{"id":1462,"date":"2016-05-24T15:17:29","date_gmt":"2016-05-24T13:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=1462"},"modified":"2016-05-24T16:57:16","modified_gmt":"2016-05-24T14:57:16","slug":"keine-sorgen-dieser-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/keine-sorgen-dieser-welt\/","title":{"rendered":"Keine Sorge dieser Welt."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Zum Umgang mit Rechtspopulisten empfehle ich heute einen Shiraz aus S\u00fcdafrika sowie einige weitere plausible Verhaltensoptionen. Zum Wohl!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>So nahe liegen Moderne und Vergangenheit beieinander, getrennt nur durch 31.000 Stimmen. Statt eines Rechtspopulisten bekommt \u00d6sterreich nun den ersten gr\u00fcnen Politiker als Pr\u00e4sidenten in Europa. Wenn das Spektakel f\u00fcr eines gut war, dann vielleicht f\u00fcr die Erkenntnis, dass man eine moderne, tolerante Gesellschaft nicht geschenkt bekommt. Im Gegenteil: Man muss sie sich jeden Tag neu erk\u00e4mpfen. Damit man sich in Zukunft ein solches Foto-Finish sparen kann, hier ein paar n\u00fctzliche Hinweise f\u00fcr Praktiker.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Erkenntnisse \u2013 das zeigt ein kurzer Blick nach Frankreich, \u00d6sterreich, England usw. \u2013 sind so eindeutig, dass es schon weh tut, sie noch einmal aufschreiben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Erstens:<\/strong> Gib niemals auch nur einen Millimeter Freiheit, Rechtstaatlichkeit, Menschenw\u00fcrde und Minderheitenschutz auf.<\/p>\n<p><strong>Zweitens:<\/strong> Versuche niemals, den Rechten durch verbale Verrenkungen und Verst\u00e4ndnisduselei auch nur den kleinen Finger zu geben, denn sie werden nie genug bekommen. Ein humaner, empathischer Demokrat kann niemals einen Wettlauf um hassbasierten Populismus gewinnen. Niemals. Jedes Entgegenkommen wird als Schw\u00e4che gewertet. Jede Einschr\u00e4nkung des Rechtstaates wird Forderungen nach noch mehr Einschr\u00e4nkungen nach sich ziehen.<\/p>\n<p><strong>Drittens:<\/strong> Jede Handlung, die als Anbiederung gewertet werden kann, wird als Scheitern ausgeschlachtet, demagogisch verdreht und in der irren Welt der Rechten als Best\u00e4tigung gesehen.<\/p>\n<p><strong>Viertens:<\/strong> Verlasse nicht die Koalition der Demokraten. Damit geht man nur der \u201eEstablishment\u201c \u2013 Saga auf den Leim, die alle zum Establishment erkl\u00e4rt, die nicht Rechtspopulisten sind. Und zwar vom Rastafari bis zum Vorstandsvorsitzenden. Wer jetzt meint, sich herausl\u00f6sen zu m\u00fcssen, um damit zu punkten, wird genau das Gegenteil erreichen. Die Versuche nach dem Motto \u201eAber ich geh\u00f6re doch auch nicht zum Establishment \u2013 in Wahrheit bin ich doch einer von euch geblieben und spiele gerne mit Eisenbahnen\u201c sind nicht nur peinlich, sondern vor allem kontraproduktiv. Denn die Kernaussage wird damit best\u00e4tigt und die Verschw\u00f6rungstheorie untermauert. Die gro\u00dfe Mehrheit hat genug Realit\u00e4tssinn und erwartet nicht, dass ein Spitzenpolitiker das Leben eines Durchschnittsb\u00fcrgers f\u00fchrt. Man erwartet einfach nur, dass der Job gemacht wird, f\u00fcr den man ihn gew\u00e4hlt hat.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnftens:<\/strong> Die auch von Medien oder vor allem von Polit-Rentnern gerne gespielte Saga: \u201eDie Politiker von heute haben den Draht zum Volk verloren\u201c ist reiner Bullshit. Heieiei, diese Schmerzen! Der Vorwurf ist so alt und so billig, man k\u00f6nnte schreien, dass er immer noch aufgegriffen wird. Wahrscheinlich war noch keine Politikergeneration n\u00e4her am Volk als die heutige \u2013 und noch kein Volk n\u00e4her an den Politikern. Es ist ja gerade die Distanzlosigkeit, die permanente mediale Pr\u00e4senz und die gegenseitige Durchleuchtung und Transparenz, also die v\u00f6llige Entmystifizierung von Volk und Regierung die wir beobachten k\u00f6nnen, und nicht das Gegenteil. \u00dcber Willy Brandt wurde einmal der sch\u00f6ne Satz gesprochen \u201eEr hatte ein gro\u00dfes Herz f\u00fcr die kleinen Leute, aber er wollte um Himmels Willen nichts mit ihnen zu tun haben.\u201c Ja \u2013 das ging damals noch. Heute muss man mit Spitzenpolitikern Eierlik\u00f6r trinken oder Mutti Merkels Kochrezepte verdauen. Man kann Politik f\u00fcr \u201ekleine Leute\u201c machen, ohne einer von ihnen zu sein. Und die meisten \u201ekleinen Leute\u201c bevorzugen es auch, nicht von ihrem Nachbarn regiert zu werden. Ich f\u00fcr meinen Teil m\u00f6chte gerne von Leuten regiert werden, die mehr k\u00f6nnen als ich. Und ich bin \u00fcberzeugt davon, dass es grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich ist, mehr zu k\u00f6nnen als ich. Von diesen Selbstzweifeln sind allerdings nur wenige Brandstifter in Sachsen-Anhalt geplagt, die mindestens so gut regieren wie Fu\u00dfball spielen oder Feuer legen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bereits jenseits des Ertr\u00e4glichen sind die allt\u00e4glichen Anbiederungen, die wir aus allen Parteien in Deutschland kennen. Damit bewegt man sich zu 100% auf dem Territorium der Rechten und verunsichert kollateral auch noch eigene Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>Peinliches Anbiedern ist zum Beispiel:<\/p>\n<ul>\n<li>EU-Bashing bzw. L\u00e4cherlich machen der EU als Institution (Gurkenkr\u00fcmmungstheorie). Immer nach dem Motto: Die EU ist an allem schuld, das nicht funktioniert aber an nichts von dem, das funktioniert. Ist nat\u00fcrlich sehr bequem und gro\u00dfer Quatsch.<\/li>\n<li>Verh\u00f6hnen von gesellschaftlichen Errungenschaften wie gutem Benehmen gegen\u00fcber Minderheiten (Political Correctness). Mir ist nicht ganz klar, was es unserer Gesellschaft bringen sollte, wenn man wieder von Kr\u00fcppeln, Tussis, Mongos, Schwuchteln, Knoblauchfressern oder Negern sprechen d\u00fcrfte. Das ist halt wie R\u00fclpsen und Furzen im Restaurant und die meisten von uns empfinden es ja durchaus als gesellschaftlichen Konsens, dieses zu unterlassen.<\/li>\n<li>Ver\u00e4chtlichmachung der Gleichberechtigung der Frau (Gender-Policy). Gleiche Geschichte. Kommt vor allem dann komisch, wenn man die Gleichberechtigung seit Jahrzehnten ganz oben auf der Agenda hat. Olle Macho-Witze haben aber meist ganz andere Ursachen (Kleinschwanztheorie).<\/li>\n<li>Einordnung von Umweltschutz als Verhandlungsmasse und Schwadronieren \u00fcber \u201enicht 100% sichere Forschungserkenntnisse\u201c bis auf Gr\u00f6nland die erste Palme w\u00e4chst und man \u00fcber ganz Schleswig-Holstein Kite-Surfen kann.<\/li>\n<li>Einstimmen in das \u201edas wird man doch noch sagen d\u00fcrfen\u201c \u2013 Mantra, auf das dann immer nur pure Stahlhelm-Rhetorik folgt.<\/li>\n<li>Grenzen schlie\u00dfen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das schleichende Gift der Ignoranz ist eben schleichend, denn sonst w\u00e4re es ja kein schleichendes Gift. H\u00e4ufig geht man ihm auch mal eben mit einem schlechten Witz auf den Leim, immer frei nach dem Motto: Lieber eine gesellschaftliche Errungenschaft aufs Spiel setzen, als einen h\u00f6hnischen Lacher verlieren. Dabei gibt es auch super Witze, die ohne Vorurteil auskommen. Wie zum Beispiel: \u201eIch kann auch ohne Alkohol fr\u00f6hlich sein.\u201c Gut. Das ist jetzt ein anderes Thema. Wo war ich? Ach ja:<\/p>\n<p>Klare Kante. Klare Haltung. Kein Anbiedern. Klare Abgrenzung. Kein verstehen wollen, wo es kein Verst\u00e4ndnis geben kann. Niemals \u2013 wirklich niemals \u2013 ein inhumanes Weltbild durch Meinungsfreiheit abgedeckt sehen. Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar. Punkt. Punkt!<\/p>\n<p>Keine Sorge dieser Welt rechtfertigt h\u00f6hnische Verachtung von Minderheiten.<\/p>\n<p>Keine Sorge dieser Welt rechtfertigt Hetze gegen Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Keine Sorge dieser Welt rechtfertigt pauschale religi\u00f6se Diskreditierungen.<\/p>\n<p>Keine Sorge dieser Welt rechtfertigt Einsch\u00fcchterung, Bedrohung oder gar Gewalt.<\/p>\n<p>Keine Sorge dieser Welt rechtfertigt es, eine Partei zu w\u00e4hlen, die Verh\u00f6hnung und geistige Brandstiftung zu ihrem Markenzeichen gemacht hat.<\/p>\n<p>Die Fehler wurden gemacht. In \u00d6sterreich koalierte erst die \u00d6VP mit der FP\u00d6, heute macht es auf L\u00e4nderebene sogar die SP\u00d6. Der Wahnsinn in Potenz. Gerne wird diese \u201eUmarmungsstrategie\u201c oder auch \u201eEntzauberungsstrategie\u201c als K\u00f6nigsweg zur Selbstdemontage totalit\u00e4rer Parteien bezeichnet. Und man muss anerkennend feststellen: Die Geschichte gibt dieser Theorie in beeindruckendem Ma\u00dfe zu 100% Unrecht. Da muss man nicht mal bis 33 zur\u00fcckblicken \u2013 aber man k\u00f6nnte es nat\u00fcrlich. Auch in j\u00fcngster Zeit hat das \u00fcberall \u00fcberhaupt nicht funktioniert, daf\u00fcr aber ordentliche Krater der demokratischen Verw\u00fcstung hinterlassen.<\/p>\n<p>Blickt man ins mehr oder minder Vereinigte K\u00f6nigreich, so haben dort die Tories so lange gegen Europa gewettert, bis sie die UKIP gro\u00dfgezogen, sich selbst gespalten und das Brexit-Movement ordentlich befeuert hatten. In Frankreich versuchen Sozialisten einen auf starken Mann zu machen und man kann nur sagen: Chapeau! Das klappt ja hervorragend.<\/p>\n<p>Also: Keinen Millimeter entgegenkommen und klar bleiben. Eigentlich nur das machen, wof\u00fcr das eigene Herz schl\u00e4gt. F\u00fcr Freiheit. F\u00fcr Demokratie. F\u00fcr Zusammenhalt. F\u00fcr Menschlichkeit. F\u00fcr Vielfalt. F\u00fcr Europa. F\u00fcr alles, was man eben unter einer modernen Gesellschaft versteht.<\/p>\n<p>Liebe Politiker aber auch Kommentatoren: Ihr m\u00fcsst der Mehrheit in Deutschland vertrauen. Der Mehrheit! Nicht der Minderheit nachlaufen. Wenn ihr euch aktuelle Umfragen anschaut, dann einfach mal den Taschenrechner rausholen und feststellen, dass man heute noch einen anderen Weg einschlagen kann, n\u00e4mlich den der Best\u00e4tigung der Mehrheit, auf dem richtigen Kurs zu sein. Das gilt f\u00fcr die Politik, aber das gilt auch f\u00fcr alle B\u00fcrger, die sich als Demokraten verstehen und nicht wollen, dass sich Vorurteile und Zwietracht in unserem Land ausbreiten.<\/p>\n<p>Wir sind die klare Mehrheit im Land. Wir d\u00fcrfen nicht nur Zuschauer sein. Ob im politischen Umfeld, an der Arbeitsst\u00e4tte oder auch im Bekanntenkreis. Nicht mal eben aus Bequemlichkeit wegh\u00f6ren oder gar gute Miene zum b\u00f6sen Spiel machen. Gegenhalten, widersprechen und wenn es gar nicht anders geht, dann eben auch den Konflikt aushalten. Es liegt nur an uns. Und an allen, die in CDU\/CSU, SPD, FDP, Gr\u00fcnen, Linken Verantwortung tragen.<\/p>\n<p>Ihr habt es mit in der Hand, ob ihr dem Stumpfsinn in Deutschland weiter Raum gebt oder klar und deutlich sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Dazu empfehle ich heute einen 2013er Groenekloof Shiraz von Neil Ellis. Denn ein bisschen Freude am Leben muss ja auch sein. Daf\u00fcr macht man das ja alles.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Umgang mit Rechtspopulisten empfehle ich heute einen Shiraz aus S\u00fcdafrika sowie einige weitere plausible Verhaltensoptionen. Zum Wohl! So nahe liegen Moderne und Vergangenheit beieinander, getrennt nur durch 31.000 Stimmen. Statt eines Rechtspopulisten bekommt \u00d6sterreich nun den ersten gr\u00fcnen Politiker als Pr\u00e4sidenten in Europa. 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