{"id":1035,"date":"2015-06-04T11:20:48","date_gmt":"2015-06-04T09:20:48","guid":{"rendered":"http:\/\/frank-stauss.de\/?p=1035"},"modified":"2015-08-25T23:07:46","modified_gmt":"2015-08-25T21:07:46","slug":"liebe-in-zeiten-der-saarlandischen-inquisition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frank-stauss.de\/index.php\/liebe-in-zeiten-der-saarlandischen-inquisition\/","title":{"rendered":"Liebe in Zeiten der Saarl\u00e4ndischen Inquisition"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Folgen Sie mir auf eine pers\u00f6nliche Erfahrungsreise von Montevideo \u00fcber das K\u00f6nigreich Spanien, Berliner Hinterh\u00f6fe, die Windy City am Lake Michigan bis hin zum Mordor der Homo-Ehe: Saarbr\u00fccken.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Als mein Mann und ich vor jetzt auch schon wieder zwei Jahren im Souterrain der Botschaft des K\u00f6nigreichs Spanien am Berliner Tiergarten sa\u00dfen, ahnten wir nicht, dass wir diesen Ort in nur wenigen Minuten peinlich ber\u00fchrt und bis auf die Knochen blamiert wieder verlassen w\u00fcrden. Im Fu\u00dfballerjargon w\u00fcrde man sagen: Wir wurden deklassiert. Denn als wir dem zust\u00e4ndigen Konsul zur Beurkundung eines Vertrages unsere Lebenspartnerschaftsurkunde aush\u00e4ndigten, verstieg ich Trottel mich zu dem Kommentar: \u201eWir sind ja quasi verheiratet, aber bei uns hei\u00dft das Lebenspartnerschaft. Aber wir w\u00fcrden gerne gemeinsam beurkunden, ich hoffe, das geht bei Ihnen in Spanien.\u201c Der Konsul hatte kurz zuvor den Raum betreten und Aufgrund seines sehr konservativen \u00c4u\u00dferen, des dunklen Anzuges, der gegelten Haare, der Siegel, Orden, Ringe, B\u00e4nder um und an ihm und vermutlich auch des K\u00f6nigs an der Wand hinter ihm, war ich so hin und hergerissen gewesen, dass ich nicht wusste, ob ich zur Begr\u00fc\u00dfung salutieren, niederknieen oder drei Ave Maria beten sollte. Also hatte ich mich nur halb erhoben und war nach seiner abwehrenden Haltung wieder zur\u00fcck auf die S\u00fcnderbank geplumpst. Dieser Bilderbuch-Diplomat blickte mich nun also milde l\u00e4chelnd an und sagte: \u201eHerr Stauss, ich wei\u00df nat\u00fcrlich was das ist. Nat\u00fcrlich wird ihre Lebenspartnerschaft bei uns anerkannt. In Spanien hei\u00dft das Ehe und ist auch eine Ehe. Wir sind da, wenn Sie erlauben, etwas weiter als Ihr Land.\u201c<\/p>\n<p>Nach Beurkundung kroch ich besch\u00e4mt durch die Sicherheitsschleuse, zur\u00fcck aus dem Hoheitsgebiet dieses freien Landes in mein dunkles Deutschland. Als Werber dachte ich noch an einen Slogan: \u201eGay Marriage. Proudly presented by the homeland of the Spanish Inquistion.\u201c<\/p>\n<p>Die waren also schon weiter. Na gut. Wenig sp\u00e4ter las ich von der Einf\u00fchrung der Homoehe in Uruguay und kaufte mir einen Atlas. 71 von 92 Abgeordneten hatten dort im April 2013 f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Homoehe gestimmt und waren damit gleichgezogen mit dem Nachbarland Argentinien. Argentinien? 71 von 92? Und nun auch noch Irland. IRLAND?<\/p>\n<p>Jetzt bin ich wieder in Deutschland angelangt und h\u00f6re die Ministerpr\u00e4sidentin eines Bundeslandes in Bezug auf die Homoehe zu Protokoll geben: \u201eWenn wir diese Definition \u00f6ffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschlie\u00dfen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.\u201c Homoehe = Inzest = Polygamie.<\/p>\n<p>Das war es, denke ich auch, was die Mehrheit der Iren, die Abgeordneten in Uruguay, Spanien und vieler anderer L\u00e4ndern angetrieben hat: Sie wollten einfach, dass enge Verwandte sich \u00fcber ihre enge Verwandtschaft hinaus ehelichen k\u00f6nnen und am besten nicht nur der Bruder die Schwester, sondern der Bruder gleich zwei \u2013 ach was \u2013 alle drei Schwestern! Das hatte der Ire doch im Sinn!<\/p>\n<p>Wenn man das Trauerspiel schon ein Weilchen mitmacht, h\u00e4rtet man naturgem\u00e4\u00df etwas ab. Da kann man auch mit der Analyse einer durchgeknallten Ratgeberin im Westfalen-Blatt leben, die einem Vater r\u00e4t, seine Kinder von der Hochzeit seines eigenen Bruders fern zu halten. \u201eSagen Sie Ihrem Bruder, dass Ihre Kinder an der Feier nicht teilnehmen, weil Sie nicht m\u00f6chten, dass die Kinder verwirrt werden\u201c. Das h\u00e4tten wir auch ber\u00fccksichtigen sollen. Als meine Schwester und mein Schwager die damals 9 und 11-j\u00e4hrigen Kinder mit zu unserer Hochzeit brachten, musste man davon ausgehen, dass sie nachhaltig davon verwirrt w\u00fcrden. Heute leben beide ihre Heterosexualit\u00e4t offen aus und wir k\u00f6nnen nichts mehr dagegen tun.<\/p>\n<p>Man nimmt, wie gesagt, so einiges mit. Am liebsten ist mir immer noch die \u201eVorbildsvariante\u201c. Also die These: wenn die Kinder sehen, dass Schwule und Lesben einfach so gut zusammenleben k\u00f6nnen, dann werden alle schwul und lesbisch. Ja sicher, das macht ja Sinn. Und bedeutet im Umkehrschluss? Dass die, die heute schon schwul und lesbisch sind, sich eines Tages dazu entschlossen haben, weil es so super ist, zu einer Minderheit zu geh\u00f6ren? Weil es schon immer Spa\u00df machte, sich das saudumme Gequatsche vom Nachbartisch oder aus der Staatskanzlei des Saarlandes oder direkt von der Kanzlerin in einer TV-Debatte anzuh\u00f6ren?<\/p>\n<p>Gefolgt von der \u201eVorbildsvariante\u201c kommt auf Platz zwei die \u201eToleranzvariante\u201c. Diese lautet: \u201eDie k\u00f6nnen doch machen was sie wollen, so lange sie es nicht nach au\u00dfen tragen. Was im Schlafzimmer passiert geht schlie\u00dflich keinen was an.\u201c Die Ehe dieser Leute spielt sich also nur im Schlafzimmer ab. Kein Ku\u00df auf dem Bahnsteig, kein gemeinsames Abendessen bei Kerzenschein beim Italiener, kein gemeinsamer Besuch bei Freunden, kein Tasten nach der Hand des Partners im Kino, keine Reisen, keine Sorge um den Partner, wenn es ihm nicht gut geht, keine gemeinsamen Kinder, keine gemeinsame Wohnung \u2013 nur st\u00e4ndiger, hei\u00dfer, animalischer Sex. Ehe und Partnerschaft so eng auf das Schlafzimmer zu reduzieren, wird vielen von uns Schwulen den Neid ins Gesicht treiben. Aber gut, wir sind ja tolerant. Und offenbar auch noch hoffnungslos romantisch.<\/p>\n<p>Den Spa\u00df verlieren kann man nat\u00fcrlich beim Thema Kinder. Besagte Ministerpr\u00e4sidentin kommt zu dem Schluss \u201eSeit Jahren hei\u00dft es, dass f\u00fcr die Entwicklung von Kindern Vater und Mutter die beste Konstellation ist.\u201c Tja. Kann sein. Und? Hei\u00dft das, dass alle anderen Varianten ins Unheil f\u00fchren? Was bedeutet das f\u00fcr Alleinerziehende? Eine Zwangsehe? Werden im Saarland bald alleinerziehende M\u00fctter und alleinerziehende V\u00e4ter willk\u00fcrlich verehelicht? Seit Jahren werben \u00fcbrigens viele Bundesl\u00e4nder sogar in Plakatkampagnen um schwule Pflegeeltern. In Deutschland werden im Jahr etwa 40.000 Kinder von den Jugend\u00e4mtern aus ihren Familien geholt. Wir k\u00f6nnen einmal davon ausgehen: diese Familien bestehen aus Vater und Mutter. Scheint ja nicht so doll zu laufen in diesen konkreten F\u00e4llen. Aber wohl nach Ansicht der Ministerpr\u00e4sidentin immer noch besser, als wenn zwei M\u00e4nner oder zwei Frauen sich um die verwahrlosten Kinder k\u00fcmmern w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir haben in unserem Freundeskreis drei schwule Paare mit Kindern und selbst eine Pflegepatenschaft f\u00fcr zwei Kinder. Soweit ich das beurteilen kann, f\u00fchlen sich alle Beteiligten sehr, sehr wohl. Unsere Freunde aus Amerika durften nat\u00fcrlich voll adoptieren. Das Paar in Chicago hat ein mittlerweile 12-J\u00e4hriges M\u00e4dchen noch als Baby adoptiert. Die Mutter, die ihr Kind aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden zur Adoption frei gab, hat meine Freunde aus dem Angebot mehrerer Adoptionswilliger mit den Worten ausgesucht: \u201eDie beiden freuen sich bestimmt am meisten \u00fcber meine Tochter.\u201c Ob sich andere nicht genauso gefreut h\u00e4tten, m\u00f6chte ich gar nicht beurteilen, aber auf jeden Fall hat die Kleine es sehr, sehr gut getroffen. Und hier kommt das n\u00e4chste Argument ins Spiel: der Doppelte Vorurteilsrittberger mit R\u00fcckw\u00e4rtssalto: \u201eJa, jetzt geht es den Kindern noch gut. Aber wenn sie in die Schule kommen, dann werden sie gemobbt, weil sie zwei M\u00e4nner als Vater haben.\u201c Nun, in der Schule werden viele gemobbt. Und Schuld sind dann also die Eltern der Mobbingopfer. Weil sie ihr rothaariges Kind in die Schule lassen, oder ihr kleines Mathegenie, oder das schwarze M\u00e4dchen. Oder sind nicht eher die Eltern der Mobber daf\u00fcr verantwortlich, dass ihre Kinder andere Mobben? Mit den Vorurteilen, die sie zu Hause vorserviert bekommen? Von besagten Kindern unserer schwulen Freunde sind jetzt schon einige in der Schule und alles l\u00e4uft v\u00f6llig normal. Wie so oft handelt es sich also auch hier um das eigene Vorurteil, aus dem man dann ein abstraktes \u201eKindeswohl\u201c macht. Ebenso perfide wie durchschaubar und eines einigerma\u00dfen gebildeten Menschen unw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Auch in unserer Reihenhaussiedlung ist nun bekannt, dass unsere Jungs seit drei Jahren regelm\u00e4\u00dfig bei uns sind. Mit dem Effekt, dass die Nachbarn nun auch ihre Kinder bei uns zwischenparken, um mal in Ruhe einkaufen zu k\u00f6nnen. Oder einfach nur, um in Ruhe Ruhe zu haben. Als mein Mann und ich vor kurzem vor die T\u00fcre traten fragte ein neues Nachbarkind: \u201eWohnt ihr beiden denn zusammen in dem Haus?\u201c. Bevor wir antworten konnten rief eine F\u00fcnfj\u00e4hrige: \u201eDas sind doch Daniel und Frank. Die sind doch verheiratet.\u201c Es k\u00f6nnte so einfach sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Folgen Sie mir auf eine pers\u00f6nliche Erfahrungsreise von Montevideo \u00fcber das K\u00f6nigreich Spanien, Berliner Hinterh\u00f6fe, die Windy City am Lake Michigan bis hin zum Mordor der Homo-Ehe: Saarbr\u00fccken. 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