{"id":1561,"date":"2016-09-08T12:25:55","date_gmt":"2016-09-08T10:25:55","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=1561"},"modified":"2016-09-09T13:15:46","modified_gmt":"2016-09-09T11:15:46","slug":"glaubts-ihr-nix-der-oide-hex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/glaubts-ihr-nix-der-oide-hex\/","title":{"rendered":"Glaubt\u2019s ihr nix, der oiden Hex!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>\u00dcber nackte Konservative, das Burkafahrverbot, umgekehrte Schweigespiralen, Tomatensaft ohne Salz und Debatten im Cockpit bei offenem Mikro. Also \u00fcber uns im Sp\u00e4tsommer 2016.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Nehmen wir an, wir s\u00e4\u00dfen heute mal nicht alle in einem Boot, sondern in einem Flugzeug. Es war ein zwischenzeitlich turbulenter Flug und wie das so ist, vertragen das einige besser und schlafen durch, andere schlechter, tun aber entspannt und lesen jetzt schon seit 25 Minuten die gleiche Seite, die n\u00e4chsten wiederum bekommen schwitzige H\u00e4nde. Und zu ein paar Leuten musste die Flugbegleiterin hingehen, da sie deutliche Zeichen von Panik zeigten.<\/p>\n<p>Aber jetzt ist wieder alles fein, der Service wurde wieder aufgenommen und aus dem Cockpit meldet sich die Flugkapit\u00e4nin mit beruhigenden Worten. Es wird jetzt voraussichtlich im weiteren Verlauf ein ruhiger Flug werden, man rechnet mit einer sicheren und p\u00fcnktlichen Landung.<\/p>\n<p>Dem widerspricht bei offenem Mikro der Copilot, der mit s\u00fcdl\u00e4ndischem Akzent laut dazwischen ruft: \u201eGlaubt\u2019s ihr koin Wort. Verloren samma. Oille samma verloren. S\u2019Triebwerk rechterhand br\u00f6nnt, dLandeklappen san veroist und dsFahrwerk fahrt net aus. Glaubt\u2019s ihr nix, der oiden Hex!\u201c<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt bei den Passagieren zu einiger \u2013 nicht nur sprachlich bedingter \u2013 Verwirrung. Die Panikanf\u00e4lligen bekommen einen R\u00fcckfall, die Schwitzenden werden panikanf\u00e4llig, die vorgeblich Entspannten legen das Buch nun ganz aus den H\u00e4nden und auch die Stoischen sind jetzt hellwach und \u00fcberlegen, ob der richtige Zeitpunkt f\u00fcr eine Tomatensaftbestellung (mit Pfeffer, ohne Salz) eventuell verpasst wurde. Mit kurzen Unterbrechungen setzt sich der Disput zwischen der Kapit\u00e4nin und dem Copiloten jedenfalls immer weiter fort.<\/p>\n<p>Anders formuliert: Wenn die Politik bis hinein in die Bundesregierung und unabh\u00e4ngig von ihrer politischen Ausrichtung von \u201eKontrollverlust\u201c, \u201eStaatsversagen\u201c, \u201eDammbruch\u201c, \u201eHilflosigkeit\u201c oder gar \u201eUnrechtsstaat\u201c spricht, dann f\u00e4llt es einem schwer, als B\u00fcrger dieses Landes zu sagen: Danke, mir geht es gut.<\/p>\n<p>Je \u00fcberm\u00e4chtiger von Problemen, \u00c4ngsten, Untergangsszenarien berichtet wird \u2013 desto eher haben die Menschen auch Angst. Das irre daran ist: Es bricht gar nichts zusammen. Gesch\u00e4tzte 90 % der Menschen in diesem Land f\u00fchren kein anderes Leben als vor 12 Monaten. Die anderen 10% engagieren sich f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Den allermeisten geht es gut bis sehr gut. Sie stehen morgens auf und gehen nachts ins Bett. Dazwischen tun sie, was sie auch vorher taten.<\/p>\n<p>Aber einige von ihnen sind schlecht drauf. Was k\u00f6nnen wir tun?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal muss jedem in der Politik, aber auch in den Medien klar sein: Die Menschen suchen Orientierung. Und wenn die Meinungsbildner im Land gerade in Zeiten des Umbruchs keine Orientierung bieten \u2013 dann entsteht Desorientierung, Unsicherheit und bei manchen auch Panik.<\/p>\n<p>Eine nicht geringe Zahl von Menschen in diesem Land befindet sich in einer latenten Panikspirale. Aber was noch fataler ist: Die gro\u00dfe Mehrheit im Land, die nicht in Panik ist, befindet sich in einer Schweigespirale. Den Leuten geht es gut, aber sie trauen sich nicht mehr, es zu sagen. Denn wer sagt, schreibt oder sendet, dass es uns gut geht, der bekommt gleich einen drauf.<\/p>\n<p>Es ist schon soweit, dass eine F\u00fchrungskraft im Land nicht einmal mehr motivieren darf, ohne als Sch\u00f6nreder\/-in attackiert zu werden. Dabei ist das absolute Gegenteil der Fall: Jede F\u00fchrungskraft im Land sollte motivieren. Und zwar t\u00e4glich.<\/p>\n<p>Die psychologischen Mechanismen sind nicht unbekannt. Wir kennen sie zum Beispiel aus der Dynamik von wirtschaftlichen Rezessionen oder Aufschw\u00fcngen. In einer Rezession sparen selbst die, die gar nicht sparen m\u00fcssen. Und zwar private Haushalte ebenso wie Unternehmen. Entweder aus Furcht, dass es auch sie noch erwischen k\u00f6nnte. Oder aber auch, um nicht aufzufallen. Da wird der Benz noch ein Jahr l\u00e4nger gefahren, statt einen neuen anzuschaffen.<\/p>\n<p>Das alles versch\u00e4rft die Rezession nur noch. Erst eine Vielzahl guter Nachrichten f\u00fchrt dazu, das Verhalten zu \u00e4ndern. Und wenn diese psychologische H\u00fcrde genommen wurde, folgt ein regelrechter Boom, da verz\u00f6gerte Investitionen auf einen Schlag nachgeholt werden.<\/p>\n<p>Die Deutschen werden \u2013 \u00fcbrigens in einer wirtschaftlichen Wachstumsphase \u2013 tagt\u00e4glich von schlechten Nachrichten bombardiert. Und das auch von nahezu allen Parteien.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich schneller, zum Teil unsinniger und aktionistischer politischer Reaktionen von Wagenknecht bis Seehofer musste man den Eindruck gewinnen, dass die Politik nur noch Signale in den Teil der Bev\u00f6lkerung aussendet, der skeptisch bis \u00e4ngstlich ist. Und zwar skeptische bis \u00e4ngstliche Signale. Alles, was an politischem Aktionismus an den Tag gelegt wurde, zielte auf den verunsicherten Teil der Bev\u00f6lkerung. Und wenn man ehrlich ist: Wer jetzt noch nicht verunsichert war, musste es danach sein.<\/p>\n<p><strong>Kommunikation in Paralleluniversen mit und ohne Sichtbehinderung.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Wir leben in einer Zeit der medialen Paralleluniversen, deren Dimension wir gerade erst begreifen. In denen Menschen au\u00dfer Reichweite geraten f\u00fcr gute Argumente.<\/p>\n<p>Wir leben auch in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit. Viele Menschen stehen in ihrem Alltag, in ihrem Beruf, in ihrem Umfeld schon mit beiden Beinen in der Zukunft \u2013 andere mit einem Bein \u2013 andere leben hingegen noch ganz im Deutschland von 1998.<\/p>\n<p>Daher auch die Scheingefechte. Erfahrene Unionspolitiker br\u00fcten \u00fcber den dr\u00e4ngendsten Sicherheitsfragen. Sie br\u00fcten und br\u00fcten und br\u00fcten \u00fcber Wochen und unter Schmerzen geb\u00e4ren sie endlich die L\u00f6sung aller Fragen unserer Zeit: DAS BURKAFAHRVERBOT! Ja ist das denn wahr? Ab wann gibt es denn daf\u00fcr Punkte in Flensburg? Wenn es nicht so traurig w\u00e4re, w\u00e4re es lustig.<\/p>\n<p>Auf dem Fu\u00df folgt die Burkinidebatte. Ja, man traut seinen Ohren kaum. Fr\u00fcher war es konservativ, die Leute zu ermahnen, sich etwas anzuziehen. Heute muss man blank ziehen! Die Welt ist verr\u00fcckt. Glaubt irgend jemand, dass diese Debatte beruhigt?<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage: Wer spricht eigentlich f\u00fcr die Mehrheit im Land, die sich am Ende nichts mehr w\u00fcnscht, als dass Deutschland diese Situation meistert, ohne die Errungenschaften der letzten Jahrzehnte \u00fcber Bord zu werfen?<\/p>\n<p>Das Interesse der handelnden Akteure sollte jetzt darauf gerichtet sein, die positiv gestimmte Bev\u00f6lkerung zu stabilisieren, zu motivieren und wieder sprachf\u00e4hig zu machen. Nach einer vorl\u00e4ufigen Beruhigung der Lage sollte man dann daran gehen, auch wieder das Vertrauen der anderen zu gewinnen und Skepsis abzubauen. Das ist m\u00f6glich, denn in diesem skeptischen Bev\u00f6lkerungsteil ist auch immer noch ein sehr gro\u00dfes Potential an Menschen, das will, dass Fl\u00fcchtlingen geholfen wird, dass Integration gef\u00f6rdert wird, dass Zusammenleben gut organisiert wird.<\/p>\n<p>Am 4. September w\u00e4hlten 167 000 Menschen in Mecklenburg-Vorpommern die AfD. Bei 1,3 Millionen Wahlberechtigten, von denen 806.000 mental in der Lage waren, eine g\u00fcltige Stimme abzugeben.<\/p>\n<p>In Deutschland gibt es rund 62 Millionen Wahlberechtigte, die in einem Jahr w\u00e4hlen d\u00fcrfen. Das sind sehr viele Leute und ein sehr, sehr langer Zeitraum. Noch ist Zeit, aber auch h\u00f6chste Zeit: Wenn viele Akteure nur in alten Ritualen agieren und nur versuchen, schnell und billig zu punkten, wenn Parteipolitik auf Kosten von Stabilit\u00e4t und gesellschaftlichem Zusammenhalt gemacht wird \u2013 dann werden wir daf\u00fcr teuer bezahlen.<\/p>\n<p>Deutschland ist nicht \u00d6sterreich. Das sagen uns alle vorliegenden Untersuchungen. Noch nicht einmal Ostdeutschland ist \u00d6sterreich \u2013 wenn auch n\u00e4her dran. Aber wenn wir hier die gleichen Fehler begehen wie SP\u00d6 und \u00d6VP in der Vergangenheit und uns auf das rechte Territorium begeben, dann ist auch dieses Land nicht sicher vor dauerhaft starken rechtspopulistischen Parteien. Und diese Parteien werden \u2013 selbst wenn sie nicht an die Macht kommen \u2013 das Zusammenleben vergiften.<\/p>\n<p>Von der verantwortlichen Politik in Deutschland muss jetzt ein klares Signal der Stabilit\u00e4t ausgehen. Ein \u201eSo machen wir das.\u201c Wie es weitergeht, liegt in unserer Hand. Und darin, wie klar wir stehen, Farbe bekennen und Gesicht zeigen.<\/p>\n<p><em>Dieser Text ist die Langfassung meines Debattenbeitrages f\u00fcr den Verein &#8222;Gesicht Zeigen&#8220; vom 7.9.2016 in Berlin und basiert in Teilen auf meinem Blogbeitrag <a href=\"http:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/bitte-ruhiger-kreischen-und-leiser-in-panik-verfallen-danke\/\">&#8222;Bitte leiser kreischen und ruhiger in Panik verfallen&#8220;<\/a> vom 29.2.2016.<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber nackte Konservative, das Burkafahrverbot, umgekehrte Schweigespiralen, Tomatensaft ohne Salz und Debatten im Cockpit bei offenem Mikro. Also \u00fcber uns im Sp\u00e4tsommer 2016. Nehmen wir an, wir s\u00e4\u00dfen heute mal nicht alle in einem Boot, sondern in einem Flugzeug. Es war ein zwischenzeitlich turbulenter Flug und wie das so ist, vertragen das einige besser und &hellip; <a href=\"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/glaubts-ihr-nix-der-oide-hex\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eGlaubt\u2019s ihr nix, der oiden Hex!\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1561"}],"collection":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1561"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1561\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1585,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1561\/revisions\/1585"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1561"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1561"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1561"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}