{"id":2250,"date":"2018-11-27T16:33:31","date_gmt":"2018-11-27T14:33:31","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2250"},"modified":"2018-11-27T16:33:31","modified_gmt":"2018-11-27T14:33:31","slug":"zurueck-in-die-zukunft-von-vorgestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/zurueck-in-die-zukunft-von-vorgestern\/","title":{"rendered":"Zur\u00fcck in die Zukunft von Vorgestern."},"content":{"rendered":"<p><em>Die CDU-Kandidaten f\u00fcr den Parteivorsitz liefern sich eine beeindruckende Schlacht \u00fcber die Zukunft der Vergangenheit, weil sie auf das v\u00f6llig falsche W\u00e4hlerpotential schielen.<\/em><\/p>\n<p>Es h\u00e4tte eigentlich richtig gut laufen k\u00f6nnen. Der Kandidat war zwar der Politik immer verbunden geblieben, hatte aber gleichzeitig bewiesen, dass er von ihr nicht abh\u00e4ngig ist. Dass er wirklich Charakter zeigen kann, \u201edie Brocken hinschmei\u00dfen\u201c, sich nicht alles gefallen lassen muss und Unabh\u00e4ngigkeit nicht nur theoretisch, sondern auch tats\u00e4chlich leben kann. Einer, der nicht nur davon tr\u00e4umt, beim Zigarettenholen nach New York abzuhauen, sondern am n\u00e4chsten Tag tats\u00e4chlich auf der Freiheitsstatue steht. Oder eben in Midtown Manhattan, im Black Rock Tower.<\/p>\n<p>Und dann h\u00e4tte er die Erfahrungen aus einem Jahrzehnt jenseits der Politik mit voller Wucht in seine Kandidatur gegen lupenreine Parteikarrieristen einsetzen k\u00f6nnen. Mit seinem geballten Wissensvorsprung \u00fcber die Zukunftschancen und Risiken unseres Landes. Mit dem objektiven Blick von au\u00dfen und dem fundierten Wissen von innen. Diese auf dem Papier so gelungene Kombination von einem, der es geschafft hat, zwei erfolgreiche Karrieren in Wirtschaft und Politik hinzulegen, ohne daf\u00fcr seine Familie, seinen Glauben oder seine l\u00e4ndlichen Wurzeln zu opfern. Ein Mann gemacht f\u00fcr den Parteivorsitz der Christlich Demokratischen Union Deutschlands.<\/p>\n<p>Pffffffffttt.<\/p>\n<p>\u00dcbrig blieb eine alternde, d\u00fcnnnervige Diva, die damals aus verletzter Ehrenpusseligkeit die Brocken hingeschmissen hat, um danach nicht etwa jenseits der Politik Karriere zu machen, sondern durch das Verkaufen seiner politischen Kontakte und der sich politisch nicht viel weiter entwickeln konnte, da er zehn Jahre lange nur Frust \u00fcber die Entscheidungen der Anderen von Gestern oder Vorgestern angesammelt hat, ohne \u00fcber das Morgen der Gesellschaft jenseits der eigenen pers\u00f6nlich Zukunft auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Ein Mann aus dem Jenseits der sieben Berge, der nach seiner Niederlage auch ebendort wieder anzutreffen sein wird.<\/p>\n<p>Das sind die beiden Geschichten, die man sich \u00fcber Friedrich Merz erz\u00e4hlt \u2013 je nachdem welchem Lager in der CDU man angeh\u00f6rt. Aber das eigentlich Schlimme daran ist, dass es vielleicht eine einzige Geschichte ist. Denn \u00fcber die Zukunft h\u00f6rt man herzlich wenig in der Kandidatenshow der Union. Das jedenfalls hat Friedrich Merz schon einmal geschafft \u2013 in Kombination mit dem anderen Rechtsausleger und einer zunehmende verunsicherten und daher auch zunehmend strengen und humorbefreiten Frontrunnerin.<\/p>\n<p>Die CDU streitet mal wieder \u00fcber die Vergangenheit und begeht dabei alle Fehler, die sie in den letzten Wahlen so hart hat abst\u00fcrzen lassen. Ja, das geht dem Koalitionspartner aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden nicht anders, aber der ist heute ausnahmsweise nicht das Thema.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal traten Kandidaten wie Merz und Spahn mit der klaren Ansage an, W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler von der AfD zur\u00fcckholen zu wollen. Frau Kramp-Karrenbauer ist jetzt auf dem gleichen Trip, wenngleich sie eher mit ihrer traditionell stark ausgepr\u00e4gten Homophobie punkten m\u00f6chte, als mit Migration. Aber als ersten Kollateralschaden kann man schon einmal den UN Migrationspakt vermelden, den erst Spahn aus dem finsteren Verschw\u00f6rungsreich der Salvinis, Orbans und Gaulands in die bis dahin zu Recht nicht stattfindende Debatte verzerrte. Und damit Merz prompt zu einer plumpen Grundgesetzgr\u00e4tsche veranlasste. Noch mal ganz kurz zur Info: Bei dem Migrationspakt geht es vor allem darum, dass andere L\u00e4nder sich dem im internationalen Vergleich hohen Niveau Deutschlands, Schwedens etc. bez\u00fcglich des menschenw\u00fcrdigen Umgangs mit Gefl\u00fcchteten ann\u00e4hern. Was Verbesserungen f\u00fcr die betroffenen Menschen aber eben durch eine breitere Verteilung der Schutzsuchenden auch f\u00fcr Deutschland mit sich br\u00e4chte. Warum man hier in Deutschland deshalb Schaum vorm Mund bekommen muss, wei\u00df kein Mensch.<\/p>\n<p>Grundlage dieser Unfugdebatte ist einmal mehr das Bestreben \u201eW\u00e4hler von der AfD zur\u00fcckzugewinnen.\u201c Verkannt wird hierbei, dass das gar nicht geht. Dies der SPD beizubringen f\u00e4llt bei manchen Repr\u00e4sentanten schon schwer genug, bei der CDU scheint es v\u00f6llig unm\u00f6glich. Dabei w\u00fcrden sich der CDU ganz andere \u2013 wesentlich erfolgreichere \u2013 Optionen bieten. Aber dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal zu den AfD W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern. Diese zeigen in allen quantitativen aber vor allem auch qualitativen Studien ein nahezu unersch\u00fctterliches Weltbild, das sie von den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern der Gr\u00fcnen, der SPD, aber auch der CDU\/CSU massiv unterscheidet. Das gilt auch f\u00fcr die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der Linken und der FDP, wenn auch aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden nicht ganz so ausgepr\u00e4gt wie bei den anderen.<\/p>\n<p>Grob zusammengefasst lautet dieses Weltbild Stand Jahreswechsel 2018\/19 so: Ein AfD-W\u00e4hler ist tendenziell Anti-Europ\u00e4isch, zweifelt am Klimawandel, m\u00f6chte am liebsten gar keine Ausl\u00e4nder \u2013 ob Fl\u00fcchtlinge oder nicht \u2013 im Land, ist autorit\u00e4tsfixiert mit Sympathien f\u00fcr Trump, Putin und andere \u201estarke\u201c M\u00e4nner, findet, dass soziale Sicherheit vor allem f\u00fcr ihn selbst da sein sollte, spricht ausufernd \u00fcber U-Bahn-Kriminalit\u00e4t, obwohl er mindestens 50 km von der n\u00e4chsten U-Bahn entfernt wohnt, findet in seiner FB-Gruppe nahezu st\u00fcndlich neue Hinweise auf von den linken Medien unterdr\u00fcckte Gewalttaten durch Ausl\u00e4nder, ist latent homophob, es sei denn er ist selbst schwul, hat ein sehr klares Frauenbild aus den 50er Jahren (auch als Frau), betrachtet alles Neue skeptisch bis feindlich (Digitalisierung, Elektroautos, nicht fossile Energietr\u00e4ger) und f\u00fchlt sich latent bedroht von allen und allem. Zudem h\u00e4lt er alles Positive, was es \u00fcber die wirtschaftliche Entwicklung, Sozialstandards, Rentenentwicklung zu vermelden gibt f\u00fcr Fake News und nahezu alle Fake News f\u00fcr echt.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde hier gerne \u00dcbertreiben, aber ich tue es leider nicht. Wir haben bei dieser W\u00e4hlergruppe ein nahezu hermetisch geschlossenes Weltbild das auch erkl\u00e4rt, weshalb Spendenskandale, radikalverbale Entgleisungen oder auch schlichtweg Nazijargon auf diese W\u00e4hler keine abschreckende Wirkung haben. Ein guter Teil von ihnen geh\u00f6rt zu bisherigen Nichtw\u00e4hlern, die f\u00fcr die l\u00e4ngste Zeit keine Partei im Angebot fanden, die ihre Paranoia spiegelte, der andere geh\u00f6rt zu einem Sammelbecken aus allen m\u00f6glichen Parteianh\u00e4ngern, die in diese Szene unwiederbringlich abgedriftet sind. Und diese k\u00f6nnen vom Hochschullehrer \u00fcber den gewerkschaftlich organisierten VW-Arbeiter bis hin zur Landfrau oder dem klassischen Protestw\u00e4hler aus allen Schichten kommen. Und ja \u2013 sie k\u00f6nnen bei einer der letzten Landtagswahlen vor drei oder vier oder f\u00fcnf Jahren CDU, CSU, FDP, SPD, Linke oder sogar auch mal Gr\u00fcne gew\u00e4hlt haben \u2013 aber sie werden es nie wieder tun. Eher gehen sie irgendwann nicht mehr w\u00e4hlen, als den Weg zur\u00fcckzufinden. Zumindest nicht in den n\u00e4chsten 5-10 Jahren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die SPD, mit der wir uns ja ganz gut auskennen, bedeutet das ganz klar, dass keine W\u00e4hlergruppen 2018\/19 weiter voneinander entfernt sind als heutige AfD- und heutige SPD-W\u00e4hler. Die Schnittmenge betr\u00e4gt 0 %. Und nicht anders sieht es bei vielen W\u00e4hlern der CDU aus. Deren Schnittmenge ist wesentlich gr\u00f6\u00dfer mit FDP oder Gr\u00fcnen als ausgerechnet mit der AfD. Selbst mit der SPD ist diese gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft im Umkehrschluss, dass ein Friedrich Merz das gr\u00f6\u00dfte Potenzial bei den aktuellen FDP-W\u00e4hlern hat \u2013 bei gleichzeitigem Halten der noch vorhandenen Merkel-Koalition durch ein etwas moderneres Gesellschaftsbild. Dadurch k\u00f6nnte er auf die 27 Prozent von heute locker noch 4-5 % aus der FDP satteln, die ihrerseits die Chance, sich auch inhaltlich zu erneuern, im Siegestaumel v\u00f6llig verschlafen hat. Und ein bisschen was bekommt er dann noch von Rand-AfD Sympathisanten, f\u00fcr die die CDU dann wieder w\u00e4hlbar ist, wenn sie nicht l\u00e4nger eine Frau w\u00e4hlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Frau Kramp-Karrenbauer k\u00f6nnte die Merkel-Koalition halten und mit etwas weniger Homophobie und Verkrampfung auch wieder f\u00fcr gr\u00fcne W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler interessant sein. Wenn sie so weiter macht wie gerade, zerdeppert sie alles und subventioniert die Gr\u00fcnen weiter.<\/p>\n<p>F\u00fcr Jens Spahn gibt es nirgendwo Potenzial.<\/p>\n<p>So wie es gerade aussieht, geben sich alle gemeinsam ordentlich M\u00fche, am Ende so wenig Attraktivit\u00e4t wie m\u00f6glich \u00fcbrig zu lassen. Und so gro\u00dfe Wunden innerhalb wie au\u00dferhalb der Partei zu schlagen, dass nach dem Abgang der ewigen Kanzlerin das ganze Ausma\u00df der Leere \u00fcberhaupt erst sichtbar wird.<\/p>\n<p>Frohes Fest.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CDU-Kandidaten f\u00fcr den Parteivorsitz liefern sich eine beeindruckende Schlacht \u00fcber die Zukunft der Vergangenheit, weil sie auf das v\u00f6llig falsche W\u00e4hlerpotential schielen. Es h\u00e4tte eigentlich richtig gut laufen k\u00f6nnen. Der Kandidat war zwar der Politik immer verbunden geblieben, hatte aber gleichzeitig bewiesen, dass er von ihr nicht abh\u00e4ngig ist. 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