Das TV-Duell – Hinter den Kulissen.

Am Sonntag steht mal wieder das große TV-Duell an. Was in den Wahlkampfzentralen hinter den Kulissen abgeht, habe ich – natürlich als subjektive Chronik der Ereignisse – in meinem Buch veröffentlicht. Es geht um das TV-Duell 2005 zwischen der damaligen Herausforderin Angela Merkel und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Nach dem TV-Duell, das am 4.9.2005 stattfand, fielen CDU/CSU in übereinstimmenden Umfragen von ARD und ZDF von 43% vor dem Duell auf 35,2% am Wahltag, dem 18.9.2005. Die SPD stieg von 32% auf 34,2%. Kommen uns auch heute noch manche Dinge bekannt vor? Lesen Sie selbst.

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Auszug aus: „Höllenritt Wahlkampf – Ein Insider Bericht“. Aktualisierte und überarbeitete 3. Auflage, dtv 2017, Seite 169 ff:

Freitag, 2. September, Willy-Brandt-Haus
Vorbereitung TV-Duell Merkel vs. Schröder

Am Sonntag findet das einzige TV-Duell zwischen Frau Merkel und dem Kanzler statt. Schröder wollte drei, Merkel keines, jetzt ist es eines. Sie hat wohl einen Heidenrespekt.

Bundesgeschäftsführer Kajo Wasserhövel hat eine Runde geladen, um unsere Aktivitäten vorzubereiten. Live-Kommentierung im Internet, Sonderflugblätter, die noch in der Nacht gedruckt und am Morgen in aller Frühe verteilt werden, ein Sondernewsletter, der ein paar Minuten vor Ende der Debatte bereits an die Multiplikatoren geht, damit sie wissen, wie die offizielle Sprachregelung lautet.

Dann sitzen wir noch zusammen und grübeln, was man Schröder mit in die Debatte geben kann. Wir diskutieren auch, ob man aus der Überflutung nach dem Hurricane in New Orleans etwas ableiten kann. Führt nicht ein unterfinanzierter Staat mit mangelnder Infrastruktur, löchrigen Dämmen und starken sozialen Verwerfungen dazu, dass am Ende die Armen und Schwachen auf den Dächern sitzen oder ertrinken, während die Reichen und Schönen sich längst in Sicherheit bringen konnten? Ist nicht auch das ein Ergebnis von Flat-Tax a la Bush und Kirchhof? *(Prof. Paul Kirchhof gehörte 2005 zum „Kompetenzteam“ Angela Merkels und wurde durch seine umstrittenen steuerpolitischen Vorschläge zu einem zentralen Wahlkampfthema der letzten Wochen.)

Ziemlich heißes Eisen. Vielleicht bekommen es die Menschen in den Köpfen auch zusammen, ohne dass man sie direkt drauf stößt.

Ansonsten läuft in den Medien das übliche Spielchen: Schröder, der „Medienkanzler“ als Vollprofi gegen das arme kleine Mädchen aus dem Osten, das plötzlich keinen Satz mehr geradeaus sprechen kann. Leute, die Frau hat Kohl und Schäuble erledigt – harmlos ist was anderes. Sie kann eigentlich nur gewinnen, weil keiner etwas erwartet und sie natürlich vernünftig sprechen kann.

Das Duell ist Chance und Risiko, aber für den Amtsinhaber immer das größere Risiko.

Sonntag, 4. September, Berlin-Adlershof/Kampa im Willy-Brandt-Haus. TV-Duell Merkel/Schröder

Guten Morgen, heute ist TV-Duell. Zum Frühstück titelt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Die Reichen profitieren am meisten von Kirchhofs 25 Prozent Einheitssteuersatz.“

Na, so kann der Tag gerne weitergehen.

Das Format für das Duell ist in den Verhandlungen der beiden Parteien und der Sender nicht unbedingt flexibler geworden. Vier Interviewer, 90 Minuten. Strikte Themenvorgabe, kaum Chancen für einen direkten Schlagabtausch. Aber: Live-Übertragung in Deutschlands vier größten TV-Sendern, die auch die Moderatoren stellen: ARD (Sabine Christiansen), ZDF (Maybritt Illner), RTL (Peter Kloeppel), SAT1 (Thomas Kausch).

Gesendet wird aus dem Studio Berlin-Adlershof. Wir teilen uns auf, denn Adlershof ist zu weit draußen, um nach der Debatte schnell wieder in der Kampa zu sein. Kajo, das Presseteam um Parteisprecher Lars Kühn, der Parteivorsitzende Franz Müntefering und einige Minister gehen ins Sendezentrum, um danach vor den Journalisten Gerhard Schröder zum klaren Sieger auszurufen. Natürlich unabhängig davon, wie es tatsächlich ausgegangen ist. Das macht die Gegenseite ebenso.

Vor Ort stoßen sie auf die handelsüblichen „Experten“ für Körperhaltung, Blickrichtung, Schweißentwicklung, Versprecher, „Äh“-Zählungen und so weiter und so fort, von denen niemand weiß, woher sie eigentlich kommen und was sie in den vier Jahren zwischen TV-Duellen so treiben.

Und schließlich sind da noch die „unabhängigen“ Journalisten von denen jeder seine festgefügte Meinung hat und diese auch mit mehr oder weniger Geschick als „neutrale Feststellung“ unterbringen möchte. Neutral gibt man sich zum Beispiel mit einem kurzen, gerne vergifteten Lob an seinen persönlichen Gegner und einer harmlosen Kritik an dem Favoriten, bevor man dann massiv dreht. Zum Beispiel: „Schröder macht einen außergewöhnlich frischen Eindruck, während Merkel doch etwas überkonzentriert wirkte. Im Duell selbst war sie aber klar faktensicherer, sachlicher – und obwohl ich das im Vorfeld für unmöglich gehalten habe, hat sie das Duell klar gewonnen.“ Klingt also objektiv, stand aber schon vor dem Duell fest.

Es ist eine große Show und alle, einschließlich der Zuschauer wissen das.

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Wirklich zittern müssen wir nur vor den Blitzumfragen, die etwa 15-20 Minuten nach Debattenende von allen vier Sendern veröffentlich werden. Denn das sind dann die harten Fakten, an denen keiner mehr vorbeikommt.

Auch unser Flugblatt nicht. Es liegen daher drei Headlines bereit:

  • Klarer Sieg für Schröder! – bei einem klaren Sieg.
  • Schröder gewinnt TV-Debatte! – bei einem kleinen Vorsprung
  • Schröder überzeugt in TV-Duell: Deutschland muss sozial bleiben! – bei einer Niederlage.

Die Headlines kann man je nach Verlauf auch noch variieren. Die vorbereiteten Layouts lassen Platz für die Umfrageergebnisse (bei guten Umfragen) oder auch nicht. 80 Prozent des Textes steht, 20 Prozent sind flexibel.

Das Team vom Faktencheck und mehrere Experten stehen für die Kampa bereit, um umstrittene Fakten oder Behauptungen von Merkel zu überprüfen und unsere Kommentatoren in Adlershof mit Argumenten zu versorgen. Diese können sie noch während der Debatte an die Journalisten weitergeben oder im Anschluss in den Statements nutzen („Übrigens war Frau Merkel sehr unsicher bei den Fakten zum Beispiel …“)

Um 19:00 sind alle auf ihrem Posten, die Spannung steigt, 20:00 Tagesschau, langwieriges Intro, erste Kommentare fürs Netz und los geht’s mit der Debatte um 20:30.

Über die Etage hinweg stehen überall Monitore. Ich tigere hin und her, da mich TV-Duelle immer wahnsinnig nervös machen. Von anderen Menschen habe ich gehört, dass ihnen das bei Fußballspielen so gehen soll. Völlig unverständlich, die ticken wohl nicht richtig.

Die Eröffnungen sind ein bisschen steif auf beiden Seiten und obwohl wir es mit Vollprofis zu tun haben, spürt man bei beiden durchaus Nervosität. Schröder verhaspelt sich immer mal wieder. Aber wenn man ehrlich ist, tut er das eigentlich auch sonst ziemlich oft. Zweimal platziert Schröder den Irak-Krieg und auch Hurrikan Katrina kommt ins Spiel, weil danach gefragt wird. Hier hat Schröder die Chance, das Krisenmanagement des ungeliebten George W anzugreifen – und sein eigens bei der Oderflut abzurufen. Kirchhof bestimmt 30 von 90 Minuten. Stärkster Satz vom Chef: „Man kann nicht ein Volk zum Versuchskaninchen von Herrn Kirchhof machen.“ Die Pendlerpauschale und die Krankenschwester bringt er auch unter. Merkel alles in allem auch souverän. Es gibt keinen Fallout auf beiden Seiten.

Aber einen Höhepunkt. Doris Schröder-Köpf hatte in einem Interview betont, dass es nicht „Merkels Welt“ sei, die Bedürfnisse von berufstätigen Müttern zu verstehen und damit indirekt auf die Kinderlosigkeit der Kanzlerin hingewiesen. Darauf angesprochen sagte Schröder: „Meine Frau sagt, was sie lebt, und lebt, was sie sagt … und das ist nicht zuletzt der Grund, warum ich sie liebe.“

Liebe? Liebe ist ein sehr seltenes Wort in TV-Duellen. Zumindest in Deutschland. Ein Raunen geht durch die Kampa. Damit wissen auch wir nichts anzufangen. Ist das gut, ist das schlecht … ist das zu dicke?

Die Schlussstatements laufen, aber alle reden nur noch von Liebe. Mit flauem Gefühl im Magen hauen wir unsere Headlines, Faktenchecks und Flugblätter raus. Die News aus Adlershof sind nicht gut. Die Journalisten sitzen auf einem Haufen im Pressesaal und da entwickelt sich rasch eine zynische Eigendynamik, die nicht viel mit dem Eindruck der Zuschauer vor der Glotze zu tun hat. Bei „Liebe“ ging wohl ein höhnisches Gelächter durch den Saal und alle bestätigen sich gegenseitig, dass das zu viel war.

Die Rückmeldungen aus dem Presseteam lassen befürchten, dass die Abgesänge auf Schröder schon fertig sind, da Merkel sich tapfer geschlagen habe und nicht mit einem Wendepunkt der Kampagne zu rechnen sei.

Wo bleiben die Umfragen?
15 Minuten können unendlich lange sein.

Die ersten Spin-Doktoren sind schon auf Sendung und erklären Merkel zur Siegerin, da sie klar die Erwartungen übertroffen habe.

Wo bleiben die Zahlen?

Ich fühle, dass wir keinen tödlichen Punch gelandet haben, aber wir werden doch bitte, bitte vorne liegen? Unsicherheit und ein bisschen Verzweiflung macht sich in der Kampa breit. Wir alle wissen: wenn es heute nicht zum Durchbruch reicht, dann kommt keiner mehr.

Wo bleiben die Zahlen?

Die Zahlen kommen.

Wer hat Ihrer Meinung nach das TV-Duell gewonnen?

Forsa für RTL:
Merkel: 21 Prozent, Schröder: 54 Prozent
Forschungsgruppe/ZDF:
Merkel: 28 Prozent, Schröder: 48 Prozent
Emnid für SAT 1:
Merkel: 32 Prozent, Schröder: 52 Prozent
Infratest für ARD:
Merkel: 33 Prozent, Schröder: 49 Prozent

Wow! Zwischen 33 und 16 Prozentpunkten Vorsprung. Alle vier Institute haben einen klaren Sieger und der heißt: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Was für eine Erleichterung. Was für ein Jubel. Und was für ein Kopfschütteln bei den Journalisten. Das hatte keiner auf der Rechnung – und ich auch nicht.

Siegestrunken und hochmotiviert hauen wir weiter unsere Sachen raus. Kajo kommt und schimpft einmal laut, weil die Daten für einen Newsletter zu fett sind und nicht durchgehen. Aber als das Problem gelöst ist, kann auch der BGF entspannen.

Das war ein guter Tag.

In 14 Tagen um diese Zeit ist schon alles gelaufen.

Dies war ein Auszug aus: „Höllenritt Wahlkampf – Ein Insider Bericht“. Aktualisierte und überarbeitete 3. Auflage, dtv 2017:

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Der Wähler hat seinen eigenen Kopf

Hat Martin Schulz noch eine Chance? Kann die Dieselkrise Auswirkungen auf diesen Wahlkampf haben? Welchen Einfluß haben die Medien und was eigentlich macht Angela Merkel? Mit Ina Böttcher habe ich hierzu für die Tagesschau ein längeres Gespräch geführt.

Zur ARD Mediathek geht es hier:

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Both Ends Burning: Die Union in der Strategiefalle.

In Kalenderwoche 7 PM (Post Martin), kann man das Wort „Hype“ langsam aus dem Wortschatz streichen. Aber völlig zu Recht fragen sich viele politische Beobachter: Wo ist die Idee, wo ist das Konzept, wo ein mobilisierendes Thema, wo der Hauch einer Vision – bei Angela Merkel und der Union?

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Ein kurzer aktueller Zwischenstand anhand der Daten von wahlrecht.de vorab: Mitte Januar 2017 AM (Ante Martin) notierte die SPD bei Infratest, Forschungsgruppe, Emnid, Forsa bei 20 – 21%, die Union bei 36-38%. Das war im niedrigsten Fall eine Differenz von 15% zwischen SPD und Union. Anfang März 2017 PM liegt die SPD bei 30-32, die Union bei 31-34%. Die Differenz für die SPD beträgt im schlechtesten Fall -4%, im besten hat sie sogar einen Vorsprung von +1%.

Zur Erinnerung: Am Wahltag 2013 lag die Union am Ende 15,8% vor der SPD (41,5 : 25,7). Und im März 2013 – also heute vor 4 Jahren in etwa gleichem Abstand zur Bundestagswahl 2013 – betrug der geringste Abstand der SPD zur Union 13% (FGW), der höchste 16% (Forsa). Das ist die Ausganglage.

Viele fragen sich, wie ein Mann alleine das schaffen konnte. Die Frage ist allerdings schon falsch. Es waren ja zwei. Einer der ging und einer der kam. Und der, der kam, dominiert seither mit von ihm gesetzten Themen die politische Debatte im Land. Wie aus dem Lehrbuch für politische Kommunikation.

Ob es um Respekt vor der Arbeits- und Lebensleistung der Menschen geht, um die Defizite bei der Polizei durch den Sparkurs des Bundesfinanzministers, um Unwuchten bei der Vergütung von Vorständen oder um die Entgeltgleichheit für Frau und Mann: Alle steigen munter ein, freuen sich, regen sich auf, diskutieren und debattieren. Endlich redet man in Deutschland wieder über Innenpolitik. Was – und das ist ja der Treppenwitz an der Geschichte – laut Medienvertretern die eigentliche Schwachstelle des Kandidaten sein sollte. Das ist aber nicht so. Innenpolitik, Sozialpolitik, Gesellschaftspolitik, Beschäftigungspolitik, Infrastrukturpolitik – all das sind nicht die Schwachstellen von Martin Schulz. Es sind die Schwachstellen von Angela Merkel.

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Die Verteidigungslinie der Union, Teil 1: Flucht ins Braune.

Nun fährt die Union seit einigen Wochen niveauvolle Attacken gegen Schulz wie zum Beispiel „Keine Ahnung“ (Gröhe), „Quacksalber“ (Hasselfeldt), „Schizo-Schulz“ (Scheuer) „Mogelpackung“ (Seehofer, of all people..) usw. Als Tiefpunkt des bereits jetzt niedrigen Niveaus zitiere ich aus der Berliner Zeitung vom 26.2.2017 den ehemaligen Spitzenkandidaten der CDU Mecklenburg Vorpommern mit seinem Parteitags-Rant – ausgerechnet auf dem Nominierungsparteitag der Angela Merkel auf Platz 1 der Landesliste wählte:

„Landeschef Caffier bezeichnet Schulz als „Gurkenvermesser aus Brüssel“ und als „Funktionär, der wie kein anderer für das verkrustete, bürokratische Europa steht“. Er erwähnt Gelder, die Schulz zusätzlich zu seinem Gehalt als EU-Parlamentspräsident erhalten haben soll. Er ruft: „Schluss damit, dass wir uns von den Asylbetrügern an der Nase herumführen lassen.“ Er wettert gegen „linke Moralapostel“, die Minderheiten mehr schützten als Mehrheiten und beschwert sich, man müsse sich „nicht entschuldigen, seit 30 Jahren mit der gleichen Partnerin zusammenzuleben“.

Brauner bekommt es auch Bernd Höcke nicht hin. Wer wundert sich da, dass die AfD in Meck Pomm vor der CDU liegt, wenn man doch das Original wählen kann. Vor allem aber wundert man sich: Wenn das die Union im Februar/März ist, was will sie dann eigentlich im August/September bringen? Den Güllewagen direkt ins Willy-Brandt-Haus?

Schauen wir einmal an, was an dieser Rede alles taktisch falsch ist:

  1. Klassisches EU-Bashing mit dem alten Gassenhauer der Gurkenkrümmungstheorie. Und das von der Europa-Partei CDU. Und das, obwohl nach Trump laut Politbarometer des ZDF 88% der Deutschen ein geeintes Europa als bestes Gegenmittel gegen Populisten sehen. Darunter sogar eine Mehrheit der AfD Sympathisanten. Nun gut, die sind halt eh etwas verwirrt. Aber was die CDU mit EU-Bashing gewinnen soll… ein Rätsel.
  2. Gelder. Aha. Ein EU-Parlamentspräsident wird bezahlt. Im Gegensatz zu einem CDU-Parlamentarier? Besonders lustig ist es natürlich, den Vorwurf angesichts einer CDU-Vorsitzenden zu erheben, die nur deshalb Vorsitzende wurde, weil Kohl und Schäuble mit schwarzen Kassen jonglierten. Aber der eigentliche Punkt ist: Wenn Elitenbashing von den Eliten betrieben wird, zahlt das auf ein Konto ein: auf das der Populisten.
  3. Asylbetrüger, an der Nase herumgeführt etc, etc. Was solch eine tumbe Semantik auf einem CDU-Parteitag angesichts „unserer Flüchtlingskanzlerin“ zu suchen hat? Man weiß es nicht…. Strategisch gesehen: Schön das Spotlight auf das eigene Problem gesetzt, schön das Salz in die eigene Wunde gestreut.
  4. Linke Moralapostel, die Minderheiten mehr schützen als Mehrheiten. Das ist natürlich grundgesetztechnisch gesehen systemrelevant. Minderheiten brauchen ja deshalb Schutz, weil das Wort „Minder“ beinhaltet, dass es weniger sind als die anderen. Das hat nicht mit Links sondern mit Logik und dem Grundgesetz zu tun. Und strategisch gesehen: eine breite Mehrheit in Deutschland befürwortet den Schutz von Minderheiten einschließlich der CDU, übrigens.
  5. Finally on Top: „Man muss sich entschuldigen, wenn man seit 30 Jahren mit der gleichen Partnerin zusammen ist.“ Nun, das ist natürlich eine Ermessenfrage. Aber was eigentlich gesagt werden soll, ist: „Wilde Ehen“ oder, Gott bewahre, „Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften“ würden der Ehe gegenüber bevorzugt. Sie werden es natürlich nicht. Sie werden der Ehe gegenüber benachteiligt. Aber strategisch gesehen ist auch das für die Union ein großer Schritt weiter in Richtung eines tiefen Loches. Selbst im kleinsten Dorf kennt man Scheidungen, unverheiratete Paare, Familien, in denen ein Partner Kinder aus einer früheren Partnerschaft einbringt und sogar schwule und lesbische Paare sind mittlerer Weile in nahezu jeder weiteren Verwandtschaft zu finden. Kurzum: Das ist Deutschland 2017 und daraus kann absolut niemand Kapital schlagen.

Warum gebe ich diesem Zitat so viel Raum? Weil es die ganze Bandbreite des Dilemmas der Union aufzeigt.

Diese Redesegmente hält Caffier angesichts der Kanzlerin, die in fast allen Punkten eine entgegengesetzte Meinung vertritt… und er merkt es nicht einmal! Die nervösen Rechtsausleger der Union sind von der Merkel-CDU um Meilen weiter entfernt als jede Strömung innerhalb der SPD von der anderen. Und die Wählerinnen und Wähler merken das natürlich. Noch mehr Reden dieser Art von renommierteren CDU-Repräsentanten und die Union hat die „2“ vorne.

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It’s not the economy, stupid!

Wenn das alles ist, ja wenn das wirklich alles ist, was sie zu bieten hat, dann wird die Union im September das Kanzleramt räumen müssen. Was bisher kam, ist jedenfalls absolut nichts wert. Auch nicht die Flankierung durch die alten Buddies von der „Initiative für Soziale Marktwirtschaft“ oder die gerne ins Feld geführten „Wirtschaftsexperten“ werden helfen, denn sie sind im Wahljahr 2017 vor allem eines: völlig irrelevant.

Das ist es, was viele Politiker aber auch viele Journalisten nicht verstehen: Es geht 2017 nicht um Wirtschaftskompetenz. Es geht um Soziale Kompetenz. Und zwar nicht im Sinne von Sozialpolitik, sondern im Sinne von Zusammenhalt, Zusammenleben, gegenseitigem Respekt. Es geht darum, wem man am ehesten zutraut, eine moderne Gesellschaft so weit als möglich gerecht und friedlich zu gestalten. Aber auch für sie mit Leidenschaft zu streiten, zu kämpfen und sie notfalls auch zu verteidigen gegen rechte Antidemokraten. Das ist das Spielfeld 2017. Und auf diesem Feld wird die Union völlig auf dem falschen Fuß erwischt.

Verteidigungslinie 2: Frau Merkel als internationaler Tranquilizer.

Die zweite Verteidigungslinie der Union lautet: Zwischen Putin, Erdogan und Trump, Brexit, Terror und Granaten haben wir unsere Angela Merkel, die ruhig und ausgeglichen, mit Augenmaß, Güte aber auch bei Bedarf mit harter Hand die Weltgeschicke für uns kleine Menschen in unserem Interesse lenkt. Nein, ich habe diesen weihevollen Ton nicht erfunden, er stammt auch wieder von der Union selbst: „Angela hilf uns – wir sind von verrückten Staatenlenkern umgeben.“ (Caffier), „Angela Merkel genießt in Europa und der ganzen Welt höchste Anerkennung… sie ist gleichermaßen Managerin wie Vordenkerin“ (Hasselfeldt).

Das also wäre die zweite Verteidigungslinie. Sie geht davon aus, dass die Menschen sich pudelwohl dabei fühlen, von einer offensichtlich sehr, sehr müden und von zahlreichen ungelösten Konflikten zermürbten Kanzlerin durch die aktuellen Stürme der Weltgeschichte gesteuert zu werden. Was aber, wenn sie im Cockpit endgültig einschläft? Oder wenn ihr der Seehofer wieder das Höhenruder absägt? Was, wenn die Menschen denken, man bräuchte gerade jetzt einen kraftvollen Kanzler? Einen mit frischem Schwung, der dennoch auf dem internationalen Parkett erfahren ist? Dann wird auch diese letzte, mit etwas gutem Willen „inhaltlich“ zu nennende Verteidigungslinie zerbröseln und das Hinterland schutzlos der Eroberung freigeben.

Ich kann mich täuschen, aber aus meiner Sicht steht die Union völlig nackt da. Merkel zieht nicht mehr, es gibt keine strategische Linie, es gibt keinen programmatischen Input, keine einzige Idee und selbst die Schwerpunkte „Innere Sicherheit“ und „Flüchtlinge“ ziehen nicht. Denn schließlich wird Merkel immer die Kanzlerin sein, die die Grenzen überhaupt erst geöffnet hat. Aus meiner persönlichen Sicht völlig zu Recht. Aber aus Sicht der Wähler, die ihr rechter Hand fehlen, nicht. Ich kann mir auch vorstellen, dass das Thema Innere Sicherheit am Wahltag so gut wie gar keine Rolle mehr spielen wird. Dafür bräuchte es eine Katastrophe, die sich einerseits niemand wünscht, andererseits auch der Union nicht zwingend etwas bringen würde. Denn was ich aus unseren Fokusgruppen heraushöre, geht eher in die Richtung: „Das ist zwar nicht schön mit dem Terror, aber am Ende hat auch keiner die absolute Lösung dagegen. Nicht in Paris, nicht in London, Brüssel, Berlin oder sonstwo.“ Ergo auch nicht bei Union oder SPD.

Der Union bleibt nur eines: Schulz persönlich vernichten. Mit aller Macht und allen schmutzigen Tricks. Allerdings wird eine durch den US-Wahlkampf extrem sensible Öffentlichkeit gerade darauf achten und im Zweifel massiv gegensteuern. Das weiß Merkel und deshalb versucht sie auch noch, die Hunde an der Leine zu halten und auf Zeit zu spielen. Aber Merkel 2017 ist nicht mehr Merkel 2013. Verfestigt sich der Eindruck weiter, dass sie nicht mehr zieht, hat sie auch keine Macht mehr über die Bluthunde.

Dann werden sie weiter im Kampf gegen den Abschied von der Macht wild um sich schlagen. Doch genau das legt offen, was der Union fehlt: Eine einzige, winzige Idee davon, warum man für die Union sein sollte und nicht nur gegen die anderen.
Die Hütte brennt lichterloh.

 

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Pfusch im Adenauer-Haus.

Unkoordiniert, überzogen, schädlich für die Kanzlerin – die ersten Reaktionen aus der CDU-Zentrale auf den Höhenflug der SPD lassen an der Kampagnenfähigkeit der Union zweifeln.

In der neuen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF liegt die Union in der politischen Stimmung 10 Prozentpunkte hinter der SPD (32% : 42%). Die SPD erreicht den höchsten Wert seit 15 Jahren. Martin Schulz liegt in der K-Frage 11% vor Angela Merkel (38% : 49%). Natürlich war es eine gute Woche für die SPD, denn erst zum dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde ein Bundespräsident aus den eigenen Reihen gewählt. Dieser Effekt wird sich wieder egalisieren, weshalb die Forschungsgruppe ja auch bewusst die gewichtete Projektion und nicht die Stimmung in den Mittelpunkt stellt. Aber auch gewichtet tut sich einiges. Die SPD steigt um +6 auf 30%, die Union verliert 2 Prozentpunkte auf 34%. Was ansonsten gerade passiert, habe ich in meinem Blogbeitrag vom 27.1. „Endlich mal wieder was los hier“ ausführlicher geschildert. Alle bisher erschienen Umfragen bestätigen diese Analyse und damit mich, mein Ego und dessen großen Bruder.

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Im Feld war die FGW vom 14.2.- 16.2. und jetzt wird es interessant. Denn es liegen damit auch die ersten Zahlen nach den harten Attacken auf Martin Schulz und dessen Umfeld vor, die vor allem durch die Veröffentlichung des SPIEGEL vom 10.2.2017 größere Beachtung fanden. Im Nachhinein muss man dem SPIEGEL dafür dankbar sein, dass er dieses von der CDU verbreitete Dossier nahezu unredigiert auf immerhin zwei Seiten und über zwei Ausgaben ausbreitete. So konnte man in aller Ausführlichkeit die Diarrhö eines offensichtlich von persönlichem Haß gegen Schulz zerfressenen CDU-Europaabgeordneten in ihrer fluiden Konsistenz betrachten. Es war nicht schön. Für ihn.

Flankiert wurde das Dossierchen von einem weiteren Pamphlet, das als absoluten Höhepunkt den Vorwurf „Der Mann isst gerne und gut“ beinhaltete. Für alle die das nicht mitbekommen haben: es ging darum, dass man nicht gut essen und gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit sein kann. Im Netz kursierten außerdem noch Speisekarten von Restaurants, die angeblich von Martin Schulz gerne zur Einnahme von Nahrung aufgesucht werden. Besonders die Preise für Weinflaschen wurden hervorgehoben. PREISE VON WEINFLASCHEN IN ZUSAMMENHANG MIT EINEM MANN, DER SEIT JAHRZEHNTEN ABSTINENT LEBT. WIE DOOF BITTE KANN MAN SEIN?

Diese in Berlin mittlerweile zum Running Gag mutierten Dossierchen zeigen vor allem eines: Die völlige Hilflosigkeit der CDU-Kampagnenführung angesichts der ersten wirklichen Herausforderung seit 2005.

Man kann die Kampagne gar nicht Schmutzkampagne nennen, das wäre zuviel der Ehre. Es ist ein völlig aus dem Ruder gelaufener Aktionismus, der noch dazu das einzige beschädigt, was der Laden noch hat: die Integrität der Kanzlerin. Denn Frau Merkel ist ja nicht nur Kanzlerin, sondern im Nebenberuf Vorsitzende der CDU Deutschlands und damit natürlich verantwortlich für alles, was aus ihrer eigenen Parteizentrale kommt. Auch für den Quatsch der letzten Wochen.

Kampagnenzentralen durchleben Zyklen wie andere Organisationen auch. Die einst legendäre Bonner CDU-Zentrale unter Heiner Geissler und Peter Radunski galt für sozialdemokratische Wahlkämpfer lange Zeit als uneinnehmbare Festung – das eigene Erich-Ollenhauer-Haus hingegen als schlurfige und von Selbstmitleid durchzogene Heimat der ewigen Loser mit Feierabend am Freitag gegen 14 Uhr – auch mitten im Wahlkampf. Das änderte sich radikal mit der Inszenierung der SPD „Kampa“ als Copy-Paste-Campaign-Start-Up nach dem Vorbild des Clinton/Gore War-Rooms unter Carville und Begala. Müntefering, Machnig, Donnermeyer und Wasserhövel lauten die Namen der glorreichen Vier, die diesen Mythos noch in Bonn nicht nur begründeten, sondern die Kampagnenfähigkeit der SPD über viele Jahre prägten. Doch wie das nun einmal so ist – nach zwei Bundestagswahlen mit Ergebnissen um oder unter 25% war der Mythos nur noch blasse Erinnerung.

Heute muss man sich fragen, ob die Leute im Adenauer-Haus in den letzten Jahren nicht einfach maßlos überschätzt wurden. Vielleicht so, wie die ganze Partei hinter Angela Merkel überschätzt wird. Denn die Qualität einer Kampagnenzentrale erweist sich unter Feuer und nicht, wenn die eigene Stärke hauptsächlich aus der Schwäche der anderen resultiert.

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Was wir bisher aus der Union als Reaktion auf Martin Schulz und die wiedererstarkte SPD erleben ist in höchstem Masse dilettantisch. Anfangs schickte man – of all people – die Dauer-Loserin Julia Klöckner an die Front und flankierte sie mit einem Herrn Strobel (who?) aus Baden-Württemberg – also dem Landesverband, der gerade den Grünen unterlag. Hm. Interessante Wahl. Dann schickte man einen der angesehensten Repräsentanten der Partei, Wolfgang Schäuble, in ein verheerendes SPIEGEL-Interview, das mehr über ihn sagte, als über Martin Schulz. Wer ernsthaft keinen Unterschied darin sieht, ob man sich für eine grenzüberschreitende, multinationale Staatengemeinschaft stark macht oder ob man Mauern um einen Nationalstaat zieht, braucht wahrscheinlich ein paar Tage Urlaub. Oder ein paar Jahre.

Nachdem diese beiden Angriffchen zurecht im Nirvana endeten, kamen die Dossierchen. Und zwar – ACHTUNG – mitten in der Woche, in der die Union gemeinsam mit der SPD einen neuen sozialdemokratischen Bundespräsidenten wählte. HALLO? TIMING? HALLO?

On Top of it platzierte man in der Bundesversammlung zum zweiten Mal innerhalb von 10 Tagen Horst Seehofer neben Angela Merkel. Einem Millionenpublikum wurde erneut vor Augen geführt, was an der Union nicht stimmt. Die beiden, nämlich. Die schon körperlich spürbare Aversion von Frau Merkel gegen Horst Seehofer macht sie zwar sympathisch, aber eine ordentliche Regie schützt die Chefin vor dem übergriffigen Bayern und platziert sie nicht neben ihm. Da scheißt man auf das Protokoll und verhindert mit aller Macht, dass erneut diese Bilder produziert werden.

Meanwhile hebt das Willy-Brandt-Haus gerade ab, druckt ohne Ende Parteibücher nach, veranstaltet online und offline ein innovatives Happening nach dem anderen, stampft unter der stressresistenten Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert innerhalb von 4 Tagen einen Hammer-Nominierungsevent aus dem Nichts und saugt Energie aus jedem nutzlosen Angriff der Union.

Nach der Niederlage von Hillary Clinton kommentierte der langjährige Obama-Kampagnero David Axelrod das Abschneiden der Demokraten so: Die Republikaner waren einfach hungriger. Sie wollten den Top-Job unbedingt, sie verzehrten sich nach einem Wiedereinzug ins Weiße Haus. Wir hatten uns dort so sehr eingerichtet, dass wir nicht glaubten, jemals wieder raus zu müssen. Hm. Does that ring a bell?

Nach dieser verheerenden Woche für die Union versucht man es nun wieder mit dem Vorwurf, dass man doch gar nicht wisse, was Schulz wolle. Aha. Komisch. Das scheinen ziemlich viele Menschen da draußen anders zu sehen. Sie wollen mehr Gerechtigkeit, mehr Europa, mehr sozialen Ausgleich und mehr Zusammenhalt und sie hätten gerne jemanden an der Spitze, der sich dafür den Arsch aufreißt.

Die Union wäre jetzt sehr gut beraten, sich zu fragen, wofür ihre Leute eigentlich kämpfen sollen. Und für wen. In NRW hat der Oppositionsführer der CDU gerade einen Wahlkampf mit Horst Seehofer angekündigt. Das Drama geht weiter.

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• Die Rezeptur des Teufels
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Neu: Das Wunder von Mainz – die Geschichte einer Kampagne.
oder: Wie Malu Dreyer in weniger als 4 Monaten einen 11%-Rückstand in einen 4%-Sieg drehte.

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