recht dominierende Klimadebatte mit globalen Auswirkungen und auch einem erneut hei\u00dfen Sommer in Deutschland, mit Waldbr\u00e4nden und Wassertiefst\u00e4nden, zahlte zu nahezu 100 % bei den Gr\u00fcnen ein. Und wer glaubte, das Thema w\u00fcrde im Winter abklingen, der hatte vergessen, dass im europ\u00e4ischen Winter anderswo Sommer ist. In Australien, zum Beispiel. Die scheinbar endlosen Waldbr\u00e4nde mit vielen Toten, bedrohten Metropolen und zerst\u00f6rtem Lebensraum f\u00fcr Millionen Tiere beherrschten medial die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel 2019\/2020. Wenn \u00fcberall Familien zusammenkommen und \u00fcber brennende K\u00e4nguruhs und versengte Koalas sprechen, bleibt dieses doch so ferne Drama auch in Deutschland politisch nicht ohne Wirkung.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens, als die Umfragen die Gr\u00fcnen in Hamburg entweder vorne oder Kopf-an-Kopf mit der SPD zeigten, musste die Zweite B\u00fcrgermeisterin ihren Hut in den Ring werfen. Erste interne und externe Umfragen deuteten das schon im September\/Oktober an. Sie wurden Anfang November durch eine INSA Umfrage im Auftrag der BILD best\u00e4tigt. Diese sah die Gr\u00fcnen mit 26 % einen Punkt vor der SPD. Danach signalisierten alle (seri\u00f6s erhobenen) Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen bis in den Januar hinein. Am 9. Januar 2020 meldete Infratest im Auftrag des NDR 29 %:29 %.<\/p>\n<p>Danach begann der Wahlkampf. Denn zwischen Weihnachten und Neujahr und den darum herum stattfindenden Urlauben, Familienfeiern, Dramen, Trennungen und Vers\u00f6hnungen hat der Mensch keinen Sinn f\u00fcr Politik. Es macht daher auch gar keinen Sinn, vor der zweiten Januar-Woche ernsthaft anzufangen. Aber nat\u00fcrlich ist das, was dann passiert, sichtbar, h\u00f6rbar und erlebbar wird nicht der Beginn des Wahlkampfes, sondern sein Ende. \u00dcber die Strategie und auch die Kampagnenentwicklung wird Monate im Voraus entschieden \u2013 auch wenn nat\u00fcrlich immer noch Raum f\u00fcr Korrekturen und pl\u00f6tzliche Ereignisse bleibt. Und ein pl\u00f6tzliches Ereignis trat in diesem Wahlkampf auf.<\/p>\n<h6><strong>Ein starkes Team: Peter Tschentscher und Melanie Leonhard.<\/strong><\/h6>\n<p>Aber zun\u00e4chst zur Kampagne. Der Erfolg der Hamburger SPD tr\u00e4gt viele Namen, aber zwei muss man besonders hervorheben: Richel und Stauss. Quatsch. Nat\u00fcrlich nicht. Auch wir und unser Team sind am Ende nur einige von vielen R\u00e4dern in der Maschine. Die Ehre geb\u00fchrt nat\u00fcrlich Peter Tschentscher und Melanie Leonhard. Ersteren muss man nicht mehr vorstellen, aber mit Melanie Leonhard an der Spitze der Hamburger SPD verf\u00fcgen die gl\u00fccklichen Hamburger Genossinnen und Genossen gleich \u00fcber eine zweite starke F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit. Und gemeinsam waren die beiden erst recht unschlagbar.<\/p>\n<p>Nach ersten Kennenlernterminen und einer wie immer fundierten Marktforschungsanalyse von Pollytix Strategic Research, begannen wir gemeinsam \u2013 und ich meine dabei immer gemeinsam \u2013 mit der Ausarbeitung der strategischen Grundlage und der Kampagne. Zwischen Spitzenkandidat und Parteivorsitzender gab es nie Momente, bei denen die Agentur r\u00e4tseln musste, ob man gerade zwischen zwei St\u00fchlen sitzt. Ich meine damit nicht, dass es nicht auch Debatten gab. Harmoniesauce f\u00fchrt im Wahlkampf nur zu Stillstand oder gar Selbstbel\u00fcgungen. Alles schon erlebt. Was ich meine, ist, dass die Strategie im Team erarbeitet, verabschiedet und auch durchgezogen wurde. Und das auch zu Zeiten, in denen der Wind sehr steife Brisen ins Gesicht jagte.<\/p>\n<p>Am Ende des Prozesses, den ich nicht im einzelnen aufklam\u00fcsern m\u00f6chte, da das unter das Gesch\u00e4ftsgeheimnis f\u00e4llt, stand eine Kampagne, deren Strategie auch gleich der Slogan wurde: DIE GANZE STADT IM BLICK. Die ganze Stadt eben. Volkspartei, nicht Klientelpartei.\u00a0 Hamburg-Partei, nicht nur Hamburg-Mitte-Partei. Mopo-, Abendblatt-, Welt-, taz- und ZEIT-Partei. Nicht nur eine davon. I guess I made my point.<\/p>\n<p>Der Rest war dann nur noch Arbeit. Haupts\u00e4chlich f\u00fcr Peter Tschentscher, Melanie Leonhard und die hervorragend aufgestellte Hamburger SPD. Denn wenn die Strategie einmal steht, geht die Arbeit f\u00fcr eine Agentur auch leichter von der Hand. Nachdem die Kampagne von der Wahlkampfleitung und dem Landesvorstand im September 2019 verabschiedet wurde, folgte die Umsetzung auf s\u00e4mtliche Formate und nat\u00fcrlich auch das Foto-Shooting von Patrick Runte, dessen gro\u00dfartige Bilder von Peter Tschentscher den Kern der Kampagne bildeten. Was man der Kampagne nicht vorwerfen kann ist, dass sie die SPD versteckt. Das war ja in Wahlk\u00e4mpfen mal schick und sollte \u201e\u00fcberparteilich\u201c wirken. Nicht hier. Die SPD Hamburg ist stark und stolz und steht fest in gro\u00dfen Lettern.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Einbruch in den Umfragen stand da noch bevor \u2013 aber auf der gesamten Strecke waren alle \u00fcberzeugt, dass diese Strategie der einzige Weg zum Erfolg sein konnte. Sie fiel auch nicht vom Himmel, sondern war erarbeitet. Sie war zwingend, nicht spontan. Und sie wurde von starken F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten absolut stringent durchgezogen. Kein Wackeln, kein Schielen nach Umfragen, kein F\u00e4hnchen-in-den-Wind-h\u00e4ngen. Das garantiert noch keinen Erfolg. Macht ihn aber wahrscheinlicher.<\/p>\n<h6><strong>Die Fehler der anderen: Zu viel Taktik, zu wenig Strategie.<\/strong><\/h6>\n<p>Die Fehler machten die anderen. Denn wenn man den Hut in den Ring wirft, um als Nummer 1 durchs Ziel zu gehen, wird man auch daran gemessen, Nummer 1 zu sein. Katharina Fegebank bestand diesen Test in den Augen der Hamburgerinnen und Hamburger nicht. Daf\u00fcr war sie am Ende zu wacklig unterwegs und stolperte in den entscheidenden Momenten \u00fcber zu viel Taktik statt Strategie. Ihr rasches Umfallen bei den Themen \u201eAutofreie Innenstadt\u201c (die sollte dann nur noch \u201eautoarm\u201c sein) und \u201eVermummungsverbot\u201c (erst lockern, dann beim Gegenwind doch nicht), schw\u00e4chte ihr Ansehen insgesamt. Alles Weitere kann man den \u00fcberall vorliegenden Direktwahlfragen entnehmen. Bis zum Wahltag blieben die Gr\u00fcnen im Grunde die monothematische Partei, die sie nicht mehr sein wollten.<\/p>\n<p>Am 23. Januar \u2013 exakt 4 Wochen vor der Wahl, nahm die SPD bei Infratest f\u00fcr den NDR die F\u00fchrung wieder ein. Mit 32 % zu 27 %. Und sollte sie nicht mehr abgeben. Aus dem 29 % : 29 % Kopf-an-Kopf-Rennen vom 9. Januar 2020 wurde ein Vorsprung von 15 % am Wahltag.<\/p>\n<p>Aber dazwischen lag noch eine schwere Krise. Aus meiner Sicht vor allem eine Krise des Journalismus.<\/p>\n<h6><strong>Der &#8222;Skandal&#8220;, der aus dem Nichts kam und dorthin auch geh\u00f6rte.<\/strong><\/h6>\n<p>Die letzten zehn Tage des Wahlkampfes wurden von einem angeblichen Skandal dominiert, der wie aus dem Nichts kommend massiv in die entscheidende Phase dieser Wahl einschlug. Es ging um einen angeblichen Steuererlass f\u00fcr eine Bank unter dem Ersten B\u00fcrgermeister Olaf Scholz und zielte nat\u00fcrlich auf Peter Tschentscher, der zu diesem Zeitpunkt Finanzsenator war. Nahezu alles hierzu war bereits vor Jahren in der B\u00fcrgerschaft sehr transparent aufgearbeitet worden. Das hilft einem aber herzlich wenig, wenn der absolute mediale Marktf\u00fchrer NDR (8 Radiostationen, TV, App, Social-Media-Kan\u00e4le) und ein Hamburger Leitmedium wie \u201eDie Zeit\u201c mit einer solchen Story kommen. Dass in dieser \u201eRecherche\u201c ein ganz d\u00fcnnes S\u00fcppchen aufgekocht wurde, konnte man rasch erkennen. Obwohl mit Olaf Scholz der amtierende Bundesfinanzminister und Vizekanzler massiv beschuldigt wurde, griff kein nationales Leitmedium dieses Thema auf. Im Laufe der folgenden Woche kamen alle anderen Leitmedien der Stadt \u2013 Hamburger Abendblatt, Mopo, Welt und BILD \u2013 unabh\u00e4ngig voneinander zu einer ganz anderen Erkenntnis.<\/p>\n<p>Hier einige Zitate: <em>\u201eDie Beweislage f\u00fcr die in der vergangenen Woche gegen die Finanz-Beh\u00f6rden erhobenen Vorw\u00fcrfe ist unter dem Strich eher d\u00fcnn. Die Wahrscheinlichkeit, dass Tschentscher pers\u00f6nlich sich im Zuge des Cum-Ex-Skandals bewusst etwas zu Schulden hat kommen lassen, tendiert gegen Null.<\/em>\u201c Ulrich Exner, Die Welt, 19.2.2020.<br \/>\n<em>\u201eHat die Hamburger Steuerverwaltung auf Druck der Politik der Warburg-Bank 47 Millionen Euro \u201eerlassen\u201c? Dieser Vorwurf, der den Kern der aktuellen Cum-Ex-Debatte bildet, f\u00e4llt immer mehr in sich zusammen. <\/em>Andreas Dey, Hamburger Abendblatt vom 19.2.2020. BILD, ein von mir selten zitiertes Medium, aber Ehre wem Ehre geb\u00fchrt: <em>\u201eDas soll der Skandal sein?<\/em> <em>Wenn Ger\u00fcchte, Halbwahrheiten und Interpretationen zu vermeintlichen Investigativ-Geschichten zusammengekocht werden, ist Vorsicht geboten!\u201c <\/em>Und im Artikel:<em> \u201eAls ein entscheidendes Indiz f\u00fcr eine Einflussnahme von Scholz wurde immer wieder auf einen Tagebuch-Eintrag des damaligen Warburg-Chefs Christian Olearius (77) verwiesen. Dieser Eintrag sollte angeblich beweisen, dass der Ex-B\u00fcrgermeister seine Finger im Spiel hatte. Seit Dienstag ist diese steile These wohl kaum noch zu halten.\u201c <\/em>Markus Arndt, BILD, 19.2.2020.\u00a0 Und zuletzt noch DER SPIEGEL. <em>\u201eDem fr\u00fcheren Ersten B\u00fcrgermeister von Hamburg und heutigen Finanzminister Olaf Scholz wurde politische Einflussnahme unterstellt &#8211; nun aber entlasten neueste Erkenntnisse die SPD, Scholz und auch Tschentscher, der damals Finanzsenator war und <\/em><em>die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcckweist<\/em><em>.\u201c\u00a0 <\/em>Valerie H\u00f6hne, SPIEGEL, 22.2.2020<\/p>\n<p>Aber das Schlimmste kommt noch: DIE ZEIT und NDR Panorama begr\u00fcndeten die Ver\u00f6ffentlichung dieses l\u00e4ngst in der B\u00fcrgerschaft umfassend behandelten Vorgangs so kurz vor der Wahl haupts\u00e4chlich damit, dass mit dem Tagebucheintrag eines beteiligten Bankers ein neuer Fakt hinzugekommen sei. Fakt ist aber: Genau dieser Tagebucheintrag wurde so verk\u00fcrzt wiedergegeben, dass der entlastende Teil einfach weggelassen wurde. Warum?<\/p>\n<p>Mit Aufkl\u00e4rung hatte das nichts mehr zu tun. Die zugrundeliegende Schuldvermutung erfolgte so kurz vor dem Wahltermin, dass deren Widerlegung medial kaum noch durchdringen konnte. Vor allem nicht gegen den marktbeherrschenden NDR. Schlie\u00dflich drehte sich auch die erste Viertelstunde des TV-Duells am 18.2.2020 um Fragen, die sich auf diesen zweifelhaften Recherchen begr\u00fcndeten. Und als diese \u201eRecherchen\u201c wie ein Kartenhaus in sich zusammenfielen, wartete man vergeblich auf eine Korrektur in diesen Medien. F\u00fcr die Korrektur sorgten die Kollegen der anderen wichtigen Medien.<\/p>\n<h6><strong>Wer eine gute Strategie hat, braucht weniger Nerven.<\/strong><\/h6>\n<p>Aber auch in diesen Tagen blieb die SPD auf Kurs und behielt die Nerven. Die Leistung des F\u00fchrungsduos Tschentscher\/Leonhard kann man daher gar nicht hoch genug bewerten. War es doch f\u00fcr beide der erste Wahlkampf. Und das unter st\u00e4ndiger nationaler Beobachtung der einzigen Landtagswahl im Jahre 2020. Die SPD Hamburg beging keinen einzigen Fehler. Sie stand wie eine Eins. Und die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler, das ist vielleicht die beruhigende Erkenntnis dieses Wahlabends, haben auch die Vorw\u00fcrfe auf den letzten Metern als das wahrgenommen, was sie auch waren: Wahlkampfget\u00f6se.<\/p>\n<p>Wir lieben Hamburg.<\/p>\n<p>Und weil es so sch\u00f6n war, hier die Chronik in Bildern:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_12.11.19.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2396\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_12.11.19-300x211.png\" alt=\"WELT_12.11.19\" width=\"300\" height=\"211\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_17.12.2020.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2397\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_17.12.2020-300x219.png\" alt=\"WELT_17.12.2020\" width=\"300\" height=\"219\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_19.2.2020.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2398\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/WELT_19.2.2020-300x215.png\" alt=\"WELT_19.2.2020\" width=\"300\" height=\"215\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Tagesspiegel_19.2.2020.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2399\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Tagesspiegel_19.2.2020-300x209.png\" alt=\"Tagesspiegel_19.2.2020\" width=\"300\" height=\"209\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2400\" src=\"http:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277-300x225.jpg\" alt=\"IMG_8277\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277-300x225.jpg 300w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277-150x113.jpg 150w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277-768x576.jpg 768w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/frank-stauss.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/IMG_8277.jpg 2016w\" sizes=\"(max-width: 300px) 85vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWenn alles perfekt l\u00e4uft, kann die SPD auf 35 % in Hamburg kommen und landet deutlich vor den Gr\u00fcnen \u2013 etwa 3-5 Prozentpunkte\u201c, sagte ich Mitte Januar 2020 in einem Hintergrundgespr\u00e4ch zu einer Journalistin. Sie antwortete: \u201eDas w\u00e4re eine Sensation.\u201c Es wurden dann 39,2 % zu den 24,2% der Gr\u00fcnen und damit ein Vorsprung von &hellip; <a href=\"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/hamburg\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHamburg.\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[305,304,42,303,296,297,295,38,11],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2394"}],"collection":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2394"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2407,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2394\/revisions\/2407"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}