{"id":2337,"date":"2019-06-06T13:49:44","date_gmt":"2019-06-06T11:49:44","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2337"},"modified":"2019-06-06T13:49:44","modified_gmt":"2019-06-06T11:49:44","slug":"der-sinn-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/der-sinn-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Der Sinn der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was morgen sein wird \u2013 Teil 1. Eine Serie von Richel, Stauss.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wann haben wir eigentlich damit begonnen, uns einzureden, dass Arbeit schlechthin der Sinn des Lebens ist? Vor sehr langer Zeit und unter deutlich anderen Rahmenbedingungen. Angesichts der technologischen, klimatischen und demographischen Entwicklungen ist die Zeit gekommen, neu \u00fcber <em>sinnvolle<\/em> Arbeit nachzudenken. <\/strong><\/p>\n<p>Gute Arbeit definieren wir in den demokratischen Wirtschaftsnationen entlang des nunmehr \u00fcber ein Jahrhundert andauernden Kampfes f\u00fcr die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dieser brachte weitreichende Errungenschaften von Tarifvertr\u00e4gen, geregelten Arbeitszeiten, Mitbestimmung, Sozialversicherungen, Mindestlohn, Gesundheitsschutz bis hin zu ergonomischen St\u00fchlen und vielem mehr.<\/p>\n<p>Angesichts der Herausforderungen unserer Zeit ist es geboten, diesen Rahmen um eine neue gesellschaftliche Priorit\u00e4t zu erweitern: <strong><em>Sinnvolle Arbeit.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Zukunft dessen, was wir heute Arbeit nennen.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die Digitalisierung, Automatisierung, K\u00fcnstliche Intelligenz und wie auch immer wir es nennen wollen, was 3D Drucker in Zukunft \u201edrucken\u201c \u2013 von der Pistole bis zum Fertighaus \u2013 wird die Zukunft der Arbeit beherrschen. Was ja nicht so schlimm sein muss, denn es gibt ja auch ziemlich viele \u00f6de Jobs. Aber \u00fcber welchen Zeitraum sprechen wir eigentlich? 20 Jahre? 50? Auf jeden Fall ist diese Zukunft sehr, sehr nahe. Heute Zwanzigj\u00e4hrige am Beginn ihres Arbeitslebens werden diesen Wandel vollst\u00e4ndig erleben \u2013 und gestalten.<\/p>\n<p>Die industrielle Revolution hat uns \u00fcber rund einhundert Jahre zun\u00e4chst viel Elend und dann viel Wohlstand gebracht. Grob verk\u00fcrzt. Sie brachte Megafabriken mit megavielen Fabrikarbeitern, die sich \u00fcber die Jahre mithilfe organisierter Gewerkschaften auch weitgehend ordentliche L\u00f6hne erstritten. Leider immer erstritten, denn geschenkt hat ihnen nie einer was. Diese Hunderttausende wurden zu stolzen Kruppianeren, schafften beim Daimler oder bei Porsche und identifizierten sich \u00fcber Generationen mit ihrer Arbeit, ihren Produkten und Unternehmen.<\/p>\n<p>Aber wie auch immer es kommt, es kommt anders und zwar schnell. Sehr schnell. Bei uns und aber auch in China, Bangladesch und anderswo. Es wird diese Form von Arbeit nicht mehr in heutigem Ausma\u00df geben. Das betrifft bei weitem nicht nur den Niedriglohnsektor, sondern auch qualifizierte Arbeit und klassische B\u00fcrojobs. Weil ein Gro\u00dfteil der B\u00fcrojobs in seiner Routine ebenso besser von einem Algorithmus erledigt werden kann, wie das Durchsaugen und anschlie\u00dfende feuchte Aufwischen von einem Roboter, der gegen 2 Uhr morgens aus seiner Ladestation f\u00e4hrt. Wir sprechen l\u00e4ngst nicht mehr nur von der ber\u00fchmten Kassiererin oder dem Empfangsservice an der Hotelrezeption. Wer den Film Passengers gesehen hat, wei\u00df, dass selbst die tr\u00f6stenden Phrasen des Barkeepers mindestens ebenso gut von einem Roboter kommen k\u00f6nnen, w\u00e4hrend er pausenlos irgendein Glas trockenreibt.<\/p>\n<p>Alles passiert bereits. Wer f\u00fcr seinen Flug einchecken kann, kann das auch f\u00fcr sein Hotelzimmer. Und vielleicht ist der Tag nicht mehr so fern, an dem junge Menschen den Kopf dar\u00fcber sch\u00fctteln, dass man fr\u00fcher einmal ernsthaft \u201eHuman Resources\u201c, also tats\u00e4chliche, echte Menschen daf\u00fcr eingesetzt hat, um Kohle aus einem Loch in der Erde zu baggern, Versicherungsf\u00e4lle zu bearbeiten, feucht aufzuwischen oder Autos an einem Band zu montieren. So wie wir den Heizer auf der Lokomotive, den Setzer in der Druckerei oder den \u201eBankbeamten\u201c nostalgisch bel\u00e4cheln. Ehrenwerte Arbeit, zu ihrer Zeit. Aber die Zeiten \u00e4ndern sich. Jetzt.<\/p>\n<p>Weltweit machen sich viele Menschen Gedanken dar\u00fcber, was dann wird. Was der Mensch dann tut, wenn er nichts oder wesentlich weniger zu tun hat. Und vor allem, was das f\u00fcr demokratische und soziale Gesellschaften bedeutet. Diktaturen kommen ja immer irgendwie klar. Im Zweifel mit Gewalt. Aber wie machen wir das?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal muss man in diesen Zeiten den Wert von Arbeit hinterfragen. Denn damit steht und f\u00e4llt ja das ganze Wertesystem des Kapitalismus und des real existierenden Sozialismus \u00fcbrigens auch.<\/p>\n<p>Wer von einem \u201eRecht auf Arbeit\u201c spricht, wertsch\u00e4tzt Arbeit als etwas, das man zur Erf\u00fcllung eines Lebens braucht. Das \u201eRecht auf Arbeit\u201c bedeutet im Kern jedoch eher die \u201ePflicht zur Arbeit.\u201c Und viele Studien belegen, dass Menschen, die arbeiten wollen, es aber nicht k\u00f6nnen, sich als minderwertig empfinden, als Bittsteller, als Almosenempf\u00e4nger, als unn\u00fctzes Glied in der Gesellschaft, als Ballast.<\/p>\n<p><strong>Der Kapitalismus hat die Arbeit zum Sinn des Lebens erkl\u00e4rt, die Arbeiterbewegung den \u201eKapitalismus mit menschlichem Antlitz\u201c erk\u00e4mpft. Und jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Wann haben wir begonnen, uns das einzureden? Vermutlich schon vor der Industrialisierung. Der Landarbeiter hat auf den Landstreicher ebenso geblickt wie der Handwerker auf den Tagel\u00f6hner und Lebemann. Aber erst der Kapitalismus hat die Arbeit zum Sinn des Lebens erkl\u00e4rt. Die regul\u00e4re Arbeit. Erst sieben Tage die Woche, 14 Stunden am Tag, dann immer etwas weniger. Aber noch heute bedeutet die harmlos gestellte Frage \u201eWas machst Du so beruflich?\u201c f\u00fcr den Befragten, dass es jetzt soweit ist: Jetzt wird Ma\u00df genommen und eingeordnet.<\/p>\n<p>Und die Arbeiterbewegung? Sie hat aus dem Siegeszug der Industrialisierung und des Kapitalismus versucht, einen \u201eKapitalismus mit menschlichem Antlitz\u201c zu schaffen. Das ist ihr in weiten Teilen jedenfalls besser gelungen als dem \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c, der die gleiche Ausbeutung betrieb oder betreibt, nur ohne Rendite, Menschenrechte, Umweltschutz und Demokratie.<\/p>\n<p>So weit, so gut. In Deutschland kam man damit ja die letzten Jahrzehnte gut klar und z\u00e4hlt zu den wohlhabendsten L\u00e4ndern der Welt.<\/p>\n<p>Aber was kommt jetzt? Auch wenn sehr vieles im Fluss ist, kann man eines mit Sicherheit sagen: Es wird sehr viel weniger klassische Arbeit geben als heute \u2013 vom B\u00fcro bis zur Werkbank. Das wird nicht automatisch weniger Wohlstand bedeuten m\u00fcssen, denn produziert wird ja weiterhin etwas, das auch nur von Menschen gekauft werden kann, die Einkommen haben.<\/p>\n<p>Und damit sind wir bei der gro\u00dfen Frage der Distribution des Wohlstandes und einer Verteilungspolitik auf der H\u00f6he der Zeit. Anders wird es nicht gehen, sollen nicht viele in Armut fallen und damit auch absolut nicht in der Lage sein, bei Amazon zu shoppen, mit Uber zu fahren oder ein Volkswagen e-mobil zu erwerben. Nein, bei einer neuen Erbschaftsregelung geht es nicht um Omas kleines H\u00e4uschen. Es geht um Omas und Opas 300 Wohnblocks, 78 Holdingbeteiligungen etc.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen auch z\u00fcgig weg von der stundenbasierten Entlohnung von Arbeit. Und von der Vorstellung, dass nur wer 20-40 Stunden die Woche arbeitet, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein kann. Bald werden es nur noch vierzig Stunden im Monat sein, also zehn in der Woche. Wir m\u00fcssen Gewinne besser verteilen und unverdiente Gewinne aus altem, angeh\u00e4uftem, totem Erbschaftsgeld wieder in die soziale Gesellschaft investieren.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns angesichts der technologischen, klimatischen und demographischen Entwicklung auch neu Gedanken \u00fcber den Sinn unserer Arbeit machen. Eine Debatte, die seit der Wachstumskritik der 90er Jahre, ausgehend vom Bericht des Club of Rome, \u00fcber Jahrzehnte hinweg ins Stocken geraten ist.<\/p>\n<p><strong>Welche Produkte machen denn Sinn? Und welche zerst\u00f6ren am Ende unsere Lebensgrundlagen?<\/strong><\/p>\n<p>Schon heute m\u00fcssen sich viele Arbeitnehmer von ihren Kindern fragen lassen, warum sie denn so ein sinnloses Zeug produzieren, warum sie mit ihrer Arbeit sch\u00e4dliche Entwicklungen unterst\u00fctzen oder mit ihrer Geldanlage das Wachstum der Konzerne finanzieren, die sie auf der anderen Seite f\u00fcr Lohndumping, Umweltverschmutzung und Datenmonopolisierung verantwortlich machen. Die Antwort der Eltern lautet so oder so \u00e4hnlich: \u201eDamit ich deinen Lebensunterhalt, Dein Smartphone und Deine 35 Primark-Ausbeutungsklamotten im Monat finanzieren kann.\u201c Diese Gespr\u00e4che finden so oder so \u00e4hnlich hunderttausendfach statt und zeigen vor allem eines: Eine neue Nachdenklichkeit und ein permanentes Dilemma.<\/p>\n<p><strong>Das sind die Widerspr\u00fcche unserer Zeit.<\/strong><\/p>\n<p>Eltern wollen nicht Produkte herstellen, die am Ende ihren Kindern schaden. Sie tun es, weil sie daf\u00fcr bezahlt werden, aber sie haben keine Freude und keinen Stolz daran.<\/p>\n<p>Wer diesen Konflikt um die Zukunft der Arbeit aufl\u00f6st, dem geh\u00f6rt die Zukunft. Die Zeit dr\u00e4ngt. Aber die Aufgabe ist daf\u00fcr hoch spannend.<\/p>\n<p>Schon l\u00e4ngst findet in unserer Gesellschaft ein Paradigmenwechsel statt, den die Politik bisher nicht ausreichend honoriert. Denn der Paradigmenwechsel hei\u00dft: Raus aus dem Hamsterrad, daf\u00fcr mehr Zeit f\u00fcr ein Leben mit Familie, Freizeit, Hobby, Kultur, Selbstverwirklichung und ehrenamtlichem Engagement. Das ist nicht Faulheit, das ist das Gegenteil davon. Das ist ein Leben, wie ein Leben sein sollte. Eine Utopie so nah, wie die Utopie der ersten Arbeiterbewegung auf ein Leben in W\u00fcrde. Diese Utopie nennt sich Freiheit. Und zwar Freiheit nicht auf Kosten anderer, sondern gemeinsam mit anderen f\u00fcr eine soziale Gesellschaft, die ihrer Verantwortung auch f\u00fcr die Umwelt gerecht wird.<\/p>\n<p>Wenn man diese Herausforderung richtig anpackt \u2013 die Politik, die Industrie, die Gewerkschaften \u2013 wenn man nicht versucht, das Heil in vermeintlicher Verteidigung und Erhalt des Status Quo zu suchen (ist ja auch schon immer schief gegangen), dann kann man diesem Wandel sehr viel Gutes abgewinnen. Man muss es sogar. Er kommt ja sowieso.<\/p>\n<p>Es bleibt so viel, wor\u00fcber wir nachdenken m\u00fcssen, was zu gestalten w\u00e4re. Eben genau das, was am Anfang dieses Textes steht. Wie lebt eine moderne, soziale, freie und demokratische Gesellschaft ohne diese stundenbasierten, kolonnenhaften Arbeitsmodelle? Wie schaffen wir Angebote, die neue Freiheit zu nutzen? Und vor allem \u2013 wie distribuieren wir den Wohlstand, f\u00fcr den man immer weniger k\u00f6rperliche Arbeit und Anwesenheit ben\u00f6tigt, von den Konzernen und den obsz\u00f6n Reichen in die Gesellschaft?<\/p>\n<p>Viel zu tun. Die zwanzigj\u00e4hrigen sind unter uns und warten zu Beginn ihres Arbeitslebens auf Antworten. Sie wurden \u00fcbrigens geboren, als der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler seine Amtszeit begann. Heute braucht es ganz neue Antworten auf der H\u00f6he der Zeit. Man m\u00fcsste nochmal zwanzig sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was morgen sein wird \u2013 Teil 1. Eine Serie von Richel, Stauss. Wann haben wir eigentlich damit begonnen, uns einzureden, dass Arbeit schlechthin der Sinn des Lebens ist? Vor sehr langer Zeit und unter deutlich anderen Rahmenbedingungen. 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