{"id":2152,"date":"2018-04-13T13:11:35","date_gmt":"2018-04-13T11:11:35","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=2152"},"modified":"2018-04-14T00:18:49","modified_gmt":"2018-04-13T22:18:49","slug":"hetze-in-deutschland-4-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/hetze-in-deutschland-4-0\/","title":{"rendered":"Hetze in Deutschland 4.0"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>In Deutschland ist die Hetze gegen religi\u00f6se Minderheiten wieder salonf\u00e4hig. Und wird von der Politik und gro\u00dfen Medienh\u00e4usern als Keule gegen die angeblich so r\u00fcckst\u00e4ndigen Minderheiten schamlos missbraucht. Nach dieser Lesart importieren wir Frauenfeinde, Homophobie und Antisemitismus, die unser zuvor so reines und unschuldiges Deutschland beschmutzen. \u00a0Ja, ist klar.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Jetzt haben wir es bald geschafft, eine zumindest in Westdeutschland \u00fcber sechzig Jahre w\u00e4hrende friedliche Einwanderungsgeschichte auf wenige negative Ausschl\u00e4ge zu reduzieren und dabei Millionen Muslime in unserem Land \u00fcber einen Kamm zu scheren. Kein Wort mehr \u00fcber das Mobbing, das die \u201eK\u00fcmmelt\u00fcrken\u201c, \u201eKopftuchm\u00e4dchen\u201c und \u201eKnoblauchfresser\u201c in unserem Land ertragen mussten und m\u00fcssen. Kein Wort mehr \u00fcber die allt\u00e4gliche Diskriminierung aufgrund von Namen, Akzenten oder Aussehen. Die Minderheit wird zum S\u00fcndenbock und ausgerechnet AUSGERECHNET die Deutschen erkl\u00e4ren sich selbst zum Leuchtturm gegen Antisemitismus, Homophobie und Frauendiskriminierung in der Welt. Verlogener kann eine Gesellschaft sich kaum selbst \u00fcberh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Als ich ein kleiner Junge war kam der erste T\u00fcrke in meine Klasse. Das war in der Grundschule in Baden-W\u00fcrttemberg. Er war ein guter Typ, auch recht ordentlich in der Schule, aber aufs Gymnasium kam er nat\u00fcrlich nicht mit. Das war damals so. Und blieb ja weitgehend auch so. Wenn wir mit ihm am Kiosk S\u00fc\u00dfigkeiten kauften, gab es schon mal komische Spr\u00fcche vom Besitzer, die ich aber nicht so ganz verstand. Wenn wir am gleichen Kiosk rund um Silvester illegal kleine China-Kracher kauften, belehrte uns der deutsche Verk\u00e4ufer: \u201eDie hei\u00dfen bei uns Juddefurz.\u201c Judenfurz. Das war um 1975. Da waren doch schon alle nicht mehr judenfeindlich. Das war doch nur der Hitler gewesen. Haha.<\/p>\n<p>Mit 16 arbeitete ich in den Sommerferien in einer Fabrik f\u00fcr Wellpappe und am Band war ich nicht nur der ungeschickteste, sondern auch der einzige Deutsche. In meiner Schicht arbeiteten nur T\u00fcrken, au\u00dfer den Vorarbeitern und Staplerfahrern. Wir waren immer so 6-8 Leute an einer Maschine, darunter die H\u00e4lfte t\u00fcrkische Frauen. Das Klima war herzlich, die Amtssprache t\u00fcrkisch \u2013 f\u00fcr mich also Zeichensprache \u2013 und man musste unbedingt rauchen, weil man sonst keine Zigarettenpause machen konnte. Immer mal wieder zog sich jemand zur\u00fcck und betete gen Mekka. Seitdem geh\u00f6rt f\u00fcr mich der Islam zu Deutschland. Obwohl ich mir nat\u00fcrlich f\u00fcr keine f\u00fcnf Minuten Gedanken dar\u00fcber machte \u2013 auch nicht dar\u00fcber, warum die Leute um mich herum nur br\u00fcchig Deutsch sprachen. Sie waren aus meiner Perspektive alt, unter sich und arbeiteten das ganze Jahr im Akkord und Schichtbetrieb. Warum also nicht. Deutschkurse? Integrationsangebote? Begegnungsangebote? F\u00fcr Gastarbeiter? Haha.<\/p>\n<p>Apropos 1975 in Westdeutschland, Land ohne Machos und Vorreiter der Frauenrechte: Das \u201eFu\u00dfballverbot f\u00fcr Frauen\u201c wurde in Deutschland 1970 aufgehoben. Den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe gibt es allerdings erst seit 1997. Vorher konnte Mann seine Frau rannehmen wie er wollte. Pr\u00fcgeln ging sowieso. Erst ab dem Jahre 1957, also vor gerade mal sechzig Jahren, durfte die verheiratete Frau ein eigenes Konto er\u00f6ffnen. Arbeit durfte sie auch nur nach schriftlicher Erlaubnis des Gatten annehmen. Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber das Konto hatte zuvor auch bei gemeinsamen Konten nur der Ehemann \u2013 und wenn die Frau etwas erbte, geh\u00f6rte es dem Mann. Im gleichen Jahr fiel auch das \u201eLehrerinnenz\u00f6libat\u201c. Lehrerinnen durften bis dahin nicht heiraten, da sie \u201enicht gleichzeitig dem Staat und ihrem Ehemann dienen konnten.\u201c Nach diesem Erlass verlor eine Lehrerin mit der Heirat nicht nur ihre Arbeit, sondern auch gleich den Rentenanspruch. 1958 durfte die verheiratete Frau dann auch ohne Einwilligung des Gatten den F\u00fchrerschein machen. Was sind wir doch f\u00fcr eine fortschrittliche Gesellschaft im Vergleich zu den \u201eimportierten\u201c Machos. Als ob wir die importieren m\u00fcssten. Noch heute werden bei uns \u00c4rztinnen verurteilt, nur weil sie auf ihrer Website unter den angebotenen Leistungen auch Abtreibung auff\u00fchren.<\/p>\n<p>Wie viele junge Homosexuelle die Katholische Kirche bis zum heutigen Tag in den Suizid getrieben hat oder weiter treibt, wird eines ihrer zahlreichen dunklen Geheimnisse bleiben. Als Schwuler im Deutschland der 80er Jahre brauchte ich jedenfalls keinen Muslim, um diskriminiert zu werden. Das hat die Mehrheitsgesellschaft schon von ganz alleine ordentlich hinbekommen.<\/p>\n<p>Und ernsthaft zu glauben, dass Judenfeindlichkeit in Deutschland Muslime braucht, um zu gedeihen ist ja wohl der gr\u00f6\u00dfte Selbstbetrug \u00fcberhaupt. Ich kann gar nicht so viel essen wie ich kotzen m\u00fcsste, um diese Scheinheiligkeit zu ertragen. Wir haben sechs Millionen Juden vergast ohne einen einzigen Muslim daf\u00fcr zu ben\u00f6tigen. Wer einen krachenden Judenwitz h\u00f6ren will, muss auch heute nur lange genug am Tisch eines beliebigen Wirtshauses in S\u00fcddeutschland verbringen und die Ohren spitzen. Von den Frauen- und Schwulenwitzen ganz abgesehen. Der Antisemitismus bl\u00fcht und gedeiht im weitgehend einwanderungsfreien Polen, im Baltikum, in Ungarn, in Russland sowieso \u2013 von Homophobie m\u00fcssen wir da gar nicht erst sprechen, das wird sonst zu tragisch. Und wir tun so, als sei das weg gewesen? Jemals? Es war nie weg.<\/p>\n<p>2017 gab es 1453 polizeilich erfasste antisemitische Straftaten. Davon waren 1377 rechts motiviert. 33 waren \u201eausl\u00e4ndische Judenfeinde\u201c ohne islamistischen Hintergrund. Nur zur Klarstellung: antisemitische Polen, Russen, Schweden, Amerikaner, Holl\u00e4nder, Franzosen und was wei\u00df ich fallen auch unter \u201eAusl\u00e4nder\u201c. Genau 25 Straftaten wurden auf islamistischen Antisemitismus zur\u00fcckgef\u00fchrt. 17 konnten nicht zugeordnet werden und exakt 1 Vorfall wurde links eingestuft. (FOCUS Online, 11.2.2018, zitiert die Angaben der Bundesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Pau).<\/p>\n<p>2016 gab es 23.500 rechte Straftaten von Deutschen gegen Ausl\u00e4nder. (ZEIT ONLINE 27.4.2017, zitiert die polizeiliche Kriminalstatistik.)<\/p>\n<p>Die Probleme, die jetzt auf die Titelseiten und in die Talkshows gehoben werden sind da. Und es gibt keine Entschuldigung f\u00fcr Mobbing und Bedrohung. Dieses Mobbing findet nach wie vor in unterschiedlicher Qualit\u00e4t \u00fcberall in Deutschland und an nahezu jeder Schule statt. Gegen Schwule, gegen Kinder mit anderer Hautfarbe, gegen Juden und gegen Muslime.<\/p>\n<p>Wenn wir wirklich wollen, dass Ausgrenzung und Mobbing enden, dann sollte uns klar sein, dass wir dies nicht mit Ausgrenzung und Mobbing erreichen. Was wir gerade bei unseren Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrgern muslimischen Glaubens anrichten, wird sich weiter einbrennen in den K\u00f6pfen junger Muslime \u2013 von denen ebenfalls die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit niemanden diskriminieren oder ausgrenzen will. Aber denen wir allen sagen: Du bist unser gr\u00f6\u00dftes Problem.<\/p>\n<p>Wie hoch ist eigentlich die Dunkelziffer der Diskriminierung und des Mobbings von muslimischen Kindern an unseren Schulen? Die Wahrscheinlichkeit, dass muslimische Eltern mit ihrem h\u00e4ufig schwachen sozialen Status zur Schulleitung gehen, um sich \u00fcber ausl\u00e4nderfeindliche Spr\u00fcche zu beschweren, ist wohl eher gering. Und wie viele Ausl\u00e4nder werden bei uns bel\u00e4stigt, ohne es zu melden? Die Wahrscheinlichkeit zum Beispiel im Sachsensumpf bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz auf einen AfD W\u00e4hler zu treffen, liegt vorsichtig gesch\u00e4tzt wohl bei \u00fcber 25%. Sehr vorsichtig gesch\u00e4tzt. Und in vielen anderen Bundesl\u00e4ndern sieht es nicht viel anders aus.<\/p>\n<p>Wir erwarten heute von allen Muslimen, dass sie aufstehen und gegen Gewalt aus ihren Reihen demonstrieren. Das kann man erwarten. Wenn man selbst seinen eigenen Arsch hochbekommt, um gegen Hetzjagden auf Fl\u00fcchtlinge, gegen NSU-Morde und gegen Brandanschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlingsheime zu demonstrieren. Wenn man selbst dem Kollegen dessen Schwulenwitz um die Ohren haut und dummen Frauenspr\u00fcche widerspricht. Wenn man sich selbst immer \u00f6ffentlich davon distanziert, wenn ein christlich getaufter Mensch eine Straftat begeht. Dann kann man das auch von anderen erwarten. Wie viele Christen haben sich f\u00fcr die Amokfahrt in M\u00fcnster gerechtfertigt? Von Muslimen h\u00e4tte man es verlangt \u2013 egal ob der T\u00e4ter einfach nur gest\u00f6rt war oder nicht. Und es w\u00e4re auch keine Amokfahrt gewesen, sondern Terror.<\/p>\n<p>Es gibt Homophobie, Antisemitismus, Frauendiskriminierung und Muslimenfeindlichkeit in diesem Land seit hunderten, seit tausenden von Jahren. Wir k\u00f6nnen das jetzt weiter anheizen, oder zur Besinnung kommen. Wir sind beim besten Willen in unserer Weltl\u00e4ufigkeit noch nicht so gefestigt, dass wir uns selbstzufrieden auf ein hohes Ro\u00df setzen k\u00f6nnten. Und ich als Schwuler wehre mich entschieden dagegen, ausgerechnet von Rechtsauslegern in Schutz genommen zu werden. Da brauche ich nur das Bild der Kanzlerin abzurufen, die ihre NEIN-Karte hoch in die Luft hielt, um gegen meine Ehe zu stimmen. Da muss ich nur an Jens Spahn denken, der so ziemlich gegen jede Minderheit in Deutschland agitiert, der er nicht selbst angeh\u00f6rt. Da muss ich nur an die verlogenen AfD-Repr\u00e4sentanten denken, die ihre Liebe zu Juden, Schwulen, Lesben und Frauenrechten nur dann entdecken, wenn sie damit besser gegen Fl\u00fcchtlinge und Muslime hetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir in Deutschland k\u00f6nnen stolz darauf sein, dass wir in unserer Gesellschaft gro\u00dfe Fortschritte gemacht haben. Nachdem wir mit unserer Selbst\u00fcberh\u00f6hung als Herrenrasse Millionen Menschen gemeuchelt haben, hatte wir auch einen guten Grund. Aber es waren dennoch z\u00e4he K\u00e4mpfe und in vielen Bereichen sind sie noch lange nicht abgeschlossen. Wenn wir etwas gelernt haben aus unserer Vergangenheit, dann doch, dass Aufkl\u00e4rung, Begegnungen und Information die besten Mittel gegen Vorurteile sind. Und zwar gegen alle Vorurteile \u2013 egal von wem sie gegen wen gerichtet sind.<\/p>\n<p>Wollen wir wirklich aus zu recht kritisierten Einzelf\u00e4llen eine neue Hasswelle lostreten? Eine Spirale des Hasses, an deren Ende Muslime durch deutsche Stra\u00dfen gejagt, ihre Moscheen angez\u00fcndet und ihre Gesch\u00e4fte gepl\u00fcndert werden? Wir sind auf dem Weg.<\/p>\n<p>Wir sind wieder dabei, uns zur Herrenrasse zu erkl\u00e4ren. Diesmal zur Herrenrasse des gesellschaftlichen Fortschritts. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem wir in unsere dunkelsten Abgr\u00fcnde zur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland ist die Hetze gegen religi\u00f6se Minderheiten wieder salonf\u00e4hig. 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