{"id":2158,"date":"2018-05-09T12:42:12","date_gmt":"2018-05-09T10:42:12","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2158"},"modified":"2018-05-09T12:42:12","modified_gmt":"2018-05-09T10:42:12","slug":"wir-sollten-wissen-dass-wir-angst-haben-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wir-sollten-wissen-dass-wir-angst-haben-sollen\/","title":{"rendered":"Wir sollten wissen, dass wir Angst haben sollen."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Es gibt ein Interesse an Angst. Von Gauland \u00fcber S\u00f6der zu vielen Medienh\u00e4usern, Redaktionen, Polizeigewerkschaften, Beschaffungsanstalten, einer immer weiter boomenden Sicherheitsindustrie bis hin zu Amazon, Google, Facebook und nat\u00fcrlich auch der Waffenlobby, die es nicht nur in den USA gibt. Die freie Presse ist dabei nicht selten Wegbereiterin des Zorns.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Angst ist ein sehr gro\u00dfes Gesch\u00e4ft. Und die Angst vorm \u201eschwarzen Mann\u201c (Boris Palmer) ein traditionelles. Angst kann Phobien ausl\u00f6sen, das Leben nachhaltig weniger lebenswert machen und nebenbei auch V\u00f6lker in Verschw\u00f6rungstheorien fallen lassen, die auch mal in einem Weltkrieg enden k\u00f6nnen. Das kommt nicht so oft vor, aber hin und wieder schon. Da gab es zum Beispiel die Angst der eingeschlossenen Mittelmacht, die f\u00fcr sich zu wenig Lebensraum sah, sich daraufhin welchen suchte und danach weniger hatte als zuvor. Dazwischen lagen mehr als 55 Millionen Tote.<\/p>\n<p>Das ist das Ergebnis der \u201eGerman Angst\u201c, wenn sie ganz au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Es gibt einige Historiker, die die Angstverliebtheit der Deutschen bis auf den 30-j\u00e4hrigen Krieg von 1618 ff zur\u00fcckf\u00fchren. Dieser dauerte zwar gesch\u00e4tzte 30 Jahre, hat aber in der Folge zu keiner grundlegenden Verhaltens\u00e4nderung gef\u00fchrt. Stimmt die These von 1618 ff, so w\u00e4re unsere Friedenszeit von 1945 ff ja auch nur bedingt lange.<\/p>\n<p>Aber ich schweife ab. Denn von einem Alexa-Smarthome-Sicherheitssystem bis zum Weltenbrand gibt es ja noch Grauzonen.<\/p>\n<p>Wir sollten wissen, dass wir Angst haben sollen. Wir sollen Angst haben, weil es ein sehr gro\u00dfes Business ist. F\u00fcr Parteien, f\u00fcr Konzerne, f\u00fcr die Klickraten in Redaktionen, f\u00fcr die Titelseiten von Tageszeitungen, f\u00fcr die Einschaltquoten von Talkshows, f\u00fcr den Verkauf von Sicherheits- und Selbstschutztechniken, f\u00fcr Werbetreibende und viele andere. Wir werden instrumentalisiert und manipuliert, um mehr Angst zu haben, nicht weniger.<\/p>\n<p>In den letzten Tagen kamen neue Kriminalit\u00e4tsstatistiken auf den Medienmarkt. Nie zuvor wurden sie von den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen aber auch von ARD, ZDF, SPON und weiteren so sehr relativiert wie in diesem Jahr. Weil jede einzelne Statistik eine zum Teil deutliche Abnahme von Straftaten verzeichnete. Und man muss hinzuf\u00fcgen, dass sich auch die Statistiken der Vorjahre im Vergleich zu fr\u00fcher auf niedrigem Niveau bewegten. Als die Statistiken eine steigende Zahl an Straftaten auswiesen, habe ich eine solch deutliche Relativierung durch die Medien nicht vernommen.<\/p>\n<p>Immer wieder wurde in den letzten Tagen von \u201egef\u00fchlter Bedrohung\u201c gesprochen. So wie Donald Trump \u201egef\u00fchlt hat\u201c, dass mehr Menschen bei seiner Amtseinf\u00fchrung waren als bei Obama. Oder so wie der Wetterbericht sagt, dass es 12 Grad hat, es sich aber anf\u00fchlt wie 8. Punkt ist aber: es sind 12 Grad. In den Berichten zu der sinkenden Kriminalit\u00e4t wurden h\u00e4ufig Bilder benutzt, die erkl\u00e4ren sollen, warum die gef\u00fchlte Kriminalit\u00e4t h\u00f6her ist als die tats\u00e4chliche. Man machte daf\u00fcr die Bilder verantwortlich, die man in eben diesem Beitrag \u00dcBER DIE SINKENDE KRIMINALIT\u00c4T wiederholte. Ihr treibt mich noch in den Wahnsinn. Wie kann man beim Fernsehen arbeiten und so wenig von Bildern verstehen?<\/p>\n<p>Ich habe auch noch nie einen entt\u00e4uschteren Innenminister bei der Verk\u00fcndung positiver Botschaften gesehen, als Horst Seehofer. Das passt so gar nicht in die CSU-Strategie zur Landtagswahl, aber da war wohl nichts zu machen. Die Zahlen waren einfach zu gut.<\/p>\n<p>Vor einigen Tagen wankte ich schlaftrunken in mein Badezimmer und schaltete wie immer Inforadio auf dem rbb ein. Um 7 Uhr morgens war der Aufmacher, dass in einer Fl\u00fcchtlingsunterkunft in einem Ort namens Ellwangen Polizeiwagen vorgefahren seien. Nun muss man wissen, dass Inforadio der Nachrichtensender des rbb ist, der vor allem in Berlin geh\u00f6rt wird. In Brandenburg auch, aber dort wohnt niemand. In Berlin ist es keine Nachricht, wenn irgendwo Polizeiwagen vorfahren. Das tun sie den ganzen Tag, weil das Vorfahren \u00fcberhaupt die Existenzberechtigung von Polizeiwagen ist. Ich wunderte mich also \u00fcber die Nachricht. Sie beherrschte den ganzen Tag \u00fcber alle Medien und auch noch am folgenden Tag und am \u00fcbern\u00e4chsten die Talkshows. Unterm Strich fuhren also Polizeiwagen vor einem Fl\u00fcchtlingsheim vor. Die Polizei f\u00fchrte vier Bewohner ab. Alles war friedlich. Im Grunde war es so: Die Polizei kam am ersten Tag und sah, dass es schwierig werden w\u00fcrde. Dann kam sie Tage sp\u00e4ter wieder mit mehr Leuten und hat dann erledigt, was zu erledigen war. Das versucht sie in der Rigaer Stra\u00dfe seit 1990 ohne Erfolg. Au\u00dfer einigen wenigen Gourmets interessiert das aber auch keinen. In Berlin gibt es gut 10.000 Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, da kann man sich nicht von jeder aufmerksamkeitsheischenden Ecke beeindrucken lassen.<\/p>\n<p>Warum also wird ein \u00fcberschaubarer Einsatz in einem Kaff im S\u00fcden zum nationalen Medienereignis? Ganz einfach, weil er Angst macht. Ganz einfach, weil alle davon profitieren. Ein Nicht-Event wird \u00fcberproportional aufgebauscht. Menschen sollen sich aufregen. Sollen Angst bekommen. Sollen zum Gaffer werden \u00fcber die Medien. Und so sicher wie das Amen in der Kirche werden die \u00fcblichen Tweets abgedr\u00fcckt, die Bots angeworfen, die Klickraten angefeuert, die Titelseiten umgestellt, die martialischsten Bilder verbreitet und die Talkshows umbesetzt. Sp\u00e4ter werden sich alle \u2013 vom kleinen Newsdesk-Redakteur bis zum gro\u00dfen Chefredakteur damit rechtfertigen, dass es doch \u201eein berechtigtes Interesse der Bev\u00f6lkerung an dem Fall gab.\u201c<\/p>\n<p>Ein Interesse, das man selbst erst erzeugt hat. Weil es f\u00fcr Klickraten sorgt. Weil es f\u00fcr Einschaltquoten sorgt. Weil es andere reich macht. Auf Kosten von uns allen. Vor allem auf Kosten unseres friedlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Wir sollen Angst vor der U-Bahn haben, auch wenn wir in T\u00fcbingen wohnen, wo es keine U-Bahn gibt. Menschen die regelm\u00e4\u00dfig U-Bahn fahren, haben keine Angst vor der U-Bahn. Sonst w\u00fcrden sie nicht U-Bahn fahren. Denn dort, wo es U-Bahnen gibt, gibt es auch oberirdische Alternativen dazu. Die Landbev\u00f6lkerung hat Angst vor der U-Bahn und der St\u00e4dter hat Angst vor einer Kuh. Das ist nun mal so. Was man nicht kennt, macht zun\u00e4chst mal misstrauisch. Ich halte eine Kuh jedenfalls f\u00fcr gef\u00e4hrlicher. Auch aus Gr\u00fcnden der Laktoseintoleranz. Die hat man auch nur in der Stadt. Aber ich schweife ab.<\/p>\n<p>Wenn ich Medienvertreter \u00fcber Medien reden h\u00f6re, habe ich immer den Eindruck, als ob sie \u00fcber die anderen redeten. Man versucht, die steigende Angst der Deutschen mit der Bilderflut \u00fcber Einzelf\u00e4lle zu erkl\u00e4ren. Ja, das stimmt. Aber wer sorgt denn f\u00fcr die Bilderflut? Nur Social Media? Wohl kaum. Die einschl\u00e4gigen Bilder und Videos werden \u00fcberhaupt erst durch den Absender bekannter On- und Offline-Medienmarken glaubw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Ihr macht Angst und erkl\u00e4rt sie dann hochm\u00fctig zur \u00dcberreaktion eurer dummen Zuschauer und Leser. Redet nicht immer \u00fcber andere. Ihr seid Teil der Z\u00fcndschnur. Ihr geht jetzt schon im dritten Jahr dem rechten Framing der Angsterzeugung auf den Leim. Wider besseres Wissen. Wider die Fakten. Ihr seid nicht die H\u00fcter der Demokratie, ihr zersetzt sie. Aus Gier. Aus Selbstverliebtheit. Aus Anerkennungssucht. Aus wirtschaftlichem Interesse. Wir kennen die warnenden Beispiele. Aus den USA, aus der Brexit-Debatte, aus Polen, Ungarn von Russland ganz zu schweigen.<\/p>\n<p>Der Umgang mit der Angst ist nur ein Beispiel. Vor der Gleichschaltung steht immer die freiwillige Destruktion der Demokratie. Man versteht sich als Anwalt des kleinen Mannes gegen die demokratisch legitimierten Institutionen und verliert dabei jedes Ma\u00df. Am Ende ist der kleine Mann dann ein rechtes Arschloch und keiner hat Schuld. \u00a0Die freie Presse ist nicht selten Wegbereiterin des Zorns, der sie als erste verschlingen wird. Es wird Zeit, sich bewusster zu werden, dass nicht nur der vermeintliche kleine Mann, sondern auch die demokratische, friedliebende Gesellschaft einen Anwalt braucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt ein Interesse an Angst. 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