{"id":1454,"date":"2016-05-17T13:14:38","date_gmt":"2016-05-17T11:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=1454"},"modified":"2016-05-17T13:14:38","modified_gmt":"2016-05-17T11:14:38","slug":"im-vorwaertsgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/im-vorwaertsgang\/","title":{"rendered":"Im Vorw\u00e4rtsgang."},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Marktl\u00fccke \u201eResigniert, pessimistisch und miesepetrig\u201c ist in Deutschland schon perfekt besetzt. Und das ist gut so. Dann kann die SPD sich auf das konzentrieren, was sie am besten kann: Das soziale, weltoffene, moderne Deutschland. <\/strong>*<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne 150 Jahre alt werden. Nicht, weil ich mich f\u00fcr unersetzlich halte, sondern weil die Welt so unglaublich spannend ist, dass ich unbedingt sehen m\u00f6chte, wie das weitergeht. Vor ein paar Jahren, so mit vierzig, sah ich das noch anders und dachte: Na gut, was soll jetzt noch kommen? Reiten wir den Gaul eben noch ein paar Jahrzehnte ins Abendrot. Und dann kam pl\u00f6tzlich alles auf einmal. Ein schwarzer Pr\u00e4sident in den USA, Revolutionen und Konterrevolutionen im arabischen Fr\u00fchling, r\u00fcckw\u00e4rts-landende Raketen, der Durchbruch bei den Elektroautos (leider nicht bei uns, dank der Penner mit den Superboni), die Energiewende, technologische Fortschritte und geradezu unvorstellbare medizinische Durchbr\u00fcche (etwa bei HIV), Facebook, Twitter, die Fl\u00fcchtlingswelle und eine deutsche Bev\u00f6lkerung so menschlich und hilfsbereit, wie ich sie mir nicht h\u00e4tte ertr\u00e4umen k\u00f6nnen. In Deutschland, aber auch andernorts wird an der inklusiven Gesellschaft gearbeitet, die Menschen mit Behinderung nicht mehr ausgrenzt, sondern mitten im Leben am Lernen, Lieben, Arbeiten teilhaben l\u00e4sst. Zahlreiche menschenschindende Arbeitspl\u00e4tze werden durch neue, gesundheitlich weniger belastende ersetzt, die Arbeitslosigkeit sinkt immer weiter und die Zufriedenheit mit der pers\u00f6nlichen Situation erreicht in Deutschland neue Rekordwerte. Patchworkfamilien geh\u00f6ren zum Alltag wie schwule oder lesbische Paare und selbst verheiratete Heterosexuelle k\u00f6nnen unbehelligt ihr Leben fristen. Der Alltag in diesem Land war noch nie so international, weltoffen und aufgeschlossen wie heute.<\/p>\n<p>Nach vielen Studien, darunter auch der OECD, sind langfristig gerade jene Gesellschaften am lebenswertesten und erfolgreichsten, in denen sozialer Zusammenhalt, demokratische Teilhabe, Meinungsfreiheit und ein verl\u00e4sslicher Rechtsstaat stabil und dauerhaft verankert sind. Und wer h\u00e4tte vor 50, 40 oder auch 30 Jahren darauf gewettet, dass Deutschland heute weltweit zu den wenigen L\u00e4ndern geh\u00f6rt, die Sehnsuchtsorte f\u00fcr so viele Menschen auf der Welt geworden sind?<\/p>\n<p>Ich nicht unbedingt. Denn nichts davon ist in Deutschland selbstverst\u00e4ndlich. Keine Demokratie, keine Meinungsfreiheit, kein sozialer Zusammenhalt und schon gar kein verl\u00e4sslicher Rechtsstaat. Es war ein hartes St\u00fcck Arbeit, das moderne Deutschland zu schaffen. Und es wird ein hartes St\u00fcck Arbeit sein, das moderne Deutschland zu erhalten, auszubauen, besser zu machen, jeden Tag.<\/p>\n<p>Erwerbsbiographien ver\u00e4ndern sich rasend schnell. Junge Leute wechseln zwischen Selbst\u00e4ndigkeit, einem angestellten Verh\u00e4ltnis und dann wieder einer freiberuflichen T\u00e4tigkeit. Nicht (nur), weil sie m\u00fcssen \u2013 sondern viele auch, weil sie wollen. In jedem Fall brauchen wir jetzt schnell einen modernen Staat, der daf\u00fcr sorgt, dass unsere sozialen Sicherungssysteme \u2013 darunter auch die Rente \u2013 mit dieser Entwicklung Schritt halten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die digitale Infrastruktur wird entscheidend f\u00fcr die Zukunftschancen von St\u00e4dten und Regionen \u2013 ach was \u2013 L\u00e4ndern und Kontinenten sein. So wie Sigmar Gabriel es treffend formulierte: Wir brauchen das schnellste Internet vor allem dort, wo es zur Zeit die geringsten Aufstiegschancen gibt. In den Stadtteilen oder Landstrichen, in denen neue Chancen geschaffen werden m\u00fcssen. Und in den Schulen, in denen die Kinder nicht von zu Hause aus schon den Mac in den Ranzen gesteckt bekommen.<\/p>\n<p>Die alternde Gesellschaft wird auch noch ein gro\u00dfer Spa\u00df. Denn die meisten von uns werden nicht dement, sondern vor allem furchtbar gelangweilt vor der Herausforderung stehen, die 20 + x Jahre zwischen dem Rentenanfang und dem Lebensende rumzukriegen. Sex alleine kann es ja nicht sein. Also: Wie gestalten wir unsere St\u00e4dte und unser Zusammenleben dann? Wird, wie Minister Mike Groschek aus NRW das formuliert, die Nachbarschaft zur neuen Familie? Wenn die Kinder, wie so h\u00e4ufig schon der Fall, eben nicht mehr vor Ort sein k\u00f6nnen? Brauchen wir, wie Ministerpr\u00e4sidentin Malu Dreyer es schon vorlebt, sehr viel mehr moderne Wohnkonzepte? In jedem Fall m\u00fcssen wir uns dringend der Frage eines erf\u00fcllenden und langen Lebens im Alter stellen. Sonst bekommen besonders die alten M\u00e4nner schlechte Laune und w\u00e4hlen peinlichen Unfug. Fr\u00fcher half da noch eine Modelleisenbahn, aber ich f\u00fcrchte, so einfach ist das heute nicht mehr.<\/p>\n<p>Und dann gibt es noch ganz viele Fragen rund um die Kinderf\u00f6rderung zu kl\u00e4ren. Daf\u00fcr arbeitet Manuela Schwesig in ihrem Ministerium schon sehr konkret an neuen Modellen. Es ist doch in unserer Gesellschaft schon l\u00e4ngst selbstverst\u00e4ndlich, dass das Kindeswohl von Liebe, Zuneigung und F\u00f6rderung durch die Bezugspersonen abh\u00e4ngt und nicht davon, wer mit wem verheiratet ist oder nicht. Da trifft man doch \u00fcberall nur auf offene Ohren, au\u00dfer vielleicht bei den Superhardlinern in CDU\/CSU. Also anpacken, bitte.<\/p>\n<p>Der ganze Themenkomplex Arbeiten 4.0 ist ein zentrales und enorm spannendes Thema, das \u00fcbrigens Andrea Nahles mit einem sehr offenen und transparenten Prozess begleitet. (Und wer jetzt sagt: Kenn ich nicht! Dem sag ich: Dann geh halt auf die Website). Es wei\u00df doch auch heute schon jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer, dass die Welt sich in geradezu atemberaubendem Tempo dreht und nahezu jede Arbeit von der digitalen, globalen oder mindestens europ\u00e4ischen Entwicklung tangiert wird. Meistens \u00fcbrigens sehr positiv. Also keine Angst davor. Nicht den zum Teil schlimmen Arbeitspl\u00e4tzen der Vergangenheit und Gegenwart nachtrauern und das Gestern verteidigen. Nicht wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen, sondern die Zukunft der Arbeit gestalten. Die gro\u00dfe Herausforderung ist es, dieses soziale Deutschland zukunftssicher zu machen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Indikator f\u00fcr eine erfolgreiche und zufriedene Gesellschaft ist nat\u00fcrlich auch der Wunsch, dass es gerecht zugeht. Nicht nur rechtstaatlich \u2013 da sind wir ja ziemlich gut \u2013 sondern auch bez\u00fcglich einer nachvollziehbaren Verteilung von Leistung, Wohlstand und Rendite. Da sieht es schon nicht mehr so gut aus. So ziemlich niemand mit klarem Verstand fordert ja eine gleiche, leistungsunabh\u00e4ngige Verteilung \u2013 aber eben eine nachvollziehbare. Die ger\u00e4t nicht nur bei den Managergeh\u00e4ltern immer mal wieder aus dem Lot, sondern auch bei der langfristigen Verteilung und Anh\u00e4ufung von Wohlstand. Das ist ein Thema, das uns nicht loslassen wird und zu dem ich mir ein paar originellere Antworten als die bestehenden vorstellen kann.<\/p>\n<p>2015 ist f\u00fcr mich das Jahr, in dem ich endg\u00fcltig mein etwas angestaubtes Deutschlandbild korrigieren musste. F\u00fcr andere war es das Sommerm\u00e4rchen 2006, f\u00fcr mich ist es das Willkommenswunder 2015. Der hilfsbereite, bis heute andauernde, unsch\u00e4tzbare Einsatz von Hunderttausenden, die Spendenbereitschaft von Millionen Deutschen zeigt eine Zivilgesellschaft, wie ich sie mir kaum h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Wie erhalten wir diese positive Energie? Wie entstehen auch im Integrationsprozess neue Chancen f\u00fcr unsere Gesellschaft \u2013 und auch neue Arbeitspl\u00e4tze? Wie lenken wir auch Finanzmittel stabiler und berechenbarer in die sozialen Berufsfelder? Damit dort auch bei den Besch\u00e4ftigten Sicherheiten entstehen k\u00f6nnen, die heute leider oft fehlen. Ein Thema von dem ich wei\u00df, dass es besonders Hannelore Kraft umtreibt.<\/p>\n<p>Von vielen untersch\u00e4tzt in Zeiten der internationalen Migration ist auch die Binnenmigration in Deutschland. Also der Boom von Metropolen wie Berlin, M\u00fcnchen, Hamburg, D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln etc. Und die damit verbundene Abwanderung, \u00dcberalterung und auch der Preisverfall im l\u00e4ndlichen Raum. Das sorgt f\u00fcr Herausforderungen wie Preissteigerungen und Wohnungsknappheit in den St\u00e4dten. Instrumente wie die Mietpreisbremse oder auch die R\u00fcckumwandlung von Ferienwohnungen in Mietwohnungen, wie Michael M\u00fcller sie in Berlin vorantreibt, sind eine L\u00f6sung. Neue Chancen f\u00fcr l\u00e4ndliche Regionen, wie Malu Dreyer sie ausbaut, sind aber ebenfalls erforderlich, damit junge Leute dort eine Zukunft sehen. Denn die Chancen der digitalen Welt von \u00fcberall aus nutzen zu k\u00f6nnen, sind auch neue Chancen f\u00fcr ein gutes Leben und Arbeiten auf dem Land, das sich doch so viele w\u00fcnschen.<\/p>\n<p>Gerne w\u00fcrde ich 150 Jahre alt werden, um diese Entwicklung immer weiter begleiten zu k\u00f6nnen. Das wird mir nicht verg\u00f6nnt sein. Im Gegensatz zu meiner Partei, f\u00fcr die schon seit 150 Jahren die Zukunft keine Bedrohung ist, sondern eine gro\u00dfe Chance, die man anpacken und gestalten will. Das klappt nicht jeden Tag gleich gut, manchmal geht auch was daneben, aber auf lange Sicht ist das moderne \u2013 an so vielen Stellen sozialdemokratisch gepr\u00e4gte \u2013 Deutschland eine gro\u00dfartige Erfolgsgeschichte. Im internationalen Vergleich sogar eine richtige Sensation. Um die SPD muss man sich daher nicht sorgen, wenn sie so neugierig, optimistisch und zukunftsgewandt bleibt, wie die ersten 150 Jahre.<\/p>\n<p>Wer in der Zukunft nur eine Bedrohung sieht, wird im Gestern sterben. Wer die Zukunft als Chance betrachtet, wird sie gestalten wollen. Und das h\u00e4lt ewig jung, wach im Kopf und wirkt au\u00dferdem noch ansteckend attraktiv. Die Arbeit f\u00fcr das beste Deutschland aller Zeiten wird jedenfalls niemals ausgehen. Und mir f\u00e4llt keine Organisation ein, die f\u00fcr diese Aufgabe in ihrem ganzen gesellschaftlichen Umfang besser vorbereitet w\u00e4re, als die SPD. Daher jetzt bitte den Vorw\u00e4rtsgang einlegen und los geht&#8217;s. Das beste Deutschland liegt noch vor uns.<\/p>\n<p>* Dieser Beitrag erscheint in leicht modifizierter Form auf <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2016-05\/spd-wahlkampfberater-zukunft-sozialdemokratie\">ZEIT ONLINE<\/a> in der Serie \u201eMeine Idee f\u00fcr die Sozialdemokratie.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Marktl\u00fccke \u201eResigniert, pessimistisch und miesepetrig\u201c ist in Deutschland schon perfekt besetzt. Und das ist gut so. Dann kann die SPD sich auf das konzentrieren, was sie am besten kann: Das soziale, weltoffene, moderne Deutschland. * Ich w\u00fcrde gerne 150 Jahre alt werden. 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